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KOPENHAGEN. Ausgerechnet jetzt, wo Island sich daran macht, die Ursachen für die Finanzkrise aufzuarbeiten, bahnt sich die Naturgewalt ihren Weg und zieht in Form eines riesigen Vulkanausbruchs beim Gletscher Eyjafjalla fast alle Aufmerksamkeit auf sich. Hat da etwa der bekannte isländische Filmproduzent Sigurjón Joni Sighvatsson seine Finger im Spiel und inszeniert a la “Wag the Dog” ein Ablenkunsgmanöver, um die Ex-Politikerelite vor der öffentlichen Verurteilung zu retten? Die Isländer sind doch immer so kreativ.

Sicherheitshalber habe ich mit Simon Birgisson gesprochen, der für das isländische Onlinemedium visir.is arbeitet: „Wir machen auf Island derzeit ohnehin eine schwierige Zeit durch, es ist schon komisch, dass ausgerechnet jetzt auch noch der große Vulkanausbruch kommen muss“, sagte er mir am Telefon aus Reykjavík. Am Montag wurde auf Island der Untersuchungsbericht über die Ursachen der Finanzkrise veröffentlicht (falls die Vulkanasche die Erinnerungen trübt: auf dem Inselstaat wurden vor anderthalb Jahren binnen weniger Tage die größten drei Banken verstaatlicht. Nun zählt das ehemals so reiche Land zu den größten europäischen Leidtragenden der Finanzkrise.) „Heute verdrängt der Vulkanausbruch die Aufklärungsdiskussion, aber ich habe keine Angst, dass dieser wichtige Bericht keine Beachtung mehr findet“, so Birgisson.


KOPENHAGEN. “Rückhaltlose Aufklärung” fordern die Politiker in Deutschland immer wieder, wenn ein anderer Politiker (oft aus den eigenen Reihen) einen Skandal angezettelt hat. Der Begriff wird außerhalb der Politik meist nur noch mit Ironie angewandt, denn die “rückhaltlose Aufklärung” wird erstens meist nur gebraucht, weil zuvor die (Selbst)kontrolle versagt hat und zweitens sind derartige Aufklärungsarbeiten häufig davon gekrönt, dass sie so lange dauern, dass der Skandal schon wieder vergessen ist.

Was Island derzeit mit dem Untersuchungsbericht versucht, könnte ganz ohne Ironie auch als rückhaltlose Aufklärung bezeichnet werden. Doch wie interessiert ist das Land denn eigentlich daran, auch das Ausland aufzuklären? Deutsche Banken haben Milliarden in Island in den Sand gesetzt (sicher nicht ganz ohne eigene Schuld), britische und niederländische Sparer taten Ähnliches über Icesavekonten und die gesamte europäische Öffentlichkeit ist daran interessiert zu hören, ob der neuste EU-Aspirant einer Bananenrepublik glich. Deshalb ist es in Islands eigenem Interesse, dass das Ausland so viel wie möglich von dem Untersuchungsbericht zu lesen bekommt.

Es ist sehr löblich, dass Island sich die Mühe macht diesen Bericht zu erstellen und damit mal eben große Teile der ehemaligen politischen Elite als mehr oder weniger unfähig entlarvt bzw. diese Vermutung bestätigt. Doch angesichts der Tatsache, dass die meisten akademisch ausgebildeten Isländer hervorragend Englisch sprechen, ist es verwunderlich, dass dieses Land es nicht schafft, die Zusammenfassung des Berichts auf Englisch ins Internet zu stellen. An technischen Schwierigkeiten kann es kaum liegen, Island hat jede Menge IT-Spezialisten. Auf der Internetseite, wo diese Informationen am Montag um 12.30 Uhr deutscher Zeit (10.30 isländische Ortszeit) erscheinen sollten, steht nun:

“Chapter 2 and chapter 21, will not be available in English, due to unexpected difficulties, until the afternoon of 14th of April. “

Ist es die deutsche Strategie der “rückhaltlosen Aufklärung”: Einfach mit der Veröffentlichung so lange warten bis anderes wichtiger ist und der Skandal vergessen?


KOPENHAGEN. Der am Montag veröffentlichte Untersuchungsbericht zur isländischen Finanzkrise enthält zumindest in den Teilen, die bisher gelesen und verstanden wurden (immerhin ist er über 2000 Seiten lang), wenig wirklich Überraschendes.

Schon als die Bankenprivatisierung vonstatten ging, war diese vielen ziemlich dubios. Schließlich war es eine Privatisierung in russischem Stil und einer liberalen Marktwirtschaft, die Oddsson ja angeblich wollte, nicht würdig. Die dubiose Kreditpraxis der Banken wurde dann nach dem Bankenkollaps nach und nach bekannt (siehe dazu meinen Bericht in der FTD vom August vergangenen Jahres).

Der Bankenkollaps ist in der isländischen Geschichte einmalig, der Montag präsentierte Untersuchungsbericht ist es auch. Nun könnte als Konsequenz eine weitere Einzigartigkeit folgen. Derzeit berät das isländische Parlament darüber, ob zum ersten Mal das Reichsgericht einberufen werden soll, ein Sondergericht, das über Verfehlungen von Politikern urteilt. Ein Beschuldigter hat es sogar gefordert: Björgvin G. Sigurdsson. Natürlich nur, um sich reinzuwaschen. Details dazu in meinem heute veröffentlichten Artikel für Die Welt, der hier online zu lesen ist.


