The Danish Girl – gemalt


KOPENHAGEN. In Deutschland seit ein paar Tagen im Kino hat der Film „The Danish Girl“ über eine der ersten Transgender-Personen schon viel Aufmerksamkeit bekommen. Auf Maler-Leinwand kann die Geschichte von Lili, die von ihrer Frau Gerda Wegener immer wieder porträtiert wurde, noch bis Mai im Museum Arken vor den Toren Kopenhagens in einer Wegener-Retrospektive betrachtet werden. Für die Kunstzeitung hatte ich bereits einen Bericht darüber geschrieben (nur in der gedruckten Ausgabe), heute folgte noch meine aktuelle Kritik bei art und eine Langversion gibt es hier:

Es ist die Zeit, in der Vieles möglich war – die 1920er Jahre. Jugendstil, Frauen mit Jungsfrisuren, Feste und Freiheit standen hoch im Kurs ehe der Zweite Weltkrieg begann. Die Freiheit und unbeschwerte Freude in den Jahren davor strahlt aus den vielen Bildern der dänischen Künstlerin Gerda Wegener, die im Paris der 1920er berühmt wurde.

Ein häufig wiederkehrendes Motiv ist die junge Frau Lili Elbe. Lili in Italien, Lili in Frankreich im Badeanzug, Lili nackt von hinten auf einem Sessel. Immer wieder Lili, Lili, Lili.

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Einar Wegener als Maler (hinten) und Lili Elbe (vorne liegend) – „Ein Sommertag“ (1927). Foto: Bruun Rasmussen Auctioneers

Lili ist Gerdas Mann Einar als Frau. Einar Wegener, ebenfalls Maler, posierte nicht nur als Frau, sondern fühlte sich auch als solche und war einer der ersten Personen, die sich schon 1931 einer geschlechtsanpassenden Operation unterzogen. Und starb dann wohl an den Folgen.

Unter dem Titel „The Danish Girl“ hat der Oscar-gekrönte Regisseur Tom Hooper (The King’s Speech; Les Miserables) das Leben der beiden verfilmt. Die Schwedin Alicia Vikander spielt Gerda, die Rolle von Lili/Einar Eddie Redmayne in dem Film, der seit 7.1. in Deutschland in den Kinos ist. Das Museum Arken vor den Toren Kopenhagens zeigt zeitgleich Wegeners umfassendes Werk.

„Gerda Wegener hat mit dazu beigetragen, die Grenzen für die weibliche Geschlechtsidentität zu sprengen“, so der Kunsthistoriker Christian Gether. Wegener, sagt er, sei in allen Bereichen ein Pionier gewesen. Für das von Gether geleitete Museum Arken Grund genug, der Künstlerin die nach eigenen Angaben bisher größte Einzelausstellung zu widmen.

Tatsächlich strahlen viele ihrer Bilder die für diese Zeit so typische Ausgelassenheit und weibliches Selbstbewusstsein aus. Das gilt für die Reklame für Gesichtscreme (Frau mit Maske, 1918-25) ebenso wie für die vielen Bilder, die Szenen aus der Künstlerkolonie im französischen Beaugency zeigen (z.B. An den Ufern der Loire, ca. 1924) und erst recht die vielen in Szene gesetzten Porträts von Lili Elbe.

Anfangs schlüpfte Einar vor allem für die Bilder in die Rolle der Lili, später wollte sie dauerhaft physisch und juristisch Frau sein und wurde einer der ersten Menschen überhaupt, die sich einer entsprechenden Operation unterzogen. Wegener ging zu Magnus Hirschfeld in Berlin und benötigte mehrere Operationen, kurz nach der vierten verstarb sie. In ihren Bildern hat Wegener, die knapp zehn Jahre später starb, Elbe und ihrem und damit auch anderer Leute Wunsch ein anderes Geschlecht zu haben, ein künstlerisch interessantes Denkmal gesetzt.

„In der Sommerwärme (Lili)“ (1924) zeigt einen weiblichen Körper als auf einen Sessel geschlungenen Rückenakt. Nur der Zusatz Lili lässt vermuten, dass der Körper doch nur weiblich wirkt, denn es war Jahre vor der ersten Geschlechtsoperation, der sich Einar/Lili unterzog, dass das Bild entstand.

Bei genauerem Hinsehen könnte das bisschen Brust, das von der Seite zu sehen ist, auch männlich sein und die Malerei ermöglicht ohnehin vorab Lili weiblicher zu zeigen als es Einars Körper war.

