Uber geht in Dänemark unter. Folgt AirBnB?


Die Tageszeitung Politiken hat den Uber Exit heut ganz oben. (Foto: Bomsdorf; Zeitung: http://www.politiken.dk)

 

KOPENHAGEN. Uber verlässt den dänischen Markt. Vorerst zumindest. Wirklich überraschend kommt die gestrige Ankündigung des amerikanischen Fahrdienstvermittlers nicht. Die Taxi-Branche in Dänemark hatte lautstark gegen Uber protestiert, gefallen ist das Unternehmen letztlich auch über die Steuer. Denn die Preise konnten wohl auch deshalb erheblich niedriger als bei gewöhnlichen Taxen sein, weil etliche private Fahrer die Einnahmen nicht versteuerten. Wenn brutto = netto gilt, lohnen auch niedrige Tarife. Um dagegen vorzugehen, hat die Regierung gemeinsam mit Oppositionsparteien neue Regeln beschlossen, nachdem auch Uber-Fahrer u.a. Taxameter haben sollen. Derartige Ausrüstung kostet, macht die steuerliche Erfassung leichter und würde das Uber-Fahren zu niedrigen Preisen erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen.

Das war es also erstmal für Uber und Dänemark. AirBnB ist noch im Lande, aber auch hier wettert die Konkurrenz (Hotelbranche) und der Staat ist besorgt, dass die Bürger die Einnahmen aus der Zimmervermietung nicht versteuern. Gespräche zwischen AirBnB und der Politik laufen. Die Sharing Economy wird auch in Dänemark viel gepriesen, aber weil es in Nordeuropa üblich ist, die Lasten über Steuern zu teilen, dürfen sich auch die vorgeblich sozialen Dienste nicht alles erlauben.

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Europäische Kulturhauptstadt Aarhus schaut aufs Land


Theater in der Kulturhauptstadt Aarhus (Foto: Bomsdorf)
Theater in der Kulturhauptstadt Aarhus (Foto: Bomsdorf)

AARHUS/KOPENHAGEN. Gleich am Tag nach dem Donald Trump zum US-Präsidenten gekürt wird, übernimmt das dänische Aarhus die Rolle als Europäische Kulturhauptstadt 2017 (zweite im Bunde ist dieses Jahr Pafos in Zypern). Kurz nachdem einer, der von der EU wenig hält, seine Position an der Spitze der US einnimmt, versucht ebenjene Institution bei Ihren Bürgern einmal mehr ein Gemeinschaftsgefühl entstehen zu lassen.

Dass Aarhus zur europäischen Kulturhauptstadt 2017 in Dänemark ernannt wurde, hat in Norddeutschland viele enttäuscht. Schließlich hatte sich Konkurrent Sonderburg mit Flensburg beworben und hätte so – obwohl noch gar nicht wieder an der Reihe – auch Deutschland zu ein wenig europäische Kulturhauptstadt verholfen.

Nun also Aarhus und auch das hat für Norddeutschland seinen Reiz. Schließlich ist es von Hamburg in nur ein paar Stunden zu erreichen. Zudem wird ein großer Teil Dänemarks mit einbezogen.

Zu einer Zeit, wo immer mehr von abgehängten Randgebieten die Rede ist, setzt Dänemark auf die weniger bekannten Ortschaften und versucht Gäste dorthin zu locken und den Einheimischen etwas zu bieten.

Die bildende Kunst nimmt einen ziemlich großen Raum ein. Internationale Zugpferde wie Olafur Eliasson (darf in Dänemark, wo er aufgewachsen ist, eigentlich nie fehlen), Barbara Kruger und Thomas Hirschhorn werden mit weniger bekannten Namen kombiniert.

Gleich zu Anfang, ab 21. Januar, wird Signe Klejs für „Hesitation of lights“ eine zentrale Brücke in Aarhus in wechselndes Licht tauchen. Sie bezieht sich auf den dänischen Astronomen Ole Rømer, der herausfand, das Licht sich bewegt. Viele Besucher werden aber wohl eher an Eliassons bunte begehbare Installation auf dem Dach des nahen Museums Aros denken.

Randers wird mit seinem Gaia Museum für Outsider Art einbezogen und in Silkeborg eröffnet die Osloer Schau, die Asger Jorn und Edvard Munch zusammenbringt.

