Gerne eine Frau – nur eben nicht diese

HELSINGBORG. „Eine Frau als Regierungschefin? Natürlich kann ich mir das vorstellen.“ Der Mann in dem schicken Anzug schaute mich an, als hätte ich ihn gerade gefragt, ob er in seinem Leben schon mal einen Happen zu sich genommen hat. Was für eine Frage! Na gut. Vielleicht hätte ich es mir tatsächlich denken können, dass gerade im Mutterland der Gleichberechtigung es nun wirklich nicht mehr darum geht, welches Geschlecht die Regierung eines Landes führt. Warum aber dann gerade Schweden bisher noch keine Frau im mächtigsten politischen Amt hatte, ist mir ein Rätsel. Immerhin hat selbst das in Sachen Geschlechtergleichstellung rückständige Deutschland eine Frau als Kanzler.

Kurz: Höchste Zeit für Schweden für seine erste Frau an der Spitze einer Regierung. Die Bürger des Landes jedenfalls sind bereit dafür. Damit aber enden auch schon die guten Nachrichten für Mona Sahlin. Dabei bringt sie eigentlich alle Voraussetzungen mit, um das Amt des Premiers in Schweden zu bekleiden. Sie ist kompetent, willensstark, Vorsitzende der richtigen Partei (die der Sozialdemokraten, in Schweden immer ein Vorteil), und sie ist eine Frau. Doch trotzdem schafft sie es nicht, die Wähler von ihrer Person zu überzeugen. Nur 18 Prozent der Schweden wünschen sich Sahlin als Regierungschefin, beim Amtsinhaber Reinfeldt sind es 61 Prozent.

Mit dem Phänomen des Amtsbonuses allein lässt sich dieser Rückstand nicht erklären, obwohl mir Mona Sahlin genau dies als Begründung für ihren schlechten persönlichen Umfragewert gab. „Ich bin jetzt 30 Jahre in der Politik. Mich bringt das nicht aus der Ruhe.“ Was soll sie denn auch anderes sagen?

Mona Sahlin bei ihrem Wahlkampfauftritt in Helsingborg Ende August (Foto: Jung)
Mona Sahlin bei ihrem Wahlkampfauftritt in Helsingborg Ende August (Foto: Jung)

Für die schwedischen Sozialdemokraten ist die Parlamentswahl am 19. September eine Schicksalswahl. Sollten sie wie schon 2006 verlieren, wäre das die erste Wiederwahl einer konservativen Regierung in Schweden seit dem 2. Weltkrieg. Damit wäre auch die strukturelle Mehrheit der Sozialdemokratie endgültig gebrochen. Bisher konnten die kurzen Intermezzi der bürgerlichen Parteien (1976-82 sowie 1991-94) als Ausrutscher der eigentlich so tief geprägten sozialdemokratischen Wählerseele der Schweden verkauft werden. Damit wäre es vorbei.

Um so bitterer ist es für die Sozialdemokraten, dass sich gerade die eigene Vorsitzende als größter Schwachpunkt erweist. Denn Sahlin vermag es einfach nicht, die eigentlich positiv gesehene Politik der Sozialdemokraten (starker öffentlicher Sektor, eine große Machtfülle der Gewerkschaften, hohe Steuern als legitimes Mittel zur Finanzierung des Wohlfahrtsstaates) nicht für ihre Person zu nutzen. Ich hatte darüber schon einmal in einem früheren Blogbeitrag geschrieben. Sahlin hat ein echtes Sympathieproblem. In schwedischen Zeitungen wird oft von ihrer herablassenden Art geschrieben, von ihrer Oberlehrer-Attitüde. Und in TV-Duellen gibt Sahlin dem Publikum oft das Gefühl, dass die Probleme Schwedens ganz einfach zu lösen sind, wenn denn nur einmal eine Regierung an die Macht käme, die nicht so ignorant sei wie die jetzige.

Auch bei ihrer kurzen Wahlkampfrede in Helsingborg war das wieder zu spüren. Es war eine Rede für die klassische Klientel der Sozialdemokraten. Sie hatte nichts versöhnendes. Wir hier unten und die da oben, lautete der Tenor. „Fredrik Reinfeldt will ein Steuerparadies, ich will ein Wohlfahrtsparadies“, sagte sie.

Danach versuchte sich Sahlin noch im Bad in der Menge. Ganz geheuer war es ihr nicht. Ebenso wenig wie Nahbarkeit ihre Stärke ist. Anschließend verschwand sie in ihrem Wahlkampfbus. „Land der Möglichkeiten“ stand drauf. Mona Sahlin glaubt daran, doch müsste auch sie sich eingestehen: Sollten die Sozialdemokraten die Wahl gewinnen, dann nicht wegen sondern trotz Mona Sahlin.

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