Die Stille nach den Schüssen


KOPENHAGEN. Es ist leider so: wirklich überrascht hat das Attentat in Kopenhagen nur wenige. Lange war bekannt, dass die dänische Hauptstadt Anschlagsziel islamischer Terroristen ist.

Es ist das zweite Mal binnen nicht einmal vier Jahren, dass ich Terror in Nordeuropa hautnah miterleben muss.

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Trauernde vor der Hauptsynagoge von Kopenhagen (Foto: Bomsdorf)

Oslo, 22. Juli 2011 und nun Kopenhagen, 14. Februar 2015.

Die Anschläge in Norwegen haben die dortige Gesellschaft viel stärker getroffen. Das liegt natürlich daran, dass so viel mehr Menschen ermordet wurden, aber sicher auch daran, dass der Attentäter noch mehr aus der so genannten Mitte der Gesellschaft kam.

Anders Behring Breivik war norwegischer Christ und ein Islamhasser. Der Muslim Omar Abdel Hamid El-Hussein (die Polizei hat soeben seine Identität bestätigt) war als Sohn palästinensicher Eltern in Dänemark geboren und aufgewachsen, er war Judenhasser.

Dänemark ist durch den Anschlag kein anderes Land geworden, der 16. Februar, erster Wochentag nach den Anschlägen, war nicht so anders vom Freitag vor dem Terror.

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Unter Polizeischutz auf dem Weg zur Gedenkveranstaltung (Foto: Bomsdorf)

In den vergangenen Tagen habe ich für diverse Medien über die Attentate und die Lage im Lande berichtet. Ich hoffe, dass vor allem die einordnenden Stücke auch später noch lesens- und hörenswert sind.  Die ersten Nachrichten gab es bei Die Welt, wie die Dänen reagiert haben beschrieb ich ebenfalls für Die Welt, ausführlicher dann über die dänische Gelassenheit in einem Beitrag für Zeit Online und einer Kolumne für stern. Schließlich von der Gedenkveranstaltung und den Trauernden vor der Synagoge für FAZ.net.

Dem Künstler Lars Vilks, dem der Anschlag wohl gegolten hatte, habe ich mich in Gesprächen mit SRF aus der Schweiz und BR2 sowie Deutschlandradio Kultur gewidmet.

Bleibt zu hoffen, dass der Terrorismus in Europa nicht zunimmt. Doch zu befürchten ist, dass es weitere Anschläge geben wird.

Schüsse auf Kopenhagen und die Meinungsfreiheit


KOPENHAGEN. Kaum radelte ich heute Nachmittag am See entlang gen Westen jagten auf der anderen Seite des Wassers plötzlich Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene über die Straße. Das kommt hier ständig vor, in der Hinsicht hat man in Kopenhagen manchmal den Eindruck in New York zu leben. Etwas später stellte sich heraus: ein Anschlag! Die gen Osten fahrenden Fahrzeuge waren vermutlich auf dem Weg nach Østerbro.

Mit automatischen Waffen hatten dort kurz vor 16 Uhr zwei Attentäter einen Anschlag auf eine Veranstaltung zum Thema „Kunst, Blasphemie und Meinungsfreiheit“ verübt. Sie schossen auf den Veranstaltungsort, anwesende Polizisten erwiderten das Feuer und konnte so womöglich ein Blutbad verhindern. Ein Mann kam ums Leben, drei Polizisten sind verletzt. Im Jahr zehn nach den Mohammedkarikaturen ist der Terror in Kopenhagen angekommen. Oder soll man sagen nach Kopenhagen zurückgekommen, denn Anschlagversuche gab es hier schon zuvor, bisher aber ohne Tote.

Polizei und Politik sind bisher zurückhaltend Vorverurteilungen vorzunehmen, denn noch sind die Attentäter flüchtig. Doch weil Vilks an der Veranstaltung, auf die das Attentat verübt wurde, teilnahm, geht man vielfach wie in Frankreich vor einem Monat von einem islamistischen Hintergrund aus.

Den Stand der Dinge und erste Reaktionen habe ich hier für Die Welt zusammengefasst, hinweisen möchte ich auch auf dieses Interview, dass ich 2010 mit Lars Vilks für Focus führte.

Kilpper-Diskussion 2.0?


Werbeplakat für die Ausstellung mit Thomas Kilpper in Kopenhagen (Foto: Bomsdorf).
Werbeplakat für die Ausstellung mit Thomas Kilpper in Kopenhagen (Foto: Bomsdorf).

KOPENHAGEN. Kunst sorgt immer mal wieder für Furore, derzeit ist vor allem von Versteigerungsergebnissen  zu lesen (Munch, Rothko, Sammlung Sachs), aber auch politischem wie etwa das Zuma-Porträt in Südafrika. Nur verbal angegriffen wurde der Künstler Thomas Kilpper als er vergangenes Jahr bei der Venedig-Biennale vor allem konservative und rechte Politiker in seinem Beitrag zu der Kunstschau zeigte. Diesen warf er vor, mit dafür gesorgt zu haben, dass Zensur oder Intoleranz gefördert worden seien. Weil er Menschen wie Pia Kjærsgaard aus Dänemark, Angela Merkel aus Deutschland oder Silvio Berlusconi aus Italien in einem Fußboden verewigte und man deren Angesicht somit (be)trat, gab es in Dänemark einen Aufschrei. Dabei hatte niemand bedacht, dass es sich nicht zwingend um ein treten, sondern einfach um ein treten handelte – wie es auch bei Mosaiken üblich war. Und auf diesen wurden durchaus nicht nur Menschen gezeigt, denen ins Angesicht getreten werden sollte. Ein paar Tage lang waren die Feuilletons der dänischen Zeitungen im vergangenen  Sommer voll mit Texten zu Kilppers Arbeit. Dabei hatten nur wenige diese persönlich gesehen.

Jetzt hat der Brite Mark Sladen die Arbeit in die Kunsthalle Charlottenborg mitten im Kopenhagener Zentrum geholt (25.5. bis 5.8.) und es ist zu hoffen, dass die Debatte fortgesetzt wird und nun mit mehr Einblick, weil das Werk wirklich gesehen wurde.

Ich berichteet im vergangenen Jahr für Die Welt über die Diskussion.

Selbs Zensur


KOPENHAGEN. Bernhard Schlink verzeiht mir hoffentlich die Anlehnung an seine Titel-Serie bei der Überschrift hier, aber es passt einfach zu gut. Denn, was Karikaturisten (und sicher auch Journalisten) immer wieder erleben, ist Zensur und was sie immer mal wieder ausübern, ist Selbstzensur. Die so genannte Mohammed-Krise vor bald sieben Jahren und deren Folgen sind da nicht der einzige Fall. Schon vorher und nachher gab und gibt es Fälle, wo die Presse den Mächtigen nicht passt (Christian Wulffs peinlicher Anruaf beim Bild-Chefredakteur gehört dazu) – es geht längst nicht nur um die Verletzung religiöser Gefühle.

Ein neues Buch des dänischen Journalisten Anders Jerichow gibt weltweite Beispiele von der gefährdeten Meinungsfreiheit der Karikaturisten. Ohne die Mohammed-Krise ist wäre das Buch nicht entstanden, diese kommt in „Karikaturisten im globalen Minenfeld“ so der etwas sperrige Titel auch vor, doch ebenso ältere und aktuellere Fälle aus SSüdafrika, Dänemark, den USA, Indonesien und diversen anderen Ländern (Deutschland fehlt übrigens). Für Die Welt habe ich Jerichow in Kopenhagen besucht, hier der zugehörige Artikel in der online Version.