So wollen Islands Frauen mehr in die Medien


Der König ist der Mann (Foto: www.fka.is Screenshot)
Der König ist der Mann (Foto: http://www.fka.is Screenshot)

KOPENHAGEN. Der Island-Hype ist etwas abgeklungen, aber schon wieder versucht der kleine Inselstaat auf sich aufmerksam zu machen. Genauer die Frauen dort. Sie fühlen sich in den örtlichen Medien nicht genug repräsentiert. So würden als Interviewpartner zumeist Männer ausgewählt, beklagt FKA (Verein der weiblichen Führungskräfte in Island).

Was also tun? Eine Quote muss her!

Allerdings keine gesetzlich vorgeschriebene, sondern nur eine angepeilte und auch nur für einen Tag.

Am 20. September 2016 sollen 80% der Interviewpartner isländischer Medien (hier mein Bericht zur Pressefreiheit in Island für das European Journalism Observatory) Frauen sein – damit würde die ungleiche Repräsentation in den dortigen Medien einfach einmal umgekehrt, so FKA.

Ob es klappen wird die 80% zu erreichen? Ist letztlich nicht so entscheidend, aber in jedem Fall wird einmal mehr auf die Problematik aufmerksam gemacht. Das versucht in Deutschland in Bezug auf die Unterrepräsentation von Frauen in journalistischen Führungspositionen der Verein „Pro Quote„. Deren Ziel liegt bei 30% – allerdings ab 2017 auf Dauer und nicht nur für einen Tag.

Petry Nordisch oder Völkisch auf Dänisch


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Aktuelle Ausgabe der IP: Die Anti-Internationale (Foto: DGAP)

KOPENHAGEN. Ein kurzes Assoziationsspiel in 2 Schritten:

1. völkisch? – Völkischen Beobachter!

2. Völkischen Beobachter? – Nationalsozialismus!

Seit AfD-Chefin Frauke Petry im Interview mit der Welt am Sonntag gesagt hat, sie wolle den Begriff „völkisch“ wieder positiver besetzen, gilt womöglich auch ein weiterer Schritt in der Assoziationskette, nämlich „völkisch? – Frauke Petry!“.

Fast jeder, der in Deutschland zur Schule gegangen ist, dürfte das Wort aus dem Namen des „Kampfblattes der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands“ (so der Untertitel des „Völkischen Beobachters„) kennen.

„Völkisch“ steht im Deutschen üblicherweise „für die Ausgrenzung von jedem, der nicht hier geboren wurde“ so Kai Biermann in der Zeit, man könnte auch sagen für eine Ablehnung von allem was als undeutsch angesehen wird, als nicht mit dem angeblich vorhandenen Volkswillen vereinbar.  Was wiederum schnell zur Populismus-Definition von Jan-Werner Müller führt und dem diese innwohnende „Vorstellung eines moralisch reinen Volkskörpers„.

Kurzer Schwenk gen Norden, nach Dänemark. Dort gibt es die Dansk Folkeparti (DF, Dänische Volkspartei), die ähnlich wie die AfD mancherorts, bei der Parlamentswahl im ganzen Land zweitstärkste Partei wurde.

„Völkischen Einfluss gibt es nur in Nationalstaaten, wo das Volk eine natürliche Zusammengehörigkeit fühlt“: So begründet die Dänische Volkspartei ganz offen auf ihrer Homepage ihre kritische Haltung zur EU. Natürlich muss hier angemerkt werden, dass das dänische „folkelig“ verständlicherweise nicht die selben Assoziationen erweckt wie in Deutschland „völkisch“, doch ist es hier was Müllers Populismus Definition und Biermanns Worte angeht genauso gemeint, also abgrenzend gegenüber jenen, die nicht im Lande geboren sind und letztlich egal wie lange sie auch in Dänemark sind und ob sie den dänischen Pass haben, nie zum dänischen Volk gehören werden (was Rassismus zumindest sehr nahe kommt).