OSLO. Die Isländer haben am heutigen Montag auch einen Bericht präsentiert bekommen, wie es um die Moral in ihrem Lande stand. Nachdem in Gesellschaft und Presse in den vergangenen 18 Monaten schon viel kolportiert worden ist, ist bisher nichts gefunden worden, das wirklich jemanden überrascht hätte.

Auch der Ethikrat sagt im Grunde nichts neues, wenn er darauf hinweist, dass die Privatisierung der Banken unprofessionell ablief, da Freunde und nicht zwingend die besten zukünftigen Bankbesitzer zum Zuge kamen. Das Argument habe ich, seit ich 2002 das erste Mal Island bereiste, immer wieder und wieder gehört. Sprich, das Problem war bekannt. Doch warum kümmerte es kaum jemanden? Auch darauf weiss der Ethikrat nicht wirklich Antwort, schlußfolgert er doch:

“The main conclusion of the Working group are that although several individuals, in the financial, administrative, political and the public sphere, showed negligence and sometimes reprehensible action, the most important lessons to draw from these events are about weak social structures, political culture and public institutions. It is the common responsibility of the Icelandic nation to work towards strengthening them and constructing a well functioning democratic society.”

Einerseits sicher richtig, andererseits Worte, die sehr nach den üblichen Politikerversprechungen klingen. Bleibt abzuwarten, was bei rumkommt. Island hat jetzt die einmalige Chance, die Krise so weit wie möglich aufzuklären und daraus wirklich zu lernen.

Damit könnte das Land mal wieder zum Vorbild avancieren. Sollte der Bericht aber schnell vergessen werden und Konsequenzen ausbleiben, dann hat Island sein Imageproblem nur noch vergrößert. Und diesmal bitte nicht nach New York, Kopenhagen etc. reisen, um das Image aufzupolieren statt wirklich etwas zu tun.


OSLO. Mehrfach war die Veröffentlichung des Berichts der parlamentarischen Untersuchungskommission zu den Hintergründen des Bankencrashs auf Island verschoben worden. Heute um 10.30 Uhr Ortszeit (12.30 Uhr deutscher Zeit) war es dann soweit und der Bericht wurde veröffentlicht.

Auf isländisch keine Frage. Aber weil auch das Ausland daran interessiert ist, was denn nun auf Island schief gelaufen ist und wie die Gelder von den Icesave-Konten britischer und niederländischer Sparer verwendet wurden, sollten Teile des Berichts auf direkt auf Englisch erscheinen.

Sollten. Denn der wichtigste Teil, die Zusammenfassung ist weiterhin nicht auf Englisch erhältlich. Sitzt da noch jemand und übersetzt die letzten Worte oder wollte man einfach, dass das Ausland die wesentlichen Punkte erst zu lesen bekommt, wenn es zu spät ist, diese in die morgigen Zeitungen zu bringen? Auf dieser Sonderseite soll die englische Übersetzung stehen, um kurz vor 15.00 Uhr  – also 2,5 Stunden nach Termin - ist sie immer noch nicht erschienen.


OSLO. Der heutige Montag, 12. April 2010, ist auf Island der Tag der Abrechnung. Im Laufe des Tages soll endlich der erste umfassende Bericht über die Hintergründe der Finanzkrise präsentiert werden. „Es wird das wichtigste Buch sein, das in diesem Jahr auf Island erscheint“, sagt der Journalist Klemens Thrastarsson. Auf dem Inselstaate hat eine solche Aussage besonderes Gewicht, lesen und schreiben die Isländer doch Bücher wie kaum jemand anderes.

Durch den 2000 Seiten starken Bericht hoffen die Isländer zu erfahren, welche ehemaligen Toppolitiker und obersten Staatsbediensteten sich schuldig gemacht haben – juristisch oder moralisch. Die Erwartungen sind diffus. Tryggvi Gunnarsson, einer der der Autoren des Berichts, hat im Januar gesagt, er sei bei seiner Arbeit den Tränen nahe gewesen.

Doch etliche Isländer meinen, es seien gezielt hohe Erwartungen aufgebaut worden, damit dann alle vom wirklichen Inhalt enttäuscht sind und zu dem Urteil kommen: „Die Verfehlungen der Politiker sind nur halb so schlimm“. Zudem gibt es Zweifel, wie unabhängig die Verfasser des Berichts überhaupt sind. „Das Untersuchungskomittee ist von der Regierung ausgesucht worden, die die Politik betrieben hat, die zum Kollaps führte. Das hat negativen Einfluss auf die Glaubwürdigkeit“, so die 54-jährige Isländerin Jakobína Ólafsdóttir. Damit die Öffentlichkeit der Aufklärungsschrift genug Aufmerksamkeit widmet, engagieren sich Privatinvestoren und Theaterleute. Mehr Details gibt es in dem Vorbericht den ich für Die Welt schrieb. Online hier zu lesen.

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