So tickt(e) die mögliche neue isländische Premierministerin


Kathrin Jakobsdóttir, damals isländische Kultusministerin, im Interview mit think:act
Katrin Jakobsdóttir, damals isländische Kultusministerin, im Interview mit think:act

KOPENHAGEN. Zwei Frauen dürften in Island künftig eine stärkere Rolle spielen: die Piratin Birgitta Jónsdóttir und die Linksgrüne Katrín Jakobsdóttir. Erstere hat zwar bisher vor allem im Ausland mehr Medienaufmerksamkeit genossen, doch letztere steht der Partei mit den zweitmeisten Stimmen vor und hat bereits Regierungserfahrung. Jakobsdóttir hat also bessere Aussichten in einer neuen Koalition links der Mitte Regierungschefin zu werden. Vor einiger Zeit hatten die Piraten zudem gesagt, dass sie selbst wenn sie der größere Koalitionspartner sind, lieber eine Linksgrüne Premierministerin hätten.

Grund genug, sich Jakobsdóttir einmal genauer zu widmen. Ich habe sie mehrfach in Island und andernorts getroffen und publiziere hier gerne die deutschsprachige Version eines Interviews, das ich im Herbst 2012 am Rande der Buchmesse in Göteborg mit ihr für think:act, das Magazin von Roland Berger, führte.

„Was wir jetzt in Island erleben, ist die positive Seite der Krise“

Clemens Bomsdorf: Die europäische Banken- und Finanzkrise begann in Island. Nach dem Kollaps der isländischen Wirtschaft folgte der Einbruch in Europa. Solche Krisen kennen wir aus Filmen und Büchern, aber nicht aus dem echten Leben. Wo sehen Sie als Literaturwissenschaftlerin, die die isländische Wirtschaftskrise hautnah miterlebt hat, die Unterschiede zwischen Fiktion und Realität?

Katrín Jakobsdóttir: In der Literatur haben Krisen etwas Romantisches. Doch die Krise in Island war überhaupt nicht romantisch. Es kam alles sehr plötzlich: Wir waren vielleicht das erste Land, das abstürzte. Wir hatten dieses riesige Bankensystem, zwölfmal so groß wie unser BIP, und es brach einfach zusammen. Die Krise war in Island sehr ernst. Jetzt sehen wir die Gegenwart und die Zukunft positiver. Vielleicht werden uns diese Ereignisse eines Tages wie ein Roman vorkommen.

CB: Kurz bevor die isländischen Banken nach dem Crash nationalisiert wurden, schloss der damalige Premierminister Geir Haarde eine Ansprache mit „Gott rette Island“. Das klang wie ein Stoßgebet. Was dachten Sie, als Sie diese Worte hörten?

Kathrin Jakobsdóttir, damals isländische Kultusministerin, im Interview mit think:act
Katrín Jakobsdóttir, damals isländische Kultusministerin, im Interview mit think:act

KJ: Wir waren alle sehr überrascht. Natürlich hatten sich die Geschehnisse abgezeichnet. Meine Partei hatte schon einige Zeit Schwächen des Finanzsystems aufgezeigt. Doch niemand hatte mit diesen Worten gerechnet. Dieser Moment fühlte sich surreal an, wie aus einem Film. Island hat nur knapp über 300.000 Einwohner, und wir alle erlebten diesen Moment. Alle sahen die Rede – selbst Isländer im Ausland, die sich noch als Teil unserer winzigen Nation fühlten. Jeder weiß noch, wo er war, als er diese Worte hörte.

CB: Würden Sie jetzt, vier Jahre später, sagen, dass Gott Island tatsächlich gerettet hat? Was ist mit dem Land und seinen Menschen seitdem passiert?

KJ: [lacht] Nun, wir sind immer noch da. Vielleicht hat sich das isländische Volk seitdem nicht sehr verändert. Vieles, was Island ausmacht, seine Menschen und die Gesellschaft, gibt es immer noch. Ich weiß nicht, ob Gott Island gerettet hat, aber die Dinge haben sich definitiv nicht ganz so schlecht entwickelt wie erwartet.

CB: Ihre Partei ist schon immer dagegen, dass Island der EU beitritt. Trotz aller Probleme in der Euro-Zone – hätten eine Mitgliedschaft und eine gemeinsame Währung nicht geholfen, die isländische Krise zu verhindern?