In Herning, nicht weit von der bei Surfern und Familien aus Deutschland so beliebten dänischen Nordsee wird die diesjährige Ausgabe der „Socle du Monde Biennale“ ins Programm einbezogen.

Auch das Dänemark fernab der Großstadt Aarhus wird mit ins Programm aufgenommen. (Foto: Bomsdorf)
Auch das Dänemark fernab der Großstadt Aarhus wird mit ins Programm aufgenommen. (Foto: Bomsdorf)

Das dortige Kuratorenteam ist ganz anderen Biennalen würdig, so gehört dazu auch Daniel Birnbaum, früherer Venedig Biennale Kurator und jetzt Direktor des Moderna Museet in Stockholm. Die Biennale in Herning ist – der Titel lässt es erahnen – dem italienischen, aber etliche Jahre in Dänemark lebenden Piero Manzoni gewidmet. Der hat einst in Herning einen Sockel aufgestellt auf der die ganze Erdkugel ruhen soll. Im kommenden Jahr wird die Ausstellung sich dem Thema „Scheiße und Körper“ widmen. Das steht zwar so nicht offiziell im Programm, so fasste es im Gespräch in Aarhus aber eine Mitarbeiterin mit der vielen Dänen so üblichen bodenständigen Offenheit zusammen.

Wer die Liste der beteiligte Künstler anschaut, kann sich schon denken, warum sie die Thematik so zusammengefasst wird. Wim Delvoye wird sein künstliches Verdauungssystem „Cloaca“ zeigen und Pierre Manzonis „Merda d’artista“ gehört ohnehin zum örtlichen Museum.

Im Jorn Museum in Silkeborg wird ab Mitte Februar die Schau „Jorn + Munch“ aus dem Osloer Munch Museum gastieren (zum Konzept der Ausstellungsserie mehr in meinem Artikel für The Wall Street Journal zur Ausstellung Melgaard + Munch).

Natürlich ist auch der in Dänemark aufgewachsene und in Berlin arbeitende isländische Künstler Olafur Eliasson mit von der Partie in Aarhus (nicht aber in Herning). Er ist durch seine Mitarbeit am Bühnenbild für das aus New York kommende Ballet „Tree of Codes“ vertreten. Tickets dafür versucht Aarhus 2017 seit Wochen wie ein Circus unter die Leute zu bringen, indem behauptet wird, es sei nun aber wirklich bald ausverkauft.

Dolce vita?


Strand von Cefalù, Sizilien (Foto: Bomsdorf)
Strand von Cefalù, Sizilien (Foto: Bomsdorf)

KOPENHAGEN/CATANIA. Es gibt immer wieder diese Tage, an denen mir Nordeuropa mit seiner ganzen Rationalität, Introvertiertheit und den unglaublich hohen Preisen gehörig auf die Nerven geht. Um dem etwas Chaos und Lebensfreude entgegenzusetzen, reise ich seit ich im Norden lebe regelmäßig nach Italien. Da sind die Kirchen prunkvoller, die Leute gesprächiger und lauter und Espresso und Wein kosten nur ein Viertel so viel wie in Kopenhagen.

Grade war ich wieder eine Woche auf Sizilien, habe dort inmitten des vibrierenden Kleinstadtlebens mit meinen italienischen Freunden den täglichen Aperitif genossen.

Dann ging es an die Abreise und ich musst meinen kleinen Mietwagen, einen ziemlich zerkratzten Citroen C1, wieder abgeben. Bei der Abholung hatte der Vermieter sich bemüht, jeden noch so kleinen Katscher auf dem Vertrag zu vermerken, was ein hoffnungsloses Unterfangen war, hätte es doch Stunden gedauert. Als ich den Wagen wieder abgab fand der selbe Mann – Oh, Wunder! – bereits nach einer Minute einen nicht-verzeichneten Kratzer. Dafür müsse ich zahlen und zwar 210€.

Das machte die Abreise leichter, denn in Nordeuropa hält man sich mit kleinen Schrammen am Mietwagen nicht auf, schließlich ist es zu aufwändig nachzuweisen, wer diese denn nun verursacht hat und Fairness geht vor. Manchmal hat die Rationalität eben auch Vorzüge, dachte ich mir am Gate und sehnte mich gen Norden.

