Guggenheim Helsinki endgültig gescheitert


Ganz ohne Guggenheim - Eingang zur Architektur-Biennale 2016 (Foto: Bomsdorf)
Ganz ohne Guggenheim – Eingang zur Architektur-Biennale 2016 (Foto: Bomsdorf)

VENEDIG. Das Timing hätte kaum besser sein können: Nur wenige Tage nachdem die diesjährige Architektur Biennale in Venedig schloss, hat sich die Stadt Helsinki endgültig gegen ein Guggenheim Museum entschieden.

Bei meinem ersten Besuch der Architektur Biennale in Venedig vor zwei Jahren führte ich im amerikanischen Pavillon Interviews zu den Plänen für ein Guggenheim Museum in Helsinki. Die Kuratoren des US Beitrags hatten sich selber mit einem leicht scherzhaft gemeinten Entwurf für den Bau des Hauses beworben und sahen den Plan in Finnland eine Filiale des New Yorker Hauses zu etablieren, ziemlich kritisch (ausführlich zu lesen in der FAZ vom 2.12.2014, veröffentlich auch hier in meinem torial-Portfolio;eine Zusammenfassung im Blog).

Seither hat sich viel getan; und auch wieder nicht. Denn obwohl es auch politisch viel Ablehnung für das Projekt gab, versuchte Guggenheim immer wieder Politik und Bevölkerung doch noch für das Haus zu gewinnen. Erst vor wenigen Wochen wurde ein revidierter Vorschlag veröffentlicht. Mit der Ablehnung durch die Stadt Helsinki vorgestern (30.11.2016) ist das Projekt nun aber wohl endgültig gescheitert. Eine nachträgliche Analyse dürfte dennoch lohnend sein – einerseits, um zu sehen, wie eine große Stiftung in einem kleinen, an private Initiativen nicht so gewohntes Land auf Ablehnung stoßen kann und auch, um das Prinzip Guggenheim/Economic Hit Man besser zu verstehen. Mein oben erwähnter FAZ-Artikel ist dafür ein guter Start (hier ein weiterer Text von mir zum Thema für art).

Guggenheim – der Economic Hit Man der Kulturbranche?


Guggenheim Helsinki Finalist (Foto: Guggenheim)
Guggenheim Helsinki Finalist (Foto: Guggenheim)

KOPENHAGEN/VENEDIG. Die amerikanische Guggenheim Stiftung stellt sich gerne als der große, selbstlose Förderer der Kunst dar. Doch wenn in einer anderen Stadt ein Guggenheim Museum eröffnet werden soll, geht es vor allem um eins: Geld. Denn solch ein Haus verschenkt die Stiftung nicht. Stattdessen kassiert sie für Konzept, Programmgestaltung und Nutzung des Namens viele Millionen Euro. Im Gegenzug werden mehr Touristen und entsprechend steigende Einnahmen versprochen. Wer gemein sein will, sagt, die weltberühmte amerikanische Institution zwinge Städten ihr Konzept nahezu auf und nehme diese aus – in etwa so wie es Economic Hit Men mit Entwicklungsländern machen.

OfficsUS vor dem Amerikanischen Pavillon in Venedig (Pressefoto von OfficeUS David Lundberg-Esto).
OfficsUS vor dem Amerikanischen Pavillon in Venedig (Pressefoto von OfficeUS David Lundberg-Esto).

Ein gutes Beispiel für die Methode Guggenheim bietet die Stadt Helsinki. Als dort 2012 der Plan für ein Guggenheim Museum wegen heftiger Kritik aus der lokalen Kulturszene von der Politik gestoppt wurde, gab die Stiftung nicht auf, sondern engagierte eine PR-Agentur. Mit Erfolg. In der finnischen Hauptstadt wurde ein Architekturwettbewerb für den Museumsneubau ins Leben gerufen – gesponsert von einer mächtigen örtlichen Stiftung. An dem nahmen auch die Vertreter der USA bei der diesjährigen Architektur Biennale in Venedig teil, wo ich sie traf und über deren Vorschlag für ein Guggenheim Helsinki interviewte (zu lesen in der FAZ). Doch auch die Gegner geben nicht auf. Sie wollen lieber ein Haus, dass innovative Kunst fördert und haben soeben ebenfalls einen internationalen Wettbewerb gestartet.

Der Streit in Helsinki ist exemplarisch dafür, wie umstritten die Methode Guggenheim ist. Es ist ein Kampf zwischen jenen, die Kultur vor allem als Standortmarketing sehen und jenen, denen es vor allem um Inhalte geht. In Finnland ist das vor allem die Organisation Checkpoint Helsinki.

