Eine Dänin im Kampf gegen gefährliche Marktmacht


KOPENHAGEN. Bis vor kurzem war Magrethe Vestager außerhalb Dänemarks ziemlich unbekannt. Mittlerweile macht sie Giganten wie Google Konkurrenz. Und bekommt dafür jede Menge Aufmerksamkeit.

Wer wie so viele Briten, Amerikaner, Deutsche etc. die dänische Tv-Serie “Borgen” (in Deutschland gelaufen unter dem Titel “Gefährliche Seilschaften”) gesehen hat, hat mit Vestager schon ein wenig Bekanntschaft geschlossen. Denn die Hauptperson, Spitzenpolitikerin Birgitte Nyborg, ist ihr und Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt nachempfunden.

Mehr zu “Vest-äjer” (so mein Versuch jenen, die kein Dänisch können, die Aussprache ihres Namens beizubringen) in meinem aktuellen Porträt für Zeit Online.

Der 75. von Königin Margrethe II. und die Fremden


KOPENHAGEN. “Kommst Du nach Dänemark, musst Du dich einfügen” – so in etwa lautet der Appell der dänischen Königin Margrethe II. in einem großen Interview, das sie aus Anlass ihres heutigen 75. Geburtstages der Zeitung Berlingske Tidende gegeben hat. Die Monarchin, verheiratet mit dem in Frankreich geborenen Prins Henrik, fordert nach Dänemark kommende Einwanderer auf,  sich an die dänischen Gegebenheiten anzupassen und nicht ihr „altes Gesellschaftsmodel einfach weiterzuführen“. Von der Rhetorik der Dänischen Volkspartei (DF) ist sie allerdings weit entfernt – es gehe ihr nicht darum, dass nun jeder Frikadellen essen müsse, zitiert die Zeitung Politiken die Königin. Die DF hatte in den vergangenen Jahren immer wieder hervorgehoben, wie wichtig es sei, dass in dänischen Institutionen wie Krankenhaus oder Kindergarten Schweinefleisch serviert werde.

Wahlplakat der dänischen Sozialdemokraten (Gilleleje, 29. März; Foto: Bomsdorf)

Das Interview fällt in den beginnenden Wahlkampf – spätestens im September muss gewählt werden, doch es wird erwartet, dass Regierungchefin Thorning-Schmidt die Bürger schon im Mai stimmen lässt. Die Plakatierung hat jedenfalls schon begonnen. „Kommst Du nach Dänemark, musst Du arbeiten“ – mit diesem Slogan werben die regierenden Sozialdemokraten in Dänemark um Stimmen und zwar dort, wo die Dänische Volkspartei DF seit Jahren erfolgreich ist: bei jenen, die in Einwanderern vor allem Gefahr sehen. Die Sozialdemokraten gehen ganz klar weiter als die Königin, alleine durch den rhetorischen Kniff auf den ersten Blick jemanden anzusprechen, der gar nicht wählen darf.

Während DF aktuellen Umfragen zu Folge Chancen hat stärkste Fraktion zu werden, dürfte es für die sozialdemokratische Amtsinhaberin schwer werden, die Regierungsmacht zu halten.

Besessen von der ehemaligen Besatzungsmacht


KOPENHAGEN. Deutsche Truppen auf dänischem Boden – am heutigen 9. April ist es 75 Jahre her, dass Dänemark vom nationalsozialistischen Deutschland besetzt wurde. Die dänischen Medien nehmen das zum Anlass über die historische Bedeutung des Datums, das zu Dänemarks Historie gehört wie 1864 (die Niederlage auf den Düppeler Schanzen) und 1992 (der Sieg über Deutschland im Finale der Fußball-EM), zu diskutieren.

Schon ein paar Tage zuvor verkündete der öffentlich-rechtliche Sender DR, dass die Dänen die Deutschen nun lieben würden. Das war das Ergebnis einer aktuellen Umfrage kurz vor dem 75. Jahrestag. In der Tat ist die Deutschland- oder besser gesagt Berlin-Begeisterung seit einigen Jahren groß.

