Premiere auf Estnisch


Sofi Oksanen auf einer Veranstaltung in der Galerie i8, Reykjavik, im Oktober 2010. (Foto: Bomsdorf)
Sofi Oksanen auf einer Veranstaltung in der Galerie i8, Reykjavik, im Oktober 2010. (Foto: Bomsdorf)

KOPENHAGEN. Wer sagt, dass allenfalls SM-(Shades of Grey) oder Fantasy-(Harry Potter)Literatur die Massen begeistern kann. Heute sind fast tausend Fans der jungen finnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen in Estlands Hauptstadt Tallinn gereist, um dort der Vorstellung ihres neuen Buches   „Kun kyyhkyset katosivat“ (Als die Tauben verschwanden) und der Filmpremiere von ihrem Bestseller „Fegefeuer“ beizuwohnen, berichtet Hufvudstadsbladet (wohl basierend auf einer Agenturmeldung). Doch damit nicht genug, gekommen sind auch zahlreiche Journalisten aus dem In- (womit wohl Estland und Finnland gemeint sind) und Ausland. Selbst das ist nicht genug: auch der estnische Kulturminister hat sein Kommen angekündigt. Was wiederum nicht reicht, deshalb kommt auch der Präsident Toomas Henrik Ilves.

Ihr neustes Buch habe ich natürlich noch nicht gelesen, aber wenn es an Fegefeuer herankommt, dass ich als Laie einmal als eine eigenständige Mischung aus Günter Grass und Herta Müller (was Sprache und Geschichte angeht) bezeichnet habe, dann ist dieser Auflauf womöglich einfach angemessen. Mehr zu ihr und „Fegefeuer“ in diesem älteren Blogbeitrag von mir: In Vorfreude auf die Frankfurter Buchmesse 2014.

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Ein wiederkehrender (Alb)Traum


LONDON. Von der Frankfurter Buchmesse zur Kunstmesse Frieze nach London zu reisen ist wie zu besten Zeiten von Karstadt zu Kaufhof zu gehen – Gedränge hier wie dort. Dazwischen in London natürlich jede Menge spannende Kunst, auf die zu konzentrieren sich schwerfällt bei soviel Leuten drumherum (und es geht hier nicht darum, dass ständig jemand gegrüßt werden soll, sondern einfach darum, dass ständig jemand durchs Bild läuft).

Santiago Sierras Totenzähler (Death Counter, 2009) bildete da eine der rühmlichen Ausnahmen – nicht nur des großen Formats wegen, sondern auch, weil er über den Köpfen der Besucher installiert war (bei Lisson Gallery). Die Schwedin Nathalie Djurberg (bei Gió Marconi), über die hier schon mehrfach berichtet wurde, hatte ebenfalls vergleichsweise Glück gehabt.

Ihr Mailänder Galerist widmete sich ganz ihren Arbeiten und so waren Filme wie Skulpturen nicht zu übersehen. Djurberg und ihr Partner Hans Berg stellen zeitgleich auch im Camden Arts Centre aus. Dort war es am Freitagabend ähnlich voll wie auf der Frieze, schließlich gab es der Krise zum Trotz einen Champagner-Empfang. Wieder einmal thematisiert sie in ihren dort gezeigten Filmen Wunsch und Wirklichkeit, Verlangen und Verzehren (ruhig wörtlich zu nehmen) – ein wiederkehrender (Alb)traum sozusagen. Dabei oder vielmehr dazwischen: ganz viel falsches Glas zu Miniatur Architekturphantasien verarbeitet. Wer bis Anfang Januar nach London kommt und ein großer Djurberg-Fan ist oder von ihr noch gar nichts gesehen hat, dem sei die Ausstellung empfohlen.

Krisenschönes Literaturisland


FRANKFURT. Gerne würde ich hier in paar Bilder vom isländischen Pavillon auf der Frankfurter Buchmesse zeigen. Gestern nahm ich bei der Eröffnung selber ein paar auf, aber so lange WordPress auf dem Mobiltelefon streikt, gibt es nur Worte. Ist ja auch keine Bilderbuchmesse.

Island jedenfalls hat aus der Not (Geldmangel) eine Tugend (Purismus) gemacht und glänzt mit einem herrlich schlichten Pavillon. Keine Lasershow, nirgends. Im Raum hängen einige sehr große Leinwände auf die lesende Isländer gebeamt werden. Sie sitzen daheim vor ihrer Bücherwand und schmöckern in ihrem Lieblingsbuch. Still. Jeweils nur auf einer Leinwand wird wechselweise vorgelesen, unten erscheint dann Autor und Titel. Literatur ist nun mal ein stilles, intimes Ereignis, da passt diese Darstellung bestens. Ebenso das Caffé, das einem isländischen Kaffeehaus nachempfunden zu sein scheint.