Obwohl nicht nur zweitstärkste Fraktion im Parlament, sondern auch größte Partei rechts der Mitte, weigert DF sich, Regierungsverantwortung zu übernehmen und treibt stattdessen die bürgerliche Minderheitsregierung vor sich her. Die Verschärfung des Asylrechts in Dänemark wäre ohne den Druck von rechts wohl kaum so strikt ausgefallen. Auch hätte die liberal-konservative Regierung, allen voran Integrationsministerin Inger Støjberg, wohl kaum so stark gegen Ausländer polemisiert wie zuletzt. Schon warnt Justizminister Søren Pind, selbst gelegentlich ein Scharfmacher, vor Parallelen zu den 1930ern – „auf ganz andere Weise, aber es ist einfach der gleiche Zorn, die gleiche Ohnmacht und es sind die gleichen Reaktionen“, sagte er im März 2016 im Interview mit der Zeitung Politiken. Was wird erst geschehen, wenn die Dänische Volkspartei einmal alleine an die Macht kommen wird?

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Das neue Buch der Weltreporter. (Foto: Random House)

Der Blick gen Dänemark zeigt, welches Potential die Rechte hat, wenn sie bürgerlich auftritt und Dänemark zeigt auch, mit welch Ausgrenzung – rhetorischer und realer – selbst EU-Bürger konfrontiert werden können.

Ein Teil des obigen Textes erschien zuerst im von mir koordinierten Beitrag zum Weltreporter-Buch „Die Flüchtlingsrevolution“, mehr zu lesen gibt es auch in meinem Text in der Internationalen Politik, der Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (online steht nur die gekürzte englische Version).

Alle Macht allen: Die Geschichte von Hasch, Freiheit, Geld und Immobilien


Bildschirmfoto 2016-09-02 um 14.01.09KOPENHAGEN. Der 2. September könnte ein denkwürdiger Tag werden in der Geschichte der Kopenhagener Freistadt Christiania. Denn heute wird abgerissen, was womöglich größter Touristenmagnet und größtes Problem Christianias zugleich ist: die Haschischbuden der Pusher-Street.

In den selbstgezimmerten Holzhäuschen wurde der Verkauf der weichen Droge lange toleriert, doch nachdem vor wenigen Tagen Polizisten angeschossen worden waren und ein Dealer auch (er erlag mittlerweile seinen Verletzungen), haben die Bewohner genug. Schließlich war Peace stets eine ihrer wichtigsten Losungen und da passt es absolut nicht ins Bild, dass ein Dealer um sich geschossen hat.

Sollte der heutige Tag der Beginn des Drogen-Banns sein, dann würde tatsächlich Geschichte geschrieben. Wer mehr über die Historie der Freistadt erfahren möchte, dem sei mein Kapitel im Buch Utopien empfohlen. Es trägt den Titel „Alle Macht allen: Die Geschichte von Hasch, Freiheit, Geld und Immobilien“ und beginnt so:

„Es ist purer Zufall, doch passender könnte die Begrüßung nicht sein: Beim Betreten von Christiania kommt mir ein Mann schlendernd entgegen, die Zigarette in seiner Hand verströmt jenen süßlichen, an schmorende Kiefernnadeln erinnernden Geruch, der nur von verbrennendem Haschisch stammen kann.

»Alles ist erlaubt in Christiania«, sagt eine der deutschen Touristinnen, die ein paar Schritte vor mir gehen und dem Mann ebenfalls begegnen. »Alles«, wiederholt eine ihrer Begleiterinnen und es klingt bei beiden überhaupt nicht entrüstet, sondern eher so, wie sie wohl im Italienurlaub die dortigen Fahrsitten kommentieren würden: mit Freude in der Stimme sowohl darüber, dass es im Urlaubsland anders, entspannter, zugeht, und gleichzeitig auch darüber, dass es daheim doch geordneter ist.

Die Freistadt Christiania ist für Kopenhagen so etwas wie die Freiheitsstatue für die USA – eine der größten Touristenattraktionen, die zugleich für ein Lebensgefühl steht. Dänemark galt Jahrzehnte als Europas Hochburg der Linken und Liberalen, die auch dem Sinnlichen nicht abgeneigt waren. Hier wurde zuerst – ausgerechnet 1969 – pornografisches Bildmaterial legalisiert und die rote Sonne aus dem »Atomkraft? Nein Danke«-Logo erfunden. Hier wurden, schon lange bevor in Deutschland etwas Ähnliches passierte, Schritte in Arbeitsmarktpolitik und Kinderbetreuung ergriffen, die es Frauen ermöglichen sollten, Karriere und Kinder zu vereinbaren.“

Neugierig? Hier gehts zum Buch bei Amazon.

