Peter Wallenberg ist tot, die Wallenberg-Dynastie lebt weiter


KOPENHAGEN. Die Wallenbergs sind ohne Frage die einflussreichste Industriellenfamilie in Schweden. Banken, Maschinenbau, Ausbildung – kaum ein zentraler Sektor, in dem sie nicht mit die Fäden ziehen.

Jetzt ist Peter Wallenberg, für viele die Spitze der Dynastie, gestorben. Der Clan aber wird überleben. Schließlich sind die Cousins Jacob und Marcus Wallenberg schon lange bestens positioniert.

Wie die Familie denkt und was sie lenkt steht in einem Artikel, den ich für die Wirtschaftswoche geschrieben habe. Obwohl schon ein paar Jahre alt, eine gute EInführung in die Dynastie. Zum Lesen bitte hier entlang.

Conchita rockt – sogar die Finanzwelt


KOPENHAGEN. Als ich im vergangenen Frühjahr noch bevor der Eurovision richtig losgegangen war recht spontan für The Wall Street Journal Conchita Wurst interviewte, galt die Österreicherin noch als Außenseiterin. Jetzt wurde mein Artikel mit ihr zum Top Hit bei WSJ Brussels gekürt – kein anderer der Texte dort wurde im Jahr 2014 so oft angeklickt wie dieser.

Als ich das Gespräch im vergangenen Jahr führte, kannte die englischsprachige Leserschaft das Konzept des ESC leidlich, aber mit Conchita Wurst konnte kaum jemand etwas anfangen und erst recht nicht mit ihrem Namen. Also bat ich die “bärtige Dame” mir diesen doch einmal auf Englisch zu erklären. Divenhaft und galant legte sie los und brauchte keine zwei Minuten um zu erläutern, was Conchita und Wurst bedeutet und wieso sie sich diese Namen ausgewählt hat. Ganz jugendfrei war das nicht, sondern – zumindest für amerikanische Verhältnisse –  eher NSFW. In dem Video, das ich für WSJ.com lieferte, machten die Kollegen von The Wall Street Journal sich ein wenig über die (ehemals) konservative Einstellung des WSJ in solchen Dingen lustig.

Die Finanzwelt und all die anderen, die den Film schauten und meinen Blog dazu lasen, jedenfalls waren angetan. Eben so sehr, dass kein anderer Beitrag für WSJ Real Time Brussels im vergangenen Jahr mehr angeklickt wurde als Conchita Wurst im Interview mit mir, wie Stephen Fiedler aus Brüssel berichtet.

Last Christmas? Nein, Weihnachten 1927 bei Disney


Empty Socks Film (Foto: Martin Weiss/Nasjonalbiblioteket)
Empty Socks Film (Foto: Martin Weiss/Nasjonalbiblioteket)

KOPENHAGEN. Weihnachtsgeschichten gehören besonders für Kinder zum Dezember, Weihnachtsfilme ebenso und viele davon dürften auch heutzutage noch von Walt Disney sein. Der allererste Disney-Weihnachtsfilm heißt “Empty Socks” und galt bis auf einen gaaaanz kurzen Schnipsel im Besitze des Museum of Modern Art in New York bislang als verschollen. Doch in diesem Jahr wurde eine fast komplette Kopie in Norwegen identifiziert – passenderweise ganz nah am Polarkreis, im Archiv der Norwegischen Nationalbibliothek in Mo i Rana. Hauptperson des Clips ist Oswald der lustige Hase (Oswald the Lucky Rabbit), ein Vorläufer von Micky Maus.

Aus der Entdeckungsgeschichte könnte man sicher eine schön kitschige Weihnachtsreportage machen. Vom Archivar Kjetil Kvale Sørenssen, der lange Polarnächte im dunklen Archiv in Mo i Rana verbringt und dort auf namenlose Filmrollen stößt, die der amerikanische Comic-Historiker David Gersteiner schließlich als Disneys ersten Weihnachtsfilm (von 1927!) erkennt.

Diese Weihnachtsgeschichte kann sich jetzt jeder ausmalen, die Fakten gibt es in meinem Artikel für The Art Newspaper (dort habe ich auch den Inhalt des lustig-anarchischen Films zusammengefasst). Den Film gibt es heute in der Nationalbibliothek in Oslo zu sehen.

Guggenheim – der Economic Hit Man der Kulturbranche?


Guggenheim Helsinki Finalist (Foto: Guggenheim)
Guggenheim Helsinki Finalist (Foto: Guggenheim)

KOPENHAGEN/VENEDIG. Die amerikanische Guggenheim Stiftung stellt sich gerne als der große, selbstlose Förderer der Kunst dar. Doch wenn in einer anderen Stadt ein Guggenheim Museum eröffnet werden soll, geht es vor allem um eins: Geld. Denn solch ein Haus verschenkt die Stiftung nicht. Stattdessen kassiert sie für Konzept, Programmgestaltung und Nutzung des Namens viele Millionen Euro. Im Gegenzug werden mehr Touristen und entsprechend steigende Einnahmen versprochen. Wer gemein sein will, sagt, die weltberühmte amerikanische Institution zwinge Städten ihr Konzept nahezu auf und nehme diese aus – in etwa so wie es Economic Hit Men mit Entwicklungsländern machen.

