Wenn der Ölreichtum in unberührter Natur liegt


KOPENHAGEN. Dass Norwegen eines der größten Ölvorräte besitzt, ist nicht Neues. Neu ist auch nicht der Streit darum, inwieweit in der bislang unberührten Natur gebohrt werden darf. Weil einmal gestartete Bohrungen einen extrem starken Eingriff in die Natur bedeuten und es leichter machen, für weitere Extraktionen zu argumentieren (schließlich ist die Natur dann eben nicht mehr so unberührt), ist es enorm wichtig, beständig über derartige Pläne zu diskutieren und zu berichten.

Aktuell war Kollegin Jana Sinram für Deutschlandradio auf den Lofoten – hier kann ihr Bericht nachgelesen werden. Sinram verbringt gerade zwei Monate beim öffentlich-rechtlichen Radio NRK in Tromsø und wird dabei durch ein Stipendium der Internationalen Journalisten-Programme IJP unterstützt. Ich selber habe vor etlichen Jahren einen entsprechenden Aufenthalt auf Island mitgemacht (und bin seit ein paar Jahren als Co-Koordiniator des Deutsch-Nordeuropäischen Programms ehrenamtlich tätig).

Sinram hat in einem anderen Beitrag darauf verwiesen, dass die Diskussion um die Lofoten keine Neue ist und verlinkte dabei auf diesen Beitrag von mir bei Zeit online vor sieben Jahren.

Über die aktuelle Vergabe von Bohrrechten in arktischen norwegischen Gewässern hier eine AFP-Meldung aus The Guardian. Dass arktische Bohrungen nicht nur dort, sondern auch vor Alaska ein Thema sind zeigt der obige Videoclip von ABC-News.

Edvard Munch Preis 2.0 an Camille Henrot


Edvard Munch Art Award - Munch's Madonna
Edvard Munch Art Award – Munchs Madonna (Foto: Munch Museum)

KOPENHAGEN. Wie kürzlich hier (und von mir in The Art Newspaper) berichtet, wird neuerdings der Edvard Munch Preis (The Edvard Munch Art Award) vergeben – nachdem ein früherer Versuch einen Edvard Munch Preis zu verliehen mehr oder weniger gescheitert war.

Kurzes Update: Der diesjährige Preis geht an die franzöische Künstlerin Camille Henrot. Die Preisverleihung wird am 12. Dezember – Munchs Geburtstag – in Oslo stattfinden und danach alle zwei Jahre wieder.

Edvard Munch Art Award - Preisträgerin Camille Henrot (Foto: Munch Museum)
Edvard Munch Art Award – Preisträgerin Camille Henrot (Foto: Munch Museum)

Von Kohle, Klimaforschung und kognitiver Dissonanz

Blick aus dem Flieger von Oslo nach Spitzbergen Juni 2015 (Foto: Bomsdorf)

LONGYEARBYEN / NY ÅLESUND / FRANKFURT. Noch einmal Spitzbergen. Meine diesjährige Reise dorthin ist schon ein wenig her, doch ist die Region wegen des Klimagipfels in Paris wieder so aktuell geworden, dass Zeit online meinen Bericht aus Spitzbergen soeben veröffentlicht hat.

Worum geht es? Mit Unterstützung der norwegischen Regierung untersuchen hunderte von internationalen Forschern auf Spitzbergen den Klimawandel (hier dazu ein früherer Blogeintrag von mir und hier mein entsprechender Text in Das Parlament von Oktober). Gleichzeitig subventioniert die norwegische Regierung massiv den dortigen Abbau vom Kohle während es andernorts gegen diesen Klimakiller argumentiert – und erinnert uns damit an unser aller Doppelmoral.
Damit  darüber berichtet werden kann, wie im äußersten Norden Europas der Klimawandel sichtbar ist und untersucht wird, muss auch erstmal tüchtig zur Erderwärmung beigetragen werden.

Es muss einer der imposantesten Flugrouten der Erde sein. Wenn freie Sicht herrscht, sind aus dem Kabinenfenster des Jets riesige Schneelandschaften oder der dunkelblaue Nordatlantik zu sehen. Manchmal gar beides.