Island aktuell: EM und Präsidentschaftswahl


MÜNCHEN. Island hat es dieser Tage einmal wieder geschafft, groß in die Medien zu kommen. Das Fußballteam des kleinen Inselstaates schlägt sich erstaunlich wacker gegen die Ronaldos dieser EM. Montag spielt Island also gegen England – mal sehen, ob es dann auch im Achtelfinale zu einem Teil-Brexit kommt.

Am morgigen Samstag werden bereits ein paar Isländer ausscheiden und zwar bei der Präsidentschaftswahl. Aktuellen Umfragen zu Folge dürfte die Wahl klar der Geschichts-Professor Gudni Th. Jóhannesson gewinnen.

Dessen Wahl könnte für Island in etwa das bedeuten, was in der Business-Welt „disruption“ genannt wird. Ihn zum Präsidenten zu machen könnte das Land ähnlich stark verändern wie ein Regierungswechsel.

Das hat 3 Gründe:

1) Gudni als Präsident würde heißen Ólafur Ragnar Grímsson ist nach einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr Staatspräsident.

Der hat diese Position länger gehabt als ein Baby braucht, um zum Teenager zu werden – und länger als viele für angebracht halten. Kein Zweifel, Ólafur Ragnar genoß daheim und international ein gewisses Ansehen, aber in den vergangenen Jahren wurde er immer selbstherrlicher. Alleine wie er sich schon vor der letzten Wahl (die er dann gewann – hier mein damaliger Artikel für Die Welt) und auch vor dieser kurzfristig umentschied und dann doch nochmal antrat, war eines demokratischen Präsidenten kaum würdig. Letztlich stand er auch für die alte Elite, die schon vor dem Crash viel Macht hatte. Bei der morgigen Wahl tritt er nicht einmal mehr an, ob sein Rückzug damit zu tun hat, dass Gudni seinen Hut in den Ring geworfen hat, weiß nur der noch amtierende Präsident selber.

2) Gudni als Präsident heißt Davíd Oddsson bekommt dieses Amt nicht.

Davíd Oddsson von der Unabhängigkeitspartei war von 1991-2003 Premierminister, dann kurzzeitig Außenminister bevor er 2005 Direktor der Zentralbank wurde. Mit der problematischen Art der Bankenprivatisierungen wurde unter seiner Regierung die Grundlage für die Finanzblase gelegt, der er als Zentralbankchef nichts hat entgegensetzen können. Er taucht denn auch auf der Liste „25 People to Blame for the Financial Crisis“ des Time Magazine auf. Danach wurde er einer der mächtigsten Medienpersönlichkeiten des Landes – als Chefredakteur von Morgunbladid (angesichts dessen sei hier schon einmal auf meinen aktuellen Text zur Pressefreiheit in Nordeuropa für European Journalism Observatory verwiesen). Würde er nun zum Staatsoberhaupt aufsteigen, wäre das zu tiefst Bananenrepublikstil.

3) Gudni als Präsident heißt einfach Gudni as Präsident.
Entspannt, intelligent und mit einer Handvoll Kinder repräsentiert er, was nicht nur Ausländer an Island mögen. Wie ich vor einigen Monaten in Kopenhagen erleben konnte, ist Gudni nicht nur ein guter Unterhalter, sondern er vermag gleichzeitig auch die nicht immer leicht zu durchschauende Lage auf Island zu vermitteln. Neben diesem Talent ist er zudem ein noch recht junges und neues Gesicht in der isländischen Politikszene. So wird er das Land nicht nur durch seine Reden und Handlungen nach vorne bringen können, sondern auch, weil er als eine Art Outsider einen anderen Status hat.

Wenn der Ölreichtum in unberührter Natur liegt


KOPENHAGEN. Dass Norwegen eines der größten Ölvorräte besitzt, ist nicht Neues. Neu ist auch nicht der Streit darum, inwieweit in der bislang unberührten Natur gebohrt werden darf. Weil einmal gestartete Bohrungen einen extrem starken Eingriff in die Natur bedeuten und es leichter machen, für weitere Extraktionen zu argumentieren (schließlich ist die Natur dann eben nicht mehr so unberührt), ist es enorm wichtig, beständig über derartige Pläne zu diskutieren und zu berichten.