Wieder hier habe ich mir vorgenommen, mein Italienisch zu perfektionieren – um deren Spiel mitspielen zu können und nicht mehr Touristenpreise zahlen zu müssen. Denn dauerhaft nur im Norden, das geht auch nicht.

Petry Nordisch oder Völkisch auf Dänisch


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Aktuelle Ausgabe der IP: Die Anti-Internationale (Foto: DGAP)

KOPENHAGEN. Ein kurzes Assoziationsspiel in 2 Schritten:

1. völkisch? – Völkischen Beobachter!

2. Völkischen Beobachter? – Nationalsozialismus!

Seit AfD-Chefin Frauke Petry im Interview mit der Welt am Sonntag gesagt hat, sie wolle den Begriff „völkisch“ wieder positiver besetzen, gilt womöglich auch ein weiterer Schritt in der Assoziationskette, nämlich „völkisch? – Frauke Petry!“.

Fast jeder, der in Deutschland zur Schule gegangen ist, dürfte das Wort aus dem Namen des „Kampfblattes der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands“ (so der Untertitel des „Völkischen Beobachters„) kennen.

„Völkisch“ steht im Deutschen üblicherweise „für die Ausgrenzung von jedem, der nicht hier geboren wurde“ so Kai Biermann in der Zeit, man könnte auch sagen für eine Ablehnung von allem was als undeutsch angesehen wird, als nicht mit dem angeblich vorhandenen Volkswillen vereinbar.  Was wiederum schnell zur Populismus-Definition von Jan-Werner Müller führt und dem diese innwohnende „Vorstellung eines moralisch reinen Volkskörpers„.

Kurzer Schwenk gen Norden, nach Dänemark. Dort gibt es die Dansk Folkeparti (DF, Dänische Volkspartei), die ähnlich wie die AfD mancherorts, bei der Parlamentswahl im ganzen Land zweitstärkste Partei wurde.

„Völkischen Einfluss gibt es nur in Nationalstaaten, wo das Volk eine natürliche Zusammengehörigkeit fühlt“: So begründet die Dänische Volkspartei ganz offen auf ihrer Homepage ihre kritische Haltung zur EU. Natürlich muss hier angemerkt werden, dass das dänische „folkelig“ verständlicherweise nicht die selben Assoziationen erweckt wie in Deutschland „völkisch“, doch ist es hier was Müllers Populismus Definition und Biermanns Worte angeht genauso gemeint, also abgrenzend gegenüber jenen, die nicht im Lande geboren sind und letztlich egal wie lange sie auch in Dänemark sind und ob sie den dänischen Pass haben, nie zum dänischen Volk gehören werden (was Rassismus zumindest sehr nahe kommt).

Obwohl nicht nur zweitstärkste Fraktion im Parlament, sondern auch größte Partei rechts der Mitte, weigert DF sich, Regierungsverantwortung zu übernehmen und treibt stattdessen die bürgerliche Minderheitsregierung vor sich her. Die Verschärfung des Asylrechts in Dänemark wäre ohne den Druck von rechts wohl kaum so strikt ausgefallen. Auch hätte die liberal-konservative Regierung, allen voran Integrationsministerin Inger Støjberg, wohl kaum so stark gegen Ausländer polemisiert wie zuletzt. Schon warnt Justizminister Søren Pind, selbst gelegentlich ein Scharfmacher, vor Parallelen zu den 1930ern – „auf ganz andere Weise, aber es ist einfach der gleiche Zorn, die gleiche Ohnmacht und es sind die gleichen Reaktionen“, sagte er im März 2016 im Interview mit der Zeitung Politiken. Was wird erst geschehen, wenn die Dänische Volkspartei einmal alleine an die Macht kommen wird?

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Das neue Buch der Weltreporter. (Foto: Random House)

Der Blick gen Dänemark zeigt, welches Potential die Rechte hat, wenn sie bürgerlich auftritt und Dänemark zeigt auch, mit welch Ausgrenzung – rhetorischer und realer – selbst EU-Bürger konfrontiert werden können.

Ein Teil des obigen Textes erschien zuerst im von mir koordinierten Beitrag zum Weltreporter-Buch „Die Flüchtlingsrevolution“, mehr zu lesen gibt es auch in meinem Text in der Internationalen Politik, der Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (online steht nur die gekürzte englische Version).