KJ: Als Politikerin weiß ich, dass man keine hypothetischen Fragen beantworten sollte! Doch die beste Antwort auf diese Frage ist wahrscheinlich Irland. Leider gab es in Irland trotz seiner Mitgliedschaft eine ähnliche Krise wie bei uns. Beide Länder hatten gemeinsam, dass sie in den letzten zwei Jahrzehnten neoliberale Politiken umgesetzt hatten. Meines Erachtens ist das der Hauptgrund für die Krise.

CB: Als die Krise ausbrach, gab es in Island Demonstrationen, die aber im Vergleich zu denen in Spanien und Griechenland kleiner und gewaltlos waren. Warum reagieren Isländer so anders als Südeuropäer?

KJ: Wenn man bedenkt, wie wenig Einwohner Island hat, dann waren die Demonstrationen gar nicht so klein. Sie zogen 15-20.000 Menschen an, also 5-7 % unserer Bevölkerung – das entspräche in Spanien 3 Millionen Menschen und 700.000 in Griechenland. In meinem Land haben Proteste keine lange Tradition. Die einzigen richtigen Demonstrationen, die es vor der Krise gegeben hatte, fanden 1949 statt, als Island der NATO beitrat.

CB: Versuchen die Isländer – statt sich zu beschweren oder zu demonstrieren – lieber, mit den Dingen klarzukommen und das zu verändern, was sie können?

KJ: Da ist vielleicht was dran. Isländer arbeiten gern an den Dingen, statt nur gegen sie zu protestieren. In der Krise ist viel Positives passiert. Ich denke da an die Nationalversammlung, wo 1.800 zufällig ausgewählte Isländer in einem Stadion zusammenkamen und über die Werte für unsere Zukunft diskutierten. So steht z. B. Vertrauen hoch im Kurs.

CB: Oft heißt es, Island könne man aufgrund seiner Größe nicht mit anderen Ländern vergleichen. Stimmt das wirklich, oder ist das nur eine Ausrede, um eine Politik wie in Island nirgendwo anders umzusetzen?

KJ: Natürlich ist es ein kleines Land, und das hilft, wenn es um demokratische Teilhabe geht. Was wir jetzt in Island erleben, ist die positive Seite der Krise. Die Menschen sind sich ihrer Rollen und Möglichkeiten besser bewusst. Das ist die wichtigste Lektion, die uns die Krise erteilt hat: Dass wir alle für unsere Gesellschaft verantwortlich sind. Jeder kann etwas tun. Ich glaube, das gilt auch für größere Länder, obwohl manche Dinge in kleineren Ländern wahrscheinlich schneller gehen.

CB: Ihre politische Karriere ist durch die Krise erst richtig in Schwung gekommen. Die Neuwahlen brachten Ihre Partei in die Regierung. Wie hat die Krise Sie noch beeinflusst? Ohne zu persönlich zu werden: Hat sich die Krise auf Ihr Konto ausgewirkt?

KJ: Fast jeder in Island war von der Krise betroffen. Als der Crash kam, sanken die Hauspreise dramatisch, und die Hypothekenrückzahlungen stiegen, da sie inflations- oder an ausländische Währungen gebunden waren. Eine Freundin meinte neulich, es sei komisch, dass ich als Regierungsmitglied denselben Ärger mit meinen Hypothekenzahlungen habe wie sie. Aber das gilt für viele isländische Politiker. Dadurch können wir die Probleme der Isländer besser verstehen. Wie wir in Island sagen: Wir bzw. die meisten von uns sitzen in derselben Suppenschüssel.

CB: Welche politischen Entscheidungen haben Ihr Ministerium und andere getroffen, um die Krise zu bewältigen?

KJ: Wir mussten drastische Haushaltskürzungen vornehmen. Wir zahlen jetzt große Summen, um unsere Schulden zu tilgen. Wir wollten das Gesundheitssystem, die Schulen und das Wohlfahrtssystem verschonen. Doch wir haben auch dort gekürzt – bis zu 10 % in drei Jahren. Die öffentlichen Ausgaben in anderen Bereichen wurden in drei Jahren um 20 % gekürzt. In meinem Ministerium haben wir bei staatlichen Einrichtungen wie Museen und Bibliotheken gekürzt. Für mich war es wichtig, die Schulen zu verschonen, nicht nur als Bildungsstätten, sondern weil dort Menschen zusammenkommen. Wenn man seinen Job verliert, ist es wichtig, nicht allein zu sein. Durch den Ausbruch der Krise haben die Menschen das Vertrauen in das Finanzsystem und die Politiker verloren, aber sie glaubten immer noch an das Bildungssystem. Alle, ganz gleich welcher Herkunft, gehen zur Schule. Bildung ist kostenlos, und Schulen schaffen demokratisches Bewusstsein und Gleichheit.