Aktuell war Kollegin Jana Sinram für Deutschlandradio auf den Lofoten – hier kann ihr Bericht nachgelesen werden. Sinram verbringt gerade zwei Monate beim öffentlich-rechtlichen Radio NRK in Tromsø und wird dabei durch ein Stipendium der Internationalen Journalisten-Programme IJP unterstützt. Ich selber habe vor etlichen Jahren einen entsprechenden Aufenthalt auf Island mitgemacht (und bin seit ein paar Jahren als Co-Koordiniator des Deutsch-Nordeuropäischen Programms ehrenamtlich tätig).

Sinram hat in einem anderen Beitrag darauf verwiesen, dass die Diskussion um die Lofoten keine Neue ist und verlinkte dabei auf diesen Beitrag von mir bei Zeit online vor sieben Jahren.

Über die aktuelle Vergabe von Bohrrechten in arktischen norwegischen Gewässern hier eine AFP-Meldung aus The Guardian. Dass arktische Bohrungen nicht nur dort, sondern auch vor Alaska ein Thema sind zeigt der obige Videoclip von ABC-News.

Sauberland ist abgebrannt


KOPENHAGEN. Die Panama Papers haben den isländischen Regierungschef zu Fall gebracht (hier ein Text, den ich für Zeit online vor dessen Abgang schrieb). Und es gibt weitere Regierungsmitglieder mit Verbindungen zu zweifelhaften Finanzgeschäften, darunter ausgerechnet der Finanzminister. Auch wenn das Ausland einen anderen Eindruck hatte: In Island ist die Finanzkrise nicht vollständig aufgearbeitet worden. Stattdessen zeigt sich, dass der kleine Inselstaat den zweiten moralischen Bankrott erlitten hat. Details dazu hier in meinem Gastkommentar für Reykjavik Grapevine aus Island, den ich mit Kollegen Atli Thor Fanndal schrieb.

Die Präsidentschaftswahl am 25. Juni könnte endlich den erhofften Wandel bringen. Der seit 20 Jahren amtierende Staatschef Olafur Ragnar Grimsson hat sich entschieden, nun doch nicht mehr anzutreten, und derzeit hat  Gudni Th. Jóhannesson, ein allseits respektierter unabhängiger Kandidat, beste Aussichten, gewählt zu werden. Allerdings hat sich auch David Oddsson aufstellen lassen. Er ist laut Time Magazine einer der 25 Leute, denen Schuld an der Finanzkrise gegeben werden sollte. Würde er wider Erwarten gewinnen, wäre das wohl der dritte moralische Fall Islands innerhalb nicht einmal einer Dekade.

Oben noch ein interessantes Interview, das CNN mit Grimsson führte als er noch wiedergewählt werden wollte.

Nun will er doch nochmal ran auf Island


Island macht auf sich aufmerksam: Der Vulkan Eyjafjallajökull mit Aschewolke 2010. Foto: Bomsdorf
Island macht auf sich aufmerksam: Der Vulkan Eyjafjallajökull mit Aschewolke 2010. Foto: Bomsdorf

VENEDIG. Gut drei Wochen ist es her, da brach auf Island mal wieder eine Krise aus – diesmal eher politisch denn wirtschaftlich. Der Premierminister Sigmundur David Gunnlaugsson sah sich zum Rückzug gezwungen, weil er offshore-Verbindungen seiner Frau – Konten mit Bonds der isländischen Banken über deren Zukunft der Regierungschef verhandelt hatte – verschwiegen hatte. Nicht nur das, er hatte bis er Abgeordneter wurde, die Hälfte davon besessen (Details hier in meinem Artikel für Zeit online und hier im Blog).

Nun wiederholt sich auf Island ein weiteres Mal ein Part der Geschichte – angesichts der Krise hat Präsident Olafur Ragnar Grimsson angekündigt Weiterlesen

Der Inselstaat, der immer wieder überrascht


OSLO. Auf Island geht es derzeit Knall auf Fall.

Der Knall:

Das offshore-Konto des Premierministers, mittlerweile komplett auf seine Frau überschrieben, wird erst auf Island bekannt, dann auch international. Durch die weltweite Aufmerksamkeit und die Details zu den versteckten Millionen, die der internationale Rechercheverbund ans Licht gebracht hat, gerät Sigmundur Davíd Gunnlaugsson in arge Bedrängnis.

