Frauke Petrys Blaue Zukunft gibt es schon – in Finnland


Farbenspiele im winterlichen Helsinki (Foto: Bomsdorf)
Farbenspiele im winterlichen Helsinki (Foto: Bomsdorf)

BERLIN. Frauke Petry verlässt die AfD und gründet angeblich eine neue Partei mit „blau“ im Namen. Schon ihr Vorwurf an die neuen Chefs (wenn man Gauland, Weidel so bezeichnen mag), dass sie ihr zu rechts geworden seien, erinnert sehr an Finnland. Nun also auch der Name.

In Finnland wählten die Wahren Finnen (auch Basisfinnen genannt) mit Jussi Halla-aho im Juni 2017 einen neuen Parteivorsitzenden, der seinem Vorgänger, Außenminister Timo Soini, zu rechts wahr und zwar so viel, dass er die Partei verließ und damit die Regierung rettete. Soini hat dann die Blaue Zukunft gegründet. Die Abspaltung ist in gewisser Weise mit der von Petry zu vergleichen, einmal war es der frühere Vorsitzende, der in der Regierung war, einmal die amtierende Vorsitzende, die samt ihrer Partei erstmals in das nationale Parlament kam.

Der Blauen Zukunft werden weniger als 2% der Wählerstimmen vorausgesagt während sich die Wahren Finnen noch bei mehr als 10% halten. Womöglich wird Petrys Neugründung auch dieses Schicksal blühen. Einen Artikel von mir zu Dänischen Alternativen für Deutschland gibt es hier.

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Guggenheim Helsinki endgültig gescheitert


Ganz ohne Guggenheim - Eingang zur Architektur-Biennale 2016 (Foto: Bomsdorf)
Ganz ohne Guggenheim – Eingang zur Architektur-Biennale 2016 (Foto: Bomsdorf)

VENEDIG. Das Timing hätte kaum besser sein können: Nur wenige Tage nachdem die diesjährige Architektur Biennale in Venedig schloss, hat sich die Stadt Helsinki endgültig gegen ein Guggenheim Museum entschieden.

Bei meinem ersten Besuch der Architektur Biennale in Venedig vor zwei Jahren führte ich im amerikanischen Pavillon Interviews zu den Plänen für ein Guggenheim Museum in Helsinki. Die Kuratoren des US Beitrags hatten sich selber mit einem leicht scherzhaft gemeinten Entwurf für den Bau des Hauses beworben und sahen den Plan in Finnland eine Filiale des New Yorker Hauses zu etablieren, ziemlich kritisch (ausführlich zu lesen in der FAZ vom 2.12.2014, veröffentlich auch hier in meinem torial-Portfolio;eine Zusammenfassung im Blog).

Seither hat sich viel getan; und auch wieder nicht. Denn obwohl es auch politisch viel Ablehnung für das Projekt gab, versuchte Guggenheim immer wieder Politik und Bevölkerung doch noch für das Haus zu gewinnen. Erst vor wenigen Wochen wurde ein revidierter Vorschlag veröffentlicht. Mit der Ablehnung durch die Stadt Helsinki vorgestern (30.11.2016) ist das Projekt nun aber wohl endgültig gescheitert. Eine nachträgliche Analyse dürfte dennoch lohnend sein – einerseits, um zu sehen, wie eine große Stiftung in einem kleinen, an private Initiativen nicht so gewohntes Land auf Ablehnung stoßen kann und auch, um das Prinzip Guggenheim/Economic Hit Man besser zu verstehen. Mein oben erwähnter FAZ-Artikel ist dafür ein guter Start (hier ein weiterer Text von mir zum Thema für art).

Guggenheim – der Economic Hit Man der Kulturbranche?


Guggenheim Helsinki Finalist (Foto: Guggenheim)
Guggenheim Helsinki Finalist (Foto: Guggenheim)

KOPENHAGEN/VENEDIG. Die amerikanische Guggenheim Stiftung stellt sich gerne als der große, selbstlose Förderer der Kunst dar. Doch wenn in einer anderen Stadt ein Guggenheim Museum eröffnet werden soll, geht es vor allem um eins: Geld. Denn solch ein Haus verschenkt die Stiftung nicht. Stattdessen kassiert sie für Konzept, Programmgestaltung und Nutzung des Namens viele Millionen Euro. Im Gegenzug werden mehr Touristen und entsprechend steigende Einnahmen versprochen. Wer gemein sein will, sagt, die weltberühmte amerikanische Institution zwinge Städten ihr Konzept nahezu auf und nehme diese aus – in etwa so wie es Economic Hit Men mit Entwicklungsländern machen.

