Das Erbe des Edvard M.

FRANKFURT. Gestern Abend hatte ich das Glück der Eröffnung einer der interessantesten Munch-Ausstellungen, die ich je gesehen habe, beizuwohnen (in der Frankfurter Schirn, dazu später mehr).

In seiner Heimat Norwegen wird Munchs Erbe derzeit allerdings nicht sonderlich gut behandelt. Wieder einmal muss man leider sagen. Zeitlich passend zur Eröffnung in Frankfurt schrieb ich dazu einen Gastkommentar in der norwegischen Tageszeitung Aftenposten. Hier eine deutsche Version:

>>Eigentlich sollte ich den Osloer Politikern dankbar sein für ihr hin und her beim Munch-Museum, ist der Streit um den Neubau doch wohl eines der Themen, über die ich in den vergangene Jahren für The Art Newspaper am meisten berichten konnte. Das heißt aber auch: Das Ausland verfolgt, was in der norwegischen Kulturszene geschieht. Oft gibt es Dinge zu berichten, die achtungsvolles Staunen hervorrufen – wie beispielsweise die Milliardeninvestitionen in Turistvegprosjekter und natürlich der Neubau der Oper. Was das Munch-Museum angeht, reagiert das kunstinteressierte Milieu außerhalb Norwegens allerdings mit verwundertem Kopfschütteln – zu recht.

Norwegen ist wie die anderen skandinavischen Länder stets hellauf begeistert, wenn es im Ausland lobend erwähnt wird – oft ist alleine diese Tatsache vielen Zeitungen einen Artikel wert. Umgekehrt gilt: Bedenkt, dass auch negative Entwicklungen im Ausland interessiert beobachtet werden! Das jahrelange Gezänk um den Neubau des Munch Museums und dessen Platzierung wird im Ausland als eine Farce betrachtet. Wie kann Norwegen mit seinem wohl berühmtesten Sohn nur so umgehen, fragt man sich. Natürlich streiten auch andere Länder um Museen, die aber sind fast immer ärmer (wozu es nicht viel bedarf) und haben meist mehrere Künstler ähnlichen Ansehens zu bieten – wenn das Erbe des einen nicht gut genug gewahrt wird, strahlen immer noch ein paar mehr. Man denke alleine daran, wie viele weltberühmte Maler, die im selben Jahrhundert geboren sind wie Munch, alleine Frankreich zu bieten hat. In Norwegen aber gibt es nur Edvard Munch und dessen Erbe bedarf dementsprechend der aufwendigen Pflege wie eine seltene Pflanze.

Stattdessen wurde in den vergangenen Jahren Munch zunächst nicht ernst genug genommen und dann aus politischen Erwägungen heraus instrumentalisiert. Solch ein Umgang schadet nicht nur dem Erbe des Künstlers, sondern auch dem Ansehen Norwegens in der (Kunst)Welt. Besonders problematisch verhält sich die Fortschrittspartei. Bei so großen Bauprojekten schwenkt man nicht einfach aus populistischen Gründen um, sondern muss seine Linie von Beginn an gut durchdenken. Wäre das FrP-Nein schon vor Jahren klar gewesen, hätten Hoyre und Ap sich sicherlich arrangiert und gemeinsam eine Lösung erarbeitet. Das wäre ohnehin der beste Weg gewesen, denn nur eine breite Mehrheit kann sicherstellen, dass so ein langwieriges Großprojekt nicht wie jetzt geschehen durch wechselnde Regierungsmehrheiten gefällt wird. Ein neues Munch-Museum ist für Norweger und Touristen und kein Spielball für Politiker.<<

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