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REYKJAVÍK/BASEL. Island hat eine kleine, aber lebendige Kunstszene (darüber schrieb ich bspw. kürzlich für artnet und schon früher u.a. für art, The Art Newspaper und Rheinischer Merkur – als es diesen noch gab), gemessen an der Größe des Landes ist aber Einiges los, so viel, dass wie in großen Städten ausgewählt werden muss, was man sich anschaut.

Anders sieht das bei der kommerziellen internationalen Galerienszene des Landes aus, die besteht lediglich aus i8. Keine andere isländische Galerie nimmt an den großen Kunstmessen teil oder hat so viel Kundschaft außerhalb des Landes wie die Galerie von Börkur Arnarson.  Am Rande des Reykjavík Arts Festivals 2012 interviewte ich ihn kürzlich, jetzt ist er in Basel auf der dortigen Kunstmesse, wo ich ihn auch traf und mir das Ergebnis von Ragnar Kjartanssons Beitrag zur Venedig Biennale 2009 anschaute, das i8 gemeinsam mit Luhring Augustine aus New York bei Art Unlimited ausstellte. Bei artnet erschien soeben mein Interview mit Börkur Arnorson, in dem es natürlich auch um Kjartansson geht.


REYKJAVIK. Olafur Eliasson, Hans-Ulrich Obrist, Marina Abramovic – zu Boom-Zeiten gab sich die globale Kunstelite beim Kunstfestival in Reykjavik ein Stelldichein. Geld, um diese Leute einzufliegen, war schließlich genug da. Doch damit ist es seit Herbst 2008 vorbei. Damals stürzte Island als erstes europäisches Land in die Finanzkrise. Erstaunlich schnell ist es wieder auf die Beine gekommen. Wegen hoher Schulden ist Geld für große Kunstfestivals trotzdem weiter rar. Deshalb heißt der Kurator beim diesjährigen Reykjavik Arts Festival nicht Hans-Ulrich Obrist, sondern Jonatan Habib Engqvist und statt Abramovic & Co. nehmen die Aktivisten von Anonymous sowie bekannte, aber vom Starruhm weit entfernet Künstler wie Superflex oder Thierry Geoffrey am Festival teil. Das passt, soll auf Island doch ein für alle mal die Zeit des Konsums um des Konsums willen vorbei sein. Aber, ob das wirklich der Fall sein wird, zeigt sich wohl erst, wenn das Land sich Mega-Konsum wieder leisten könnte.

Engqvist hat dem Festival den Titel (I)ndependent People gegeben – die Anlehnung an das Buch von Islands Nobelpreisträger Halldór Laxness ist offensichtlich. Lediglich die zwei etwas seltsam gesetzen Klammern machen den Unterschied.

Mein Artikel zum Festival ist in Arbeit. Bis dahin Links zu zwei Texten, die ich zu früheren Kunstfestivals auf der Insel schrieb – damals gab es noch viel mehr Geld: Hier bei art online und hier im Rheinischen Merkur (Christoph Schlingensief lud den Text damals ganz in Piratenmanier hoch, ohne sich die Erlaubnis einzuholen..).


KOPENHAGEN. Manche Tode gehen einem recht nahe, auch wenn man die Verstorbenen nicht wirklich kannte.

Gestern ist im Alter von nur 49 Jahren Christoph Schlingensief gestorben. Zwei, dreimal sind wir uns begegnet, stets im Zusammenhang mit isländischer Kunst.

Während des Reykjavík Arts Festival 2005 zeigte er seinen Animatograh in der isländischen Hauptstadt. Ich habe Schlingensief kurz nach einem Auftritt auf einem Podium in Reykjavík interviewt und er war sogleich sympathisch. Er war sichtlich begeistert sein Werk zu erläutern, auch jenen, die nur Ausschnitte daraus kannten, jegliche Arroganz des intellektuell Überlegenen ließ er missen (ganz anders als ein weiterer Teilnehmer, der während des Gesprächs kurz vorbeischaute und meinte ein paar coole Kommentare ablassen zu müssen). Da ich es zuvor nicht geschafft hatte, den Animatograph in Aktion zu sehen, vereinbarten wir ein weiteres Treffen, um uns die Installation gemeinsam anzuschauen.

Der lange Christoph holte den kurzen Clemens mit einem Auto ab, das so klein war, dass er Probleme haben musste, seine Beine darin unterzubringen, doch später sollten die langen Beine Schliengensiefs noch von Nutzen sein. Es war Sonntag. Gemeinsam mit seiner Freundin Aino fuhren wir also an den Stadtrand, wo ich den Animatograph in Aktion sehen sollte. Zuvor hatte es mit der Drehfunktion der runden Bühne Probleme gegeben.

Völlig müde nach einigen Empfängen, Interviews und schließlich einer Vernissage mit Olafur Eliasson hatte ich in der Nacht zum Samstag noch einen Text über das Festival für die “Premieren des Wochenendes”-Rubrik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geschrieben. Ob meiner Müdigkeit war ich beim Absenden des Textes nicht in der Lage zu bewerten, ob dieser den Ansprüchen denn wirklich genüge. Dass dem wohl so war, erfuhr ich dann von Christoph, der mir im Auto als eine der ersten Dinge erzählte, dass ihm ein Freund einen Text aus der FAZ am Sonntag zur Festivaleröffnung geschickt hatte. Er konnte sich zwar nicht erinnern, wer der Autor war, doch schnell stellten wir fest, dass es mein Text gewesen sein musste – das Niveau hatte also trotz Übernächtigung meinerseites gestimmt. Christoph Schlingensief als der Überbringer guter Nachrichten.