Am 2. Dezember wurde die Shortlist des Architekturwettbewerbs präsentiert. Aus dem Anlass habe ich für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Vorgehensweise von Guggenheim und die Diskussion darüber und über das Projekt zusammengefasst. Den Artikel gibt es nur in der Printausgabe der FAZ, der Kauf sollte aber lohnen. Am Tag des Entscheids gab ich dem Deutschlandradio Kultur ein Interview zum selben Thema und mein Text für art (mit mehr zur Architektur der Finalisten) steht online.  Hintergründe liefert auch mein Artikel für The Art Newspaper im vergangenen Jahr. Nun bleibt abzuwarten, ob das Museum diesmal die Mehrheit der Politiker überzeugen kann.

Der, der sich selber zum Meister kürte


HELSINKI / LÜBECK. In großen Buchstaben steht es an der Wand des Ateneum geschrieben: Carl Larsson hielt sich für den besten Künstler Schwedens seiner Zeit, so besagt es ein Zitat von ihm. Das Museum in Helsinki widmet Larsson, der besonders in Deutschland beliebt war (sein Buch Ein Haus an der Sonne erschien zuerst dort und zwar mit Startauflage 40 000) eine große Einzelausstellung. Auch in der tritt er vor allem als Illustrator in Erscheinung, wirklich große Kunst würde ich seine Arbeiten genauso wenig (nunja, natürlich doch ein bisschen mehr..) nennen wie die Bilder des Musikers Bob Dylan (gesehen in Kopenhagen in der Nationalgalerie), die statt in einem Museum besser in einem Bilderbuch aufgehoben wären. Larsson, 1853 geboren und 1919 gestorben, damit war er Zeitgenosse von Anders Zorn, der von 1860 bis 1920 lebte und ebenfalls Schwede war. Zeitgleich mit Zorn, dessen Werke auch dem einfachsten noch jede Menge Würde verleihen, zu leben und zu arbeiten und sich dann als größten Künstler der gemeinsamen Heimat zu bezeichnen, dazu gehört schon einiges an Selbstüberschätzung.

Zorns Arbeiten waren bis vor wenigen Tagen im Lübecker Museum Behnhaus Drägerhaus ausgestellt, ich schaffte es gerade noch eine Woche vorher dorthin. In einer aktuellen Pressemeldung zum Abschluss der Ausstellung heißt es: „Wir hatten zwar vermutet, dass Anders Zorns Kunst in Lübeck ein interessiertes Publikum finden wird. Dass der hierzulande kaum bekannte Künstler aber schließlich über 41.000 Besucher ins Behnhaus-Drägerhaus lockte und – wie die vielen Einträge im Gästebuch zeigen – die Menschen durchweg begeisterte, übersteigt all unsere Erwartungen und erfüllt uns mit großer Freude. Die Wiederentdeckung ist gelungen!“ Dr. Anna-Carola Krausse, Kuratorin der Ausstellung

Die Ausstellung mit Larsson in Helsinki läuft noch. (Zu sehen sind Arbeiten von beiden auch via Google Art Project und Nationalmuseum schreibt Svenska Dagbladet)

Helsinkis Fourth Plinth


HELSINKI. Dieser Tage verändert sich das Stadtbild von Helsinki täglich. In erster Linie sind nicht künstlerische Interventionen, sondern das Wetter dafür verantwortlich. Die Schneehaufen, die die Straßenränder säumen, werden weil die Temperaturen immer länger die Nullgrangrenze übersteigen allmählich kleiner. Immerhin: Während der vergangenen rund zehn Tage trug auch die Kunst dazu bei den öffentlichen Raum anders aussehen zu lassen als sonst. Wie schon erwähnt, gastierte die dänische Künstlergruppe Superflex in Helsinki. Als Künstler der 2011er-Ausgabe des IHME-Festivals waren sie gekommen und sorgten für viel Freude. Denn Superflex ließ eines der meistgehassten Gebäude der finnischen Hauptstadt zerfallen – Alvar Aaltos Unternehmenssitz für Stora Enso (1961). Inmitten des historischen Zentrums war und ist vielen Bewohnern das Haus ein Schandfleck. Der Niedergang des Gebäudes allerdings geschah nur in einer Videoprojektion auf einer auf dem Marktplatz aufgestellten Leinwand, dahinter war für jeden zu sehen: Aaltos Bau steht weiterhin. Der Firmensitz zerfiel nur in einer 240-stündigen Videoanimation.

Das Gezeigte ist auch eine Allegorie auf den Kapitalismus und was mit diesem und damit unserer Gesellschaft passiert, wenn gedankenlos und völlig passiv agiert wird. Es ist keine klischeehafte platte Anklage an das böse System Kapitalismus, sondern vielmehr eine Aufforderung daran, aus diesem Wirtschaftssystem, das wie die Demokratie die Verantwortung bei den einzelnen Menschen belässt, das Beste zu machen.