Heute habe ich den Pavillon noch nicht betreten, aber gestern zum Pressetermin war er jedenfalls nicht überfüllt. Das kann von den anderen Hallen nicht gerade behauptet werden. Die Frankfurter Messehallen gleichen einem überdimensionierten Karstadterdgeschoss zu jener Zeit als Karstadt noch glänzend dastand. Hier Tausende von Regalmetern Kalenderwände, dort Kataloge über Kataloge und mittendrin sogar mal Literatur. An jeder dritten Ecke will einem jemand ein Gratisabo andrehen, zwischendrin gehen die Fachbesucher auf Bonbon und Buntstiftjagd.

In den vergangenen Jahren hat die Messe jeweils knapp 300 000 Besucher gehabt – keine zehn Prozent weniger als Island Einwohner. Nur von der Größe her unterscheiden sich Messegelände und Atlantikinsel dann doch ein wenig. Vielleicht gefällt mir Island deshalb besser als die Buchmesse.

Island in Frankfurt


FRANKFURT. Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist Island. Trotz der Finanzkrise entschied die isländische Regierung, am ambitiösen Auftritt als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse festzuhalten. Heutabend nun ist es soweit und die Frankfurter Buchmesse 2011 mit dem Länderschwerpunkt „Sagenhaftes Island“ wird eröffnet.

Ein guter Anlass sich einmal zu erkundigen, wie Island wirtschaftlich und politisch derzeit dasteht. Das einstige Krisland, das noch vor drei Jahren vor dem Abgrund stand, hat sich stabilisiert. Die Wirtschaftsdaten sehen erstaunlich positiv aus (hier dazu von mir ein Artikel kürzlich erschienen in Die Welt) und die 2009 gewählte Regierung ist allen Prophezeiungen zum Trotz immer noch im Amt. Gleichzeitig wird weiter daran gearbeitet das Bankschuldenproblem zu lösen und als erstes Land macht Island einem Premier den Prozess. Der ehemalige Regierungschef, vor und während des Crashs im Amt, muss sich vor Gericht verantworten.

Mit dem Buchmesseauftritt hofft Island nicht nur aus Verkäufe von Geschichten, sondern auch wieder positiver wahrgenommen zu werden, was sich nicht zuletzt auf Politik und Wirtschaft stabilisierend auswirken sollte.

Noch kurz zur Buchmesse und isländischen Literatur: Obwohl nur etwas über 300 000 Einwohner hat Island eine blühende Literaturszene. In Frankfurt präsentiert es sich mit besonders vielen Neuerscheinungen und Neuübersetzungen. Ein erster Rundgang durch die isländische Abteilung findet heute Mittag statt.

Zur aktuellen Lage auf Island und der Literatur von dort um kurz vor halb eins ein Gespräch mit mir aus Frankfurt im deutschlandradio Kultur.

In Vorfreude auf die Frankfurter Buchmesse 2014


Bunt wie das Leben: Sofie Oksanen (Foto: Toni Härkönen)
Bunt wie das Leben: Sofi Oksanen (Foto: Toni Härkönen)

KOPENHAGEN. Sie sieht aus wie ein dezenter Grufti und schreibt wie eine junge Kreuzung aus Herta Müller und Günter Grass – Sofi Oksanen, der neue literarische Jungstar aus Finnland. Nun ist ihr Buch „Fegefeuer“ in Deutschland erschienen.

Mit ihrer politisch-privaten Familiengeschichte hat die junge Schriftstellerin mit estnischen Wurzeln gleich zwei Generationen eine eindrucksvolle Stimme gegeben. Zara, eine Russin im Alter der Autorin, in Deutschland zur Prostitution gezwungen, ins Estland ihrer Vorfahren geflohen, trifft dort 1990 auf ihre Großtante Aliide Tru, die im Krieg und unter sowjetischer Besatzungszeit ebenfalls unter der Macht der Männer litt.  Die Peinigung hat sie stark gemacht, so stark, dass sie zu unerwarteten Rachetaten fähig ist.

Leidensweg, Kraft und Kapitulation der Frauen in den Jahrzehnten nach 1930 und nach 1990 beschreibt Oksanen eindrücklich und mit einfallsreicher Sprache. Der Roman ist nicht nur eine Geschichte der zwei Frauen, sondern gibt zugleich Einblicke in das Leben unter einem Regime, dass die nun aufwachsende Generation nur noch vom Hörensagen kennt.

Finnland ist erst in vier Jahren Gastland bei der Frankfurter Buchmesse, vielleicht kommt bis dahin ein weiterer Oksanen. Zu wünschen wäre es. Die nordischen Nachbarländer überschwemmen den deutschen Buchmarkt nahezu mit Titeln (leider handelt es sich dabei vielfach um Krimis, die nur zu lesen lohnt, wenn wirklich Zeit vertrieben werden muss – Müßiggang ist meist die bessere Alternative.). Finnische Literatur wird im Ausland oft vernachlässigt,  Oksanen hat das Zeug dazu, das zu ändern.