In Memoriam Christoph Schlingensief

KOPENHAGEN. Manche Tode gehen einem recht nahe, auch wenn man die Verstorbenen nicht wirklich kannte.

Gestern ist im Alter von nur 49 Jahren Christoph Schlingensief gestorben. Zwei, dreimal sind wir uns begegnet, stets im Zusammenhang mit isländischer Kunst.

Während des Reykjavík Arts Festival 2005 zeigte er seinen Animatograh in der isländischen Hauptstadt. Ich habe Schlingensief kurz nach einem Auftritt auf einem Podium in Reykjavík interviewt und er war sogleich sympathisch. Er war sichtlich begeistert sein Werk zu erläutern, auch jenen, die nur Ausschnitte daraus kannten, jegliche Arroganz des intellektuell Überlegenen ließ er missen (ganz anders als ein weiterer Teilnehmer, der während des Gesprächs kurz vorbeischaute und meinte ein paar coole Kommentare ablassen zu müssen). Da ich es zuvor nicht geschafft hatte, den Animatograph in Aktion zu sehen, vereinbarten wir ein weiteres Treffen, um uns die Installation gemeinsam anzuschauen.

Der lange Christoph holte den kurzen Clemens mit einem Auto ab, das so klein war, dass er Probleme haben musste, seine Beine darin unterzubringen, doch später sollten die langen Beine Schliengensiefs noch von Nutzen sein. Es war Sonntag. Gemeinsam mit seiner Freundin Aino fuhren wir also an den Stadtrand, wo ich den Animatograph in Aktion sehen sollte. Zuvor hatte es mit der Drehfunktion der runden Bühne Probleme gegeben.

Völlig müde nach einigen Empfängen, Interviews und schließlich einer Vernissage mit Olafur Eliasson hatte ich in der Nacht zum Samstag noch einen Text über das Festival für die „Premieren des Wochenendes“-Rubrik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geschrieben. Ob meiner Müdigkeit war ich beim Absenden des Textes nicht in der Lage zu bewerten, ob dieser den Ansprüchen denn wirklich genüge. Dass dem wohl so war, erfuhr ich dann von Christoph, der mir im Auto als eine der ersten Dinge erzählte, dass ihm ein Freund einen Text aus der FAZ am Sonntag zur Festivaleröffnung geschickt hatte. Er konnte sich zwar nicht erinnern, wer der Autor war, doch schnell stellten wir fest, dass es mein Text gewesen sein musste – das Niveau hatte also trotz Übernächtigung meinerseites gestimmt. Christoph Schlingensief als der Überbringer guter Nachrichten.

Nach einer geschätzten viertel Stunde Fahrtzeit kamen wir am Stadtrand an, wo Christophs Installation stand. Er erläuterte mir alles und bat mich dann, die Drehbühne zu betreten. Plötzlich begann diese sich zu drehen und vor meinen Augen glitt die dekorierte Wand des Raumes lang – ein interessanter Anblick in Kombination mit der dekorierten Bühne. Im Hintergrund immer wieder der eindringliche Ausruf aus einem seiner Filme: „This is a security announcement“ (eigentlich war es wohl the world announcement, aber durch die Betonung brannte es sich für mich danach security announcement ins Gedächtnis ein – dazu später mehr). Die Rundreise wollte ich natürlich auskosten, jetzt, wo die Bühne wieder ging und blieb sicher fünf bis zehn Minuten auf dieser stehen.

Als ich heruntertrat sah ich an einer Ecke plötzlich Christoph vor mir liegen – mit den Füßen trat er den Bühnenrand und setzte diese so in Bewegung. Der Motor war mitnichten wieder funktionstüchtig und es muss ihn einiges an Kraft gekostet haben, die Bühne und mich so lange in Schwung zu halten. Mir war das Ganze ein wenig unangenehm, trotzdem musste ich lachen als ich ihn da so vor mir auf dem Boden liegen sah. Doch Christoph winkte ab, die Anstrengung war ihm nicht zu viel, um sein Werk zu zeigen. (Auf seiner offiziellen Homepage ist mein Text, den ich damals für den Rheinischen Merkur schrieb, noch zu lesen; der aus der FAS ist leider nicht online zugänglich, ich werde diesen aber aus dem Archiv suchen und hier online stellen.) 

Zur Eröffnung des Reykjavík Arts Festival standen zahlreiche Vernissages und ein Empfang beim isländischen Präsidenten auf dem Programm. Um nicht als der unpassend unelegant gekleidete deutsche Journalist in die Gedächtnisse einzugehen, hatte ich gleich mehrere Anzüge mitgenommen. Mit denen in der Hand traf Christoph mich dann wieder auf dem Flughafen in Reykjavík. Nun musste er lachen. Als wir uns dann ein halbes Jahr später auf dem Art Forum in Berlin wiedertrafen, begrüßte er – der stets auf (nach)lässige Art gut gekleidet war – mich mit „Da ist ja der Mann mit den vielen Anzügen“.