Alle Macht allen: Die Geschichte von Hasch, Freiheit, Geld und Immobilien


Bildschirmfoto 2016-09-02 um 14.01.09KOPENHAGEN. Der 2. September könnte ein denkwürdiger Tag werden in der Geschichte der Kopenhagener Freistadt Christiania. Denn heute wird abgerissen, was womöglich größter Touristenmagnet und größtes Problem Christianias zugleich ist: die Haschischbuden der Pusher-Street.

In den selbstgezimmerten Holzhäuschen wurde der Verkauf der weichen Droge lange toleriert, doch nachdem vor wenigen Tagen Polizisten angeschossen worden waren und ein Dealer auch (er erlag mittlerweile seinen Verletzungen), haben die Bewohner genug. Schließlich war Peace stets eine ihrer wichtigsten Losungen und da passt es absolut nicht ins Bild, dass ein Dealer um sich geschossen hat.

Sollte der heutige Tag der Beginn des Drogen-Banns sein, dann würde tatsächlich Geschichte geschrieben. Wer mehr über die Historie der Freistadt erfahren möchte, dem sei mein Kapitel im Buch Utopien empfohlen. Es trägt den Titel „Alle Macht allen: Die Geschichte von Hasch, Freiheit, Geld und Immobilien“ und beginnt so:

„Es ist purer Zufall, doch passender könnte die Begrüßung nicht sein: Beim Betreten von Christiania kommt mir ein Mann schlendernd entgegen, die Zigarette in seiner Hand verströmt jenen süßlichen, an schmorende Kiefernnadeln erinnernden Geruch, der nur von verbrennendem Haschisch stammen kann.

»Alles ist erlaubt in Christiania«, sagt eine der deutschen Touristinnen, die ein paar Schritte vor mir gehen und dem Mann ebenfalls begegnen. »Alles«, wiederholt eine ihrer Begleiterinnen und es klingt bei beiden überhaupt nicht entrüstet, sondern eher so, wie sie wohl im Italienurlaub die dortigen Fahrsitten kommentieren würden: mit Freude in der Stimme sowohl darüber, dass es im Urlaubsland anders, entspannter, zugeht, und gleichzeitig auch darüber, dass es daheim doch geordneter ist.

Die Freistadt Christiania ist für Kopenhagen so etwas wie die Freiheitsstatue für die USA – eine der größten Touristenattraktionen, die zugleich für ein Lebensgefühl steht. Dänemark galt Jahrzehnte als Europas Hochburg der Linken und Liberalen, die auch dem Sinnlichen nicht abgeneigt waren. Hier wurde zuerst – ausgerechnet 1969 – pornografisches Bildmaterial legalisiert und die rote Sonne aus dem »Atomkraft? Nein Danke«-Logo erfunden. Hier wurden, schon lange bevor in Deutschland etwas Ähnliches passierte, Schritte in Arbeitsmarktpolitik und Kinderbetreuung ergriffen, die es Frauen ermöglichen sollten, Karriere und Kinder zu vereinbaren.“

Neugierig? Hier gehts zum Buch bei Amazon.

The Danish Girl – gemalt


KOPENHAGEN. In Deutschland seit ein paar Tagen im Kino hat der Film „The Danish Girl“ über eine der ersten Transgender-Personen schon viel Aufmerksamkeit bekommen. Auf Maler-Leinwand kann die Geschichte von Lili, die von ihrer Frau Gerda Wegener immer wieder porträtiert wurde, noch bis Mai im Museum Arken vor den Toren Kopenhagens in einer Wegener-Retrospektive betrachtet werden. Für die Kunstzeitung hatte ich bereits einen Bericht darüber geschrieben (nur in der gedruckten Ausgabe), heute folgte noch meine aktuelle Kritik bei art und eine Langversion gibt es hier:

Es ist die Zeit, in der Vieles möglich war – die 1920er Jahre. Jugendstil, Frauen mit Jungsfrisuren, Feste und Freiheit standen hoch im Kurs ehe der Zweite Weltkrieg begann. Die Freiheit und unbeschwerte Freude in den Jahren davor strahlt aus den vielen Bildern der dänischen Künstlerin Gerda Wegener, die im Paris der 1920er berühmt wurde.