OfficsUS vor dem Amerikanischen Pavillon in Venedig (Pressefoto von OfficeUS David Lundberg-Esto).
OfficsUS vor dem Amerikanischen Pavillon in Venedig (Pressefoto von OfficeUS David Lundberg-Esto).

Ein gutes Beispiel für die Methode Guggenheim bietet die Stadt Helsinki. Als dort 2012 der Plan für ein Guggenheim Museum wegen heftiger Kritik aus der lokalen Kulturszene von der Politik gestoppt wurde, gab die Stiftung nicht auf, sondern engagierte eine PR-Agentur. Mit Erfolg. In der finnischen Hauptstadt wurde ein Architekturwettbewerb für den Museumsneubau ins Leben gerufen – gesponsert von einer mächtigen örtlichen Stiftung. An dem nahmen auch die Vertreter der USA bei der diesjährigen Architektur Biennale in Venedig teil, wo ich sie traf und über deren Vorschlag für ein Guggenheim Helsinki interviewte (zu lesen in der FAZ). Doch auch die Gegner geben nicht auf. Sie wollen lieber ein Haus, dass innovative Kunst fördert und haben soeben ebenfalls einen internationalen Wettbewerb gestartet.

Der Streit in Helsinki ist exemplarisch dafür, wie umstritten die Methode Guggenheim ist. Es ist ein Kampf zwischen jenen, die Kultur vor allem als Standortmarketing sehen und jenen, denen es vor allem um Inhalte geht. In Finnland ist das vor allem die Organisation Checkpoint Helsinki.

Am 2. Dezember wurde die Shortlist des Architekturwettbewerbs präsentiert. Aus dem Anlass habe ich für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Vorgehensweise von Guggenheim und die Diskussion darüber und über das Projekt zusammengefasst. Den Artikel gibt es nur in der Printausgabe der FAZ, der Kauf sollte aber lohnen. Am Tag des Entscheids gab ich dem Deutschlandradio Kultur ein Interview zum selben Thema und mein Text für art (mit mehr zur Architektur der Finalisten) steht online.  Hintergründe liefert auch mein Artikel für The Art Newspaper im vergangenen Jahr. Nun bleibt abzuwarten, ob das Museum diesmal die Mehrheit der Politiker überzeugen kann.

EUROVISION Retrospektive


KOPENHAGEN. Der European Song Contest war bisher nie mein Thema, doch dieses Jahr fand der Wettbewerb direkt vor der Haustür statt und das Wall Street Journal war sehr interessiert. Also traf ich mich Freitag bis Sonntagfrüh mit zwei Kollegen in Malmö, um einen Blog und Stream zu betreiben. Dazu kam ein Artikel in der Print-Ausgabe. Der Stream ist weiterhin im Netz und hoffentlich auch im Nachhinein noch interessant. Hier geht’s lang.

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Island revisited 2


KOPENHAGEN. Was die Berichterstattung über die nordeuropäische Wirtschaft und vor allem das isländische Bankenwesen angeht, sind die Artikel von Kollegen Sebastian Balzter von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung immer sehr lesenswert. Aktuell widmet er sich im Leitartikel den isländischen Reformen und fragt, ob die isländische Kur ein Vorbild zur Krisenbewältigung sein kann. Zumindest zur Inspiration taugt die Politik des Inselstaats, so Balzter.

Vor zwei Wochen habe ich in Berlin eine Veranstaltung mit dem Ökonomen Professor Steinar Holden von der Universität Oslo und dem Politikwissenschaftler Dr. Tobias Etzold von der Stiftung Wissenschaft und Politik moderiert. Dort erwähnte Holden einen Aspekt der nordeuropäischen Bankenkrise der 1990er, der in der Diskussion der vergangenen Jahre leider untergegangen ist und ein wenig mit dem von Balzter geschilderten Fall Island vergleichbar ist. Es geht um staatliche Eingriffe und Sozialisation von Kosten. In Nordeuropa schalteten sich damals die Regierungen wie derzeit auch ein. Doch statt nur Geld zur Finanzierung zur Verfügung zu stellen, erwarben sie Anteile an den Banken und hatten damit durchs Bail out nicht einfach Verluste sozialisiert, sondern die Banken. Und damit die Gewinne aus einem späteren Verkauf nach Sanierung. Analog zu Balzters Denkanstoß dies ein zweiter aus dem hohen Norden.