CB: Island hat vom Internationalen Währungsfond (IWF), der von einigen für seine neoliberale Politik kritisiert wird, einen Kredit bekommen. Es heißt, die von Ihrer Regierung ergriffenen Maßnahmen entsprächen nicht den vom IWF in der Regel geforderten Reformen. Stimmt das?

KJ: Nun, wir sind noch nicht mit allen Maßnahmen fertig. Aber alles in allem haben Sie Recht. Die Beantragung des IWF-Kredits war m. E. ein verzweifelter Akt. Ich hatte gesehen, was der IWF von afrikanischen Ländern verlangt – drastische Haushaltskürzungen, Privatisierung etc. Wir haben Haushaltskürzungen vorgenommen, aber wir haben nicht viel von dem umgesetzt, was der IWF i.d.R. empfiehlt. Privatisierung stand nach der Krise nicht auf dem Plan, nur vorher, als wir eine rechte Regierung hatten. Aber die Menschen stehen diesem Prozess mittlerweile kritisch gegenüber, da sie merken, dass sie weniger Macht haben, wenn man Dienstleistungen privatisiert, und dass Abgeordnete nichts mehr zu sagen haben. Ich denke, Island hat die Krise ganz gut überstanden.

CB: Island hat Kapitalkontrollen eingeführt, um die Wirtschaft besser zu lenken. Momentan sind die Wechselkurse künstlich. Es sieht aus, als gehe es Island relativ gut. Aber ist das nicht eine weitere Blase – eine, die platzen könnte, wenn die Kapitalkontrollen gelockert werden?

KJ: Die Lockerung der Kontrollen wird sich auf jeden Fall auswirken. Wie das aussehen sollte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Eine sehr schnelle Lockerung, wie sie einige wollen, würde der Wirtschaft definitiv einen Schlag versetzen. Die jetzige Regierung findet, man solle die Dinge langsam angehen.

CB: Um zur Literatur zurückzukommen: Bücher fordern manchmal unsere Ansichten und Gedanken heraus, indem sie uns neue Dinge erleben lassen. Die Isländer lesen mehr als andere Nationen. Hat ihnen die Literatur durch die Krise geholfen?

KJ: Ich glaube, schon. Isländische Autoren haben die Krise als Hintergrund für ihre Bücher genommen. Ich habe meine Magisterarbeit über isländische Kriminalliteratur geschrieben: Viele Krimis aus den Jahren 2008 und 2009 handeln von unehrlichen Bankern oder Politikern, die ermordet wurden. Also ja, ich glaube, wir haben die Literatur – Kriminalromane, aber auch ernstere Stoffe – therapeutisch genutzt.

Sauberland ist abgebrannt


KOPENHAGEN. Die Panama Papers haben den isländischen Regierungschef zu Fall gebracht (hier ein Text, den ich für Zeit online vor dessen Abgang schrieb). Und es gibt weitere Regierungsmitglieder mit Verbindungen zu zweifelhaften Finanzgeschäften, darunter ausgerechnet der Finanzminister. Auch wenn das Ausland einen anderen Eindruck hatte: In Island ist die Finanzkrise nicht vollständig aufgearbeitet worden. Stattdessen zeigt sich, dass der kleine Inselstaat den zweiten moralischen Bankrott erlitten hat. Details dazu hier in meinem Gastkommentar für Reykjavik Grapevine aus Island, den ich mit Kollegen Atli Thor Fanndal schrieb.

Die Präsidentschaftswahl am 25. Juni könnte endlich den erhofften Wandel bringen. Der seit 20 Jahren amtierende Staatschef Olafur Ragnar Grimsson hat sich entschieden, nun doch nicht mehr anzutreten, und derzeit hat  Gudni Th. Jóhannesson, ein allseits respektierter unabhängiger Kandidat, beste Aussichten, gewählt zu werden. Allerdings hat sich auch David Oddsson aufstellen lassen. Er ist laut Time Magazine einer der 25 Leute, denen Schuld an der Finanzkrise gegeben werden sollte. Würde er wider Erwarten gewinnen, wäre das wohl der dritte moralische Fall Islands innerhalb nicht einmal einer Dekade.