Ein häufig wiederkehrendes Motiv ist die junge Frau Lili Elbe. Lili in Italien, Lili in Frankreich im Badeanzug, Lili nackt von hinten auf einem Sessel. Immer wieder Lili, Lili, Lili.

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Einar Wegener als Maler (hinten) und Lili Elbe (vorne liegend) – „Ein Sommertag“ (1927). Foto: Bruun Rasmussen Auctioneers

Lili ist Gerdas Mann Einar als Frau. Einar Wegener, ebenfalls Maler, posierte nicht nur als Frau, sondern fühlte sich auch als solche und war einer der ersten Personen, die sich schon 1931 einer geschlechtsanpassenden Operation unterzogen. Und starb dann wohl an den Folgen.

Unter dem Titel „The Danish Girl“ hat der Oscar-gekrönte Regisseur Tom Hooper (The King’s Speech; Les Miserables) das Leben der beiden verfilmt. Die Schwedin Alicia Vikander spielt Gerda, die Rolle von Lili/Einar Eddie Redmayne in dem Film, der seit 7.1. in Deutschland in den Kinos ist. Das Museum Arken vor den Toren Kopenhagens zeigt zeitgleich Wegeners umfassendes Werk.

„Gerda Wegener hat mit dazu beigetragen, die Grenzen für die weibliche Geschlechtsidentität zu sprengen“, so der Kunsthistoriker Christian Gether. Wegener, sagt er, sei in allen Bereichen ein Pionier gewesen. Für das von Gether geleitete Museum Arken Grund genug, der Künstlerin die nach eigenen Angaben bisher größte Einzelausstellung zu widmen.

Tatsächlich strahlen viele ihrer Bilder die für diese Zeit so typische Ausgelassenheit und weibliches Selbstbewusstsein aus. Das gilt für die Reklame für Gesichtscreme (Frau mit Maske, 1918-25) ebenso wie für die vielen Bilder, die Szenen aus der Künstlerkolonie im französischen Beaugency zeigen (z.B. An den Ufern der Loire, ca. 1924) und erst recht die vielen in Szene gesetzten Porträts von Lili Elbe.

Anfangs schlüpfte Einar vor allem für die Bilder in die Rolle der Lili, später wollte sie dauerhaft physisch und juristisch Frau sein und wurde einer der ersten Menschen überhaupt, die sich einer entsprechenden Operation unterzogen. Wegener ging zu Magnus Hirschfeld in Berlin und benötigte mehrere Operationen, kurz nach der vierten verstarb sie. In ihren Bildern hat Wegener, die knapp zehn Jahre später starb, Elbe und ihrem und damit auch anderer Leute Wunsch ein anderes Geschlecht zu haben, ein künstlerisch interessantes Denkmal gesetzt.

„In der Sommerwärme (Lili)“ (1924) zeigt einen weiblichen Körper als auf einen Sessel geschlungenen Rückenakt. Nur der Zusatz Lili lässt vermuten, dass der Körper doch nur weiblich wirkt, denn es war Jahre vor der ersten Geschlechtsoperation, der sich Einar/Lili unterzog, dass das Bild entstand.

Bei genauerem Hinsehen könnte das bisschen Brust, das von der Seite zu sehen ist, auch männlich sein und die Malerei ermöglicht ohnehin vorab Lili weiblicher zu zeigen als es Einars Körper war.

Im Museum hängend ist die Arbeit nicht nur ein Kunstwerk mit recht klassischem Motiv, sondern auch ein Ausgangspunkt für Aufklärung. Zwar ist die dänische Ausstellung – wie so viele – vor allem von Erwachsenen in den 50ern und darüber besucht, doch es schwirren auch ein paar Kinder umher. Ein in etwa siebenjähriger Junge der das Werk mit seiner vermutlichen Mutter betrachtet, bekommt von ihr zu hören, dass es Menschen gibt, die zwar in einem Männerkörper geboren wurden, sich aber operieren lassen könnten, um ganz Frau zu sein. „Schau mal, das ist ein Mann, der hier aber ganz weiblich aussieht“, sagt sie und fragt wieso man denn nicht erkennen könne, dass es ein Mann sei. „Der Pippimann ist gar nicht zu sehen“, sagt der Kleine und ist überhaupt nicht erstaunt als er darauf hingewiesen wird, das Ärzte Geschlechtsanpassungen operativ machen könnten.