Blick aus dem Flieger von Oslo nach Spitzbergen Juni 2015 (Foto: Bomsdorf)
Blick aus dem Flieger von Oslo nach Spitzbergen Juni 2015 (Foto: Bomsdorf)

Doch die gute Aussicht hat ihren Preis: Um mit dem Flieger nach Spitzbergen – immerhin 2000 Kilometer nördlich von Oslo und nur noch rund 1300 Kilometer vom Nordpol entfernt – und zurück zu reisen und dort internationale Klimaforscher zu treffen, wird pro Person laut Emissionsrechner MyClimate ab Berlin über eine Tonne CO2 ausgestoßen. Das ist mehr als die Hälfte des akzeptablen Jahresverbrauchs. Ziel der Reise: UNIS, das Universitätszentrum Spitzbergen, in Longyearbyen sowie Kingsbay, die internationale Forschungsstation eine halbe Flugstunde weiter nördlich. „Hier oben ist ein guter Ort, um Auswirkungen des Klimawandels zu studieren“, so Kim Holmén, internationaler Direktor des Norwegischen Polarinstituts.

Bildschirmfoto 2015-10-14 um 00.08.36Blick vom AWI in Ny Ålesund, Juni 2015. (Foto: Bomsdorf)

Dass Forscher, Politiker und Journalisten, die sich mit dem Klimawandel beschäftigen, wohl oder übel fliegen müssen, um ans Ende der Welt zu kommen und die Konsequenzen menschlichen Konsums zu untersuchen, zu diskutieren und zu beschreiben, mag noch einleuchten. Schließlich ist das Aufklärung in unser aller Interesse. Oder ist das nur eine schlechte Entschuldigung? Wo hört die Notwendigkeit auf? Kognitive Dissonanz nennen Psychologen es, wenn man wider besseren Wissens und gegen seine Überzeugungen handelt.

Dass jegliche Form von CO2-Ausstoß schlecht fürs Klima ist, ist seit langem bekannt. Ebenso, dass Fliegen besonders schädlich ist. Genauso wie die Stromerzeugung mittels Kohle, die deswegen häufig als „Klimakiller Nummer 1“ bezeichnet wird.

Dennoch lässt der norwegische Staat sich nicht nehmen, auf Spitzbergen die Klimaforschung und die Erderwärmung gleichermaßen zu unterstützen. Die Regierung fördert nämlich nicht nur die internationale Forscherbasis in Ny Ålesund, sondern subventioniert auch den Kohlebergbau auf der Inselgruppe. „Das ist ein Paradox, das wir wirklich nicht brauchen“, urteilt Lars Haltbrekken, Chef von Naturvernforbundet, dem norwegischen Pendant zum Bund für Umwelt- und Naturschutz, der sie Jahrzehnten gegen Kolhleabbau auf Spitzbergen kämpft. „Und eine ziemliche Doppelmoral ist, dass Norwegen international gegen die Kohle kämpft, aber auf Spitzbergen selber welche gewinnt“, sagt Haltbrekken. So hat der norwegische Staatsfonds erst in diesem Jahr beschlossen, nicht mehr in Unternehmen, die sich zu stark in Kohle engagieren, zu investieren. „Das war ein großer Sieg. Dass wir den Rohstoff aber selber weiter nutzen, zeigt, dass es viel einfacher ist, anderen zu sagen, was sie ändern sollen, als selber etwas zu tun“, sagt Haltbrekken.

Mehr steht in meinem Artikel für Zeit online.

Auf ein Neues mit Edvard Munch und Carolyn Christov-Bakargiev


OSLO. Nachdem der ursprüngliche Edvard Munch Preis vor einiger Zeit einfach so von einem aufs andere Jahr nicht mehr vergeben wurde (was Munch-Experten wie Dieter Buchhart im Interview mit mir für The Art Newspaper kritisiert haben, die Geschichte ist aber leider nicht online zu lesen), hat das Munch Museum einen neuen Munch-Preis etabliert (meine Nachricht bei The Art Newspaper dazu hier).