Viele Dänen haben eine Zweitwohnung in der deutschen Hauptstadt oder reisen dort zumindest ständig hin, in Kopenhagen ist es cool Deutsch zu sprechen und Läden und Bars mit deutschen Namen zu versehen. Darüber habe ich schon vor ein paar Jahren für Die Welt geschrieben und vor kurzem griff auch die dpa das Thema auf.

Am 9. April 1940 hat Deutschland auch Norwegen angegriffen. Vor fünf Jahren, zum 70. Jahrestag, stellte Randi Thomessen in ihrer Galerie Lautom den Künstler Victor Lind aus, der sich intensiv mit der Zeit Norwegens unter den Nazis auseinandersetzte und Widerständler sowie Unterstützer in der Ausstellung “Red, yellow and blue – til Gartneren” thematisierte. Hier mein damaliger Artikel.

Die Stille nach den Schüssen


KOPENHAGEN. Es ist leider so: wirklich überrascht hat das Attentat in Kopenhagen nur wenige. Lange war bekannt, dass die dänische Hauptstadt Anschlagsziel islamischer Terroristen ist.

Es ist das zweite Mal binnen nicht einmal vier Jahren, dass ich Terror in Nordeuropa hautnah miterleben muss.

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Trauernde vor der Hauptsynagoge von Kopenhagen (Foto: Bomsdorf)

Oslo, 22. Juli 2011 und nun Kopenhagen, 14. Februar 2015.

Die Anschläge in Norwegen haben die dortige Gesellschaft viel stärker getroffen. Das liegt natürlich daran, dass so viel mehr Menschen ermordet wurden, aber sicher auch daran, dass der Attentäter noch mehr aus der so genannten Mitte der Gesellschaft kam.

Anders Behring Breivik war norwegischer Christ und ein Islamhasser. Der Muslim Omar Abdel Hamid El-Hussein (die Polizei hat soeben seine Identität bestätigt) war als Sohn palästinensicher Eltern in Dänemark geboren und aufgewachsen, er war Judenhasser.

Dänemark ist durch den Anschlag kein anderes Land geworden, der 16. Februar, erster Wochentag nach den Anschlägen, war nicht so anders vom Freitag vor dem Terror.

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Unter Polizeischutz auf dem Weg zur Gedenkveranstaltung (Foto: Bomsdorf)

In den vergangenen Tagen habe ich für diverse Medien über die Attentate und die Lage im Lande berichtet. Ich hoffe, dass vor allem die einordnenden Stücke auch später noch lesens- und hörenswert sind.  Die ersten Nachrichten gab es bei Die Welt, wie die Dänen reagiert haben beschrieb ich ebenfalls für Die Welt, ausführlicher dann über die dänische Gelassenheit in einem Beitrag für Zeit Online und einer Kolumne für stern. Schließlich von der Gedenkveranstaltung und den Trauernden vor der Synagoge für FAZ.net.

Dem Künstler Lars Vilks, dem der Anschlag wohl gegolten hatte, habe ich mich in Gesprächen mit SRF aus der Schweiz und BR2 sowie Deutschlandradio Kultur gewidmet.

Bleibt zu hoffen, dass der Terrorismus in Europa nicht zunimmt. Doch zu befürchten ist, dass es weitere Anschläge geben wird.

Schüsse auf Kopenhagen und die Meinungsfreiheit


KOPENHAGEN. Kaum radelte ich heute Nachmittag am See entlang gen Westen jagten auf der anderen Seite des Wassers plötzlich Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene über die Straße. Das kommt hier ständig vor, in der Hinsicht hat man in Kopenhagen manchmal den Eindruck in New York zu leben. Etwas später stellte sich heraus: ein Anschlag! Die gen Osten fahrenden Fahrzeuge waren vermutlich auf dem Weg nach Østerbro.

Mit automatischen Waffen hatten dort kurz vor 16 Uhr zwei Attentäter einen Anschlag auf eine Veranstaltung zum Thema “Kunst, Blasphemie und Meinungsfreiheit” verübt. Sie schossen auf den Veranstaltungsort, anwesende Polizisten erwiderten das Feuer und konnte so womöglich ein Blutbad verhindern. Ein Mann kam ums Leben, drei Polizisten sind verletzt. Im Jahr zehn nach den Mohammedkarikaturen ist der Terror in Kopenhagen angekommen. Oder soll man sagen nach Kopenhagen zurückgekommen, denn Anschlagversuche gab es hier schon zuvor, bisher aber ohne Tote.

