Wählen wahre Finnen rechts?

HELSINKI. Selten, vielleicht gar nie war eine Wahl in Finnland so spannend wie diese. Denn: „Nach Sonntag wird es ein anderes Finnland geben“, wie Timo Soini, Parteichef und Spitzenkandidat von Perussuomalaiset sagt. Das Erstarken seiner Partei bringt das finnische politische System durcheinander. Mit prognostizierten Werten von rund 17 Prozent dürfte Soinis Fraktion bis zu 40 der 200 Abgeordneten stellen, bisher sind es sechs. Aus dem Vielparteiensystem mit drei dominanten Spielern wird eines mit vier großen Parteien.

Finnland-Interview im Frühstücksfernsehen, 14. April 2011.
Finnland-Interview im Frühstücksfernsehen, 14. April 2011.

Soinis Programmatik ist ganz klar populistisch und in weiten Teilen rechts. Perussuomalaiset lehnt den EU-Rettungsschirm und noch vieles mehr, das aus Brüssel kommt, ab, spricht sich für sinkende Asylbewerberzahlen aus und wettert gegen „die da oben“. Spätestens hier muss der Parteiname Perussuomalaiset einmal übersetzt werden oder gleich mehrmals. Denn Politologen, Sprachwissenschaftler und Journalisten streiten über die richtige deutsche wie auch englische Bezeichnung. Ich habe mich mittlerweile für das geläufige „Basisfinnen“ entschieden, andere argumentieren für „Wahre Finnen“, „Echtfinnen“ oder auch „Urfinnen“.

Dank wird sich die politische Landschaft Finnlands also ändern. Es ist unklar mit wem die Basisfinnen koalieren werden oder ob sie trotz Größe doch nicht an die Macht kommen. Seit Montag bin ich in Helsinki unterwegs und habe mich mit jeder Menge Politiker, Politikwissenschaftler und Journalisten getroffen. „Es wird sehr spannend sagen sie alle“, Heikki Hiilamo, Kandidat der Grünen sagte sogar es sei „erfrischend“, dass Soini und dessen Partei jetzt so stark seien. Dabei haben die Grünen als einzige angekündigt nicht mit den Basisfinnen koalieren zu wollen. Die Essenz nach den vielen Gesprächen in drei Punkten:

1. Es wird spannend.

2. Alles ist möglich (bezogen auf die Koalitionskonstellation).

3. Ändern wird sich nicht viel.

Finnland ist und bleibt ein stabiles Land, auch mit Populisten in der Regierung, so die Überzeugung der meisten, die ich sprach. Sein Lieblingsanliegen, die Unterstützung Portugals zu verhindern, wird Soini nicht durchsetzen können und in den anderen Punkten wird es vermutlich einen Konsens geben, der nahe an der bisherigen Politik liegt. Übrigens auch in der Atomfrage (dazu habe ich in der heutigen Financial Times Deutschland einen Artikel – leider nicht online; online hier aber mein Porträt Tino Soinis für die FTD). Im Frühstücksfernsehen vom finnischen MTV3 bin ich heute zudem zu meiner Einschätzung der Wahl befragt worden – online ist das 9-Minuten-Stück hier zu sehen (leider inklusive Werbung und Entschuldigung, dass ich so ernst schaue). Evtl. startet die online Version mittlerweile mit einem anderen Beitrag, dann links im Menü unter Humenta Suomi einfach „Persut voisivat heikentää Suomen mainetta“ (14.4.) auswählen.

Auch mit Wählern der Basisfinnen habe ich gesprochen. Geld ist wie heutzutage meist in der Politik ein großes Thema für sie. Sie sind entsetzt über die Gelder, die die EU ausgibt, um Staaten unter die Arme zu greifen, die nicht so gut gehaushaltet haben wie Finnland. In ihrer Heimat sind sie entsetzt, dass es mittlerweile einige sehr reiche Menschen gibt, die Einkommensverteilung wird als ungerecht angesehen, auch wenn das eigene Einkommen sich vielleicht absolut gesehen ganz gut entwickelt hat. Gleichzeitig fordern sie eine Werte Diskussion und wollen weg von der Fixierung auf monetäre Werte. In der Pflege, so sagte mir ein PS-Wähler, diskutiere man nicht darüber, wie es den Älteren denn nun konkret gehen solle, sondern nur über die Kosten. Klagen, die die Politiker ernst nehmen müssen ohne die Finanzierungsfrage zu vernachlässigen. Der Wähler, den ich heute morgen sprach, erwähnte das Thema Ausländer überhaupt nicht, einer der wichtigsten Kandidaten der Partei, den ich unter der Woche traf, dafür umso häufiger. Auch wenn Soini es abzustreiten versucht: für einie Leute seiner zukünftigen Fraktion ist die Migration ein großes Problem.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s