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KOPENHAGEN. Das kleine Königreich Dänemark, bisher dafür geliebt, dass Gewalt nur in Büchern und Filmen stattfand, hat die Weltöffentlichkeit mit einer Greueltat erschreckt: Der 18 Monate alte Marius wurde ermordet. Mit einem Kopfschuss. Und dann den Löwen zum Fraß vorgeworfen.

Klingt nach einer Gewalttat aus einer noch nicht veröffentlichten Folge von The Killing oder Broen? Ist aber an diesem Wochenende Kopenhagener Wirklichkeit geworden und zwar nach Vorankündigung. Wie inzwischen jeder weiß. Denn über die Tötung der Giraffe Marius haben vom Guardian über BBC und Süddeutsche fast alle berichtet und meist mächtig auf die Tränendrüse gedrückt.

Der Aufschrei, der durch die Welt ging, war übrigens ähnlich gross als der dänische Kunstler Bjørn Nørgaard seine “Pferdeopfer” zelebrierte und vor laufender Kamera ein Pferd erschoss und dann ausnahm. Das Video der Performance und einige Stücke Pferdefleisch können in Statens Museum for Kunst betrachtet werden (hier ein Text von mir bei art online zur Retrospektive des Künstlers im SMK). Die rituell anmutende Schlachtung geschah damals im Protest gegen den Vietnamkrieg, aber der politische Hintergrund ging im Gezeter um den Tod des Pferdes beinahe unter.

Der Zoo meinte die Giraffe töten zu müssen, da sonst das Risiko der Inzucht zu hoch sei und die schade dem Genpool der in europäischen Zoos lebenden Giraffen. Außerdem sei es nun einmal Teil der Futterkette, dass Löwen Giraffen essen – ebenso wie Menschen Hühner und Schweine essen.

Trotzdem gab es eine online-Petition gegen die Tötung und ein handvoll Leute versammelte sich vor dem Kopenhagener Zoo, um gegen die Erschießung zu protestieren. Es gab aber auch etliche, die in den Zoo kamen, um zu sehen, wie die tote Giraffe zerlegt wurde. Einfacher kann wohl niemand etwas über Giraffenbiologie und fressen und gefressen werden lernen.

Die dänische Zeitung Berlingske titelte übrigens “Das Leben ist kein Disney-Film”. Klingt gut, gilt aber nicht fur alle Kopenhagener Zoo-Bewohner. So leben die Elefanten seit ein paar Jahren in einem Haus und Gehege, das der britische Star Architekt Sir Norman Foster entworfen hat. Ja, der, der auch den berühmten wahlweise Gurke oder Penis genannten Turm in London und die Kuppel des Reichstags entworfen hat.


Elvira Friis (Foto: Lasse Egeberg)

Elvira Friis (Foto: Lasse Egeberg)

KOPENHAGEN. Im Kino gewesen. Auf der Leinwand gesehen wie Charlotte Gainsbourg sich auspeitschen lässt. In einer anderen Szene hat sie Sex mit Shia LaBeouf, der später mit Mia Goth schlafen wird – aber erst nachdem sie mit Gainsbourg im Bett war.

„Nymphomaniac“, der neue Film von Lars von Trier, hat jede Menge Sex-Szenen. Kaum ein Charakter, gespielt von oben genannten Schauspielern und anderen wie Stellan Skarsgård und Sophie Kennedy Clark, der mehr als ein paar Minuten auftaucht, hat nicht irgendwann in dem Vierstundenfilm Sex.

Eine ersten Blick habe ich für The Wall Street Journal‘s Speakeasy schon im Dezember auf „Nymphomaniac“ geworfen, der Kurztext (auf Englisch) steht hier, unten eine ausführlichere deutsche Fassung. In den vielen mehr oder weniger expliziten Szenen sind die Körper der internationalen Stars durch Double ersetzt, die ähnlich Stuntmen dort einspringen, wo die Berühmtheit nicht mag. Über Elvira Friis, das dänische Körperdouble von Stacy Martin und Charlotte Gainsbourg, gibt es hier meinen Text bei The Wall Street Journal.