Die Fehler des Office for Contemporary Art (OCA)  sollen nicht wiederholt werden, deshalb hat Museumsdirektor Stein Olav Henrichsen die Finanzierung des Preises bereits für die kommenden zehn Jahre gesichert. Die erste Preisverleihung findet am 11. Dezember 2015 – dem Vorabend von Munchs Geburtstag – in Oslo statt und der Preis wird fortan alle zwei Jahre vergeben werden. Der Preis ist mit rund 50 000 Euro und einer Ausstellung im Munch Museum dotiert. Geehrt werden zeitgenössische Künstler.

Nach einer Reise noch Oslo und dem Besuch der dortigen Vigeland+Munch-Ausstellung kann ich hier auch die Jury bekannt geben. Dieser gehören an: Alfred Pacquementc (Vorsitz), Carolyn Christov-Bakargiev (als vormalige documenta-Chefin wohl die Bekannteste in der Jury), Robert Storr, Hou Hanru und Solveig Øvstebø.

Der vorherige Munch-Preis hatte trotz Ambitionen und Ansiedelung bei OCA, das auch für den norwegischen Beitrag auf der Venedig Biennale verantwortlich ist, international wenig Aufmerksamkeit erlangt. Entscheidend ist den Preis langfristig zu etablieren (das hat Henrichsen bereits geschafft – s.o.), die Frage aber, ob ein Preis mehr dem Verleiher oder Geehrten mehr nutzt, wird bleiben.

In Norwegen ganz oben


Bildschirmfoto 2015-10-14 um 00.08.36
Blick vom AWI in Ny Ålesund, Juni 2015. (Foto: Bomsdorf)

LONGYEARBYEN / NY ÅLESUND. Dieser Beitrag hat etwas auf sich warten lassen müssen. Vielleicht lag es daran, dass erst einmal die Nachwirkungen der beeindruckenden schneebedeckten Natur unter der Mitternachtssonne Nahe des Nordpols abklingen müssen. Anfang Juni entstand das obige Bild mit Blick vom Dach der AWI-Forschungsstation auf Spitzbergen.

Auf der riesigen, zu Norwegen gehörenden Inselgruppe erforschen sie nicht nur den Klimawandel, dieser ist dort auch besonders sichtbar- auch wenn es für den Laien scheint, als sei im hohen Norden Europas alles in Ordnung. Schließlich sind die Berge auch im Sommer schneebedeckt und damit sieht es auch im Sommer so winterlich aus, wie es von arktischen Gefilden erwartet wird.

Doch der Klimawandel ist Realität, betont Kim Holmén, internationaler Direktor des Norwegischen Polarinstituts, das in Longyearbyen angesiedelt ist.

Mit seinem Rauschebart und der bequemen Kleidung sieht der schwedische Forscher aus wie die Idealbesetzung für einen Mann in dieser Position. Ob bewusst oder unbewusst – auch äußerlich signalisiert er: Hier geht es nicht um smartes Marketing, sondern um die Natur.

Geduldig erklärt Holmén seit Jahren immer wieder Journalisten, Politikern und anderen Forschern (siehe dazu auch mein Artikel in Das Parlament), was sich um den Nordpol herum tut, vor allem zwischen dem 74. und 81. Grad nördlicher Breite und dem 10. und 35. Östlicher Länge – nämlich auf Spitzbergen.

Klimaforscher Kim Holmén, Spitzbergen Juni 2015
Klimaforscher Kim Holmén, Spitzbergen Juni 2015 (Foto: Bomsdorf)

„In der arktischen Region passiert viel und Spitzbergen ist der richtige Ort, um das alles zu sehen“, sagt Holmén. Vor zwei Jahren rechneten Forscher in PNAS, der Zeitschrift der Nationalen Akademie der Wissenschaft in den USA, vor, dass die Arktis in rund 30 Jahren jedes Jahr eine gewisse Zeit eisfrei sein könnte.