Oben noch ein interessantes Interview, das CNN mit Grimsson führte als er noch wiedergewählt werden wollte.

This is world announcement – I’m happy


MALMÖ. Fast zehn Jahre ist es her, dass Christoph Schlingensief beim Reykjavík Arts Festival seinen Animatograph präsentierte – eine Drehbühne, die einen Einblick in sein Universum und Denken gab (hier mein damaliger Text für den Rheinischen Merkur).  Seit 2010 ist der Künstler leider tot. Doch seine Arbeit wird Dank Aino Laberenz weiter gezeigt. Derzeit in der Kunsthalle Malmö, wo der Animatograph erneut aufgebaut wurde.

In Reykjavík stand das Gebilde in einem engen Raum des Künstlerhauses Klink og Bank, die Kunsthalle Malmö besteht aus nur einem großen Ausstellungsraum, weshalb kleinere hineingebaut wurden. Beim Eintritt in den zentralen Raum mit der Drehbühne ist es als wäre es wieder 2005. Schlingensiefs Truppe, der ich damals das zuerst beim Empfang des isländischen Präsidenten begegnete, taucht in den vielen Filmen auf, einer ruft ständig mit verstellt hoher, leicht ins keifende schlagende Stimme „This is world announcement – I’m happy“. Die Wiederholung wird natürlich noch dadurch unterstrichen, dass wer auf der Drehbühne steht alle paar Minuten an dem entsprechenden Video, das sich nicht mitdreht, vorbeikommt. „This is world announcement – I’m happy.“

Wer in Malmö ist, sollte hingehen zur von der neuen Direktorin der Kunsthalle, Diana Baldon, kruatierten Ausstellung. „This is the world announcement – I’m happy.“

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Die Kunst isländischer Galerist zu sein


REYKJAVÍK/BASEL. Island hat eine kleine, aber lebendige Kunstszene (darüber schrieb ich bspw. kürzlich für artnet und schon früher u.a. für art, The Art Newspaper und Rheinischer Merkur – als es diesen noch gab), gemessen an der Größe des Landes ist aber Einiges los, so viel, dass wie in großen Städten ausgewählt werden muss, was man sich anschaut.

Anders sieht das bei der kommerziellen internationalen Galerienszene des Landes aus, die besteht lediglich aus i8. Keine andere isländische Galerie nimmt an den großen Kunstmessen teil oder hat so viel Kundschaft außerhalb des Landes wie die Galerie von Börkur Arnarson.  Am Rande des Reykjavík Arts Festivals 2012 interviewte ich ihn kürzlich, jetzt ist er in Basel auf der dortigen Kunstmesse, wo ich ihn auch traf und mir das Ergebnis von Ragnar Kjartanssons Beitrag zur Venedig Biennale 2009 anschaute, das i8 gemeinsam mit Luhring Augustine aus New York bei Art Unlimited ausstellte. Bei artnet erschien soeben mein Interview mit Börkur Arnorson, in dem es natürlich auch um Kjartansson geht.

Auf zur Walfangbeobachtung


KOPENHAGEN. Walfang und Whalewatching – im Hafen von Reykjavík herrscht die friedliche Koexistenz. Links des Piers liegen die mit Harpunen bewaffneten Walfangschiffe und rechts die mit Ferngläsern ausgestatteten Boote für die Walbeobachtung. Dass Island eine Walfangnation ist, wurde den die Meeressäuger liebenden Touristen nie verschwiegen, doch näher anschauen durften sie sich die Boote bisher nicht. Schließlich werden im Zoo auch keine Fasanenjagden veranstaltet. Gunnar Bergmann Jónsson will das ändern und den Island-Touristen etwas ganz Besonderes bieten: „Whalewatching mit einem Walfänger“. Jónsson ist Chef der Firma Hrefnuveiðimenn, zu deutsch Zwergwalfänger. Noch übernächste Woche will er die ersten Touristen mit auf sein Boot Hrafnreyður nehmen. „Wir wollen den Leuten zeigen, was Walfang wirklich bedeutet, ihnen die Geschichte und die Jagd heute nahebringen“, sagt Jónsson. So seien es spanische und norwegische Jäger gewesen und nicht isländische, die vor einigen hundert Jahren den Walfang vor Islands Küste begonnen hätten. Jónsson will den Gästen auch zeigen, dass der Beschuss der Wale so grausam nicht ist. „Wir haben hochmoderne Harpunen aus Norwegen, normalerweise sterben die Tiere binnen einer Sekunde. Töten ist nie schön, aber ich sehe da keinen Unterschied zur Schlachtung eines Hühnchens“, so Jónsson. Zum Abschluss der Tour zeigt er den Gästen die Walfleischfabrik. Ein sehr humanes Programm und ganz anders als das, was die Touristen im neusten Film des isländischen Star-Autoren Sjón geboten bekommen.