Monate-, wenn nicht jahrelang haben die Medien verrückt gespielt wenn es um den „Filmporno“, das „Sex-Epos“, den „Sexfilm“ oder das „Porno-Drama“ ging.

Allerdings, nach Besuch einer der ersten vorab Filmvorführungen in Kopenhagen, weiß man: „Nymphomaniac“ wegen der Sex-Szenen zum Porno zu küren wäre wie „On the road“ der Kategorie Action zu zuordnen, nur weil Autofahren ein essentieller Part ist.

Natürlich geht es in dem Film um Sex; unter anderem. Sex ist Teil der Handlung, aber nicht alles.

In einem klassischen Pornofilm gibt es die Handlung, die alle Szenen verbindet, vermutlich nur, um dem Zuschauer auch einmal eine Pause zu gönnen.

„Nymphomaniac“ dagegen zeigt, wie die Hauptperson Joe (in ihren jungen Jahren gespielt von Stacy Martin, im Alter von Charlotte Gainsbourg) versucht, zwischen dem ganzen Sex nicht zu lange Pausen zu haben.

Anfangs streunt die junge Joe zusammen mit ihrer Freundin B. (Sophie Kennedy Clark) in einem Zug umher und jagt die Männer in den Abteilen mit ihren Blicken. Die zwei Mädchen haben einen recht ausgefallenen Wettbewerb: Diejenige, die während der Zugfahrt am meisten Männer erlegt, gewinnt eine Tüte Schokoladenbonbons.

Es wird nur angedeutet oder in Soft-Porn-Versionen gezeigt, wie Joe ihre Männer niederstreckt, wie sie durch ein Fellatio gewinnt, ist hingegen komplett zu sehen. Allerdings recht kurz.

Den Zuschauer zu erregen ist die Kernidee eines traditionellen Pornofilmes, aber wie von Trier in „Nymphomaniac“ den Geschlechtsakt zeigt und in welcher Kürze, deutet darauf hin, dass er dem Zuschauer nicht einmal die Möglichkeit geben möchte, erregt zu werden.

Statt langsam und gefühlvoll oder zumindest mit erotischen Bildern sich dem Höhepunkt zu nähern, zeigt von Trier Sex als einen mechanischen Akt. In manchen Szenen sind Nummern eingeblendet, die zählen, wie oft der Mann auf der Leinwand Joe stößt – das unterstreicht wie wenige Emotionen involviert sind.

B. entdeckt kurz nach der Zugfahrt für sich, dass Liebe Sex noch genussreicher machte – und taucht dann nicht mehr in dem Film auf. Joe jagt weiter.

Sie kommt nie zur Ruhe. Während in einem klassischen Porno Sex zumindest dem Anschein nach, die Menschen glücklich macht, ist dies für die Nymphomanin nicht der Fall.

Joe wirkt nie glücklich, sondern stets einsam und auf beinahe romantische Art auf der Suche. Sex scheint sie nicht länger als für die Dauer des Aktes zu befriedigen.

Dreimal ist sie nah dran, ihren Wunsch erfüllt zu bekommen, aber jedes Mal entfaltet der Sex-Drang zerstörerische Kraft. In „Nymphomaniac“ sind Menschen nur glücklich und friedlich, wenn sie keine sexuellen Begierden haben – wie der Buch-Liebhaber Seligman, dem Joe ihre Geschichte erzählt, und vielleicht auch zeitweilig ihre Partner Jerome und Mia.

Von Trier zeigt, dass Sex-Lust menschlich ist, aber auch, dass sie dazu führen kann, dass die Menschen sich unmenschlich verhalten, ihr Kind verlassen und dessen Tod riskieren oder den einzigen wirklichen Freund verletzen. Traditionelle Porno-Filme klammern so etwas aus und fokussieren darauf, wie erfüllend Sex sein kann. Dunkle Seiten haben dann keine wirklichen negativen Auswirkungen, sondern sind nur luststeigernd.

