Island aktuell: EM und Präsidentschaftswahl


MÜNCHEN. Island hat es dieser Tage einmal wieder geschafft, groß in die Medien zu kommen. Das Fußballteam des kleinen Inselstaates schlägt sich erstaunlich wacker gegen die Ronaldos dieser EM. Montag spielt Island also gegen England – mal sehen, ob es dann auch im Achtelfinale zu einem Teil-Brexit kommt.

Am morgigen Samstag werden bereits ein paar Isländer ausscheiden und zwar bei der Präsidentschaftswahl. Aktuellen Umfragen zu Folge dürfte die Wahl klar der Geschichts-Professor Gudni Th. Jóhannesson gewinnen.

Dessen Wahl könnte für Island in etwa das bedeuten, was in der Business-Welt „disruption“ genannt wird. Ihn zum Präsidenten zu machen könnte das Land ähnlich stark verändern wie ein Regierungswechsel.

Das hat 3 Gründe:

1) Gudni als Präsident würde heißen Ólafur Ragnar Grímsson ist nach einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr Staatspräsident.

Der hat diese Position länger gehabt als ein Baby braucht, um zum Teenager zu werden – und länger als viele für angebracht halten. Kein Zweifel, Ólafur Ragnar genoß daheim und international ein gewisses Ansehen, aber in den vergangenen Jahren wurde er immer selbstherrlicher. Alleine wie er sich schon vor der letzten Wahl (die er dann gewann – hier mein damaliger Artikel für Die Welt) und auch vor dieser kurzfristig umentschied und dann doch nochmal antrat, war eines demokratischen Präsidenten kaum würdig. Letztlich stand er auch für die alte Elite, die schon vor dem Crash viel Macht hatte. Bei der morgigen Wahl tritt er nicht einmal mehr an, ob sein Rückzug damit zu tun hat, dass Gudni seinen Hut in den Ring geworfen hat, weiß nur der noch amtierende Präsident selber.

2) Gudni als Präsident heißt Davíd Oddsson bekommt dieses Amt nicht.

Davíd Oddsson von der Unabhängigkeitspartei war von 1991-2003 Premierminister, dann kurzzeitig Außenminister bevor er 2005 Direktor der Zentralbank wurde. Mit der problematischen Art der Bankenprivatisierungen wurde unter seiner Regierung die Grundlage für die Finanzblase gelegt, der er als Zentralbankchef nichts hat entgegensetzen können. Er taucht denn auch auf der Liste „25 People to Blame for the Financial Crisis“ des Time Magazine auf. Danach wurde er einer der mächtigsten Medienpersönlichkeiten des Landes – als Chefredakteur von Morgunbladid (angesichts dessen sei hier schon einmal auf meinen aktuellen Text zur Pressefreiheit in Nordeuropa für European Journalism Observatory verwiesen). Würde er nun zum Staatsoberhaupt aufsteigen, wäre das zu tiefst Bananenrepublikstil.

3) Gudni als Präsident heißt einfach Gudni as Präsident.
Entspannt, intelligent und mit einer Handvoll Kinder repräsentiert er, was nicht nur Ausländer an Island mögen. Wie ich vor einigen Monaten in Kopenhagen erleben konnte, ist Gudni nicht nur ein guter Unterhalter, sondern er vermag gleichzeitig auch die nicht immer leicht zu durchschauende Lage auf Island zu vermitteln. Neben diesem Talent ist er zudem ein noch recht junges und neues Gesicht in der isländischen Politikszene. So wird er das Land nicht nur durch seine Reden und Handlungen nach vorne bringen können, sondern auch, weil er als eine Art Outsider einen anderen Status hat.

Sauberland ist abgebrannt


KOPENHAGEN. Die Panama Papers haben den isländischen Regierungschef zu Fall gebracht (hier ein Text, den ich für Zeit online vor dessen Abgang schrieb). Und es gibt weitere Regierungsmitglieder mit Verbindungen zu zweifelhaften Finanzgeschäften, darunter ausgerechnet der Finanzminister. Auch wenn das Ausland einen anderen Eindruck hatte: In Island ist die Finanzkrise nicht vollständig aufgearbeitet worden. Stattdessen zeigt sich, dass der kleine Inselstaat den zweiten moralischen Bankrott erlitten hat. Details dazu hier in meinem Gastkommentar für Reykjavik Grapevine aus Island, den ich mit Kollegen Atli Thor Fanndal schrieb.

Die Präsidentschaftswahl am 25. Juni könnte endlich den erhofften Wandel bringen. Der seit 20 Jahren amtierende Staatschef Olafur Ragnar Grimsson hat sich entschieden, nun doch nicht mehr anzutreten, und derzeit hat  Gudni Th. Jóhannesson, ein allseits respektierter unabhängiger Kandidat, beste Aussichten, gewählt zu werden. Allerdings hat sich auch David Oddsson aufstellen lassen. Er ist laut Time Magazine einer der 25 Leute, denen Schuld an der Finanzkrise gegeben werden sollte. Würde er wider Erwarten gewinnen, wäre das wohl der dritte moralische Fall Islands innerhalb nicht einmal einer Dekade.

Oben noch ein interessantes Interview, das CNN mit Grimsson führte als er noch wiedergewählt werden wollte.

