Die Kunst der Provokation?

Surrends jüngste Aktion - Übersetzung? Gibt´s online bei The Art Newspaper. (Foto: Surrend)

KOPENHAGEN. Kann man mit Kunst heute noch provozieren? Erregen die Blutorgien eines Hermann Nitsch, die formaldehydgetränkten Lebewesen eines Damien Hirst, die in Mixern schwimmende Fische eines Marco Evaristti beim Kunstpublikum wirklich noch Aufmerksamkeit? Oder muss man Zeichnungen wie Kurt Westergaard produzieren oder Bücher wie Thilo Sarrazin, um Reaktionen hervorzurufen (die sich dann weniger um Inhalte drehen als um Plakatives)? Dem Künstlerduo Surrend aus Dänemark ist es in den vergangenen Jahren jedenfalls immer wieder gelungen Aufmerksamkeit durch Provokation zu erregen. Manchesmal ergab sich darauf sogar eine qualifizierte Diskussion und nicht nur ein Aufschrei. In Österreich plakatierten sie „Erschießt Putin“ als ebendieser dort vor Ort war, doch das war nur vordergurndig ein Imperativ, denn klein hieß es auf dem Plakat „Journalisten?“ – kurz zuvor war Anna Politkowskaja ermordet worden. In Österreich stellte Surrend die Frage, ob Putin oder sein Umkreis in der Lage wären, solch einen Mordauftrag zu vergeben. Ähnlich plakative Motive befassten sich mit dem Kaaba, dem Heiligtum des Islam, der NPD und dem iranischen Staatspräsidenten. Es geht Surrend stets nicht darum, den Vorwurf zu debattieren. Das überlassen sie anderen. Surrend will nur der Stein des Anstoßes sein.

So auch im Frühjahr in Berlin als sie Plakate mit einer vertrauten Landkarte aufhingen. Diese zeigten ein schmales, nach Süden spitz zulaufendes Land. Dank der charakteristischen Form ist Israel eindeutig zu erkennen. Doch der Staat trägt den Namen Ramallah. Bei genauerem Hinsehen sind Heerscharen von „Ramallah“ zu sehen – jeder Ort in Israel bekam den Namen der provisorischen palästinensischen Hauptstadt. „Endlösung“ steht über der Landkarte.  Surrend hatte den größten Skandal seit Gründung erreicht. Ihre Arbeit wurde in allen führenden Feuilletons diskutiert. Und angesichts des heiklen Israel-Themas waren sich plötzlich auch überzeugte Surrend-Fans nicht mehr sicher, ob deren Plakatkunst noch bejubelnswert sei.  Wahlweise wurde Surrend nun vorgeworfen, das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen oder sie wurden dafür gelobt, aufgezeigt zu haben, dass die Auslöschung Israels noch immer drohe.

Doch den beiden ging es vorgeblich um etwas anderes. „Wir wollten den in Deutschland gängigen Mechanismus aufzeigen, dass auf Kritik an Israel stets mit Antisemitismus-Vorwürfen reagiert wird“, sagt Bertelsen. Es sind solche Sätze, die einen an Surrend verzweifeln lassen. Denn wer die deutschen Medien liest, dem kann nicht entgehen, dass Israel-Kritik vorkommt, ohne entsprechende Reaktionen auszulösen. Allenfalls wenn die Auseinandersetzung mit der israelischen Politik auf satirische Weise geschieht und mit dem Holocaust in Verbindung gebracht wird, ist das ein Tabu. Weil Surrend so vorgeht, wird ihnen Antisemitismus vorgeworfen. Doch die beiden beharren darauf, dass Israel-Kritik in Deutschland nicht ohne weiteres möglich sei und erwecken deshalb den Eindruck, selber Vorurteilen zu erliegen.

Schon bald kann sich jeder selber ein Bild von Surrend und deren Aktionen machen: Ab Oktober zeigt das dänische Plakatmuseum in Århus die erste Retrospektive der Künstler. Schon jetzt gibt es in der aktuellen Ausgabe von art ein Porträt der beiden von mir (nicht online, also bitte das Heft kaufen..) und bei The Art Newspaper habe ich über ihre neuste Aktion in Spanien berichtet.

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