Trotz allem, ist „Nymphomaniac“ einer der leichteren, unterhaltsameren, phasenweise lustigen Filme von Triers. So sollte das Ende auch nicht allzu düster gesehen werden, auch wenn wie in anderen Filmen des dänischen Regisseurs, „Antichrist“, „Dogville“ oder „The Kingdom“ etwa, alles gegen Ende hin immer schlimmer wird.

Die letzte „Nymphomaniac“-Szene ist eine radikale Version von Ibsens Schauspiel „Nora“.

Während Nora sich selbst befreit und mit dem Stigma ihre Ehe zerstört zu haben, gehen kann, ist der Preis den Joe zahlt, erheblich höher.

Nachdem die Lust sie jahrelang verfolgt hat, trägt sie eine andere Bürde und der Film endet mit einer Ambiguität, wie sie dem klassischen Porno-Genre unbekannt ist.


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Der Bug des Triple-E-Schiffs am Langeliniekai in Kopenhagen (Foto: Bomsdorf)

KOPENHAGEN. “Schiff, es war ein Schiff. Wenn es länger als zwölf Meter ist und breiter als vier, ist es juristisch gesehen ein Schiff.” – Gleich zweimal geht Saga Noren Gesprächspartner mit dieser Replik auf gewohnt schroffe Art an und belehrt sie eines besseren.

In Dänemark ist die zweite Saison von “Broen” angelaufen und die Zeitungen sind wieder voll des Lobes. Fast zeitgleich lief das Boot, oder sagen wir lieber Schiff (schließlich ist es fast 400 Meter lang) “Majestic Mærsk” Kopenhagen angelaufen. Das Containerschiff gehört zu den drei größten der Erde und wurde erstmals am Stammsitz der Reederei Mærsk präsentiert. Mit meinen Kollegen von The Wall Street Journal war ich vor Ort – das Ergebnis lässt sich hier lesen. EIn paar Tage später erschien dann noch unser Interview mit dem CEO von Mærsk Line.

“Broen” ist online bei Danmarks Radio zu sehen und zwar hier. Saga Norens Schiffsreplik? Gibt es um Minute zehn im ersten Abschnitt.


KOPENHAGEN. Seit kurzem ist es soweit – das von Lars von Trier konzipierte Gesamtkunstwerk “Gesamt” ist fertig (zu viele “von” und “gesamt” in diesem Satz, aber ein zu viel passt bei dieser Arbeit ganz gut). “Disaster 501 – What happened to Man?” lautet der neue Titel – das klingt nach Christoph Schlingensief (hier ein kurzer Nachruf und hier ein Text über meine Begegnung mit ihm beim Reykjavik Arts Festival) und ein wenig passt das, schließlich ist auch das neuste Filmprojekt des Dänen ein wenig anarchistisch. Der Regisseur hat sechs Kunstwerke ausgewählt, damit wer sich dazu berufen fühlt, davon inspiriert selber ein Ton- oder Bild-Werk erstellt und digital an von Triers Mitarbeiterin Jenle Hallund sendet, die daraus “Desaster 501″ gemacht hat (organisiert hat das Ganze Christian Skovbjerg Jensen).

Zu den Kunstwerken zählte unter anderem eine Episode aus August Strindbergs Stück “Der Vater”, “D’où Venons Nous / Que Sommes Nous / Où Allons Nous” von Paul Gauguin, der Molly-Monolog, der James Joyce “Ulysses” beendet, sowie Albert Speers Zeppelintribüne. Passend dazu und beinahe um Aufmerksamkeit buhlend, startet die Homepage http://www.gesamt.org mit einer Grafik, die einen Martin Kippenbergers Titel “Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken” innerlich ausrufen lassen. Lars von Trier did it again. Er provozierte mit Nazi-Bezügen. Nicht sonderlich originell.