In Ny Ålesund auf Spitzbergen arbeiten hunderte Forscher aus diversen Nationen. Sie beobachten den Rückgang der Gletscher, messen Temperatur und andere Wetterdaten und den Ozongehalt. Das deutsche Alfred-Wegener-Institut (AWI) registriert täglich die Temperatur in zwei Metern Höhe und schickt Wetterballons in die Luft. „Wir messen seit 1993 am Boden und haben festgestellt, dass die Durchschnittstemperatur pro Jahrzehnt um 1,3 Grad gestiegen ist, im Winter sogar um mehr als drei Grad“, sagt Marion Maturilli, Klimawissenschaftlerin am AWI. Ältere norwegische Messungen zeigen, dass es auch in den 1930er-Jahren wärmere Perioden gegeben hat. „Aber dieser Anstieg übertrifft diese. Das deutet auf Klimaveränderungen hin“, urteilt die Forscherin.

Norwegen hat die Bedrohung erkannt und gehört zur so genannten Green Growth Group der besonders ambitionierten europäischer Länder beim Kampf gegen die Erderwärmung. Der norwegische Strom wird überwiegend aus Wasserkraft gewonnen. Und der Staatsfonds, der größte der Welt, darf nicht länger in klimaschädliche Unternehmungen investieren. Doch die Klimapolitik Oslos ist ein Paradox: Denn das Land ist nach wie vor einer der größten Ölexporteure weltweit. Und auf Spitzbergen wird weiter Kohle gefördert.

Besessen von der ehemaligen Besatzungsmacht


KOPENHAGEN. Deutsche Truppen auf dänischem Boden – am heutigen 9. April ist es 75 Jahre her, dass Dänemark vom nationalsozialistischen Deutschland besetzt wurde. Die dänischen Medien nehmen das zum Anlass über die historische Bedeutung des Datums, das zu Dänemarks Historie gehört wie 1864 (die Niederlage auf den Düppeler Schanzen) und 1992 (der Sieg über Deutschland im Finale der Fußball-EM), zu diskutieren.

Schon ein paar Tage zuvor verkündete der öffentlich-rechtliche Sender DR, dass die Dänen die Deutschen nun lieben würden. Das war das Ergebnis einer aktuellen Umfrage kurz vor dem 75. Jahrestag. In der Tat ist die Deutschland- oder besser gesagt Berlin-Begeisterung seit einigen Jahren groß.

Viele Dänen haben eine Zweitwohnung in der deutschen Hauptstadt oder reisen dort zumindest ständig hin, in Kopenhagen ist es cool Deutsch zu sprechen und Läden und Bars mit deutschen Namen zu versehen. Darüber habe ich schon vor ein paar Jahren für Die Welt geschrieben und vor kurzem griff auch die dpa das Thema auf.

Am 9. April 1940 hat Deutschland auch Norwegen angegriffen. Vor fünf Jahren, zum 70. Jahrestag, stellte Randi Thomessen in ihrer Galerie Lautom den Künstler Victor Lind aus, der sich intensiv mit der Zeit Norwegens unter den Nazis auseinandersetzte und Widerständler sowie Unterstützer in der Ausstellung „Red, yellow and blue – til Gartneren“ thematisierte. Hier mein damaliger Artikel.

Last Christmas? Nein, Weihnachten 1927 bei Disney


Empty Socks Film (Foto: Martin Weiss/Nasjonalbiblioteket)
Empty Socks Film (Foto: Martin Weiss/Nasjonalbiblioteket)

KOPENHAGEN. Weihnachtsgeschichten gehören besonders für Kinder zum Dezember, Weihnachtsfilme ebenso und viele davon dürften auch heutzutage noch von Walt Disney sein. Der allererste Disney-Weihnachtsfilm heißt „Empty Socks“ und galt bis auf einen gaaaanz kurzen Schnipsel im Besitze des Museum of Modern Art in New York bislang als verschollen. Doch in diesem Jahr wurde eine fast komplette Kopie in Norwegen identifiziert – passenderweise ganz nah am Polarkreis, im Archiv der Norwegischen Nationalbibliothek in Mo i Rana. Hauptperson des Clips ist Oswald der lustige Hase (Oswald the Lucky Rabbit), ein Vorläufer von Micky Maus.