Wegener hat längst nicht nur Einar/Lili porträtiert und ihrem Partner dadurch wohl geholfen der eigenen Identität näher zu kommen, sondern auch sonst viele Frauen in Posen gezeigt, die Freiheit und Vergnügen ausstrahlen. So stellte sie Gleichstellung gleichermaßen als Selbstverständlichkeit dar.

Da ist etwa „Mädchen und Mops im Auto“ (ca. 1927). Eine junge Frau in eleganter Tracht und für diese Zeit so typischen Garconne-Kurzhaarschnitt sitzt in einem roten Cabrioletsportwagen. Nicht nur eine schicke Darstellung einer Frau am Steuer, sondern sie ist auch noch ohne männliche Begleitung unterwegs, auf dem Beifahrersitz hat ein Mops Platz genommen. Diese Frau ist so selbständig, das sie nicht nur selber Auto fährt, sondern womöglich auch noch ohne einen Mann durchs Leben schreitet.

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Frau am Steuer, na und? Gerda Wegener „Mädchen und Mops im Auto“ (ca. 1927) Foto: Morgen Pors

Für mancheinen Mag dieses Motiv vor gut 90 Jahren so provokant gewesen sein wie heutzutage eine Frau in Saudi-Arabien am Steuer. Der einzige Mann, der auf Wegeners „Mädchen und Mops im Auto“ zu sehen ist, reitet im Hintergrund in die entgegengesetzte Richtung auf einem Pferd, das so schick es auch ist, im Vergleich zum Automobil als eher altertümlich angesehen wurde.

Manche von Wegeners Arbeiten erinnern an welche von Toulouse Lautrec oder Edvard Munch, doch das ist mehr ästhetisch, die Dänin strahlt in ihrem Werk mehr Ausgelassenheit aus und weniger Ambiguität als diese beiden männlichen Kollegen. Besonders für Besucher der Berliner Ausstellung „Tanz auf dem Vulkan“ ist Wegener erhellend.

Sehr gelungen ist in Arken, dass wer aus der Ausstellung herausgeht, auf zeitgenössische Werke zuläuft, die Geschlechteridentitäten und -fragen thematisieren. Da ist eine Arbeit von Shirin Neshat zu sehen und ein Videowerk von Jesper Just, der immer wieder die Rolle vermeintlich starker Männer in Frage stellt. Und in den Räumen nebenan die Arbeiten von Bjørn Wiinblad, der Däne mag international bekannter sein als Wegener, doch im Vergleich zu ihren Arbeiten verkommen seine fast zu rein dekorativen.

Humanitäre Großmacht Schweden will weniger Flüchtlinge


VENEDIG. Schweden sei eine „humanitäre Großmacht“ sagte vor etwas mehr als einem Jahr der damalige Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt. „Öffnet eure Herzen!“ appellierte er an seine Mitbürger, Flüchtlinge seien im Norden Europas äußerst willkommen, so der Tenor, dem sich auch die mittlerweile regierenden Sozialdemokraten damals anschloßen und die Grünen sowieso.

Dienstag vergangener Woche war Åsa Romson, die Parteisprecherin der schwedischen Grünen, den Tränen nahe, als sie erklärte, dass ihre Regierung beschlossen habe, die Bedingungen für nach Schweden kommende Flüchtlinge zu verschärfen. „Das ist kein Beschluss, den wir fassen möchten, sondern einer, zu dem wir gezwungen sind“, so die Vertreterin des kleineren Koalitionspartners. In Schweden hat es in der Flüchtlingspolitik einen drastischen Kurswechsel gegeben, ob der von Dauer ist oder nur eine zwischenzeitlich notwendige Maßnahme, wird sich noch zeigen müssen.

Gemeinsam mit den Sozialdemokraten von Ministerpräsident Stefan Löfven wurde unter anderem entschieden, in Zukunft auch alleine anreisenden Flüchtlingskindern nur befristete Aufenthaltsgenehmigungen zu erteilen und deren Alter medizinisch testen zu lassen. Zudem soll der Nachzug von Familienmitgliedern erschwert werden. Das aber, so der Jurist Ignacio Vita zur sozialliberalen Zeitschrift Dagens Arena, erschwere es, sich in Schweden wirklich zu etablieren und ein neues Leben zu beginnen.