Bei einer Walbeobachtungstour geraten sie in die Hände von penetranten Walfängern. Die Begegnung endet in einem einzigen Gemetzel – Menschen nicht Wale werden harpuniert. Titel des Films: Reykjavík Whale Watching Massacre. In der Financial Times Deutschland ein Text von mir zum Thema (nur in der Printausgabe zu lesen, dafür aber auf Seite 1).

Island mangelt es an Geld, mal wieder


KOPENHAGEN. Dass es auf Island finanziell derzeit nicht zum besten steht, ist bekannt. Die Mäzenin Francesca von Habsburg, großer Fan von Island und der dortigen Kunstszene, wollte dem Lande unter die Arme greifen und einen Teil ihrer Kunstsammlung in Reykjavík längerfristig ausstellen – gemeinsam mit dem Nylo / Living Art Museum, das u.a. einige Werke von Dieter Roth besitzt.

Für die isländische Kunstszene sammelte sie auch Geld bei einer Auktion im vergangenen Februar. Rund eine halbe Million Britische Pfund kamen bei der Versteigerung be Philips de Pury in London zusammen. Doch seither ist nicht viel passiert und Island fragt sich nun: wo bleibt das Geld? Für The Art Newspaper habe ich darüber bereits zweimal berichtet (leider ist nur ein Text online, also: abonnieren! 😉 ) . Von Habsburg verweist auf die unklare Situation. Sie hatte damit gerechnet, dass ihr für die Sammlung ein Haus zur Verfügung gestellt wird, aber das können die Isländer derzeit nicht längerfristig garantieren. So angetan sie von der Idee von von Habsburg sind, hatten sie doch gehofft, nicht auch noch selber mit Geld (= kostenlosem Ausstellungsraum) beitragen zu müssen, aber da haben sie die Rechnung wohl ohne von Habsburg gemacht, die zwar als großzügig gilt, aber auch ihre eigenen Interessen im Blick hat.

Simply the Best für Reykjavík


KOPENHAGEN. Tu felix Islandia – das kleine Land am nordwestlichen Rande Europas ist wirklich mit Kreativität gesegnet. Nun soll diese die Hauptstadt regieren. Bei den gestrigen Kommunalwahlen siegte in Reykjavík die Partei „Besti flokkurinn“ des Stand-Up-Comedian Jón Gnarr. Knapp 35 Prozent der Stimmen und damit mehr als jede andere Partei erhielt die „Beste Partei“.

Als Parodie auf das Establishment gegründet, muss „Besti flokkurinn“ nun beweisen, wirklich besser zu sein. Spitzenkandidat Gnarr hatte verkündet, vor allem an einem sicheren Job und einem angemessenen Büro interessiert zu sein. Er wollte aussprechen, was nach Meinung vieler das Gros der Politiker, die das Land abgewirtschaftet haben, nur denken.

Im Wahlvideo (das hier auf YouTube mit englischen Untertiteln zu sehen ist) waren die Forderungen der Partei zu hören, darunter „kostenlose Handtücher in allen Pools“ (und davon gibt es auf Island viele). Doch, so sagte mir Einar Örn, ehemaliger Sanger der Sugarcubes und nun ebenfalls Stadtratmitglied, vor ein paar Wochen: „Wir haben versprochen, alle unsere Versprechen zu brechen. Inklusive diesem“. Paradox wollen sie also auch noch sein. Aber immerhin bringt der Wahlsieg nun einen großen Teil an politisch völlig unerfahrenen Leuten und zumindest in diesem Fall gewöhnlichen Bürgern an die Macht. Vielleicht ist es gerade das, was Reykjavík und Island jetzt braucht.