Aus der Entdeckungsgeschichte könnte man sicher eine schön kitschige Weihnachtsreportage machen. Vom Archivar Kjetil Kvale Sørenssen, der lange Polarnächte im dunklen Archiv in Mo i Rana verbringt und dort auf namenlose Filmrollen stößt, die der amerikanische Comic-Historiker David Gersteiner schließlich als Disneys ersten Weihnachtsfilm (von 1927!) erkennt.

Diese Weihnachtsgeschichte kann sich jetzt jeder ausmalen, die Fakten gibt es in meinem Artikel für The Art Newspaper (dort habe ich auch den Inhalt des lustig-anarchischen Films zusammengefasst). Den Film gibt es heute in der Nationalbibliothek in Oslo zu sehen.

Albertine oder vom Missgeschick der Tugendwächter


Kopie und Studien zu Christian Krohgs "Albertine im Wartezimmer des Polizeiarztes" im Kunstverein Gammel Strand, Kopenhagen
Kopie und Studien zu Christian Krohgs „Albertine im Wartezimmer des Polizeiarztes“ im Kunstverein Gammel Strand, Kopenhagen

KOPENHAGEN. Sex sells, das ist nicht neu. Doch so viel Prostituierte im Kunstverein Gammel Strand in Kopenhagen derzeit auch zu sehen sind, expliziter Sex wird nirgends dargestellt. Warum auch.

Dennoch hat der norwegische Maler Christian Krohg (1852-1925) vor über hundert Jahren mit seiner Darstellung von Prostituierten für einen Skandal gesorgt. Die Zensur war schnell zur Stelle als er „Albertine“ publik machte.

„Albertine“ so heißt die Näherin, die zur Prostituierten wurde und von Staat und Gesellschaft verachtet wurde, und deren Geschichte Krohg erzählt.

Doch weniger als das gemalte „Albertine“-Bild sorgte der gleichnamige Roman von Krohg für einen Skandal. Dabei hatte er nichts anderes getan als die Lebenswirklichkeit in seiner Heimatstadt darzustellen. Dort war Prostitution nämlich verboten, gleichzeitig durften die Prostituierten sich nicht zu jeder Zeit frei auf der Straße bewegen und mußten sich regelmäßig beim Polizeiarzt melden und über etwaige Geschlechtskrankheiten Buch führen. Diese Dokumente wurden so gut aufbewahrt, dass viele davon noch in Oslo im historischen Archiv zugänglich sind.

Nachdem die Prostituierten in der norwegischen Hauptstadt Oslo sogar Teile der Fußgängerzone bevölkerten, ist Norwegen vor einigen Jahren dem Beispiel Schweden gefolgt und hat den Kauf sexueller Dienstleistungen unter Strafe gestellt. Anders als zu Krohgs Zeiten soll nicht die Prostituierte, sondern der Freier bestraft werden.

Krohgs Bilder sind ein guter Anlaß darüber nachzudenken, wie manche Probleme über Jahrhunderte verschleppt werden und inwieweit der Staat mit Gesetzen möglicherweise zu Stigmatisierungen beiträgt. Krohg sah die Prostituierten nicht als Muse der Männer wie es andere Künstler taten, sondern als Opfer – der Gesellschaft, der Männer und von Polizeibeamten. Er schrieb und malte nicht nur Alltagsszenen aus deren Leben, sondern heuerte sie auch als Modelle an und zwar um die rauhe Seite von deren Lebenswirklichkeit zu zeigen.

Gleichzeitig strahlen die Frauen häufig jene Würde aus, die auch der schwedische Maler Anders Zorn (1860-1920) seinen Modellen gab – gleich welcher Herkunft.

Wer je in der Osloer Nationalgalerie war, dürfte das in Lebensgröße gemalte Porträt von Albertine und den anderen Prostituierten gesehen haben. Lange hing es unübersehbar im Treppenhaus, nun ist es in einen Saal umgezogen worden. So sollen Besucher viel mehr den Eindruck haben, der Szenerie auf Augenhöhe zu begegnen und ein Teil davon zu werden.