Polizei und Politik sind bisher zurückhaltend Vorverurteilungen vorzunehmen, denn noch sind die Attentäter flüchtig. Doch weil Vilks an der Veranstaltung, auf die das Attentat verübt wurde, teilnahm, geht man vielfach wie in Frankreich vor einem Monat von einem islamistischen Hintergrund aus.

Den Stand der Dinge und erste Reaktionen habe ich hier für Die Welt zusammengefasst, hinweisen möchte ich auch auf dieses Interview, dass ich 2010 mit Lars Vilks für Focus führte.

Peter Wallenberg ist tot, die Wallenberg-Dynastie lebt weiter


KOPENHAGEN. Die Wallenbergs sind ohne Frage die einflussreichste Industriellenfamilie in Schweden. Banken, Maschinenbau, Ausbildung – kaum ein zentraler Sektor, in dem sie nicht mit die Fäden ziehen.

Jetzt ist Peter Wallenberg, für viele die Spitze der Dynastie, gestorben. Der Clan aber wird überleben. Schließlich sind die Cousins Jacob und Marcus Wallenberg schon lange bestens positioniert.

Wie die Familie denkt und was sie lenkt steht in einem Artikel, den ich für die Wirtschaftswoche geschrieben habe. Obwohl schon ein paar Jahre alt, eine gute EInführung in die Dynastie. Zum Lesen bitte hier entlang.

Conchita rockt – sogar die Finanzwelt


KOPENHAGEN. Als ich im vergangenen Frühjahr noch bevor der Eurovision richtig losgegangen war recht spontan für The Wall Street Journal Conchita Wurst interviewte, galt die Österreicherin noch als Außenseiterin. Jetzt wurde mein Artikel mit ihr zum Top Hit bei WSJ Brussels gekürt – kein anderer der Texte dort wurde im Jahr 2014 so oft angeklickt wie dieser.

Als ich das Gespräch im vergangenen Jahr führte, kannte die englischsprachige Leserschaft das Konzept des ESC leidlich, aber mit Conchita Wurst konnte kaum jemand etwas anfangen und erst recht nicht mit ihrem Namen. Also bat ich die “bärtige Dame” mir diesen doch einmal auf Englisch zu erklären. Divenhaft und galant legte sie los und brauchte keine zwei Minuten um zu erläutern, was Conchita und Wurst bedeutet und wieso sie sich diese Namen ausgewählt hat. Ganz jugendfrei war das nicht, sondern – zumindest für amerikanische Verhältnisse –  eher NSFW. In dem Video, das ich für WSJ.com lieferte, machten die Kollegen von The Wall Street Journal sich ein wenig über die (ehemals) konservative Einstellung des WSJ in solchen Dingen lustig.

Die Finanzwelt und all die anderen, die den Film schauten und meinen Blog dazu lasen, jedenfalls waren angetan. Eben so sehr, dass kein anderer Beitrag für WSJ Real Time Brussels im vergangenen Jahr mehr angeklickt wurde als Conchita Wurst im Interview mit mir, wie Stephen Fiedler aus Brüssel berichtet.

Last Christmas? Nein, Weihnachten 1927 bei Disney


Empty Socks Film (Foto: Martin Weiss/Nasjonalbiblioteket)
Empty Socks Film (Foto: Martin Weiss/Nasjonalbiblioteket)

KOPENHAGEN. Weihnachtsgeschichten gehören besonders für Kinder zum Dezember, Weihnachtsfilme ebenso und viele davon dürften auch heutzutage noch von Walt Disney sein. Der allererste Disney-Weihnachtsfilm heißt “Empty Socks” und galt bis auf einen gaaaanz kurzen Schnipsel im Besitze des Museum of Modern Art in New York bislang als verschollen. Doch in diesem Jahr wurde eine fast komplette Kopie in Norwegen identifiziert – passenderweise ganz nah am Polarkreis, im Archiv der Norwegischen Nationalbibliothek in Mo i Rana. Hauptperson des Clips ist Oswald der lustige Hase (Oswald the Lucky Rabbit), ein Vorläufer von Micky Maus.

