Conchita rockt – sogar die Finanzwelt


KOPENHAGEN. Als ich im vergangenen Frühjahr noch bevor der Eurovision richtig losgegangen war recht spontan für The Wall Street Journal Conchita Wurst interviewte, galt die Österreicherin noch als Außenseiterin. Jetzt wurde mein Artikel mit ihr zum Top Hit bei WSJ Brussels gekürt – kein anderer der Texte dort wurde im Jahr 2014 so oft angeklickt wie dieser.

Als ich das Gespräch im vergangenen Jahr führte, kannte die englischsprachige Leserschaft das Konzept des ESC leidlich, aber mit Conchita Wurst konnte kaum jemand etwas anfangen und erst recht nicht mit ihrem Namen. Also bat ich die „bärtige Dame“ mir diesen doch einmal auf Englisch zu erklären. Divenhaft und galant legte sie los und brauchte keine zwei Minuten um zu erläutern, was Conchita und Wurst bedeutet und wieso sie sich diese Namen ausgewählt hat. Ganz jugendfrei war das nicht, sondern – zumindest für amerikanische Verhältnisse –  eher NSFW. In dem Video, das ich für WSJ.com lieferte, machten die Kollegen von The Wall Street Journal sich ein wenig über die (ehemals) konservative Einstellung des WSJ in solchen Dingen lustig.

Die Finanzwelt und all die anderen, die den Film schauten und meinen Blog dazu lasen, jedenfalls waren angetan. Eben so sehr, dass kein anderer Beitrag für WSJ Real Time Brussels im vergangenen Jahr mehr angeklickt wurde als Conchita Wurst im Interview mit mir, wie Stephen Fiedler aus Brüssel berichtet.

Brot und Spiele oder Marius und die mit dem Herz für Löwen


Der Beginn einer Wolf-Dissektion im Naturhistorischen Museum, Kopenhagen. (Foto: Bomsdorf)
Der Beginn einer Wolf-Dissektion im Naturhistorischen Museum, Kopenhagen. (Foto: Bomsdorf)

KOPENHAGEN. Und schon wieder ist das Geschrei gross, weil der Kopenhagener Zoo Tiere getötet hat. Diesmal sind es vier Löwen, zwei davon Jungtiere. In einigen Artikeln fehlt völlig, dass es nicht nur in Dänemark üblich ist Tiere, die nicht ins Zuchtprogramm passen, zu töten. Der Kopenhagener Zoo erklärt auf seiner Website, wieso die Tiere nicht weiterleben durften.

Ziemlich untergegangen ist in den internationalen Medien bisher auch, dass und wieso es in Dänemark durchaus üblich ist, Tiere wie die Giraffe vor Publikum zu dissektieren. Bildung ist das Argument dafür. Űberrascht? In meinem Artikel für The Wall Street Journal steht mehr – zu lesen hier.

Yahya Hassan jetzt auf Deutsch


KOPENHAGEN. Bereits im vergangenen Jahr schrieb ich auf Englisch einen Artikel über den dänischen Dichter Yahya Hassan fur The Wall Street Journal. Als ich ihn traf, war er polarisierte bereits Dänemark, war aber im Ausland nahezu unbekannt. Gestern nun ist sein Debut auf Deutsch erschienen und wir haben ein aktualisiertes Portrait auf der deutschen Seite wsj.de publiziert. Zu lesen ist es hier.

Die Gedichte sind bei Ullstein erschienen. In diesen und in Interviews stellt er die seiner Meinung nach heuchlerische Seite einiger Muslime und seines Vaters, der ihn angeblich schlug, dar und klagt darüber.

Hassan schreibt ausschließlich in Großbuchstaben, die Verse wirken wie geschrien und auch er schleudert im Gespräch die Worte oftmals mehr als dass er sie spricht. (Hier eine Leseprobe auf Deutsch beim Perlentaucher.)

Lesenswert ist das Buch, doch sollte jedem klar sein, dass nicht jeder Muslim ist wie die, die Hassan beschreibt und dass es auch Eltern gibt, die sich Christen nennen und ihre Kinder ebenso misshandeln. Eine Debatte anstoßen kann das Buch allemal.

Bleibt die Frage, was von der literarischen Qualität zu halten ist. Aufbau und Ton der meisten Gedichte sind sehr ähnlich. Es ist deshalb ermüdend eins nach dem anderen zu lesen. In etwa so wie wenn man eine Küsschen, Küsschen-Kurzgeschichte von Roald Dahl nach der anderen wegliest – so gut diese sind, spätestens nach der dritten ist der makabere Überraschungseffekt dahin.