In den vergangenen zwei Monaten haben 80 000 Menschen in Schweden Asyl beantragt. „Darunter waren so viele Kinder, dass es jede Woche mehr als 100 neue Schulklassen entspricht“, heißt es seitens der Regierung. Die Kommunen seien nicht mehr in der Lage,  die Flüchtlinge erwartungsgemäß zu betreuen.

Regierungschef Löfven kritisierte, dass die Bereitschaft Flüchtlingen zu helfen innerhalb der EU sehr unterschiedlich sei.  Doch die schwedische Politik dürfte kaum dazu beitragen, dass andere Länder nun mehr Verantwortung übernähmen, sondern womöglich zu einem „race to the bottom“ führen, so Vita.

Das knapp zehn Millionen Einwohner zählende Schweden nimmt bezogen auf die Bevölkerungsgröße mehr Flüchtlinge auf als jedes andere EU-Mitglied. „Ich glaube, die meisten merken, dass wir ein System bei dem vielleicht 190 000 Menschen im Jahr kommen, nicht beibehalten können“, hatte Ende Oktober Außenministerin Margot Wallström gesagt.

Bereits am Tag vor dem Attentat von Paris hatte Schweden Grenzkontrollen eingeführt, die nach Verlängerung vorerst bis 11. Dezember gelten.

Die dänische Regierung hatte die Grenzen Monate zuvor schon zwischenzeitlich dicht gemacht und ging jetzt noch weiter. In Zukunft soll die Polizei die Grenzen de facto jederzeit wieder schließen können und abgelehnte Asylbewerber müssen während sie auf die Abschiebung warten mit Inhaftierung rechnen.

„Wir werden nicht so viele Flüchtlinge aufnehmen, dass es den Zusammenhalt in unserem eigenen Land gefährdet“, hieß es zur Begründung eines 34-Punkte-Plans, der nach und nach bis Ende des Jahres verabschiedet werden soll. Die ersten elf Punkte hat die liberale Minderheitsregierung u.a. mit den Rechtspopulisten und den Sozialdemokraten beschlossen, lediglich die linken Parteien und die Sozialliberalen stimmten dagegen.

„Die Regierung möchte die Möglichkeit haben, gegen die Menschenrechte verstoßen zu können“, kommentierte das Kopenhagener Institut für Menschenrechte die Pläne, die ohne Anhörung im Eilverfahren durch das Parlament gingen. Gleichzeitig hat Dänemark die Prognose für Asylbewerber für das kommende Jahr deutlich auf 25 000 angehoben – im Vergleich zu Schweden eine sehr geringe Zahl.

Über die aktuellen Änderungen in Schweden und Dänemark habe ich für Das Parlament und Zeit online berichtet.

 

Statt Nobelpreis: H.C. Andersen Literaturpreis für Murakami


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Haruki Murakami (Foto: Klim Publishers)

VENEDIG. Schon lange gilt der japanische Autor Haruki Murakami (u.a. „Mr. Aufziehvogel“) als Favorit für den Literaturnobelpreis, doch dieses Jahr ist er wieder einmal leer ausgegangen. Alleine als möglicher Empfänger dieses wohl berühmtesten Literaturpreises gehandelt zu werden, ist erheblich mehr Ehre als von vielen noch so bekannten Literaturpreisen ausgeht.

Kommendes Jahr nun wird Murakami mit einem weiteren Literaturpreis geehrt. Nach u.s. Salman Rushdie und J.K. Rowling erhält er 2016 den Hans Christian Andersen Literaturpreis, benannt nach dem weltbekannten dänischen Märchenerzähler.

In der Pressemeldung zur Preisvergabe heißt es:

„Love, eternal triangle dramas, detective intrigues and secret histories that knock on people’s lives are recurrent themes in his oeuvre. Murakami writes of young love, shadows from the past, young people breaking new ground and characters that cross boundaries between genders and life forms. Everything is depicted with a linguistic elegance, a philosophical insight and an imaginativeness that are brilliantly in evidence – and that remind one of Hans Christian Andersen’s universe.

Along with the honour, Murakami will receive a bronze sculpture by sculptress Stine Ring Hansen, a monetary prize of 500,000 DKK, and a diploma, The Beauty of the Swan.“

Glückwunsch!