Höchste Weihen: Hilma af Klint auf der Venedig Biennale

VENEDIG. Vor zwei Jahren schrieb ich erstmalig über die schwedische Malerin Hilma af Klint, die damals gerade allmählich in großem Stil wiederentdeckt wurde. International war da wohl Julia Voss von der FAZ die erste. Aufgrund ihres Artikels attestierte ich in art den „FAZ-Frühling der Hilma af Klint“. Voss behauptete nämlich, die Vielen nahezu unbekannte schwedische Malerin Hilma af Klint werde bald Wassily Kandinsky vom Thron stoßen. Weil sie und nicht er das erste abstrakte Gemälde angefertigt habe.

Die schwedische Malerin Hilma af Klint (1862-1944) sei die erste gewesen, die ein abstraktes Bild gemalt habe, so Voss. Diese Ehre gebühre der außerhalb von Spezialistenkreisen kaum bekannten Schwedin und nicht dem russischen Egomanen Wassily Kandinsky (1866-1944).

Während Kandinsky, dessen Posterdrucke vermutlich zu Millionen in IKEA-Rahmen in Wohnzimmern hängen, selbst sagte, er habe 1911 das erste abstrakte Bild gemalt, schreibt Voss diese Pioniertat af Klint zu und zwar ein paar Jahre früher. Deshalb, prognostizierte Voss af Klint für 2013 in der Kunstwelt viel Aufmerksamkeit.

Sie bezog sich auf die Retrospektive im Moderna Museet in Stockholm, die im Frühjahr eröffnete. „Das wird das erste Mal sein, dass sie nicht als Randfigur in Erscheinung tritt, sondern die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient“, so Voss.

Wer aufmerksam die Ausstellungen und Kritiken der vergangenen Jahre las oder Google bemüht, stellt fest: ein reines Schattendasein fristete auch af Klint nicht. Zwar hatte sie verfügt, dass ihre Arbeiten nach ihrem Tod erst einmal zwanzig Jahre nicht ausgestellt werden dürfen, doch das ist über sechzig Jahre her. Bereits 2010 gab es in den Niederlanden im MMKA eine Schau mit ähnlichem Anliegen wie die in Stockholm und in Sammlungsausstellungen sind ihre Arbeiten bereits mehrfach gesehen worden. So zum Beispiel 2006 mit Isa Genzken, die im Jahr darauf Deutschland bei der Venedig-Biennale vertrat. Eine kurze Internet-Recherche ergibt: sie hat auch schon in der jüngeren Vergangenheit einiges an Aufmerksamkeit bekommen – z.B. widmete der britische Kritiker Adrian Searle ihr bereits 2006 einen großen Text im Guardian und Ende 2010 war es dann in der Zeitschrift Frieze soweit, aktuell sind Arbeiten von ihr in der Ausstellung See! Colour! bei Stockholm zu sehen

Ins rechte Licht gerückt - die Werke von Hilma af Klint auf der diesjährigen Venedig Biennale (Foto: Bomsdorf).
Ins rechte Licht gerückt – die Werke von Hilma af Klint auf der diesjährigen Venedig Biennale (Foto: Bomsdorf).

Was 2011 noch nicht klar war: af Klint wurde sogar in die Hauptausstellung der 55. Venedig Biennale aufgenommen. Dort hängen nun einige der schon in Schwden gezeigten Werke und nun hat die internationale Kunstszene die Möglichkeit af Klints Können zu begutachten (und mit dem vieler männlicher Kollegen zu vergleichen).

Das ist nicht ganz unwichtig, denn auf der Biennale gezeigt zu werden, kommt viel Anerkennung gleich. af Klint ist damit zwar nicht offiziel die Erfinderin der Abstraktion geworden, aber ihren Platz in der Kunstgeschichte hat sie.

Af Klint dürfte Avantgarde gewesen sein, als sie vor über 100 Jahren davon abließ, nur gegenständlich zu malen und stattdessen Abstraktes formte und Buchstaben und einzelne Worte auf Leinwände schrieb und wie später die Surrealisten automatische Bilder schuf. Sie fing Stimmungen der Zeit ein. Damals wurden unsichtbare Radiowellen entdeckt, und das Unbewusste bahnte sich seinen Weg. Frauen wie sie allerdings sollten doch bitteschön das Malen allenfalls als Hobby haben. Af Klint nannte sich, so Kuratorin Iris Müller-Westermann, im Telefonbuch dennoch Malerin. Ihre abstrakten Werke aber verbarg sie vor der Öffentlichkeit. Künstlerinnen hatten es zu der Zeit besonders schwer. Wohl auch deshalb wandte die Schwedin sich der Theosophie zu. Denn dort wurden die Frauen erstmals als den Männern gleichwertig angesehen und durften jedes Amt bekleiden – und kreativ sein.

Mit Georgiana Houghton gab es schon vor af Klint eine Frau, die abstrakt gemalt hatte (das räumte schon das Moderna Museet im eigenen Katalog ein). Und wie erwähnt hatten vor der Venedig Biennale und vor Moderna schon andere af Klint gezeigt, zum Beispiel Roel Arkesteijn als er in Arnheim 2010/2011 „Hilma af Klint. De geheime schilderijen van Hilma af Klint, een zweedse pionier“ organisierte. So wie af Klint Kandinsky voraus war, war das niederländische Museum womöglich dem Moderna voraus. Aber zum Glück gilt wie Felix Krämer vom Städel Museum sagt: „Die Kunstgeschichte ist kein Wettlauf.“

Dass af Klint nun in Venedig gezeigt wird, macht sie deshalb auch nicht zur Siegerin, sondern streicht ihre Position stärker hervor und macht sie bei vielen womöglich erst bekannt.

Veröffentlicht in Allgemein

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