Was von dem gesamten Film zu halten ist, habe ich bei art online geschrieben.


KOPENHAGEN. Und nochmal Kunstfestival. Diesmal mit noch mehr Prominenz: Lars von Trier. Und August Strindberg. Und Albert Speer. Und vielleicht auch Du. Oder Sie. Denn Lars von Trier hat sich für das Copenhagen Art Festival ein Projekt erdacht, zu dem jeder beitragen kann.

Mit einer Arbeit, die er für das soeben eröffnete neue Kunstfestival in Kopenhagen erdacht hat, stellt der dänische Meisterregisseur einmal mehr Referenzen zum Nationalsozialismus her. Er hat sechs Kunstwerke ausgewählt – darunter Albert Speers Zeppelintribüne vom Reichsparteitagsgelände der NSDAP in Nürnberg. Als das nicht genug wäre, entfaltet sich auf der Website www.gesamt.orgauch noch eine Struktur aus simplen Elementen, die an ein Hakenkreuz erinnern, aber genauso gut vier Fragezeichen sein könnten, die sich einen Punkt teilen.

Doch neben Speers Tribüne gibt es auch unverfänglichere Arbeiten wie August Strindbergs Stück „Der Vater“, ein Gemälde von Paul Gauguin und die Molly-Monologe aus James Joyce „Ulysses“ sowie eine Sonate von César Franck und eine Choreographie von Sammy Davies Jr. . Von diesen Werken inspiriert soll sich jeder, der sich dazu berufen fühlt, selber ein Werk erstellen und digital an von Triers Mitarbeiterin Jenle Hallund senden. Alles, was diese bis zum 6. September erhält, hat Chancen in das von von Trier konzipierte Filmwerk „Gesamt“ aufgenommen zu werden. „Wir wollen Leute aus der ganzen Welt in Dialog miteinander bringen“, sagt Hallund, die von Trier schon als Drebuchberaterin zur Seite gestanden hat.

Mehr dazu in meinem Text aus dem Feuilleton von Die Welt oder natürlich bei Gesamt.


KOPENHAGEN. Die dänische Filmwelle, wenn man sie denn so bezeichnen mag, ist ganz eng mit zwei Namen verbunden: Lars von Trier und Thomas Vinterberg. Zu den Regisseuren gehört auch ein Manifest: Dogma 95. Die ersten beiden Filme, die unter (nahezu vollständiger) Einhaltung dieser Regeln gedreht wurden waren “Festen” (Das Fest) und “Idioterne” (Idioten). Im Familiendrama um den gerade seinen großen Geburtstag feiernden Helge spielt Henning Moritzen eben diesen. Es ist der nette Vater und Großvater, der aber eine dunkle Vergangenheit hat: als Inzesttäter. In dieser Rolle dürfte Moritzen außerhalb seiner dänischen Heimat am bekanntesten sein. Gestern, am 11. August, starb er gerade 84 Jahre alt geworden in Frederiksberg.

Ein guter Anlass, sich nicht nur Das Fest einmal wieder anzuschauen, sondern auch die Ideen der Dogma-Bewegung. In Zeiten der 3D-Blockbuster ein interessantes (und preiswertes) Kontrastprogramm.


