Total normal

KOPENHAGEN. Dass sich Dänemark in einem kleinen Kulturkampf befindet, ist nichts Neues. Seit 2001 eine liberal- bis nationalkonservative Regierung an die Macht gekommen ist, streiten linksliberale Kulturradikale mehr und mehr mit der Rechten über die Dominanz im Diskurs. Die Kunst anzugreifen hat Tradition seit der Lagerarbeiter Peter Rindal der Malerei die Existenzberechtigung absprach – schließlich gebe es Fotografien, so der Begründer des Rindalismus. Seither hat sich die Dänische Volkspartei als Wahrer der „richtigen Kultur“ positioniert, was Parteichefin Pia (in Dänemark duzen sich ja alle und außerdem gibt das jetzt eine so schöne Alliteration, die nur durch diesen Einschub etwas zerstört wird, also nochmal lesen und Klammer überspringen) propagiert zeigt durchaus Paralellen zum Rindalismus. Nun soll sie also als politische Vertreterin in staatlichen Kunstinstitutionen Platz nehmen (dazu hier in der Welt ein Text von Elmar).

Der vielbeklagte Elitarismus ist auch der dänischen Kunstszene nicht fremd. Auch hier sehen sich einige als etwas Besseres, weil sie verstehen, was andere nichtmal bestaunen wollen. Dennoch ist es die Kunst – nicht nur die bildende – die nicht nur ästhetischer Genuss ist, sondern auch immer wieder andere Blickwinkel auf aktuelle Diskussionen ermöglicht, ergebnisoffen thematisiert – was ja sonst nur noch selten der Fall ist.

Die anerkannte Kopenhagener Ausstellunsgstelle Overgaden eröffnete diesen Monat „En helt normal udstilling“ (Eine ganz normale Ausstellung – noch zu sehen bis 24. Januar 2010). Über eben jene gibt Overgaden selber Folgendes bekannt:

„Overgaden zeigt zum ersten Mal eine ganz normale Ausstellung. Eine durchschnittliche Anzahl Künstler wurde gebeten mit normalen Werken, die sich an ein allgemeines Publikum wenden, beizutragen. Die Ausstellung ist bestrebt, sich in den Rahmen des Normalen zu halten: sowohl dessen, was vom künstlerischen Gesichtspunkt als normal betrachtet wird, als auch dessen, das üblicherweise als normal aufgefasst wird.“ Merken Sie etwas? Da schwingt doch jene so viel beklagte Arroganz mit, nach dem Motto, wir können auch anders und zeigen Euch jetzt mal, was das Volk eigentlich will – zumindest beschreiben wir die Ausstellung so als wäre das das Ergebnis. Der Kritiker der linksliberalen Politiken mag darin Ironie erkennen, doch die kann ich nicht sehen – vielleicht wird sie von Arroganz überdeckt.

Was die Künstler aber daraus machen, ist eine wunderbare Ausstellung, in der sie einfach Normalität thematisieren, aber gewiss nicht das zeigen, was dem Klischee nach von der Allgemeinheit als normale Kunst gewünscht wird. Das heißt natürlich auch wieder, dass sie ganz normale Kunst zeigen.

Der finnische Iraker oder auch irakische Finne Adel Abidin war vor einiger Zeit von den vielen Fragen, die aufgrund seiner Herkunft ständig an ihn gerichtet wurden, so genervt, dass er beschloss, diese in einen Kühlschrank zu sperren. Dieser steht nun in der Toilette von Overgaden – durch ein Guckloch ist ein Video zu sehen, in dem ein Mann sein Gegenüber mit den klassischen Fragen löchert, die einem Einwanderer immer wieder gestellt werden (Hochkultur hin oder her, Herbert Grönemeyers „Fragwürdig“ kam mir beim Betrachten von Abidins Arbeit ins Ohr). Catti Brandelius hat in der schwedischen U-Bahn gefilmt und besingt in Ich-Form die Eigenheiten und Normalitäten der ganz normalen Bürger, die in der Bahn sitzen – Homosexuelle, Ausländer, Junge, Alte… . Ulla Hvejsel stellt ihr „Volksaufklärungsuniversum“ auf, wo sie über die Allgemeinheit aufklärt – warum immer nur Kampagnen über Spezialfälle? Hvejsel zeigt heute Abend übrigens mit Sonya Schönberger aus Berlin die Performance „Backstage Beer Musical“ bei Beaver Projects in Kopenhagen.

Normal ist es im Sinne der Ausstellungsmacher wohl auch, dass jeder fließend Dänisch kann – etwas, das die Dänische Volkspartei übrigens gerne hätte. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wieviel besser man sich fühlt, wenn man die Landessprache beherrscht, doch diese Ansprüche auch an Kurzzeitbesucher zu stellen, ist dann doch etwas übertrieben. Jedenfalls sind die Werkbeschriftungen bei „einer ganz normalen Ausstellung“ nur auf Dänisch, so dass ich für einen der ausländischen teilnehmenden Künstler übersetzen musste. Willkommen in Dänemark! Oder Velkommen til Danmark!

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