Zu Island revisited 1 (und der Erklärung der Überschrift).

Premiere auf Estnisch


Sofi Oksanen auf einer Veranstaltung in der Galerie i8, Reykjavik, im Oktober 2010. (Foto: Bomsdorf)
Sofi Oksanen auf einer Veranstaltung in der Galerie i8, Reykjavik, im Oktober 2010. (Foto: Bomsdorf)

KOPENHAGEN. Wer sagt, dass allenfalls SM-(Shades of Grey) oder Fantasy-(Harry Potter)Literatur die Massen begeistern kann. Heute sind fast tausend Fans der jungen finnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen in Estlands Hauptstadt Tallinn gereist, um dort der Vorstellung ihres neuen Buches   „Kun kyyhkyset katosivat“ (Als die Tauben verschwanden) und der Filmpremiere von ihrem Bestseller „Fegefeuer“ beizuwohnen, berichtet Hufvudstadsbladet (wohl basierend auf einer Agenturmeldung). Doch damit nicht genug, gekommen sind auch zahlreiche Journalisten aus dem In- (womit wohl Estland und Finnland gemeint sind) und Ausland. Selbst das ist nicht genug: auch der estnische Kulturminister hat sein Kommen angekündigt. Was wiederum nicht reicht, deshalb kommt auch der Präsident Toomas Henrik Ilves.

Ihr neustes Buch habe ich natürlich noch nicht gelesen, aber wenn es an Fegefeuer herankommt, dass ich als Laie einmal als eine eigenständige Mischung aus Günter Grass und Herta Müller (was Sprache und Geschichte angeht) bezeichnet habe, dann ist dieser Auflauf womöglich einfach angemessen. Mehr zu ihr und „Fegefeuer“ in diesem älteren Blogbeitrag von mir: In Vorfreude auf die Frankfurter Buchmesse 2014.

Europa konstruktiv!


KOPENHAGEN. In der Euro(pa)-Debatte fällt ein wenig auf, dass diese vielfach nahezu hysterisch geführt wird. Es gibt enorme Probleme, das stellt niemand in Frage. Aber werden diese besser angegangen, wenn gleich jedes noch so kleine Fünkchen – ob es Hoffnung sein mag oder potenziell brandgefährlich – panisch als neuer Brandherd ausgemacht wird?

Warum nicht einfach mal die missliche Lage beschreiben und gleichzeitig daraufhinweisen, dass es mit einem Kraftakt zu bewältigen ist? Europa ist eine reiche Region – reich an Geld (trotz allem) und auch am so genannten Humankapital. Der Kontingent ist nach zwei Weltkriegen moralisch und wirtschaftlich wieder aufgebaut worden wie es kaum jemand zu träumen gewagt hätte und da soll eine Finanzkrise nicht gemeinsam zu bewältigen sein? Den Eindruck vermitteln jedenfalls die mehr oder weniger nationalistischen Töne, die nun an vielen Stellen zu hören sind. Warum wird nicht häufiger herausgestellt, was Europa erreicht hat (wie es hier der spanische Schriftsteller Javier Cercas in der FAZ tut)?

Ähnlich lief es dieser Tage ab als von angeblichen schwedischen und finnischen Vorbereitungen zum Euro-Ausstieg bzw. -Ende berichtet wurde. Die Interpretationen von Politikerzitaten durch Journalisten ging wohl etwas weit und es wurde der Feuerteufel an die Wand gemalt. Stattdessen könnten Schweden und Finnland auch als Beispiel dafür herhalten, dass Finanzkrisen zu bewältigen sind. Dazu hier von mir ein Kommentar für den WDR. Noch viel interessanter: die damaligen Krisen und deren Bewältigung genauer anzuschauen (dieses Arbeitspapier vom DIW ist dafür ein guter Start). Letztlich ist es bei Menschen in Massen (also Staaten) und Politikergruppen wohl genauso wie bei Individuen, wenn es um ganz Persönliches geht: Nur aus selbst gemachten Fehlern und Krisen, durch die man selber geht, lernt man wirklich. Von daher war diese Krise vielleicht kaum zu verhindern.

