Die Umfragekönigin

KOPENHAGEN. Da stehen sie nun wieder und grinsen in die Kameras. So wie sie eigentlich immer da stehen und grinsen, weil sie ja zeigen müssen, dass sie zusammengehören. Fotos, auf denen die Vorsitzende von Norwegens rechtspopulistischer Fortschrittspartei und die Chefin der konservativen Høyre gemeinsam zu sehen sind, gibt es wie Sand am Meer. Siv Jensen und Erna Solberg: Zwei emanzipierte Frauen (In Norwegen gibt es eigentlich keine anderen mehr.), die ein Bündnis geschmiedet haben, um den einen Mann an der Spitze der Regierung abzulösen.

Jensen und Solberg würden den sozialdemokratischen Premier Jens Stoltenberg lieber heute als morgen in die Wüste schicken. Dafür sind sie schon im vergangenen Jahr eine Liaison eingegangen, bei der Parlamentswahl im vergangenen September damit aber knapp – und doch großartig – gescheitert. Großartig deshalb, weil das ganze Land eigentlich schon mit einem Machtwechsel gerechnet hatte.

Siv Jensen (Foto: Boerd Gudim)

Vor allem Siv Jensen sah sich schon in der Regierung, vielleicht sogar als stärkste Kraft, also als Ministerpräsidentin. Jensen war die Umfragekönigin. Ein Rekordergebnis nach dem anderen fuhr sie ein, brachte die Rechtspopulisten auf bis zu 30 Prozent. Doch dann ging ihr die Luft aus, die Fortschrittspartei brach ein und musste abermals in die Opposition.

Jetzt ist sie wieder oben auf. Und natürlich spielt dabei eine aktuelle Umfrage eine große Rolle. Denn wäre morgen Wahl, würde Jensen mit ihrer Kollegin von den Konservativen, Erna Solberg, die Regierung stellen können. Die Fortschrittspartei käme demnach auf 25,1 Prozent der Wählerstimmen, Høyre auf 24,3. Das würde reichen für eine Mehrheit im Parlament.

Glückwunsch. Doch leider sechs Monate zu spät. Und die Vollblutpolitikerin Siv Jensen ist sicher klug genug, die Umfrage nicht überzuberwerten. Es gilt, noch dreieinhalb lange Jahre ein Dasein auf der harten Oppositionsbank zu fristen. Und auch Jensen weiß sicher, dass ein Abrutschen von gerade gewählten Regierungen in Umfragen fast schon die Regel ist, weil Wähler immer erst einmal ein bisschen enttäuscht sind, dass auch noch so utopische Wahlversprechen nicht sofort eingelöst werden und sich überhaupt die private Situation nicht sofort schlagartig verbessert.

Die norwegische Tageszeitung Aftenposten schreibt übrigens, dass dem Umfrageergebnis zufolge Erna Solberg Regierungschefin werden würde, Jensen Finanzministerin. Warum? Auch in Norwegen gilt: Wer die stärkste Fraktion stellt, hat den Anspruch auf das Amt des Premiers. Aber wen kümmert das schon, wenn man Umfragekönigin ist.

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