KOPENHAGEN. Bisher hat der finnische Film vor allem durch Kaurismäki Aufsehen erregt und da gab es wenig zum Lachen. Doch mit “Iron Sky” ist das anders. Anfangs war noch die Frage im Hinterkopf, ob da nicht doch zu viel der Geschichte ausgelassen wird, wenn in einem Film, in dem die Nazis die Hauptrolle spielen, die Judenverfolgung nicht einmal thematisiert wird. Doch es wäre problematischer gewesen, dies in diesem satirisch-lustigen Film zu tun als es auszulassen. Der Film ist eine Hollywood-Persiflage – das klingt ersteinmal nach 1000 mal gesehen, aber persifliert werden genauso Allmachtsphantasie und das mit unglaublich vielen Referenzen zur Geschichte der Unterhaltungsindustrie (Krieg der Welten, der große Diktator, Dr. Strangelove, Star Wars, Wag the Dog… vermutlich dürfte ich nichteinmal alle erkannt haben). Es ist eine moderne, schnelle Antwort auf “Dr. Strangelove”. Dabei: Udo Kier. Der ist in Dänemark kein Unbekannter – er trat in Lars von Triers “Riget”-Serie auf und in den Filmen des Künstlers Jesper Just.

Interessant auch das Finanzierungsmodell der deutsch-finnisch-australischen Co-Produktion: rund zehn Prozent des nur 7,5 Mio. Euro großen Budgets wurden durch Crowdfunding aufgetrieben, dazu in der NZZ mehr (nicht von mir).


 

KOPENHAGEN. Zeitgleich zur Deutschland-Premiere sah ich gestern in Kopenhagen beim Filmfestival Cph PixBabycall“, den neuen Film mit Noomi Rapace (bekannt aus Stieg Larssons Millenium-Trilogie sowie Sherlock Holmes). Hier spielt sie weder die harte autistische Kämpferin, noch eine mystische Wahrsagerin. Stattdessen eine Person, wie sie im viel zitierten wirklichen Leben vermutlich erheblich häufiger vorkommt: eine psychisch extrem belastete Mutter.

Und sie macht es phantastisch. Wie überhaupt auch die anderen Rollen bestens gespielt werden. Ein realistisches Drama, ein Psychothriller, ein Horrofilm? Ganz klar ist das auch am Ende nicht. Jedenfalls hält er, was der oben verlinkte Trailer verspricht (zur deutschen Version hier entlang). Warten wir ab, wann das amerikanische Remake kommt, schlägt dieser Film doch den schon ziemlich beeindruckenden “Låt den rätte komme in”/”So finster die Nacht” und erst recht die Millenium-Trilogie.

 


KOPENHAGEN. Für die aktuelle Ausgabe der norwegischen Filmzeitschrift Znett habe ich einen Artikel über die Musik von Hans Berg in der Arbeit von Nathalie Djurberg sowie Magdalena Nordins Paris Hilton Verschnitt  geschrieben. Wer das Heft nicht kaufen mag oder lieber die deutsche Version des Artikels liest, dem kann mit dieser Bleiwüste geholfen werden:

“Spiel mir das Lied vom Sex

Musik, Leben und Video bei den Duos Hans Berg/Nathalie Djurberg und Magdalena Nordin/Paris Hilton

Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder / Böse Menschen haben keine Lieder – eingestickt in einen Kopfkissenbezug hing diese Weisheit bei meiner Großmutter eingerahmt an der Wand. Sie selber spielte Ziehharmonika, auch Schifferklavier genannt und sang dazu in ihrem Chor selbstgedichtete Lieder. Die Texte habe ich vergessen, aber sie waren harmlos harmonisch. Doch war damals – ein paar Jahrzehnte nach Ende des Militarismus und der Nazi-Herrschaft in Deutschland – klar, dass böse Menschen genauso singen können wie gute. Der Spruch ist eine alte Volksliedweisheit und irgendwie haben es dennoch viele verinnerlicht bekommen, dass das Böse und Musik nicht zusammen passen. Zumal eintönige, einfältige Musik wie die eines Schifferklaviers oder Leierkastens.

