Von Kohle, Klimaforschung und kognitiver Dissonanz

LONGYEARBYEN / NY ÅLESUND / FRANKFURT. Noch einmal Spitzbergen. Meine diesjährige Reise dorthin ist schon ein wenig her, doch ist die Region wegen des Klimagipfels in Paris wieder so aktuell geworden, dass Zeit online meinen Bericht aus Spitzbergen soeben veröffentlicht hat.

Worum geht es? Mit Unterstützung der norwegischen Regierung untersuchen hunderte von internationalen Forschern auf Spitzbergen den Klimawandel (hier dazu ein früherer Blogeintrag von mir und hier mein entsprechender Text in Das Parlament von Oktober). Gleichzeitig subventioniert die norwegische Regierung massiv den dortigen Abbau vom Kohle während es andernorts gegen diesen Klimakiller argumentiert – und erinnert uns damit an unser aller Doppelmoral.
Damit  darüber berichtet werden kann, wie im äußersten Norden Europas der Klimawandel sichtbar ist und untersucht wird, muss auch erstmal tüchtig zur Erderwärmung beigetragen werden.

Es muss einer der imposantesten Flugrouten der Erde sein. Wenn freie Sicht herrscht, sind aus dem Kabinenfenster des Jets riesige Schneelandschaften oder der dunkelblaue Nordatlantik zu sehen. Manchmal gar beides.

Blick aus dem Flieger von Oslo nach Spitzbergen Juni 2015 (Foto: Bomsdorf)
Blick aus dem Flieger von Oslo nach Spitzbergen Juni 2015 (Foto: Bomsdorf)

Doch die gute Aussicht hat ihren Preis: Um mit dem Flieger nach Spitzbergen – immerhin 2000 Kilometer nördlich von Oslo und nur noch rund 1300 Kilometer vom Nordpol entfernt – und zurück zu reisen und dort internationale Klimaforscher zu treffen, wird pro Person laut Emissionsrechner MyClimate ab Berlin über eine Tonne CO2 ausgestoßen. Das ist mehr als die Hälfte des akzeptablen Jahresverbrauchs. Ziel der Reise: UNIS, das Universitätszentrum Spitzbergen, in Longyearbyen sowie Kingsbay, die internationale Forschungsstation eine halbe Flugstunde weiter nördlich. „Hier oben ist ein guter Ort, um Auswirkungen des Klimawandels zu studieren“, so Kim Holmén, internationaler Direktor des Norwegischen Polarinstituts.

Bildschirmfoto 2015-10-14 um 00.08.36Blick vom AWI in Ny Ålesund, Juni 2015. (Foto: Bomsdorf)

Dass Forscher, Politiker und Journalisten, die sich mit dem Klimawandel beschäftigen, wohl oder übel fliegen müssen, um ans Ende der Welt zu kommen und die Konsequenzen menschlichen Konsums zu untersuchen, zu diskutieren und zu beschreiben, mag noch einleuchten. Schließlich ist das Aufklärung in unser aller Interesse. Oder ist das nur eine schlechte Entschuldigung? Wo hört die Notwendigkeit auf? Kognitive Dissonanz nennen Psychologen es, wenn man wider besseren Wissens und gegen seine Überzeugungen handelt.

Dass jegliche Form von CO2-Ausstoß schlecht fürs Klima ist, ist seit langem bekannt. Ebenso, dass Fliegen besonders schädlich ist. Genauso wie die Stromerzeugung mittels Kohle, die deswegen häufig als „Klimakiller Nummer 1“ bezeichnet wird.

Dennoch lässt der norwegische Staat sich nicht nehmen, auf Spitzbergen die Klimaforschung und die Erderwärmung gleichermaßen zu unterstützen. Die Regierung fördert nämlich nicht nur die internationale Forscherbasis in Ny Ålesund, sondern subventioniert auch den Kohlebergbau auf der Inselgruppe. „Das ist ein Paradox, das wir wirklich nicht brauchen“, urteilt Lars Haltbrekken, Chef von Naturvernforbundet, dem norwegischen Pendant zum Bund für Umwelt- und Naturschutz, der sie Jahrzehnten gegen Kolhleabbau auf Spitzbergen kämpft. „Und eine ziemliche Doppelmoral ist, dass Norwegen international gegen die Kohle kämpft, aber auf Spitzbergen selber welche gewinnt“, sagt Haltbrekken. So hat der norwegische Staatsfonds erst in diesem Jahr beschlossen, nicht mehr in Unternehmen, die sich zu stark in Kohle engagieren, zu investieren. „Das war ein großer Sieg. Dass wir den Rohstoff aber selber weiter nutzen, zeigt, dass es viel einfacher ist, anderen zu sagen, was sie ändern sollen, als selber etwas zu tun“, sagt Haltbrekken.

Mehr steht in meinem Artikel für Zeit online.

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