Weil das Gemälde nicht ausgeliehen wird, ist in Kopenhagen nur eine Kopie zu sehen. Glücklicherweise beging man im Kunstverein Gammel Strand nicht den Fehler und präsentierte eine gerahmte Kopie auf Leinwand. Zwar hätten viele so womöglich den Eindruck bekommen, es handle sich um das Original, doch das Motiv direkt auf die Wand aufzutragen, ist ehrlicher und würdigt den Malprozess. Daneben sind zwei kleine Studien zu sehen. Sie zeigen das Krohg ein Foto als Vorlage erstellte. Echte Prostituierte stellten sich als Modelle zur Verfügung, während der Maler die Rolle des Polizeiarztes übernahm.

Mehrfach gemalt hat er auch seine (spätere) Frau Oda. Mit in die Hüften gestemmten Händen lächelt sie selbstbewusst auch auf dem Katalog. In gleicher Kleidung und Positur ist sie von ihm ein paar Jahre später nochmals gemalt worden. Der Katalog zeigt, dass Oda eindeutig in derselben Positur auch in einer Arbeit Edvard Munchs (Kristiania Boheme II, 1895) auftaucht. Hier steht sie im Hintergrund am Ende eines Tisches, an dem rauchende und trinkende Männer sitzen. Während Krohg sine Lebenspartnerin als anpackende, fröhliche Frau zeigt, stellt Munch (1863-1944) sie als Femme Fatale dar. Da ist es, das bohemische Kristiania (heute Oslo), das der Ausstellung den Titel gab.

„Christian Krohg – Tiden omkring Kristiania Bohemen“, kuratiert von Anne Kielgast, Gl Strand und Vibeke Waallann Hansen, Norwegisches Nationalmuseum, ist noch bis 1. Juni 2014 zu sehen in Kunstforening Gammel Strand in Kopenhagen.

Lars von Triers Nymphomaniac, Henrik Ibsens Nora oder im Körper von Charlotte Gainsbourg, Stacy Martin, Joe und Elvira Friis


Elvira Friis (Foto: Lasse Egeberg)
Elvira Friis (Foto: Lasse Egeberg)

KOPENHAGEN. Im Kino gewesen. Auf der Leinwand gesehen wie Charlotte Gainsbourg sich auspeitschen lässt. In einer anderen Szene hat sie Sex mit Shia LaBeouf, der später mit Mia Goth schlafen wird – aber erst nachdem sie mit Gainsbourg im Bett war.

„Nymphomaniac“, der neue Film von Lars von Trier, hat jede Menge Sex-Szenen. Kaum ein Charakter, gespielt von oben genannten Schauspielern und anderen wie Stellan Skarsgård und Sophie Kennedy Clark, der mehr als ein paar Minuten auftaucht, hat nicht irgendwann in dem Vierstundenfilm Sex.

Eine ersten Blick habe ich für The Wall Street Journal‘s Speakeasy schon im Dezember auf „Nymphomaniac“ geworfen, der Kurztext (auf Englisch) steht hier, unten eine ausführlichere deutsche Fassung. In den vielen mehr oder weniger expliziten Szenen sind die Körper der internationalen Stars durch Double ersetzt, die ähnlich Stuntmen dort einspringen, wo die Berühmtheit nicht mag. Über Elvira Friis, das dänische Körperdouble von Stacy Martin und Charlotte Gainsbourg, gibt es hier meinen Text bei The Wall Street Journal.

Monate-, wenn nicht jahrelang haben die Medien verrückt gespielt wenn es um den „Filmporno“, das „Sex-Epos“, den „Sexfilm“ oder das „Porno-Drama“ ging.

Allerdings, nach Besuch einer der ersten vorab Filmvorführungen in Kopenhagen, weiß man: „Nymphomaniac“ wegen der Sex-Szenen zum Porno zu küren wäre wie „On the road“ der Kategorie Action zu zuordnen, nur weil Autofahren ein essentieller Part ist.

Natürlich geht es in dem Film um Sex; unter anderem. Sex ist Teil der Handlung, aber nicht alles.

In einem klassischen Pornofilm gibt es die Handlung, die alle Szenen verbindet, vermutlich nur, um dem Zuschauer auch einmal eine Pause zu gönnen.