Marco Evaristti und sein Goldfisch schlagen weiter hohe Wellen


KOLDING. Marco Evaristti gehört zu den Künstlern, über die ich in den vergangenen Jahren mehrfach geschrieben habe (wenngleich längst nicht so viel wie über Nathalie Djurberg oder Elmgreen & Dragset). Im Jahr 2000 erregte er international Aufsehen als zehn Moulinex-Blender in Aquarien verwandelte und darin Goldfische schwimmen ließ während die Mixer an den Strom angeschlossen waren. Ein paar Ausstellungsbesucher betätigten den Einschaltknopf, töteten die Fische und verschafften Künstler und Museum viel Presse.

Ähnlich wie bei Bjørn Nørgaards Pferdeopfer (hier mein Text zu dessen Retrospektive) schienen sich die Menschen über diese Tode der Fische mehr zu echauffieren als über Kriegstote. 13 Jahre später zeigt das Trapholt Museum in Kolding, wo auch die damalige Ausstellung stattfand, erneut Evaristtis Goldfische. Diesmal sind sie bereits tot.

Die Arbeit „Helene & El Pescador“ ist zentraler Teil der Retrospektive Evaristtis. In anderen Werken, die gezeigt werden, hat er sich mit der Todesstrafe auseinandergesetzt. Mal entwarf er Kostüme für zum Tode Verurteilte (noch mehr Werbung: hier mein damaliger Artikel bei art zur ersten Präsentation 2008) oder arbeitete mit einem „death row“-Insassen an einem post mortem Kunstprojekt (mein Artikel dazu bei The Art Newspaper hier).

Einen kurzen Überblick über die Ausstellung und was Evaristti sich bei seinen Arbeiten denkt, gibt es in diesem Artikel, den ich nach dem Besuch der Ausstellung in Kolding im August 2013 für The Wall Street Journal’s Speakeasy Kolumne schrieb.

Warhol zeichnet schwarz-weiß


KOPENHAGEN. Im dänischen Louisiana Museum werden noch bis Anfang März frühe Zeichnungen Andy Warhols ausgestellt. Dazu habe ich heute einen Artikel in The Wall Street Journal. . Online ist dieser hier zu lesen und gestern gab es noch ein Video-Interview zum Thema in WSJ Lunch Break. Ein etwas ausführlicherer Text hier auf Deutsch:

Der Gesichtsausdruck des jungen Mannes auf dem Bild erinnert an die Porträts von Egon Schiele, ebenso wie die Kleider Falten werfen und die Hand mit ihren knöchrigen Fingern. Doch statt sich lasziv oder verträumt dem Betrachter hinzugeben wie es Schieles Porträtierte gerne tun, setzt dieser sich gerade einen Schuss in die Venen des linken Armes. Das passt eher zu einer Fotografie von Nan Goldin. Tatsächlich sind die frühen Zeichnungen Andy Warhols, die im Frühjahr erstmals in einer Museumsausstellung zu sehen sein werden, eine besondere Mischung. „Unser Haus hat viel Warhol gezeigt und besitzt einige Werke. Ich finde das Material extrem interessant, weil es eine unbekannte Seite des großen Pop-Art-Künstlers offenbart“, sagt Poul Erik Tøjner, Direktor des dänischen Museums Louisiana und Kurator der Ausstellung. Auf dem Stand des Münchener Galeristen Daniel Blau entdeckte er bei der Art Basel die Zeichnungen Warhols. „Hier wird der Öffentlichkeit erstmals gezeigt, wie Warhol bevor er bekannt wurde gezeichnet hat und da lässt sich ein leichter Strich erkennen und gleichzeitig Themen wie Schmerz und Oberflächlichkeit“, so Tøjner. Rund 200 Arbeiten hat er aus dem Bestand von Blau ausgewählt. Darunter auch „Tom“ (1954), ein androgyner Jüngling im Profil, der an David Bowie vor ein paar Jahrzehnten erinnert als wäre er damals von Wolfgang Joop gezeichnet worden. „Warhols damalige Ästhetik und die der Mode und Modefotografie oder –zeichnung liegen nah beieinander“, sagt der Kurator.

Vor ein paar Jahren zeigte Louisiana, ebenfalls von Tøjner kuratiert, Warhol und Munch in einer gemeinsamen Ausstellung. Damals wurden jene Munch-Motive, die der Amerikaner in seiner Art reproduziert hatte, ausgestellt. Diesmal stehen die frühen Zeichnungen Warhols für sich alleine. „Warhol ist einer der wenigen Künstler, dessen Werk jedem Museumsbesucher in irgendeiner Weise ein Begriff ist. Das macht es möglich, dass sich die Leute voll auf seine Zeichnungen, die sie ja noch nie gesehen haben, konzentrieren und diese für sich entdecken können.“