Als ich das erste Mal die Filme der schwedischen Künstlerin Nathalie Djurberg sah, fiel mir direkt die einprägsam eintönige Musik auf, mit der ihre Videos untermalt waren. „Musik: Hans Berg“ hieß es bei jedem Film. Eine gewisse Repitition ist ihren Arbeiten zu eigen. „Tiger licking girls butt“, jener Film, den ich 2004 als ersten sah, trägt sogar den Untertitel „Why do I have the urge doing thess things over and over again?“. Das passt mindestens genauso gut zur Musik von Hans Berg, ihrem künstlerischen wie Lebenspartner. Besonders in den älteren Filmen klimpern seine Melodien im Hintergrund als stünde jemand mit Mini-Drehorgel am Mikrofon und würde diese lustlos betätigen. In ihrer Naivität signalisiert Bergs Musik häufig jenes „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder / Böse Menschen haben keine Lieder“ vom Kopfkissenbezug meiner Großmutter. Doch es ist wie bei Rotkäppchen und der Böse Wolf. Was sich wie Bergs Musik als großmütterlich harmlos ausgibt ist der Böse Wolf, zumindest im Zusammenspiel mit Djurbergs Videos. Dort übernimmt das harmlose Material Knetgummi die Aufgabe der Berg`schen Musik: Verharmlosung. Djurbergs Filme wirken auf den ersten Blick niedlich wie Kinderfilme, in denen Knetgummifiguren das ein oder andere harmlose und lustige Abenteuer bestehen. Bergs Musik signalisiert das gleiche: entspannte Eintönigkeit.

Doch je weiter die Handlung des Filmes voranschreitet, desto klarer wird: hier wird in menschliche Abgründe hinuntergestiegen. Dass Bergs Begleitmusik dabei meist lustig harmonisch bleibt, verstärkt den Eindruck, denn er baut einen Kontrast zu den oftmals grausamen Handlungen auf und unterstreicht, dass hier etwas vertuscht werden soll oder es sich um das Unterbewußte, das Unterdrückte handelt. Menschliches, zu tiefst Menschliches.

Die beiden Mittdreißiger beschäftigen sich in ihren Arbeiten immer wieder mit dem, was hinter den Fassaden verborgen liegt: Trieb, Moral, Phantasie und Schuld; kurz das Unbehagen in der Kultur. Berg macht die Musik dazu – meist eintönige Klänge. Im Film „Selfloathing & Humilation“ buhlt ein Mann um eine Frau. Erst als er sich in einen Hund verwandelt, der ihr willenlos zu Füßen liegt, ist sie bereit ihn zu lieben. „Florentin“ zeigt einen Mann, der mit zwei kleinen Mädchen vergnügt spielt, die ihn dann plötzlich malträtieren bis er blutig am Boden liegt. Dabei bleibt unklar, ob er sich zuvor an ihnen vergangenen hat. Die Musik würde so einen Verdacht natürlich nie nähren, so harmlos ist sie.

Djurbergs Filme mit Bergs Musik wimmeln nur so vor Sex- und Gewaltorgien. Die zwei jungen Schweden hingegen lachen im Gespräch viel, sind umgänglich und liebenswürdig freundlich. „Als Frau kann ich gewisse delikate Dinge leichter zeigen. Wäre ich ein Mann, würde den Arbeiten ganz anders begegnet werden“, sagt Djurberg und Berg ergänzt: „Wenn Männer solche Filme machen, ist schnell das Urteil gefällt, sie würden nur ihre Fantasien ausleben und es bestünde ein größeres Risiko als pervers dazustehen.“