Aus der Entdeckungsgeschichte könnte man sicher eine schön kitschige Weihnachtsreportage machen. Vom Archivar Kjetil Kvale Sørenssen, der lange Polarnächte im dunklen Archiv in Mo i Rana verbringt und dort auf namenlose Filmrollen stößt, die der amerikanische Comic-Historiker David Gersteiner schließlich als Disneys ersten Weihnachtsfilm (von 1927!) erkennt.

Diese Weihnachtsgeschichte kann sich jetzt jeder ausmalen, die Fakten gibt es in meinem Artikel für The Art Newspaper (dort habe ich auch den Inhalt des lustig-anarchischen Films zusammengefasst). Den Film gibt es heute in der Nationalbibliothek in Oslo zu sehen.

Guggenheim – der Economic Hit Man der Kulturbranche?


Guggenheim Helsinki Finalist (Foto: Guggenheim)
Guggenheim Helsinki Finalist (Foto: Guggenheim)

KOPENHAGEN/VENEDIG. Die amerikanische Guggenheim Stiftung stellt sich gerne als der große, selbstlose Förderer der Kunst dar. Doch wenn in einer anderen Stadt ein Guggenheim Museum eröffnet werden soll, geht es vor allem um eins: Geld. Denn solch ein Haus verschenkt die Stiftung nicht. Stattdessen kassiert sie für Konzept, Programmgestaltung und Nutzung des Namens viele Millionen Euro. Im Gegenzug werden mehr Touristen und entsprechend steigende Einnahmen versprochen. Wer gemein sein will, sagt, die weltberühmte amerikanische Institution zwinge Städten ihr Konzept nahezu auf und nehme diese aus – in etwa so wie es Economic Hit Men mit Entwicklungsländern machen.

OfficsUS vor dem Amerikanischen Pavillon in Venedig (Pressefoto von OfficeUS David Lundberg-Esto).
OfficsUS vor dem Amerikanischen Pavillon in Venedig (Pressefoto von OfficeUS David Lundberg-Esto).

Ein gutes Beispiel für die Methode Guggenheim bietet die Stadt Helsinki. Als dort 2012 der Plan für ein Guggenheim Museum wegen heftiger Kritik aus der lokalen Kulturszene von der Politik gestoppt wurde, gab die Stiftung nicht auf, sondern engagierte eine PR-Agentur. Mit Erfolg. In der finnischen Hauptstadt wurde ein Architekturwettbewerb für den Museumsneubau ins Leben gerufen – gesponsert von einer mächtigen örtlichen Stiftung. An dem nahmen auch die Vertreter der USA bei der diesjährigen Architektur Biennale in Venedig teil, wo ich sie traf und über deren Vorschlag für ein Guggenheim Helsinki interviewte (zu lesen in der FAZ). Doch auch die Gegner geben nicht auf. Sie wollen lieber ein Haus, dass innovative Kunst fördert und haben soeben ebenfalls einen internationalen Wettbewerb gestartet.

Der Streit in Helsinki ist exemplarisch dafür, wie umstritten die Methode Guggenheim ist. Es ist ein Kampf zwischen jenen, die Kultur vor allem als Standortmarketing sehen und jenen, denen es vor allem um Inhalte geht. In Finnland ist das vor allem die Organisation Checkpoint Helsinki.

Am 2. Dezember wurde die Shortlist des Architekturwettbewerbs präsentiert. Aus dem Anlass habe ich für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Vorgehensweise von Guggenheim und die Diskussion darüber und über das Projekt zusammengefasst. Den Artikel gibt es nur in der Printausgabe der FAZ, der Kauf sollte aber lohnen. Am Tag des Entscheids gab ich dem Deutschlandradio Kultur ein Interview zum selben Thema und mein Text für art (mit mehr zur Architektur der Finalisten) steht online.  Hintergründe liefert auch mein Artikel für The Art Newspaper im vergangenen Jahr. Nun bleibt abzuwarten, ob das Museum diesmal die Mehrheit der Politiker überzeugen kann.