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KOPENHAGEN. “Rückhaltlose Aufklärung” fordern die Politiker in Deutschland immer wieder, wenn ein anderer Politiker (oft aus den eigenen Reihen) einen Skandal angezettelt hat. Der Begriff wird außerhalb der Politik meist nur noch mit Ironie angewandt, denn die “rückhaltlose Aufklärung” wird erstens meist nur gebraucht, weil zuvor die (Selbst)kontrolle versagt hat und zweitens sind derartige Aufklärungsarbeiten häufig davon gekrönt, dass sie so lange dauern, dass der Skandal schon wieder vergessen ist.

Was Island derzeit mit dem Untersuchungsbericht versucht, könnte ganz ohne Ironie auch als rückhaltlose Aufklärung bezeichnet werden. Doch wie interessiert ist das Land denn eigentlich daran, auch das Ausland aufzuklären? Deutsche Banken haben Milliarden in Island in den Sand gesetzt (sicher nicht ganz ohne eigene Schuld), britische und niederländische Sparer taten Ähnliches über Icesavekonten und die gesamte europäische Öffentlichkeit ist daran interessiert zu hören, ob der neuste EU-Aspirant einer Bananenrepublik glich. Deshalb ist es in Islands eigenem Interesse, dass das Ausland so viel wie möglich von dem Untersuchungsbericht zu lesen bekommt.

Es ist sehr löblich, dass Island sich die Mühe macht diesen Bericht zu erstellen und damit mal eben große Teile der ehemaligen politischen Elite als mehr oder weniger unfähig entlarvt bzw. diese Vermutung bestätigt. Doch angesichts der Tatsache, dass die meisten akademisch ausgebildeten Isländer hervorragend Englisch sprechen, ist es verwunderlich, dass dieses Land es nicht schafft, die Zusammenfassung des Berichts auf Englisch ins Internet zu stellen. An technischen Schwierigkeiten kann es kaum liegen, Island hat jede Menge IT-Spezialisten. Auf der Internetseite, wo diese Informationen am Montag um 12.30 Uhr deutscher Zeit (10.30 isländische Ortszeit) erscheinen sollten, steht nun:

“Chapter 2 and chapter 21, will not be available in English, due to unexpected difficulties, until the afternoon of 14th of April. “

Ist es die deutsche Strategie der “rückhaltlosen Aufklärung”: Einfach mit der Veröffentlichung so lange warten bis anderes wichtiger ist und der Skandal vergessen?


KOPENHAGEN. Der am Montag veröffentlichte Untersuchungsbericht zur isländischen Finanzkrise enthält zumindest in den Teilen, die bisher gelesen und verstanden wurden (immerhin ist er über 2000 Seiten lang), wenig wirklich Überraschendes.

Schon als die Bankenprivatisierung vonstatten ging, war diese vielen ziemlich dubios. Schließlich war es eine Privatisierung in russischem Stil und einer liberalen Marktwirtschaft, die Oddsson ja angeblich wollte, nicht würdig. Die dubiose Kreditpraxis der Banken wurde dann nach dem Bankenkollaps nach und nach bekannt (siehe dazu meinen Bericht in der FTD vom August vergangenen Jahres).

Der Bankenkollaps ist in der isländischen Geschichte einmalig, der Montag präsentierte Untersuchungsbericht ist es auch. Nun könnte als Konsequenz eine weitere Einzigartigkeit folgen. Derzeit berät das isländische Parlament darüber, ob zum ersten Mal das Reichsgericht einberufen werden soll, ein Sondergericht, das über Verfehlungen von Politikern urteilt. Ein Beschuldigter hat es sogar gefordert: Björgvin G. Sigurdsson. Natürlich nur, um sich reinzuwaschen. Details dazu in meinem heute veröffentlichten Artikel für Die Welt, der hier online zu lesen ist.

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