OfficsUS vor dem Amerikanischen Pavillon in Venedig (Pressefoto von OfficeUS David Lundberg-Esto).
OfficsUS vor dem Amerikanischen Pavillon in Venedig (Pressefoto von OfficeUS David Lundberg-Esto).

Ein gutes Beispiel für die Methode Guggenheim bietet die Stadt Helsinki. Als dort 2012 der Plan für ein Guggenheim Museum wegen heftiger Kritik aus der lokalen Kulturszene von der Politik gestoppt wurde, gab die Stiftung nicht auf, sondern engagierte eine PR-Agentur. Mit Erfolg. In der finnischen Hauptstadt wurde ein Architekturwettbewerb für den Museumsneubau ins Leben gerufen – gesponsert von einer mächtigen örtlichen Stiftung. An dem nahmen auch die Vertreter der USA bei der diesjährigen Architektur Biennale in Venedig teil, wo ich sie traf und über deren Vorschlag für ein Guggenheim Helsinki interviewte (zu lesen in der FAZ). Doch auch die Gegner geben nicht auf. Sie wollen lieber ein Haus, dass innovative Kunst fördert und haben soeben ebenfalls einen internationalen Wettbewerb gestartet.

Der Streit in Helsinki ist exemplarisch dafür, wie umstritten die Methode Guggenheim ist. Es ist ein Kampf zwischen jenen, die Kultur vor allem als Standortmarketing sehen und jenen, denen es vor allem um Inhalte geht. In Finnland ist das vor allem die Organisation Checkpoint Helsinki.

Am 2. Dezember wurde die Shortlist des Architekturwettbewerbs präsentiert. Aus dem Anlass habe ich für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Vorgehensweise von Guggenheim und die Diskussion darüber und über das Projekt zusammengefasst. Den Artikel gibt es nur in der Printausgabe der FAZ, der Kauf sollte aber lohnen. Am Tag des Entscheids gab ich dem Deutschlandradio Kultur ein Interview zum selben Thema und mein Text für art (mit mehr zur Architektur der Finalisten) steht online.  Hintergründe liefert auch mein Artikel für The Art Newspaper im vergangenen Jahr. Nun bleibt abzuwarten, ob das Museum diesmal die Mehrheit der Politiker überzeugen kann.

This is world announcement – I’m happy


MALMÖ. Fast zehn Jahre ist es her, dass Christoph Schlingensief beim Reykjavík Arts Festival seinen Animatograph präsentierte – eine Drehbühne, die einen Einblick in sein Universum und Denken gab (hier mein damaliger Text für den Rheinischen Merkur).  Seit 2010 ist der Künstler leider tot. Doch seine Arbeit wird Dank Aino Laberenz weiter gezeigt. Derzeit in der Kunsthalle Malmö, wo der Animatograph erneut aufgebaut wurde.

In Reykjavík stand das Gebilde in einem engen Raum des Künstlerhauses Klink og Bank, die Kunsthalle Malmö besteht aus nur einem großen Ausstellungsraum, weshalb kleinere hineingebaut wurden. Beim Eintritt in den zentralen Raum mit der Drehbühne ist es als wäre es wieder 2005. Schlingensiefs Truppe, der ich damals das zuerst beim Empfang des isländischen Präsidenten begegnete, taucht in den vielen Filmen auf, einer ruft ständig mit verstellt hoher, leicht ins keifende schlagende Stimme “This is world announcement – I’m happy”. Die Wiederholung wird natürlich noch dadurch unterstrichen, dass wer auf der Drehbühne steht alle paar Minuten an dem entsprechenden Video, das sich nicht mitdreht, vorbeikommt. “This is world announcement – I’m happy.”

Wer in Malmö ist, sollte hingehen zur von der neuen Direktorin der Kunsthalle, Diana Baldon, kruatierten Ausstellung. “This is the world announcement – I’m happy.”

IMG_3300.JPG

Brotlose Kunst trotz Mindestlohn?


KOPENHAGEN. Museumsbesucher wissen es vermutlich selten und womöglich interessiert es sie auch überhaupt nicht: Künstler, die an Ausstellungen teilnehmen, werden kaum oder überhaupt nicht dafür bezahlt und wenn, dann äußerst knapp. Nun kann man argumentieren, so sei halt der Markt oder man kann wie Schweden es 2009 getan hat, eine Regel aufstellen, wie staatliche Museen ihre Künstler bezahlen müssen.