„Nymphomaniac“ dagegen zeigt, wie die Hauptperson Joe (in ihren jungen Jahren gespielt von Stacy Martin, im Alter von Charlotte Gainsbourg) versucht, zwischen dem ganzen Sex nicht zu lange Pausen zu haben.

Anfangs streunt die junge Joe zusammen mit ihrer Freundin B. (Sophie Kennedy Clark) in einem Zug umher und jagt die Männer in den Abteilen mit ihren Blicken. Die zwei Mädchen haben einen recht ausgefallenen Wettbewerb: Diejenige, die während der Zugfahrt am meisten Männer erlegt, gewinnt eine Tüte Schokoladenbonbons.

Es wird nur angedeutet oder in Soft-Porn-Versionen gezeigt, wie Joe ihre Männer niederstreckt, wie sie durch ein Fellatio gewinnt, ist hingegen komplett zu sehen. Allerdings recht kurz.

Den Zuschauer zu erregen ist die Kernidee eines traditionellen Pornofilmes, aber wie von Trier in „Nymphomaniac“ den Geschlechtsakt zeigt und in welcher Kürze, deutet darauf hin, dass er dem Zuschauer nicht einmal die Möglichkeit geben möchte, erregt zu werden.

Statt langsam und gefühlvoll oder zumindest mit erotischen Bildern sich dem Höhepunkt zu nähern, zeigt von Trier Sex als einen mechanischen Akt. In manchen Szenen sind Nummern eingeblendet, die zählen, wie oft der Mann auf der Leinwand Joe stößt – das unterstreicht wie wenige Emotionen involviert sind.

B. entdeckt kurz nach der Zugfahrt für sich, dass Liebe Sex noch genussreicher machte – und taucht dann nicht mehr in dem Film auf. Joe jagt weiter.

Sie kommt nie zur Ruhe. Während in einem klassischen Porno Sex zumindest dem Anschein nach, die Menschen glücklich macht, ist dies für die Nymphomanin nicht der Fall.

Joe wirkt nie glücklich, sondern stets einsam und auf beinahe romantische Art auf der Suche. Sex scheint sie nicht länger als für die Dauer des Aktes zu befriedigen.

Dreimal ist sie nah dran, ihren Wunsch erfüllt zu bekommen, aber jedes Mal entfaltet der Sex-Drang zerstörerische Kraft. In „Nymphomaniac“ sind Menschen nur glücklich und friedlich, wenn sie keine sexuellen Begierden haben – wie der Buch-Liebhaber Seligman, dem Joe ihre Geschichte erzählt, und vielleicht auch zeitweilig ihre Partner Jerome und Mia.

Von Trier zeigt, dass Sex-Lust menschlich ist, aber auch, dass sie dazu führen kann, dass die Menschen sich unmenschlich verhalten, ihr Kind verlassen und dessen Tod riskieren oder den einzigen wirklichen Freund verletzen. Traditionelle Porno-Filme klammern so etwas aus und fokussieren darauf, wie erfüllend Sex sein kann. Dunkle Seiten haben dann keine wirklichen negativen Auswirkungen, sondern sind nur luststeigernd.

Trotz allem, ist „Nymphomaniac“ einer der leichteren, unterhaltsameren, phasenweise lustigen Filme von Triers. So sollte das Ende auch nicht allzu düster gesehen werden, auch wenn wie in anderen Filmen des dänischen Regisseurs, „Antichrist“, „Dogville“ oder „The Kingdom“ etwa, alles gegen Ende hin immer schlimmer wird.

Die letzte „Nymphomaniac“-Szene ist eine radikale Version von Ibsens Schauspiel „Nora“.

Während Nora sich selbst befreit und mit dem Stigma ihre Ehe zerstört zu haben, gehen kann, ist der Preis den Joe zahlt, erheblich höher.

Nachdem die Lust sie jahrelang verfolgt hat, trägt sie eine andere Bürde und der Film endet mit einer Ambiguität, wie sie dem klassischen Porno-Genre unbekannt ist.