Leigh Ledare, lang

KOPENHAGEN. Am Wochenende traf ich mich mit dem amerikanischen Fotokünstler Leigh Ledare in dessen Kopenhagener Ausstellung und schrieb dafür einen Artikel, der bei art online steht. Für die, die an mehr interessiert sind, gibt es hier eine Langversion:

Mehr als nur alles über seine nackte Mutter

Ja, Leigh Ledare ist der Mann, der über Jahre hinweg intime, teils pornographische Porträts seiner Mutter aufgenommen hat. Doch ihn auf diese Motive zu beschränken wäre genauso falsch wie in einem sexuellen Akt nur einen rein mechanischen Vorgang zu sehen. Clemens Bomsdorf ließ sich von Ledare durch dessen Ausstellung in Kopenhagen führen.

Draußen ist es eisig kalt, deutlich unter Null. Leigh Ledare steht im Foyer der Kunsthalle Charlottenborg, er trägt dunkle Hose und dunkle Jacke und eine gelbliche Mütze und das, obwohl es drinnen gut geheizt ist. Sie steht ihm. Ledare wirkt lässig, wie jemand, der mit allen klar kommt und mit nichts und niemandem ein Problem hat. Weder mit seiner Mutter, noch mit seiner Sexualität.

„Alma“ heißt die erste Arbeit, die am Eingang zu seiner Ausstellung im Obergeschoss präsentiert wird. Das Porträt einer nackten auf dem Bett liegenden Frau, bekritzelt wie von Kinderhand. „Die Arbeit habe ich Freunden gegeben, damit sie ihr dreijähriges Kind darauf herum malen lassen. Ich finde es sehr interessant zu sehen, wo es Akzente gesetzt hat“, sagt Ledare. Gesicht und Geschlecht der Frau sind bemalt als habe da jemand das Unanständige zensieren und die Frau unkenntlich machen wollen, auch auf Oberschenkel, Kissen und Bettdecke gibt es intensiv bearbeitete Stellen. „Mir war wichtig, dass das Kind so jung ist, dass es sich noch nicht zu dem Motiv verhalten kann“, so Ledare. Kleinkinder suchen sich anders als Erwachsene Stellen aus, die sie bemalen. Das kleine Kind wird nicht an der Vagina als solcher interessiert gewesen sein, sondern an deren bildnerischen Struktur. An der Vagina von Ledares Mutter wohlgesagt, denn Basis des Bildes ist eines jener vielen Fotos, die er über acht Jahre hinweg von dieser (der Mutter und ja, auch deren Vagina) aufgenommen hat.

Doch so wie das Kind sich von der sexuellen Bedeutung des Geschlechtsorgans nicht hat berühren lassen (weil es diese vermutlich nicht einmal ahnte), so sollten auch die Betrachter von Ledares Bildern endlich einmal nicht nur darauf fokussieren, dass er seine Mutter fotografiert hat, wie sie an einen ihrer jungen Liebhaber angebunden (Mom and Catch 22, 2002) ist oder wie einer ihrer jungen Liebhaber sie mittels Cunnilingus stimuliert (Mom on Top of Boyfriend, 2002) oder wie sie sich selber zwischen den Beinen befingert (Mom Fingering, 2004) oder eben dort eine Tiara platziert (Mom with Tiara, 2002). Wer im Internet Artikel über Leigh Ledare sucht und findet, hat den Eindruck der Mann kenne nur ein Thema. Dabei sind es wohl eher die Journalisten, die nur ein Thema kennen, wenn sie ihn treffen oder seine Arbeiten ansehen. So auch zur Ausstellung, die soeben in der Kunsthalle Charlottenborg in Kopenhagen eröffnet wurde. „Politiken“, die linksliberale Zeitung, die gerne von der dänischen Kulturszene gelesen wird, widmet ihm einen riesigen Artikel, interviewt die Kuratorin und zeigt etliche Bilder. Doch das nur ein gutes Viertel der Ausstellung die Mutter-Serie ausmacht und auch diese nur zu einem geschätzten Anteil von 50% Nacktporträts von ihr zeigt, geht völlig unter.

Ja, er fühle sich schon manchmal missverstanden, sagt Ledare und erweckt nicht den Eindruck, dass ihm das allzu viel ausmachen würde. „Es geht hier um viel mehr als die Sexualität meiner Mutter. Familienrelationen spielen eine große Rolle. Mein Bruder, meine Großelter und ich – wir alle kommen in der Serie vor“, so der 1976 geborene Fotograf. Wie um zu unterstreichen, dass er nicht auf „Pretend You’re Actually Alive“ (so der Titel der Serie) reduziert werden sollte, beginnt die Ausstellung denn auch mit einer ganz anderen Arbeit. Die wohl bekanntesten und öffentlichkeitswirksamsten Arbeiten nehmen keine besondere Position in der Ausstellung ein, belegen einfach den zweiten von vier Räumen.