Im Museum hängend ist die Arbeit nicht nur ein Kunstwerk mit recht klassischem Motiv, sondern auch ein Ausgangspunkt für Aufklärung. Zwar ist die dänische Ausstellung – wie so viele – vor allem von Erwachsenen in den 50ern und darüber besucht, doch es schwirren auch ein paar Kinder umher. Ein in etwa siebenjähriger Junge der das Werk mit seiner vermutlichen Mutter betrachtet, bekommt von ihr zu hören, dass es Menschen gibt, die zwar in einem Männerkörper geboren wurden, sich aber operieren lassen könnten, um ganz Frau zu sein. „Schau mal, das ist ein Mann, der hier aber ganz weiblich aussieht“, sagt sie und fragt wieso man denn nicht erkennen könne, dass es ein Mann sei. „Der Pippimann ist gar nicht zu sehen“, sagt der Kleine und ist überhaupt nicht erstaunt als er darauf hingewiesen wird, das Ärzte Geschlechtsanpassungen operativ machen könnten.

Wegener hat längst nicht nur Einar/Lili porträtiert und ihrem Partner dadurch wohl geholfen der eigenen Identität näher zu kommen, sondern auch sonst viele Frauen in Posen gezeigt, die Freiheit und Vergnügen ausstrahlen. So stellte sie Gleichstellung gleichermaßen als Selbstverständlichkeit dar.

Da ist etwa „Mädchen und Mops im Auto“ (ca. 1927). Eine junge Frau in eleganter Tracht und für diese Zeit so typischen Garconne-Kurzhaarschnitt sitzt in einem roten Cabrioletsportwagen. Nicht nur eine schicke Darstellung einer Frau am Steuer, sondern sie ist auch noch ohne männliche Begleitung unterwegs, auf dem Beifahrersitz hat ein Mops Platz genommen. Diese Frau ist so selbständig, das sie nicht nur selber Auto fährt, sondern womöglich auch noch ohne einen Mann durchs Leben schreitet.

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Frau am Steuer, na und? Gerda Wegener „Mädchen und Mops im Auto“ (ca. 1927) Foto: Morgen Pors

Für mancheinen Mag dieses Motiv vor gut 90 Jahren so provokant gewesen sein wie heutzutage eine Frau in Saudi-Arabien am Steuer. Der einzige Mann, der auf Wegeners „Mädchen und Mops im Auto“ zu sehen ist, reitet im Hintergrund in die entgegengesetzte Richtung auf einem Pferd, das so schick es auch ist, im Vergleich zum Automobil als eher altertümlich angesehen wurde.

Manche von Wegeners Arbeiten erinnern an welche von Toulouse Lautrec oder Edvard Munch, doch das ist mehr ästhetisch, die Dänin strahlt in ihrem Werk mehr Ausgelassenheit aus und weniger Ambiguität als diese beiden männlichen Kollegen. Besonders für Besucher der Berliner Ausstellung „Tanz auf dem Vulkan“ ist Wegener erhellend.

Sehr gelungen ist in Arken, dass wer aus der Ausstellung herausgeht, auf zeitgenössische Werke zuläuft, die Geschlechteridentitäten und -fragen thematisieren. Da ist eine Arbeit von Shirin Neshat zu sehen und ein Videowerk von Jesper Just, der immer wieder die Rolle vermeintlich starker Männer in Frage stellt. Und in den Räumen nebenan die Arbeiten von Bjørn Wiinblad, der Däne mag international bekannter sein als Wegener, doch im Vergleich zu ihren Arbeiten verkommen seine fast zu rein dekorativen.

Last Christmas? Nein, Weihnachten 1927 bei Disney


Empty Socks Film (Foto: Martin Weiss/Nasjonalbiblioteket)
Empty Socks Film (Foto: Martin Weiss/Nasjonalbiblioteket)

KOPENHAGEN. Weihnachtsgeschichten gehören besonders für Kinder zum Dezember, Weihnachtsfilme ebenso und viele davon dürften auch heutzutage noch von Walt Disney sein. Der allererste Disney-Weihnachtsfilm heißt „Empty Socks“ und galt bis auf einen gaaaanz kurzen Schnipsel im Besitze des Museum of Modern Art in New York bislang als verschollen. Doch in diesem Jahr wurde eine fast komplette Kopie in Norwegen identifiziert – passenderweise ganz nah am Polarkreis, im Archiv der Norwegischen Nationalbibliothek in Mo i Rana. Hauptperson des Clips ist Oswald der lustige Hase (Oswald the Lucky Rabbit), ein Vorläufer von Micky Maus.