Im Kino gewesen. Gelacht. Über Nazis.


KOPENHAGEN. Bisher hat der finnische Film vor allem durch Kaurismäki Aufsehen erregt und da gab es wenig zum Lachen. Doch mit „Iron Sky“ ist das anders. Anfangs war noch die Frage im Hinterkopf, ob da nicht doch zu viel der Geschichte ausgelassen wird, wenn in einem Film, in dem die Nazis die Hauptrolle spielen, die Judenverfolgung nicht einmal thematisiert wird. Doch es wäre problematischer gewesen, dies in diesem satirisch-lustigen Film zu tun als es auszulassen. Der Film ist eine Hollywood-Persiflage – das klingt ersteinmal nach 1000 mal gesehen, aber persifliert werden genauso Allmachtsphantasie und das mit unglaublich vielen Referenzen zur Geschichte der Unterhaltungsindustrie (Krieg der Welten, der große Diktator, Dr. Strangelove, Star Wars, Wag the Dog… vermutlich dürfte ich nichteinmal alle erkannt haben). Es ist eine moderne, schnelle Antwort auf „Dr. Strangelove“. Dabei: Udo Kier. Der ist in Dänemark kein Unbekannter – er trat in Lars von Triers „Riget“-Serie auf und in den Filmen des Künstlers Jesper Just.

Interessant auch das Finanzierungsmodell der deutsch-finnisch-australischen Co-Produktion: rund zehn Prozent des nur 7,5 Mio. Euro großen Budgets wurden durch Crowdfunding aufgetrieben, dazu in der NZZ mehr (nicht von mir).

Der, der sich selber zum Meister kürte


HELSINKI / LÜBECK. In großen Buchstaben steht es an der Wand des Ateneum geschrieben: Carl Larsson hielt sich für den besten Künstler Schwedens seiner Zeit, so besagt es ein Zitat von ihm. Das Museum in Helsinki widmet Larsson, der besonders in Deutschland beliebt war (sein Buch Ein Haus an der Sonne erschien zuerst dort und zwar mit Startauflage 40 000) eine große Einzelausstellung. Auch in der tritt er vor allem als Illustrator in Erscheinung, wirklich große Kunst würde ich seine Arbeiten genauso wenig (nunja, natürlich doch ein bisschen mehr..) nennen wie die Bilder des Musikers Bob Dylan (gesehen in Kopenhagen in der Nationalgalerie), die statt in einem Museum besser in einem Bilderbuch aufgehoben wären. Larsson, 1853 geboren und 1919 gestorben, damit war er Zeitgenosse von Anders Zorn, der von 1860 bis 1920 lebte und ebenfalls Schwede war. Zeitgleich mit Zorn, dessen Werke auch dem einfachsten noch jede Menge Würde verleihen, zu leben und zu arbeiten und sich dann als größten Künstler der gemeinsamen Heimat zu bezeichnen, dazu gehört schon einiges an Selbstüberschätzung.

Zorns Arbeiten waren bis vor wenigen Tagen im Lübecker Museum Behnhaus Drägerhaus ausgestellt, ich schaffte es gerade noch eine Woche vorher dorthin. In einer aktuellen Pressemeldung zum Abschluss der Ausstellung heißt es: „Wir hatten zwar vermutet, dass Anders Zorns Kunst in Lübeck ein interessiertes Publikum finden wird. Dass der hierzulande kaum bekannte Künstler aber schließlich über 41.000 Besucher ins Behnhaus-Drägerhaus lockte und – wie die vielen Einträge im Gästebuch zeigen – die Menschen durchweg begeisterte, übersteigt all unsere Erwartungen und erfüllt uns mit großer Freude. Die Wiederentdeckung ist gelungen!“ Dr. Anna-Carola Krausse, Kuratorin der Ausstellung

Die Ausstellung mit Larsson in Helsinki läuft noch. (Zu sehen sind Arbeiten von beiden auch via Google Art Project und Nationalmuseum schreibt Svenska Dagbladet)