Nach fünf Jahren ist das schwedische System vom dortigen Amt für Kulturanalyse evaluiert worden und es zeigte sich, dass nur einige der Museen sich an die Regeln halten und Künstler entsprechend bezahlen, wenn sie Werke ausleihen oder zum Aufbau oder Pressekonferenz erscheinen. Über die Ergebnisse hier ein Artikel von mir in The Art Newspaper.

Auch in Deutschland ist ein solches System der Künstlerentlohnung schon lange im Gespräch (ich schrieb dazu für die Friedrich-Ebert-Stiftung eine längere Analyse, die hier heruntergeladen werden kann), bisher aber noch nirgends verwirklicht worden.

Kopenhagens Kampf als Kunstmarktmetropole


KOPENHAGEN. Die Galerieszene der dänischen Hauptstadt hat hohe Ambitionen und möchte mit der neuen Messe ChArt schaffen, was den Berlinern mit dem Art Forum nicht gelungen ist: eine Messe mit internationalem Standard dauerhaft als mehr als ein Lokalereignis zu etablieren. 

Die zweite Ausgabe von ChArt, die vor kurzem stattfand, zeigt, dass das künstlerische Potential durchaus da ist. Doch letztlich ist kaum etwas zu sehen, dass nicht auch auf den anderen, größeren und etablierteren und damit attraktiveren Messen zu sehen ist. Sei es Tal R, Chapman Brothers, Olafur Eliasson – kommt bekannt vor, oder? Warum also sollten die internationalen Sammler, die ohnehin weil sie ständig Geld verdienen oder ausgeben müssen, durch die Welt jetten, auch noch in Kopenhagen Station machen?

Für art habe ich die Messe besucht, mein ausführlicher Bericht, der auch vor Pornostars nicht halt macht, ist hier zu lesen. Als ChArt Anfang 2013 ins Leben gerufen wurde, interviewte die dänische Zeitung Politiken mich zum Thema. Ins Deutsche übertragen lautet Überschrift des hier auf Dänisch zu lesenden Artikels übrigens: “Experte: `Chart´ ist eine Ohrfeige für die Kunstmesse im Forum”. Und im Forum findet seit langem die Art Copenhagen statt, ein älterer Bericht von mir dazu ebenfalls bei art. Hier entlang

Papa as a Rolling Stone


ROSKILDE. Mein privates Interesse, die Rolling Stones beim diesjährigen Roskilde Festival live zu sehen, war recht begrenzt, aber aus Chronistenpflicht ging ich hin. Wenn diese weltbekannte Band alter Männer bei einem der traditionsreichsten Festivals Europas, wenn nicht gar der Erde (hier mein Text aus The Wall Street Journal Speakeasy) auftritt, dann sollte ein Journalist das zumindest sehen.

Auftritt Jagger, bald 71 Jahre alt wird er wie die anderen Bandmitglieder auch gerne als Rock-Opi bezeichnet, schlank und agil wie er ist, nimmt man ihm das Alter aber nicht ab. Er könnte mein Vater und der Großvater vieler anderer Festivalbesucher sein, die Ausdauer und Lebendigkeit, die er auf der Bühne zeigt, lässt aber auf ein biologisches Alter um die 50 schließen. Was das Publikum angeht, hätten Marketingspezialisten wohl enorme Schwierigkeiten da eine klare Zielgruppe auszumachen – von 15 bis 75 ist alles dabei.
Die Musik ist nett, angenehm für ein Konzert, aber gewiss nicht das, was ich nochmal hören oder sehen muss und auch die Kritiker waen nicht allesamt begeiert (hier Politiken). Einmal hat allerdings auch gereicht, um zu zeigen, dass Kultur und sei sie auch von Rock-Opis bei einem Festival die Leute über Generationen hinweg zusammenbringen kann. Respekt, Roskilde!

Ist Europa Wurst?


BERLIN. Vor ein paar Wochen interviewte ich in Kopenhagen Conchita Wurst. Es war der erste Mai und damals trauten ihr zwar viele zu in das ESC Finale einzuziehen, aber die Buchmacher hatten andere Favoriten für den Sieg beim Eurovision Song Contest. Dann kam alles anders. (Vielleicht hätte das schon abgelesen werden können an dem Erfolg, den mein Video von ihr im Netz hatte.)


Der Sieg von Conchita Wurst wurde als Sieg der Toleranz gefeiert. Das ist jetzt ein paar Wochen her und gestern siegten bei der Europawahl in vielen Ländern Parteien, die gegenüber sexuellen Minderheiten oder Auslaendern wenig tolerant sind. Dänemark gehört zu jenen Landern, in denen die Rechtspopulisten am meisten Stimmen bekamen. Allerdings unterscheiden sich die Rechtspopulisten in Europa mindestens so sehr voneinander wie die Sozial- oder Christdemokraten. Die dänische Volkspartei etwa mag nicht Stimmung gegen Homosexuelle machen. Uber diese und andere Unterschiede wird heute abend an der Humboldt Universität diskutiert.