Aus der Entdeckungsgeschichte könnte man sicher eine schön kitschige Weihnachtsreportage machen. Vom Archivar Kjetil Kvale Sørenssen, der lange Polarnächte im dunklen Archiv in Mo i Rana verbringt und dort auf namenlose Filmrollen stößt, die der amerikanische Comic-Historiker David Gersteiner schließlich als Disneys ersten Weihnachtsfilm (von 1927!) erkennt.

Diese Weihnachtsgeschichte kann sich jetzt jeder ausmalen, die Fakten gibt es in meinem Artikel für The Art Newspaper (dort habe ich auch den Inhalt des lustig-anarchischen Films zusammengefasst). Den Film gibt es heute in der Nationalbibliothek in Oslo zu sehen.

This is world announcement – I’m happy


MALMÖ. Fast zehn Jahre ist es her, dass Christoph Schlingensief beim Reykjavík Arts Festival seinen Animatograph präsentierte – eine Drehbühne, die einen Einblick in sein Universum und Denken gab (hier mein damaliger Text für den Rheinischen Merkur).  Seit 2010 ist der Künstler leider tot. Doch seine Arbeit wird Dank Aino Laberenz weiter gezeigt. Derzeit in der Kunsthalle Malmö, wo der Animatograph erneut aufgebaut wurde.

In Reykjavík stand das Gebilde in einem engen Raum des Künstlerhauses Klink og Bank, die Kunsthalle Malmö besteht aus nur einem großen Ausstellungsraum, weshalb kleinere hineingebaut wurden. Beim Eintritt in den zentralen Raum mit der Drehbühne ist es als wäre es wieder 2005. Schlingensiefs Truppe, der ich damals das zuerst beim Empfang des isländischen Präsidenten begegnete, taucht in den vielen Filmen auf, einer ruft ständig mit verstellt hoher, leicht ins keifende schlagende Stimme „This is world announcement – I’m happy“. Die Wiederholung wird natürlich noch dadurch unterstrichen, dass wer auf der Drehbühne steht alle paar Minuten an dem entsprechenden Video, das sich nicht mitdreht, vorbeikommt. „This is world announcement – I’m happy.“

Wer in Malmö ist, sollte hingehen zur von der neuen Direktorin der Kunsthalle, Diana Baldon, kruatierten Ausstellung. „This is the world announcement – I’m happy.“

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Das Leben ist kein Giraffenhof oder The Killing auf Dänisch


KOPENHAGEN. Das kleine Königreich Dänemark, bisher dafür geliebt, dass Gewalt nur in Büchern und Filmen stattfand, hat die Weltöffentlichkeit mit einer Greueltat erschreckt: Der 18 Monate alte Marius wurde ermordet. Mit einem Kopfschuss. Und dann den Löwen zum Fraß vorgeworfen.

Klingt nach einer Gewalttat aus einer noch nicht veröffentlichten Folge von The Killing oder Broen? Ist aber an diesem Wochenende Kopenhagener Wirklichkeit geworden und zwar nach Vorankündigung. Wie inzwischen jeder weiß. Denn über die Tötung der Giraffe Marius haben vom Guardian über BBC und Süddeutsche fast alle berichtet und meist mächtig auf die Tränendrüse gedrückt.

Der Aufschrei, der durch die Welt ging, war übrigens ähnlich gross als der dänische Kunstler Bjørn Nørgaard seine „Pferdeopfer“ zelebrierte und vor laufender Kamera ein Pferd erschoss und dann ausnahm. Das Video der Performance und einige Stücke Pferdefleisch können in Statens Museum for Kunst betrachtet werden (hier ein Text von mir bei art online zur Retrospektive des Künstlers im SMK). Die rituell anmutende Schlachtung geschah damals im Protest gegen den Vietnamkrieg, aber der politische Hintergrund ging im Gezeter um den Tod des Pferdes beinahe unter.

Der Zoo meinte die Giraffe töten zu müssen, da sonst das Risiko der Inzucht zu hoch sei und die schade dem Genpool der in europäischen Zoos lebenden Giraffen. Außerdem sei es nun einmal Teil der Futterkette, dass Löwen Giraffen essen – ebenso wie Menschen Hühner und Schweine essen.