Der Fall:

Erst demonstrieren gestern tausende von Isländern gegen ihn, dann will er heute erst das Parlament auflösen, was ihm der Präsident verweigert, schließlich lässt ihn die eigene Partei fallen und will den Agrarminister zum neuen Regierungschef machen. Hintergründe in meinem Artikel für Zeit online, der ein paar Stunden vor den Meldungen über den möglichen Wechsel an der Spitze der Regierung veröffentlicht wurde.

The Danish Girl – gemalt


KOPENHAGEN. In Deutschland seit ein paar Tagen im Kino hat der Film „The Danish Girl“ über eine der ersten Transgender-Personen schon viel Aufmerksamkeit bekommen. Auf Maler-Leinwand kann die Geschichte von Lili, die von ihrer Frau Gerda Wegener immer wieder porträtiert wurde, noch bis Mai im Museum Arken vor den Toren Kopenhagens in einer Wegener-Retrospektive betrachtet werden. Für die Kunstzeitung hatte ich bereits einen Bericht darüber geschrieben (nur in der gedruckten Ausgabe), heute folgte noch meine aktuelle Kritik bei art und eine Langversion gibt es hier:

Es ist die Zeit, in der Vieles möglich war – die 1920er Jahre. Jugendstil, Frauen mit Jungsfrisuren, Feste und Freiheit standen hoch im Kurs ehe der Zweite Weltkrieg begann. Die Freiheit und unbeschwerte Freude in den Jahren davor strahlt aus den vielen Bildern der dänischen Künstlerin Gerda Wegener, die im Paris der 1920er berühmt wurde.

Ein häufig wiederkehrendes Motiv ist die junge Frau Lili Elbe. Lili in Italien, Lili in Frankreich im Badeanzug, Lili nackt von hinten auf einem Sessel. Immer wieder Lili, Lili, Lili.

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Einar Wegener als Maler (hinten) und Lili Elbe (vorne liegend) – „Ein Sommertag“ (1927). Foto: Bruun Rasmussen Auctioneers

Lili ist Gerdas Mann Einar als Frau. Einar Wegener, ebenfalls Maler, posierte nicht nur als Frau, sondern fühlte sich auch als solche und war einer der ersten Personen, die sich schon 1931 einer geschlechtsanpassenden Operation unterzogen. Und starb dann wohl an den Folgen.

Unter dem Titel „The Danish Girl“ hat der Oscar-gekrönte Regisseur Tom Hooper (The King’s Speech; Les Miserables) das Leben der beiden verfilmt. Die Schwedin Alicia Vikander spielt Gerda, die Rolle von Lili/Einar Eddie Redmayne in dem Film, der seit 7.1. in Deutschland in den Kinos ist. Das Museum Arken vor den Toren Kopenhagens zeigt zeitgleich Wegeners umfassendes Werk.

„Gerda Wegener hat mit dazu beigetragen, die Grenzen für die weibliche Geschlechtsidentität zu sprengen“, so der Kunsthistoriker Christian Gether. Wegener, sagt er, sei in allen Bereichen ein Pionier gewesen. Für das von Gether geleitete Museum Arken Grund genug, der Künstlerin die nach eigenen Angaben bisher größte Einzelausstellung zu widmen.

Tatsächlich strahlen viele ihrer Bilder die für diese Zeit so typische Ausgelassenheit und weibliches Selbstbewusstsein aus. Das gilt für die Reklame für Gesichtscreme (Frau mit Maske, 1918-25) ebenso wie für die vielen Bilder, die Szenen aus der Künstlerkolonie im französischen Beaugency zeigen (z.B. An den Ufern der Loire, ca. 1924) und erst recht die vielen in Szene gesetzten Porträts von Lili Elbe.

Anfangs schlüpfte Einar vor allem für die Bilder in die Rolle der Lili, später wollte sie dauerhaft physisch und juristisch Frau sein und wurde einer der ersten Menschen überhaupt, die sich einer entsprechenden Operation unterzogen. Wegener ging zu Magnus Hirschfeld in Berlin und benötigte mehrere Operationen, kurz nach der vierten verstarb sie. In ihren Bildern hat Wegener, die knapp zehn Jahre später starb, Elbe und ihrem und damit auch anderer Leute Wunsch ein anderes Geschlecht zu haben, ein künstlerisch interessantes Denkmal gesetzt.