Nun will er doch nochmal ran auf Island


Island macht auf sich aufmerksam: Der Vulkan Eyjafjallajökull mit Aschewolke 2010. Foto: Bomsdorf
Island macht auf sich aufmerksam: Der Vulkan Eyjafjallajökull mit Aschewolke 2010. Foto: Bomsdorf

VENEDIG. Gut drei Wochen ist es her, da brach auf Island mal wieder eine Krise aus – diesmal eher politisch denn wirtschaftlich. Der Premierminister Sigmundur David Gunnlaugsson sah sich zum Rückzug gezwungen, weil er offshore-Verbindungen seiner Frau – Konten mit Bonds der isländischen Banken über deren Zukunft der Regierungschef verhandelt hatte – verschwiegen hatte. Nicht nur das, er hatte bis er Abgeordneter wurde, die Hälfte davon besessen (Details hier in meinem Artikel für Zeit online und hier im Blog).

Nun wiederholt sich auf Island ein weiteres Mal ein Part der Geschichte – angesichts der Krise hat Präsident Olafur Ragnar Grimsson angekündigt Weiterlesen

Mach’s nochmal, ORG


LONDON. Nun hat er es also doch noch einmal geschafft: Olafur Ragnar Grimsson (ORG) ist gestern als islaendischer Staatschef wiedergewaehlt worden (heute fallen die Umlaute einmal aus, da ich auf britischer Tastatur schreibe). Am Ende fiel das Ergebnis mit ueber 50 Prozent deutlich ueberraschend fuer ihn aus, Konkurrentin Thora Arnorsdottir kam nur auf rund 33 Prozent, allerdings muessen ein paar Stimmen immer noch ausgezaehlt werden. Grimssons Sieg laesst erwarten, dass das Parlament ein starkes Gegengewicht bekommt und die EU-Gegner Aufwind.

Mehr dazu war schon meinen Vorberichten zu entnehmen. Hier ist der Artikel zu lesen, den ich anlaesslich der Wahl fuer Die Welt schrieb, ein weiterer erschien in der Welt am Sonntag sowie einer in der Financial Times Deutschland (nur in der Printausgabe).

Der Versuch der jungen Dame


Herausforderin Thora Arnorsdottir mit Hindernisparcours. (Foto: Bomsdorf)
Herausforderin Thora Arnorsdottir mit Hindernisparcours. (Foto: Bomsdorf)

REYKJAVÍK. Vielleicht wird auch Joachim Gauck einmal diesen Hindernislauf machen müssen: Ein Slalomparcours aus Kunststoffbällen, Förmchen und Kinderfahrrädern; auf die Steinplatten sind mit bunter Kreide mehr oder weniger erkennbare Figuren gezeichnet. Die Kinder von Thora Arnorsdottir haben hier ihr Revier markiert. Drinnen geht es ähnlich unaufgeräumt weiter. Hinge da nicht dieses Plakat im Fenster, es wäre einfach das Haus einer ganz normalen Patchwork-Familie, die wegen der sechs Kinder die alltägliche Aufräumarbeit ein wenig vernachlässigen muss.

Der Name der Hausherrin und darunter „zur Präsidentin von Island 2012“ steht auf dem türkisen Poster. Arnorsdottir ist eine der sechs Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen am kommenden Samstag. Und die einzige, die gegen Amtsinhaber Olafur Ragnar Grimsson eine Chance hat. Anders als dieser will sie das Land versöhnen statt spalten und die Präsidentenrolle ganz klassisch unpolitisch ausfüllen. Für die Welt am Sonntag habe ich Thora Arnorsdottir in Reykjavík besucht, der Artikel (der natürlich auch Einblicke in Island nach der Krise und die Pläne ihres Gegners Olafur Ragnar Grimsson gibt) kann hier online gelesen werden.

Thora vor?


REYKJAVÌK. Für den Focus habe ich schon ein Kurzporträt von ihr geschrieben (nur im gedruckten Heft). Thora Arnorsdottir. Sie ist die chancenreiceh Herausforderin des amtierenden isländischen Präsidenten Olafur Ragnar Grimsson. In gut fünf Wochen wird gewählt. Bisher haben Umfragen stets ihr den Sieg vorhergesagt. Wer den Focus nicht hat, findet auf der Homepage der Kandidatin mehr Informationen über sie (dann aber natürlich aus ihrer PR-Feder).

Auf ein Neues auf Island


KOPENHAGEN. Im Zug gen Kopenhagen erreichte mich gestern Nachmittag die Nachricht, dass der isländische Präsident Olafur Ragnar Grimsson auch das zweite Gesetz über die Icesave-Entschädigungszahlungen an Großbritannien und die Niederlande nicht unterschreiben mag. Deshalb wird es also ein zweites Referendum in der Angelegenheit geben. Das erste wurde vor knapp einem Jahr abgehalten und führte zu einer überwltigenden Mehrheit gegen den vorgelegten Rückzahlungsvorschlag. Nun sind die Bedingungen für Island besser, aber eine Zustimmung ist alles andere als sicher. Meine Texte zur Volksabstimmung im vergangenen Frühjahr gibt es zum Beispiel hier (Zeit online) oder hier (Die Welt).