Klima der Angst

KOPENHAGEN. Am Wochenende war ich im Hafengebiet von Kopenhagen unterwegs. Dort gibt es einige nette Flohmärkte, die sich auf altes Mobilar spezialisiert haben. Einer davon liegt in der sogenannten Blauen Halle, nur durch einen Fluss vom Hippie- und Austeigerviertel Christiania getrennt. Als ich durch die Verkaufsräume schlendere bekomme ich ein Gespräch zwischen zwei Christianitern mit. Sie schauen sich gerade ein paar Buddhastatuen an, doch ihre Gedanken kreisen um etwas anderes. Es geht um ihre Zukunft oder vielmehr um die Zukunft ihres zu Hauses.

Derzeit herrscht eine trügerische Ruhe in der Freistadt. Auf den ersten Blick hat sich seit den ersten massive Polizeieinsätzen im Jahr 2004 nicht viel geändert. Die Razzien, bei denen die Einsatzkräfte teilweise rigoros vorgingen, sollten der erste Schritt zu dem werden, was die dänische Regierung „Normalisierung“ nennt. Christiania soll normal werden. Was auch immer das genau heißen mag. Sicher ist nur: So, wie sich das Areal im Herzen Kopenhagens derzeit darstellt, ist es vor allem den konservativen Politikern im Land ein Dorn im Auge. Sie würden gerne aufräumen mit all diesen „Verrückten“, die für einen Apfel und ein Ei auf Grundstücken wohnen, die eigentliche zu den teuersten und exklusivsten der ganzen Stadt gehören müssten. Dazu dieser Lebensstil, der so gar nicht in die bürgerliche Vorstellung von einem „normalen“ Leben passt. Der Cannabis-Konsum ist da nur ein Teil davon. Es geht auch um das Verhältnis zur Arbeit und die ganze Art und Weise, sich seine Zeit einzuteilen, sein Leben zu gestalten.

Mit alledem sollte nach Auffassung der liberal-konservativen Regierung eingentlich schon lange Schluss sein. Doch geändert hat sich seit den ersten massiven Polizeieinsätzen vor sechs Jahren nicht viel. Haschisch wird immer noch in großen Mengen gehandelt, auch wenn die kleinen Läden inzwischen durch klapprige Buden ersetzt wurden, die jederzeit binnen weniger Minuten abgebaut werden und verschwinden können.

Doch, und auch davon erzählten die beiden Christianiter in der Blauen Halle: Das Klima sei ein anderes. Die ganze Entspanntheit, das Happeninghafte habe sich verflüchtigt. Statt dessen Misstrauen, Angst. Kirsten Larsen, die ebenfalls in Christiania wohnt, meint: Es sei so, als ob man ständig von misstrauischen Blicken verfolgt wird.

Nicht nur sie sondern auch die Kopenhagener Polizei glaubt, dass der Handel mit Cannabis in den vergangenen Jahren eher noch gestiegen ist. Allerdings ist es jetzt nur noch der harte Kern an Dealern, der die Geschäfte führt. Das Klima ist rauher geworden, und dem mag nicht jeder trotzen.

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