„In der Sommerwärme (Lili)“ (1924) zeigt einen weiblichen Körper als auf einen Sessel geschlungenen Rückenakt. Nur der Zusatz Lili lässt vermuten, dass der Körper doch nur weiblich wirkt, denn es war Jahre vor der ersten Geschlechtsoperation, der sich Einar/Lili unterzog, dass das Bild entstand.

Bei genauerem Hinsehen könnte das bisschen Brust, das von der Seite zu sehen ist, auch männlich sein und die Malerei ermöglicht ohnehin vorab Lili weiblicher zu zeigen als es Einars Körper war.

Im Museum hängend ist die Arbeit nicht nur ein Kunstwerk mit recht klassischem Motiv, sondern auch ein Ausgangspunkt für Aufklärung. Zwar ist die dänische Ausstellung – wie so viele – vor allem von Erwachsenen in den 50ern und darüber besucht, doch es schwirren auch ein paar Kinder umher. Ein in etwa siebenjähriger Junge der das Werk mit seiner vermutlichen Mutter betrachtet, bekommt von ihr zu hören, dass es Menschen gibt, die zwar in einem Männerkörper geboren wurden, sich aber operieren lassen könnten, um ganz Frau zu sein. „Schau mal, das ist ein Mann, der hier aber ganz weiblich aussieht“, sagt sie und fragt wieso man denn nicht erkennen könne, dass es ein Mann sei. „Der Pippimann ist gar nicht zu sehen“, sagt der Kleine und ist überhaupt nicht erstaunt als er darauf hingewiesen wird, das Ärzte Geschlechtsanpassungen operativ machen könnten.

Wegener hat längst nicht nur Einar/Lili porträtiert und ihrem Partner dadurch wohl geholfen der eigenen Identität näher zu kommen, sondern auch sonst viele Frauen in Posen gezeigt, die Freiheit und Vergnügen ausstrahlen. So stellte sie Gleichstellung gleichermaßen als Selbstverständlichkeit dar.

Da ist etwa „Mädchen und Mops im Auto“ (ca. 1927). Eine junge Frau in eleganter Tracht und für diese Zeit so typischen Garconne-Kurzhaarschnitt sitzt in einem roten Cabrioletsportwagen. Nicht nur eine schicke Darstellung einer Frau am Steuer, sondern sie ist auch noch ohne männliche Begleitung unterwegs, auf dem Beifahrersitz hat ein Mops Platz genommen. Diese Frau ist so selbständig, das sie nicht nur selber Auto fährt, sondern womöglich auch noch ohne einen Mann durchs Leben schreitet.

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Frau am Steuer, na und? Gerda Wegener „Mädchen und Mops im Auto“ (ca. 1927) Foto: Morgen Pors

Für mancheinen Mag dieses Motiv vor gut 90 Jahren so provokant gewesen sein wie heutzutage eine Frau in Saudi-Arabien am Steuer. Der einzige Mann, der auf Wegeners „Mädchen und Mops im Auto“ zu sehen ist, reitet im Hintergrund in die entgegengesetzte Richtung auf einem Pferd, das so schick es auch ist, im Vergleich zum Automobil als eher altertümlich angesehen wurde.

Manche von Wegeners Arbeiten erinnern an welche von Toulouse Lautrec oder Edvard Munch, doch das ist mehr ästhetisch, die Dänin strahlt in ihrem Werk mehr Ausgelassenheit aus und weniger Ambiguität als diese beiden männlichen Kollegen. Besonders für Besucher der Berliner Ausstellung „Tanz auf dem Vulkan“ ist Wegener erhellend.

Sehr gelungen ist in Arken, dass wer aus der Ausstellung herausgeht, auf zeitgenössische Werke zuläuft, die Geschlechteridentitäten und -fragen thematisieren. Da ist eine Arbeit von Shirin Neshat zu sehen und ein Videowerk von Jesper Just, der immer wieder die Rolle vermeintlich starker Männer in Frage stellt. Und in den Räumen nebenan die Arbeiten von Bjørn Wiinblad, der Däne mag international bekannter sein als Wegener, doch im Vergleich zu ihren Arbeiten verkommen seine fast zu rein dekorativen.