Aus der Traum?

KOPENHAGEN. Plötzlich ist er wieder unterschwellig da, zwischen den Zeilen taucht er auf – der deutsch-dänische Kleinkrieg. In den Wochen nachdem Dänemark angekündigt hat, die Grenzen künftig stärker kontrollieren zu wollen, lässt Deutschland schwere verbale Geschütze auffahren. Die Spitzen von Politik und Diplomatie kritisieren das Nachbarland scharf. Erst ruft Außenminister Westerwelle seine dänische Kollegin an und verkündet das in einer Pressemitteilung, dann folgen Hoyer und Zimmermann sowie der deutsche Botschafter in Kopenhagen. Nein, was Dänemark da plane, das ginge nicht, lassen sie über die Medien die Öffentlichkeit und Politik wissen. Schön und gut, aber Hoyers Aussagen kommen in Dänemark so an als fürchte er ein extrem nationalistisches Dänemark. Schließlich bringt das ZDF noch eine Satiresendung in der der Grenzbezirk zum neuen Todesstreifen wird. Nein, das finden viele Dänen gar nicht komisch.

Vielleicht greifen sie deshalb ungefähr zur selben Zeit im Juni den deutschen Künstler Thomas Kilpper verbal an. Dieser ist einer der achtzehn Außerwählten, die Dänemark auf der Biennale in Venedig vertreten dürfen. Ohnehin wurde schon vor Wochen geklagt, dass von den dänischen Künstlern im dänischen Pavillon nur zwei Dänen sind. Als dann Kilpper seine Arbeit zeigte, war der Ärger da: Dänische Spitzenpolitiker würden dort mit Füßen getreten, klagten Kunstbürokraten und Politiker. Kilpper nämlich hatte den Boden des Pavilloanbaus mit Politikerportraits ausgeschmückt. So als seien es römische Mosaike zierten sie den Boden und wer hineinging, trat zwangsläufig drauf, so auch ich als ich Anfang Juni in Venedig war. Diese Symbolik war Kilpper, der unter anderem Pia Kjærsgaard, Chefin der dänischen Rechtspopulisten, und Angela Merkel im Boden verewigte, sicher recht. Die Reaktionen der dänischen Politiker zeigen wie auch schon deren Klagen über zu wenig dänische Beteiligung, dass Meinungsfreiheit bei ihnen vielleicht gar nicht so hoch im Kurs steht wie sie vorgeben. Meinungsfreiheit ist auch Thema des dänischen Biennale-Beitrags. Diesem der dänischen Politik zu Zeiten der Mohammed-Krise so wichtigen Gut gemäß, hätten sie vielleicht einfach sagen sollen „Lasst den Künstler sich doch äußern wie er mag“.

Es ist ein paar Jahre her, da versuchten ein paar dänische Medien den Deutschenhass in Ihrem Land herbeizuschreiben. Damals war gerade das Buch „Den som blinker er bange for døden“ von Knud Romer erschienen. Wenig später kam es unter dem Titel „Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod“ dann auch in Deutschland heraus. Romer schildert in dem Roman wie sein Namensvetter als Sohn einer Deutschen und eines Dänen in der dänischen Provinz in den 1960ern aufwächst. Er hat gelitten und die Abweisung durch Schulkameraden als Verschmähung seiner deutschen Seite aufgefasst. Doch der Deutschenhass von dem einige Blätter damals schrieben, es musste lange gesucht werden um ihn zu finden. So gut das Buch war, taugte es nicht einen im verdeckten doch noch immer vorhandenden Konflikt zwischen den beiden Nachbarländern ausfindig zu machen. Bleibt zu hoffen, dass die jetzigen deutsch-dänischen Unruhen von einem eigentlich sehr freundschaftlichen Verhältnis künden, einem nämlich, in dem man sich kritisiert, um einander zu helfen.

Für Die Welt schrieb ich hier über Kilppers Pavilion und hier über den Trend gen Rechts in Dänemark.

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