Hans Magnus I

KOPENHAGEN. Am gestrigen Mittwoch, 11. November, ist Hans Magnus Enzensberger Achtzig geworden. Die FAZ ehrte ihn natürlich besonders groß und am Schönsten eigentlich schon in der Wochenendausgabe mit seinem Gedicht. Mitte Feburar war Enzensberger, der laut Jürgen Kaube „in puncto seiner eigenen Mobilität zwischen Tourismus und Dienstreise nicht unterscheiden mag“, zu einer Lesung in Kopenhagen.

Es war wohl das, was ein Heimspiel genannt wird. Er kam, wurde gesehen und gehört und erntete Applaus. Vor ausverkauftem Saal (d.h. rund 400 Zuschauern) parlierte er befragt von Per Øhrgaard über sein Buch „Hammerstein oder der Eigensinn“, seine dafür angewandten Recherchemethoden und die Deutschen und ihre Vergangenheit. Auf Deutsch. Ohne Simultanübersetzung. So etwas wohl nur in Kopenhagen: Eine Veranstaltung, die weder in der Landessprache, noch auf Englisch stattfindet, sondern auf Deutsch, aber nicht gedolmetscht wird und dennoch hunderte von Interessierten anlockt, deren Muttersprache ganz gewiss nicht Deutsch ist.

Die zwischenzeitlichen Teilübersetzungen ins Dänische des Interviewers waren unnötig, wie er selber anmerkte. Unterstützt wurde die Veranstaltung vom Goethe-Institut. Oft wird diesem vorgeworfen nur eine kleine Elite im Zielland anzusprechen oder – noch schlimmer – nur die deutschen Expats vor Ort. Doch an jenem Montagabend Mitte Februar kamen jene, die auch zu einer Literaturveranstaltung mit einem nordischen Verfasser gekommen wären und nicht nur eine kleine Gruppe aus dem „Lesekreis Deutsches Buch“ (wenn es einen gleichnamigen denn gibt).

Und woran liegt`s? An der vertrackten deutsch-dänischen Vergangenheit und an den Medien. Dass das Deutsche in Dänemark so weit verbreitet ist, hat nämlich nicht nur damit zu tun, dass die beiden Länder aneinandergrenzen und Deutschland wichtigster dänischer Handelspartner ist, sondern ist auch auf Krieg und Medien zurückzuführen. Bis zum berüchtigten Kampf um die Düppeler Schanzen 1864 war ein Teil Schleswig-Holsteins einmal Dänisch und hat deshalb jetzt eine entsprechende Minderheit. Ein Teil des heutigen Süddänemarks war umgekehrt einmal Deutsch und die Sprache ist dort immer noch sehr verbreitet. Zudem ist das dürftige dänische Fernsehprogramm schuld: Weil es in Dänemark nur zwei schwache Programme gab, schalteten früher viele, die konnten, auf die deutschen Sender. In Süddänemark und den Inseln der „dänischen Südsee“ war das deutsche Fernsehen lange bevorzugte Unterhaltungsquelle, weil das dänische Programm zu dünn war. Viele, die heute um die 30 sind, haben mit Sandmännchen Deutsch gelernt.

Ein Plädoyer für mehr Kriege und schlechtere Fernsehprogramme also, um den Fremdsprachenaustausch zu forcieren?

Nein, und wieder muss Hans Magnus Enzensberger herhalten. Der sprach gegen Ende der Veranstaltung nämlich einige Worte Skandinavisch (nun gut, das ist eigentlich keine eigene Sprache, aber seine Betonung war keiner der drei skandinavischen Sprachen zuzuordnen, es war wohl Norwegisch für die Dänen verständlich gemacht). In den 1950ern hat er längere Zeit in Norwegen gelebt: statt Krieg und schlechtem Fernsehprogramm ist ihm das Land und dessen Sprache durch Liebe nähergebracht worden, Liebe zu einer Frau und wohl auch dem Land. Seine damals geborene Tochter Tanaquil lebt immer noch dort und ist von Sprache angetan wie ihr Vater. Gemeinsam haben die beiden nordische Sagen übersetzt und obwohl Norwegerin, war es Tanaquil, die, als ich sie vor einigen Jahren interviewte, mein Deutsch verbessern musste. Hatte sich doch ein eingedeutschter Anglizismus eingeschlichen. Sorry, ich meine: unskyld (und das mit einer Verbeugung vor Hans dem Großen).

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