Mein norwegischer Architekturfavourit 2011

KOPENHAGEN. Das erste Mal im neuen Jahr im Büro, habe ich endlich das Norwegische Architekturjahrbuch 2011 (Arkitekturårbok 2011) erhalten. Für diese Ausgabe wurden internationale Kuratoren, Journalisten und Kunsthistoriker gebeten ihre Favouriten norwegischer Architektur, vor kurzem fertiggestellt oder in Betrieb genommen, auszuwählen. Als einer der Gefragten entschied ich mich für die Ausstellungsstätte 1857 in Oslo, ungewöhnlich, da kein Neubau, sondern Umnutzung und alles andere als glossy, dafür aber umwerfend. Hier eine deutsche Version des in dem Buch erschienenen Artikels:

>>Als ich ein kleiner Junge war, sollten wir uns in der Schule, ich glaube es war im Religionsunterricht, einmal Gedanken darüber machen, wie man den Ausdruck „Mehr Schein als Sein“ bildlich darstellen könnte. Dann zeigte uns die Lehrerin die Zeichnung eines Hauses mit einer sehr schmucken und sehr großen Fassade, hinter dem Eingang war aber nicht viel mehr als eine Hundehütte.

Gute Architektur erfüllt nie das oben genannte Kriterium, sondern gibt nur vor zu sein, was auch wirklich ist. Oder versteckt gar etwas und gefällt sich im Understatement.

Gleich hinter dem Osloer Busbahnhof, im Stadtteil Grönland steht in einer Seitenstraße ein kleines Haus. Es ist so klein, dass es selbst in einer norwegischen Kleinstadt als klein auffallen würde. Hier haben Steffen Håndlykken und Stian Eide Kluge den „artist run space“ 1857 etabliert. Es ist kein Neubau, der da entstand, sondern eine Umnutzung, die ist aber so gewaltig, dass diese durchaus als neuer Beitrag zur Osloer Architekturszene gewertet werden sollte. Das kleine Haus besteht aus kleinen Räumen, in denen die beiden Ausstellungen organisieren, in etwa so wie in jeder anderen dieser von Künstlern initiierten Räumlichkeiten. Dann geht es durch die Hintertür wieder raus und man steht nicht etwa im Hintergarten oder -hof, sondern in einer riesigen Halle. Selbst, wenn diese direkt von der Straße betreten würde, würde sie an dieser zentralen Lage der Hauptstadt als groß empfunden werden, noch viel größer wirkt sie dadurch, dass sie sich hinter diesem kleinen Haus versteckt. Hier kann auch größeren Installationen Luft und Raum gegeben werden und die Kunstszene und alle, die daran interessiert sind, können sich versammeln, um sich auszutauschen – über Kunst oder Architektur und hoffentlich auch die Notwendigkeit alte, auf den ersten Blick wenig attraktive Räumlichkeiten mal zu erhalten und umzunutzen, statt immer neu zu bauen. Welch ästhetisch positiver Effekt für eine Stadt sich dadurch erreichen lässt, macht 1857 vor. Leider haben davon noch zu wenige gehört. Doch in der Halle ist sicher noch Platz für mehr Besucher.<<

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