Trotzdem gab es eine online-Petition gegen die Tötung und ein handvoll Leute versammelte sich vor dem Kopenhagener Zoo, um gegen die Erschießung zu protestieren. Es gab aber auch etliche, die in den Zoo kamen, um zu sehen, wie die tote Giraffe zerlegt wurde. Einfacher kann wohl niemand etwas über Giraffenbiologie und fressen und gefressen werden lernen.

Die dänische Zeitung Berlingske titelte übrigens „Das Leben ist kein Disney-Film“. Klingt gut, gilt aber nicht fur alle Kopenhagener Zoo-Bewohner. So leben die Elefanten seit ein paar Jahren in einem Haus und Gehege, das der britische Star Architekt Sir Norman Foster entworfen hat. Ja, der, der auch den berühmten wahlweise Gurke oder Penis genannten Turm in London und die Kuppel des Reichstags entworfen hat.

Lars von Triers Nymphomaniac, Henrik Ibsens Nora oder im Körper von Charlotte Gainsbourg, Stacy Martin, Joe und Elvira Friis


Elvira Friis (Foto: Lasse Egeberg)
Elvira Friis (Foto: Lasse Egeberg)

KOPENHAGEN. Im Kino gewesen. Auf der Leinwand gesehen wie Charlotte Gainsbourg sich auspeitschen lässt. In einer anderen Szene hat sie Sex mit Shia LaBeouf, der später mit Mia Goth schlafen wird – aber erst nachdem sie mit Gainsbourg im Bett war.

„Nymphomaniac“, der neue Film von Lars von Trier, hat jede Menge Sex-Szenen. Kaum ein Charakter, gespielt von oben genannten Schauspielern und anderen wie Stellan Skarsgård und Sophie Kennedy Clark, der mehr als ein paar Minuten auftaucht, hat nicht irgendwann in dem Vierstundenfilm Sex.

Eine ersten Blick habe ich für The Wall Street Journal‘s Speakeasy schon im Dezember auf „Nymphomaniac“ geworfen, der Kurztext (auf Englisch) steht hier, unten eine ausführlichere deutsche Fassung. In den vielen mehr oder weniger expliziten Szenen sind die Körper der internationalen Stars durch Double ersetzt, die ähnlich Stuntmen dort einspringen, wo die Berühmtheit nicht mag. Über Elvira Friis, das dänische Körperdouble von Stacy Martin und Charlotte Gainsbourg, gibt es hier meinen Text bei The Wall Street Journal.

Monate-, wenn nicht jahrelang haben die Medien verrückt gespielt wenn es um den „Filmporno“, das „Sex-Epos“, den „Sexfilm“ oder das „Porno-Drama“ ging.

Allerdings, nach Besuch einer der ersten vorab Filmvorführungen in Kopenhagen, weiß man: „Nymphomaniac“ wegen der Sex-Szenen zum Porno zu küren wäre wie „On the road“ der Kategorie Action zu zuordnen, nur weil Autofahren ein essentieller Part ist.

Natürlich geht es in dem Film um Sex; unter anderem. Sex ist Teil der Handlung, aber nicht alles.

In einem klassischen Pornofilm gibt es die Handlung, die alle Szenen verbindet, vermutlich nur, um dem Zuschauer auch einmal eine Pause zu gönnen.

„Nymphomaniac“ dagegen zeigt, wie die Hauptperson Joe (in ihren jungen Jahren gespielt von Stacy Martin, im Alter von Charlotte Gainsbourg) versucht, zwischen dem ganzen Sex nicht zu lange Pausen zu haben.

Anfangs streunt die junge Joe zusammen mit ihrer Freundin B. (Sophie Kennedy Clark) in einem Zug umher und jagt die Männer in den Abteilen mit ihren Blicken. Die zwei Mädchen haben einen recht ausgefallenen Wettbewerb: Diejenige, die während der Zugfahrt am meisten Männer erlegt, gewinnt eine Tüte Schokoladenbonbons.

Es wird nur angedeutet oder in Soft-Porn-Versionen gezeigt, wie Joe ihre Männer niederstreckt, wie sie durch ein Fellatio gewinnt, ist hingegen komplett zu sehen. Allerdings recht kurz.

Den Zuschauer zu erregen ist die Kernidee eines traditionellen Pornofilmes, aber wie von Trier in „Nymphomaniac“ den Geschlechtsakt zeigt und in welcher Kürze, deutet darauf hin, dass er dem Zuschauer nicht einmal die Möglichkeit geben möchte, erregt zu werden.