Die Begegnungen mit Christoph kommen mir immer mal wieder in den Sinn und stets zu zwei Begebenheiten: wenn ich meine schicke, sündhaft teure italienische Hose anziehe – während des Gesprächs mit ihm rutschte mir der Kugelschreiber aus und der helle Stoff hat seither einen blauen Strich – und jedesmal, wenn ich auf einem Flughafen bin. Das eindringliche „This is a security announcement“ aus seinem Werk, das ja vor jeder auf den Flughäfen ständig wiederholten Warnung, das Gepäck nicht unbeaufsichtigt stehen zu lassen etc. wiederholt wird, ist für mich für immer mit ihm und dem auf Island gezeigten Werk verbunden.

Auf der kommenden Venedig-Biennale sollte Christoph Schlingensief den Deutschen Pavillon bespielen; was auch immer jetzt daraus wird, die Vernissage in Venedig wird eine zweite Trauerfeier werden.

2 Gedanken zu “In Memoriam Christoph Schlingensief

  1. Ich war auf den Biennale gespannt – aber jetzt kann ich es fast nicht erwarten. Bin sicher das der Schlingenschief es irgendwie schafft die Pavillon zu Gestalten – auch wenn er tot ist.

  2. Und hier nun der Text für die Frankfurter Allgemeins Sonntagszeitung Mitte Mai 2005 in unredigierter Fassung:

    Tanzen und wärmen

    In Reykjavik öffnet das Arts Festival erstmals mit Schwerpunkt bildende Kunst

    Freitag Abend. Halbe Lammschädel liegen fein säuberlich gestapelt auf dem Tisch, im Cocktailglas eine giftgrüne Flüssigkeit, die blubbert und dampft – ein wenig sieht es aus, als wenn Damien Hierst eingeladen hätte. Dabei ist es nur Islands Staatspräsident Ólafur Ragnar Grímsson, der zur Eröffnung des isländischen Kunstfestivals einen Empfang in seiner 1-Familienhaus großen Residenz gibt bevor es zur Vernissage der Eliasson-Ausstellung in die Galerie 101 geht. Da dürfen lokale Spezialitäten wie geräucherte halbe Lammköpfe und ein „Pure Energy“ genannter Drink undefinierbaren Inhalts nicht fehlen. Dank der außergewöhnlichen Mahlzeit lassen sich Isländer sowie zugereiste Kritiker, Künstler und Kuratoren bestens unterscheiden. Einheimische sind die, die sich den Lammkopf nicht nur aufladen, sondern ihn auch noch professionell zerlegen und nur das Skelett übriglassen. Das gelingt nur wenigen, denn anders als bei den Eröffnungen, die sonst in Reykjavik stattfinden, sind die Ausländer an diesem Abend ausnahmsweise in der Mehrzahl.
    „Endlich einmal ist in Island die Weltliga der Künstler und der entsprechende Anhang an Journalisten und Kuratoren zu Gast“, sagt später ein Isländer, der lange in Berlin gelebt hat und nun den Abwechslungsreichtum der deutschen Hauptstadt vermisst. Würde der DJ in der Galerie 101 Alphaville und Madonna etwas leiser spielen, dann könnten die Direktoren von Art Basel und Tate Modern, die ein paar Meter weiter stehen, diese Schmeichelei hören. Allerdings hätten dann die Vertreter der jungen isländischen Kunstszene nicht mehr so viel Spaß dabei, um den Heizstrahler herumzutanzen. Der muss auch Mitte Mai abends noch aufgestellt sein, um das Zelt im Vorgarten der Galerie auf erträgliche Temperatur zu bringen.
    Island hat dieses Jahr den Schwerpunkt des seit den 1970ern stattfindenden Reykjavik Arts Festivals erstmals auf die bildende Kunst gelegt und hofft, mit der Biennale, die daraus werden soll, bald ganz oben in der Liga mitspielen zu können. Zumindest was die teilnehmenden Künstler anbelangt, sind die Voraussetzungen gut. Neben einer großen Ausstellung des zeitweiligen Wahlisländers Dieter Roth werden drei Wochen lang über das ganze Land verteilt Werke von Jonathan Meese, Carsten Höller, Thomas Hirschhorn sowie Olafur Eliasson und anderen gezeigt. Der Wahlberliner Eliasson stellt in der nicht einmal ein Jahr alten Galerie 101 neue Aufnahmen der isländischen Landschaft Kringilsarrani aus. Schon bald wird ein riesiger Stausee Tier- und Pflanzenwelt in der Gegend zerstören. Auf einem der Fotos ist das Skelett eines Rentiers zu sehen, fein säuberlich abgenagt als wäre es ein isländischer Lammkopf auf dem Buffet des Staatspräsidenten.

    Clemens Bomsdorf

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