Die isländischen Dilemmata des David Byrne


Byrne Dilemma klassisch. (Foto: Bomsdorf)
Byrne Dilemma klassisch. (Foto: Bomsdorf)

REYKJAVÍK. Das Stadtbild ist während des diesjährigen Reykjavík Arts Festivals eine der großen Ausstellungsorte. Anderthalb Jahre nach dem Bankenkollaps thematisieren die Künstler natürlich die Krise. So beschäftigen sich mehrere Fotografen (Hlynur Hallsson oder Ingvar Högni Ragnarsson) der zum Teil im Freien stattfindenden Ausstellungsserie „Reality Check“ mit den sichtbaren und weniger sichtbaren Zeichen der Krise: Demonstranten, arbeitslose polnische Arbeiter und von Investoren im Stich gelassene Bauprojekte sind an Hausfassaden und Bauzäunen in der Innenstadt von Reykjavik zu sehen – gleichzeitig sind im Gericht nebenan Demonstranten angeklagt und die ersten Bankmanager sind verhaftet worden und werden – so hoffen viele Isländer – auch bald auf der Anklagebank sitzen.

David Byrne, Frontmann der Talking Heads und seit einiger Zeit bildender Künstler, nimmt ebenfalls am Reykjavík Arts Festival teil. Er bespielt Plakatständer im Stadtzentrum. Byrne stellt der Öffentlichkeit Fragen, das klingt schon beinahe etwas klischeehaft, denn Fragen stellen, da ist man sich schnell einig, das soll die Kunst. Doch, wenn Byrne mitten in der Krise zwischen Fragen zu den kleinen Dilemmata des Alltags die Isländer und natürlich uns Besucher auch fragt, was wir tun würden, wenn wir unsere Freunde gegen eine Menge Geld eintauschen könnten, dann wirkt seine Arbeit. Früher wäre diese Frage wohl nicht hervorgestochen, doch im derzeitigen Kontext ist sie etwas anderes.

Byrne Dilemma zeitgenössisch. (Foto: Bomsdorf)
Byrne Dilemma zeitgenössisch. (Foto: Bomsdorf)

Angeklagt


Schlange vor dem Gerichtssaal in Reykjavík. (Foto: Bomsdorf)
Schlange vor dem Gerichtssaal in Reykjavík. (Foto: Bomsdorf)

REYKJAVÌK. Endlich geht es los, sagen sich die Isländer. Anderthalb Jahre nach Ausbruch der Krise ist die Aufarbeitung in vollem Gange, im April wurde der Untersuchungsbericht präsentiert, vor gut einer Woche gab es die ersten Verhaftungen bekannter Banker und Sigurdur Einarsson, Ex-Aufsichtsratschef von Kaupthing, wird von Interpol gesucht.

Ein aufesehenserregender Gerichtsprozess ist auch schon im Gange. Neun Leute sitzen auf der Anklagebank. Doch es sind nicht etwa ehemalige so genannte Finanzwikinger, sondern gewöhnliche Bürger, die ihr Demonstrationsrecht genutzt haben. Ende 2008 demonstrierten tausende von Isländern gegen die Regierung und den Schlamassel, in denen sie gemeinsa mit den Banken, das Land gebracht hatte. Die Demonstrationen fanden vor dem Parlament statt, einige Demonstranten gingen auch in das Gebäude. Genau das wird ihnen nun vorgeworfen, denn wer das Parlament angreift, der soll mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe bestraft werden, heißt es im isländischen Gesetz. Während die Demonstranten sagen, sie hätten nur von ihrem Recht Gebrauch gemacht, den Gang des Parlaments als Zuschauer zu verfolgen, wird ihnen von der Anklage vorgeworfen, das Parlament angegriffen zu haben. Ein Schauprozess sei das, sagte mir eine Isländerin, die den Prozess verfolgen wollte.

Der Andrang am dritten Prozesstag war riesig, denn erneut wollten die Isländer von ihrem Recht gebrauch machen, diesmal dem, Prozesse zu verfolgen. Doch der Platz im Gerichtssaal reichte bei weitem nicht aus, schätzungsweise 200 Leute mussten draußen bleiben. Viele von ihnen waren auch gekommen, um durch ihre Anwesenheit zu demonstrieren, dass sie von diesem Prozess nichts halten. „Lächerlich“, sei das Ganze, so ein Isländer zu mir.