Statt langsam und gefühlvoll oder zumindest mit erotischen Bildern sich dem Höhepunkt zu nähern, zeigt von Trier Sex als einen mechanischen Akt. In manchen Szenen sind Nummern eingeblendet, die zählen, wie oft der Mann auf der Leinwand Joe stößt – das unterstreicht wie wenige Emotionen involviert sind.

B. entdeckt kurz nach der Zugfahrt für sich, dass Liebe Sex noch genussreicher machte – und taucht dann nicht mehr in dem Film auf. Joe jagt weiter.

Sie kommt nie zur Ruhe. Während in einem klassischen Porno Sex zumindest dem Anschein nach, die Menschen glücklich macht, ist dies für die Nymphomanin nicht der Fall.

Joe wirkt nie glücklich, sondern stets einsam und auf beinahe romantische Art auf der Suche. Sex scheint sie nicht länger als für die Dauer des Aktes zu befriedigen.

Dreimal ist sie nah dran, ihren Wunsch erfüllt zu bekommen, aber jedes Mal entfaltet der Sex-Drang zerstörerische Kraft. In „Nymphomaniac“ sind Menschen nur glücklich und friedlich, wenn sie keine sexuellen Begierden haben – wie der Buch-Liebhaber Seligman, dem Joe ihre Geschichte erzählt, und vielleicht auch zeitweilig ihre Partner Jerome und Mia.

Von Trier zeigt, dass Sex-Lust menschlich ist, aber auch, dass sie dazu führen kann, dass die Menschen sich unmenschlich verhalten, ihr Kind verlassen und dessen Tod riskieren oder den einzigen wirklichen Freund verletzen. Traditionelle Porno-Filme klammern so etwas aus und fokussieren darauf, wie erfüllend Sex sein kann. Dunkle Seiten haben dann keine wirklichen negativen Auswirkungen, sondern sind nur luststeigernd.

Trotz allem, ist „Nymphomaniac“ einer der leichteren, unterhaltsameren, phasenweise lustigen Filme von Triers. So sollte das Ende auch nicht allzu düster gesehen werden, auch wenn wie in anderen Filmen des dänischen Regisseurs, „Antichrist“, „Dogville“ oder „The Kingdom“ etwa, alles gegen Ende hin immer schlimmer wird.

Die letzte „Nymphomaniac“-Szene ist eine radikale Version von Ibsens Schauspiel „Nora“.

Während Nora sich selbst befreit und mit dem Stigma ihre Ehe zerstört zu haben, gehen kann, ist der Preis den Joe zahlt, erheblich höher.

Nachdem die Lust sie jahrelang verfolgt hat, trägt sie eine andere Bürde und der Film endet mit einer Ambiguität, wie sie dem klassischen Porno-Genre unbekannt ist.

Skibet. Det var et skib.


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Der Bug des Triple-E-Schiffs am Langeliniekai in Kopenhagen (Foto: Bomsdorf)

KOPENHAGEN. „Schiff, es war ein Schiff. Wenn es länger als zwölf Meter ist und breiter als vier, ist es juristisch gesehen ein Schiff.“ – Gleich zweimal geht Saga Noren Gesprächspartner mit dieser Replik auf gewohnt schroffe Art an und belehrt sie eines besseren.

In Dänemark ist die zweite Saison von „Broen“ angelaufen und die Zeitungen sind wieder voll des Lobes. Fast zeitgleich lief das Boot, oder sagen wir lieber Schiff (schließlich ist es fast 400 Meter lang) „Majestic Mærsk“ Kopenhagen angelaufen. Das Containerschiff gehört zu den drei größten der Erde und wurde erstmals am Stammsitz der Reederei Mærsk präsentiert. Mit meinen Kollegen von The Wall Street Journal war ich vor Ort – das Ergebnis lässt sich hier lesen. EIn paar Tage später erschien dann noch unser Interview mit dem CEO von Mærsk Line.

„Broen“ ist online bei Danmarks Radio zu sehen und zwar hier. Saga Norens Schiffsreplik? Gibt es um Minute zehn im ersten Abschnitt.

Speer und wer?