Die Berliner Atelierwohnung der beiden erinnert an das Ersatzteillager eines Puppentheaters. Im Flur stehen Pappkartons mit Armen, Beinen und anderen Körperteilen für noch fertig zu stellende Figuren. Djurberg spielt jede Szene mit eigenhändig gefertigten Puppen – in Heimarbeit. Wie ein kleines Kind ins Spiel vertieft drückt sie Knetgummi an Drahtgestelle, um die Puppen zu formen, manchmal überzieht sie das Ganze noch mit Silikon. Immer aber bleibt erkennbar, dass die Figuren mit simplen Griffen handgemacht sind. Die Anziehsachen ihrer Darsteller fertigt Djurberg auch selber. Stets sind die Puppen weit entfernt von der glatten Ästhetik einer Barbie. Auch technisch sind ihre Arbeiten alles andere als auf dem neusten Stand. Obwohl Computer seit Jahrzehnten Animationen ermöglichen, sind ihre Filme in Stopp-Motion gemacht, also nur eine Aneinanderreihung von Einzelbildern wie sie etwa von alten Kinderfilmen bekannt sind. Doch selbst bei Pan Tau sind die Bewegungen der Figur flüssiger als bei Djurberg. Ihr extrem abgehakter Stil ist gewollt, verleiht der Ästhetik etwas Kindliches. Für jeden Schritt, jede Armbewegung, jede Träne, die fließt, muss Djurberg sich wieder zu ihren Figuren niederknien und diese entsprechend verändern. Dann geht sie zurück zur Kamera und spielt einen weiteren Bruchteil Filmmaterial ein. Inhaltlich erinnern ihre Arbeiten freilich nur auf den ersten Blick an Kinderfilme. Selten dauert es mehr als eine halbe Minute ehe aufgedeckt wird, was hinter einem scheinbar harmlosen Spiel liegt. In dieser Kombination aus kindlicher Ästhetik und die Tiefen des Erwachsenen auslotenden Inhalts ist sie Paul Mc Carthy und Mike Kelley nicht unähnlich.

Bergs Soundstudio nimmt erheblich weniger Platz ein als das Atelier, auch seine Produkte sind nicht perfekt durchdesignt, sondern erinnern eher an schnell entwickelte Fahrstuhlmusik. Perfektionismus in Bild und Ton würden der zu einem perfekt gemachten Dokumentar- oder Spielfilm passen, nicht aber zu einem Kunstfilm, in dem der Kontrast zwischen Dargestelltem und Darstellung unbedingtes Programm sind.

In „Johnny“ schaut ein Knetgummi-Junge mit viel zu großen Augen heimlich drei für Djurberg‘sche Verhältnisse attraktiv gebauten Grazien zu, wie sie sich entkleiden und zu Badenden werden. Dann wird er entdeckt, von den jungen, immer noch nackten Frauen ebenfalls ausgezogen und an einen Baum gebunden während die drei barbusig um ihn tanzen und sich an ihm reiben. Er ist wehrlos, gleichzeitig aber den Frauen so nah wie in seinen wildesten Phantasien – und bekommt eine Erektion. Schließlich verbrennt er aus heiterem Himmel. Die Lust, die Scham, die Schuld – auch in diesem Film auf beiden Seiten.

Der immer wieder kehrende Sex ist bei Djurberg anders als in einem Porno-Film mehr als die explizite Darstellung eines sexuellen Aktes, kehrt vielmehr die Seele des Menschen nach Außen. Häufig benutzt sie Sex auch als Metapher für menschliche Abhängigkeiten. Die Musik, die dazu von Berg gespielt wird, klingt verharmlosend und zeigt dadurch auf: Perversion ist Normalität. Wo man musiziert, da lass Dich ruhig nieder, böse wie Gutmenschen haben Lieder.”


KOPENHAGEN. Am Mittwochabend wird in der Frankfurter Schirn die aus Paris kommende große Munch-Ausstellung “Munch – der moderne Blick” mit dessen nach 1900 entstandenen Bildern eröffnet. Im Beisein der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit, das sei hier nicht verschwiegen. Als kleinen Vorgeschmack schonmal ein Video, das der große Maler Edvard Munch selber aufgenommen hat. Kürzlich waren erstmals Tonaufnahmen Otto von Bismarcks veröffentlicht worden (hier dazu ein Artikel in Die Welt und der O-Ton im Artikel von Spiegel Online). Nun führt also Edvard Munch die Kamera im damals noch recht neuen Medium Film. Die Stimme allerdings ist nicht von Munch, sondern stammt vom Schauspieler Joachim Król.

Mehr hier sobald ich aus Frankfurt zurück bin.

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