Raum eins also: Übermannsgroße Rahmen mit übermannsgroßen Titelseiten der New York Times, darauf montiert Aufnahmen von einer Frau. Ihren Körper entblößt die Frau, ihr Kopf aber ist von einem in Nachhinein eingesetzten schwarzen Rechteck verdeckt. Warum, sagt ein Vertrag, der in einer Vitrine in der Mitte des Raumes präsentiert wird. Ledare fasst zusammen: „Sie ist die Frau eines rund zwanzig Jahre älteren Mannes. Ich lernte die beiden bei einer Reise durch Europa kennen. Die Porträts meiner Mutter kennend, wollte sie von mir in ähnlicher Positur fotografiert werden. Ich aber arbeite so nicht; mit Aufträgen.“ Also wurde daraus die Arbeit „An Invitation“. Die Frau bekam ihre Porträts, Ledare wohnte dafür eine Woche mit dem Paar zusammen und fotografierte die Frau täglich. Sie durfte die Arbeiten – die laut Ledare womöglich auch helfen sollten, deren träges Sexualleben wieder in Gang zu bekommen – behalten und bei sich aufhängen, aber nur, weil Ledare sieben Motive weiterverarbeiten durfte. Er montierte je eine in die Titelseite der New York Times ein, die am Tag der Aufnahme erschienen war. Es war Ende Juli 2011, eine Woche mit Großereignissen: Lucian Freud starb und in Norwegen brachte Anders Behring Breivik 77 Menschen um. Ledare bringt internationale Nachrichten und Intimaufnahmen zusammen, unter dem Bild macht er Notizen – wie etwa „attack in Norway / swimming in the afternoon“ in Anlehnung an Franz Kafkas Tagebuchnotiz zur Kriegserklärung Deutschlands an Russland 1914 (ähnliche Referenzen gibt es auch beim finnischen Fotografen Jari Silomäki). Intimstes, Banales und Weltgeschichte sind hier in Gleichzeitigkeit vereint.

Im nächsten Raum dann „Pretend You’re Actually Alive“ – viel mehr als alles über seine nackte Mutter. Bisher nur über die Serie gelesen, doch nur einzelne Bilder gesehen, fällt auf: die ist ja gar nicht immer nackt. Die Medien lieben es nackte Körper abzubilden, gerne auch in Aktion. Sex sells. Aber Ledares Aufnahmen seiner Mutter sind Teil einer Familienstudie und selbst so exhibitionistisch veranlagte Menschen wie seine Mutter sind auch mal angezogen. „Es geht hier um viel mehr. Da ist mein Großvater, der fünf akademische Master hatte und an mehreren Universitäten gearbeitet hat.“ Ledare zeigt ihn neben sich – ein klassisches Fotoporträt wie es in millionen von Familienalben klebt. Dann das Foto einer kargen Landschaft. „Mein Großvater hatte als Weihnachtsgeschenk fünf nebeneinanderliegende Grabstellen gekauft, damit wir, mein Bruder, meine Mutter, deren Eltern und ich, später dort nebeneinander liegen könnten. Das Bild zeigt den Blick von dort“, erklärt Ledare. Die Serie ist eine Annäherung an seine Familie und zwangsläufig stellt sich die Frage – würde man Nacktaufnahmen auch von seiner Mutter machen wollen? Und es ist völlig in Ordnung, wenn man wie vermutlich 99+ % der Bevölkerung das verneint. Die Arbeit zeigt den Exhibitionismus der Mutter und den Spleen des Großvaters, zeigt aber auch, dass die beiden mit ihren mehr (Mutter) oder weniger (Großvater) exzentrischen Seiten von Ledare respektiert werden. Manchesmal machen solche „Fehler“ die Menschen erst aus. Die Kamera und das Foto sind für ihn Instrument der Annäherung und helfen Verhältnisse zu ergründen. Ein bisschen zumindest.

Nicht weniger interessant und persönlich: die Video- und Foto-Arbeiten in Raum vier und vor allem die Serie im letzten Raum der Kopenhagener Ausstellung. Für „Double Bind“ (2010) zog sich Ledare vier Tage und drei Nächte mit seiner Ex-Frau Meghan in eine Hütte in der Nähe New Yorks zurück und machte hunderte von Fotos von ihr. Später dann bat er deren neuen Ehemann dasselbe zu tun. Die Aufnahmen der beiden präsentiert er nebeneinander – seine in einem schwarz hinterlegten Bilderrahmen, die des neuen Mannes auf weißem Grund. Auch Ledare hat seine Ex barbusig abgelichtet. „Solche Aufnahmen aber hat sie nur von ihm machen lassen“, sagt er und zeigt auf ein schwarz-weiß Foto, das sie mit entblößtem Hintern zeigt, zwischen den Schenkeln ist die haarige Scham ganz deutlich zu erkennen. Die Pobacken strecken sich so sehr dem Betrachter entgegen als erwarteten sie das Spanking. Ledare hat andere Motive aus Zeitschriften eingearbeitet, deren Zusammenhang sich nicht jedem Betrachter (gleich) erschließen wird, aber erneut geht es um Nähe und Distanz, um Vertrauen und Verletzlichkeit und darum, sich einer Situation auszusetzen, die unangenehm sein kann, einander näher bringen kann oder dauerhaft verkrampft ist. Und die Frage stellt sich: welche jetzt wieder glücklich liierten Ex wäre wohl dazu bereit, vier Tage gemeinsam in einer einsamen Hütte verbringen und wozu würde das führen?

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