Ein Frankfurter in Stockholm oder Birnbaums Baustelle #1

Abstellplatz oder Skulpturenpark? - Werke von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely vor dem Moderna Museet in Stockholm. (Foto: Bomsdorf)

STOCKHOLM. Seit dem Frühjahr ist freudige Erwartung die Gefühlsregung, die bestimmend für die schwedische Kunstszene ist. Denn vor knapp einem halben Jahr wurde verkündet, was viele gehofft hatten: Daniel Birnbaum wird neuer Chef des Moderna Museet.

Der Schwede, der zuletzt zehn Jahre in Frankfurt gearbeitet hat und dort Städelschule und Portikus leitete, vor allem aber nebenbei zahlreiche Ausstellungen und Biennalen kuratierte, tritt sein Amt am 1.11.2010 an.

Birnbaum nenne ich neben dem Galeristen Bo Bjerggaard immer die zwei freundlichsten und fröhlichsten Menschen des nordeuropäischen Kunstbetriebs. Alleine Birnbaums Wesen dürfte schon einmal Schwung nach Stockholm bringen. Seine besten internationalen Kontakte gepaart mit intellektuellem Schwergewicht lassen eine spannende Zukunft für das Moderna Museet erwarten. Was er sich jetzt schon so alles für seine Stockholmer Jahre überlegt hat, erzählte er mir im Interview für The Art Newspaper (Oktober Ausgabe, soeben ist aber auch eine online Version erschienen).

Was er sich dringend überlegen sollte, ist wie er mit dem Skulpturenpark umgeht, der vor dem Moderna Museet liegt. Skulpturenpark ist hier eine sehr euphemistische Bezeichnung, Wiese mit abgestellten Werken wäre wohl der treffendere Ausdruck. Richtung Moderna gehend tauchen rechts neben der Straße auf einmal Werke von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely auf. Lieblos sind sie auf einem Fleckchen Rasen deponiert, drumherum ein flacher Zaun. Fehlt nur das Türchen und das Gelände würde als Hundewiese durchgehen.

Die Hoffnungen sind groß, dass Birnbaum aus dem Moderna Museet wieder das international hoch beachtete Haus machen kann, dass es zu Pontus Hulténs Zeiten war (dessen im Nachhinein aufgedeckter legerer Umgang mit dem Urheberrecht hat seinem Nachruf noch keinen allzugroßen Abbruch getan). Hultén hat Stockholm u.a. mit Ausstellungen von Andy Warhol und eben de Saint Phalle auf die internationale Kunstlandkarte gebracht. Letztere hat 1966 die durch die Vagina zu betretende Riesen-Nanna „hon“ (sie) im Moderna Museet Stockholm aufgestellt.

Angesichts dessen ist es noch bedauerlicher, dass die Arbeiten von de Saint Phalle und Tinguely nun vor dem Hause ein solches Schattendasein fristen. Der Tinguely-Brunnen in Basel zeigt, welches Potenzial derartige Werke für urbanes Leben haben. Eine der ersten Baustellen von Birnbaum sollte deshalb die Tinguely-de Saint Phalle-Hundewiese vor dem Museum sein.

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