KOPENHAGEN. Seit kurzem ist es soweit – das von Lars von Trier konzipierte Gesamtkunstwerk „Gesamt“ ist fertig (zu viele „von“ und „gesamt“ in diesem Satz, aber ein zu viel passt bei dieser Arbeit ganz gut). „Disaster 501 – What happened to Man?“ lautet der neue Titel – das klingt nach Christoph Schlingensief (hier ein kurzer Nachruf und hier ein Text über meine Begegnung mit ihm beim Reykjavik Arts Festival) und ein wenig passt das, schließlich ist auch das neuste Filmprojekt des Dänen ein wenig anarchistisch. Der Regisseur hat sechs Kunstwerke ausgewählt, damit wer sich dazu berufen fühlt, davon inspiriert selber ein Ton- oder Bild-Werk erstellt und digital an von Triers Mitarbeiterin Jenle Hallund sendet, die daraus „Desaster 501“ gemacht hat (organisiert hat das Ganze Christian Skovbjerg Jensen).

Zu den Kunstwerken zählte unter anderem eine Episode aus August Strindbergs Stück „Der Vater“, „D’où Venons Nous / Que Sommes Nous / Où Allons Nous“ von Paul Gauguin, der Molly-Monolog, der James Joyce „Ulysses“ beendet, sowie Albert Speers Zeppelintribüne. Passend dazu und beinahe um Aufmerksamkeit buhlend, startet die Homepage http://www.gesamt.org mit einer Grafik, die einen Martin Kippenbergers Titel „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“ innerlich ausrufen lassen. Lars von Trier did it again. Er provozierte mit Nazi-Bezügen. Nicht sonderlich originell.

Was von dem gesamten Film zu halten ist, habe ich bei art online geschrieben.

Der Mitmach-von Trier


KOPENHAGEN. Und nochmal Kunstfestival. Diesmal mit noch mehr Prominenz: Lars von Trier. Und August Strindberg. Und Albert Speer. Und vielleicht auch Du. Oder Sie. Denn Lars von Trier hat sich für das Copenhagen Art Festival ein Projekt erdacht, zu dem jeder beitragen kann.

Mit einer Arbeit, die er für das soeben eröffnete neue Kunstfestival in Kopenhagen erdacht hat, stellt der dänische Meisterregisseur einmal mehr Referenzen zum Nationalsozialismus her. Er hat sechs Kunstwerke ausgewählt – darunter Albert Speers Zeppelintribüne vom Reichsparteitagsgelände der NSDAP in Nürnberg. Als das nicht genug wäre, entfaltet sich auf der Website www.gesamt.orgauch noch eine Struktur aus simplen Elementen, die an ein Hakenkreuz erinnern, aber genauso gut vier Fragezeichen sein könnten, die sich einen Punkt teilen.

Doch neben Speers Tribüne gibt es auch unverfänglichere Arbeiten wie August Strindbergs Stück „Der Vater“, ein Gemälde von Paul Gauguin und die Molly-Monologe aus James Joyce „Ulysses“ sowie eine Sonate von César Franck und eine Choreographie von Sammy Davies Jr. . Von diesen Werken inspiriert soll sich jeder, der sich dazu berufen fühlt, selber ein Werk erstellen und digital an von Triers Mitarbeiterin Jenle Hallund senden. Alles, was diese bis zum 6. September erhält, hat Chancen in das von von Trier konzipierte Filmwerk „Gesamt“ aufgenommen zu werden. „Wir wollen Leute aus der ganzen Welt in Dialog miteinander bringen“, sagt Hallund, die von Trier schon als Drebuchberaterin zur Seite gestanden hat.

Mehr dazu in meinem Text aus dem Feuilleton von Die Welt oder natürlich bei Gesamt.

Das Fest ist aus oder Tod des Vaters


KOPENHAGEN. Die dänische Filmwelle, wenn man sie denn so bezeichnen mag, ist ganz eng mit zwei Namen verbunden: Lars von Trier und Thomas Vinterberg. Zu den Regisseuren gehört auch ein Manifest: Dogma 95. Die ersten beiden Filme, die unter (nahezu vollständiger) Einhaltung dieser Regeln gedreht wurden waren „Festen“ (Das Fest) und „Idioterne“ (Idioten). Im Familiendrama um den gerade seinen großen Geburtstag feiernden Helge spielt Henning Moritzen eben diesen. Es ist der nette Vater und Großvater, der aber eine dunkle Vergangenheit hat: als Inzesttäter. In dieser Rolle dürfte Moritzen außerhalb seiner dänischen Heimat am bekanntesten sein. Gestern, am 11. August, starb er gerade 84 Jahre alt geworden in Frederiksberg.

Ein guter Anlass, sich nicht nur Das Fest einmal wieder anzuschauen, sondern auch die Ideen der Dogma-Bewegung. In Zeiten der 3D-Blockbuster ein interessantes (und preiswertes) Kontrastprogramm.