Das auf private Initiative zurückgehende IHME-Festival setzt viel daran, sich an ein breites Publikum zu wenden. Das wird in erster Linie durch die Platzierung der Werke im öffentlichen Raum getan und auch dadurch Kunst in Auftrag zu geben, mit der leicht etwas anzufangen ist – insofern vergleichbar mit dem Fourth Plinth in London. Dort werden Künstler gebeten, den leer gebliebenen vierten Sockel auf dem Trafalgar Square zu bespielen. Der Erfolg ist umwerfend, denn das Interesse der Allgemeinheit riesig. Bleibt zu hoffen, dass es Finnland gelingt mit IHME  ähnliche Effekte zu erzielen. Das Potenzial jedenfalls ist da. Wie unten bereits erwähnt schrieb ich für The Art Newspaper einen Vorbericht zu der diesjährigen Aktion, für art habe ich mir einen Teil des Films angeschaut und eine Podiumsdiskussion mit u.a. Jennifer Allen und Daniel Birnbaum angehört. Der Bericht zu Kunstaktion und Diskussion ist hier online zu lesen.

Aufstieg und (Ver)fall des…


HELSINKI. Die dänische Künstlergruppe Superflex hat schon einen Mc Donalds geflutet und Lampen des dänischen Designers Poul Henningsen aus Getränkedosen nachgebaut, nun widmet sie sich erneut einer Ikone. Als Festivalkünstler des vor zwei Jahren ins Leben gerufenen IHME Festivals wird die Gruppe im Zentrum von Helsinki eine 40 m² große LED-Leinwand in Betrieb nehmen. (Leider gibt es Probleme mit WordPress auf meinem Mobiltelefon, deshalb fehlt hier jetzt das Foto, das ich vor zwei Stunden dort gemacht habe). Animiert zeigen sie, wie eine der bekanntesten Bauten der finnischen Hauptstadt langsam zerfällt – der von Alvar Aalto entworfene Firmensitz von Stora Enso, eines von Finnlands größten Unternehmen. Der Film zeigt, was mit Architektur geschieht, wenn wir uns nicht um sie kümmern.

Doch ist es, weil es sich bei Stora Enso um eines von Finlands bekanntesten Industrie-Ikonen handelt, nicht zugleich eine Allegorie auf den Kapitalismus und was geschieht, wenn sich die Gesellschaft nicht um diesen kümmert?

 
Halb zerfallen erinnert das Gebäude übrigens an die Ruine des Palastes der Republik in Berlin.

Der Film dauert zehn Tage (damit ist er angeblich der längste je gezeigte) und wird am Stück rund um die Uhr auf dem Marktplatz von Helsinki aufgeführt – direkt vor dem Aalto-Bau.

Teil des Festivals sind weitere Screenings von u.a. Yoko Ono sowie eine Podiumsdiskussion mit Daniel Birnbaum, Jennifer Allen und anderen – Thema: How do we talk about art?

Für die britische The Art Newspaper habe ich bereits eine Preview geschrieben, hier zu lesen. Heute morgen habe ich mir die Arbeit ein erstes Mal (aber eben leider nur einen Ausschnitt aus dem Film) angeschaut – mehr, wenn ich etwas mehr Zeit habe, spätestens nach Rückkehr kommende Woche.

Die Schlechten lernen Deutsch, dafür aber gut


HELSINKI. „Sie sind Deutsche?“, fragte der Taxifahrer kaum, dass wir im Fonds ein paar Worte in unserer Muttersprache gewechselt hatten. Und in eben jener Sprache stellte er auch die Frage. Schwedisch und Französisch ginge auch gut, sagte er und bewies es auch gleich. Auf Englisch hatten wir anfangs mit ihm gesprochen. Seit ich vor neun Jahren das erste Mal in Helsinki war,  bin ich von der Vielsprachigkeit  vieler Finnen beeindruckt. Unser Taxifahrer erklärte uns gleich in recht gutem Deutsch, warum er denn unsere Muttersprache so gut kann. „Ich war damals schlecht in der Schule und die Guten durften zuerst die Fremdsprache wählen.“ Damals  wählten alle Guten Englisch und erst als nächste Sprache Deutsch oder eine andere. Für die schlechteren wie ihn blieb deshalb nur Platz im Deutschkurs – sein Glück.  Der Taxifahrer hatte deshalb Deutsch als das, was er „lange Sprache“ nennt, lernet es also viele Jahre im Gegensatz zu Englisch, das er erst ein paar Jahre später zu lernen begann und deshalb weniger Schuljahre im Unterricht hatte. „Um Deutsch wirklich zu lernen, braucht es aber mehr Jahre als für das Englische, deshalb habe ich als Schlechter die Möglichkeit bekommen besser Deutsch zu lernen als viele Gute“, so unser Taxifahrer. Dass sein Englisch dennoch recht passabel ist, hatte er bewiesen bevor er ins Deutsche wechselte. Sein Schwedisch konnte ich ebenfalls für gut befinden, noch mehr Kostproben gab er vom Französischen. Es klang gut, aber wie gut es wirklich war, mag ich nicht zu beurteilen. Französisch hatte ich nämlich nicht als „lange Sprache“, sondern nur zwei Jahre. Vielleicht hätte ich damals in der Schule schlechter sein sollen, dann wäre mein Französisch jetzt womöglich so gut wie mein Schwedisch.