Nach einer geschätzten viertel Stunde Fahrtzeit kamen wir am Stadtrand an, wo Christophs Installation stand. Er erläuterte mir alles und bat mich dann, die Drehbühne zu betreten. Plötzlich begann diese sich zu drehen und vor meinen Augen glitt die dekorierte Wand des Raumes lang – ein interessanter Anblick in Kombination mit der dekorierten Bühne. Im Hintergrund immer wieder der eindringliche Ausruf aus einem seiner Filme: “This is a security announcement” (eigentlich war es wohl the world announcement, aber durch die Betonung brannte es sich für mich danach security announcement ins Gedächtnis ein – dazu später mehr). Die Rundreise wollte ich natürlich auskosten, jetzt, wo die Bühne wieder ging und blieb sicher fünf bis zehn Minuten auf dieser stehen.

Als ich heruntertrat sah ich an einer Ecke plötzlich Christoph vor mir liegen – mit den Füßen trat er den Bühnenrand und setzte diese so in Bewegung. Der Motor war mitnichten wieder funktionstüchtig und es muss ihn einiges an Kraft gekostet haben, die Bühne und mich so lange in Schwung zu halten. Mir war das Ganze ein wenig unangenehm, trotzdem musste ich lachen als ich ihn da so vor mir auf dem Boden liegen sah. Doch Christoph winkte ab, die Anstrengung war ihm nicht zu viel, um sein Werk zu zeigen. (Auf seiner offiziellen Homepage ist mein Text, den ich damals für den Rheinischen Merkur schrieb, noch zu lesen; der aus der FAS ist leider nicht online zugänglich, ich werde diesen aber aus dem Archiv suchen und hier online stellen.) 

Zur Eröffnung des Reykjavík Arts Festival standen zahlreiche Vernissages und ein Empfang beim isländischen Präsidenten auf dem Programm. Um nicht als der unpassend unelegant gekleidete deutsche Journalist in die Gedächtnisse einzugehen, hatte ich gleich mehrere Anzüge mitgenommen. Mit denen in der Hand traf Christoph mich dann wieder auf dem Flughafen in Reykjavík. Nun musste er lachen. Als wir uns dann ein halbes Jahr später auf dem Art Forum in Berlin wiedertrafen, begrüßte er – der stets auf (nach)lässige Art gut gekleidet war – mich mit “Da ist ja der Mann mit den vielen Anzügen”.

Die Begegnungen mit Christoph kommen mir immer mal wieder in den Sinn und stets zu zwei Begebenheiten: wenn ich meine schicke, sündhaft teure italienische Hose anziehe – während des Gesprächs mit ihm rutschte mir der Kugelschreiber aus und der helle Stoff hat seither einen blauen Strich – und jedesmal, wenn ich auf einem Flughafen bin. Das eindringliche “This is a security announcement” aus seinem Werk, das ja vor jeder auf den Flughäfen ständig wiederholten Warnung, das Gepäck nicht unbeaufsichtigt stehen zu lassen etc. wiederholt wird, ist für mich für immer mit ihm und dem auf Island gezeigten Werk verbunden.

Auf der kommenden Venedig-Biennale sollte Christoph Schlingensief den Deutschen Pavillon bespielen; was auch immer jetzt daraus wird, die Vernissage in Venedig wird eine zweite Trauerfeier werden.


KOPENHAGEN. Aus Deutschland ist zu vernehmen, dass der Maler Gerhard  Richter dem Performer Christoph Schlingensief das Künstlersein abgesprochen hat. Als Reaktion darauf, dass Schlingensief Deutschland kommendes Jahr auf der Biennale in Venedig präsentieren soll, sagte er “Das ist ein Skandal. Die nehmen einen Performer, dabei haben wir tausende Künstler”. Gleichzeitig beschwor er den Untergang der Malerei herauf, weil diese nicht mehr gelehrt werde.

Ein guter Anlass, in Deutschland auf Peter Rindal aufmerksam zu machen. Dem Anfang 2009 verstorbenen Dänen wäre das Ende der Malerei wohl nur recht gewesen. In den 1960ern begründete der Lagerarbeiter den Rindalismus, eine Form der Kunstkritik bzw. der Kritik der staatlichen Kunstförderung. Rindal sprach sich dagegen aus, Kunst mit Steuern zu finanzieren. Er meinte mit der Erfindung der Fotografie habe die Kunstform Malerei ihre Berechtigung verloren. Was er über Performer dachte, ist nicht überliefert.

Aus der FAZ ein  positiver Kommentar zur Wahl Schlingensiefs und im Rheinischen Merkur mein Text zum Reykjavík Arts Festival 2005 mit Schlingensief.


Byrne Dilemma klassisch. (Foto: Bomsdorf)

Byrne Dilemma klassisch. (Foto: Bomsdorf)

REYKJAVÍK. Das Stadtbild ist während des diesjährigen Reykjavík Arts Festivals eine der großen Ausstellungsorte. Anderthalb Jahre nach dem Bankenkollaps thematisieren die Künstler natürlich die Krise. So beschäftigen sich mehrere Fotografen (Hlynur Hallsson oder Ingvar Högni Ragnarsson) der zum Teil im Freien stattfindenden Ausstellungsserie „Reality Check“ mit den sichtbaren und weniger sichtbaren Zeichen der Krise: Demonstranten, arbeitslose polnische Arbeiter und von Investoren im Stich gelassene Bauprojekte sind an Hausfassaden und Bauzäunen in der Innenstadt von Reykjavik zu sehen – gleichzeitig sind im Gericht nebenan Demonstranten angeklagt und die ersten Bankmanager sind verhaftet worden und werden – so hoffen viele Isländer – auch bald auf der Anklagebank sitzen.

David Byrne, Frontmann der Talking Heads und seit einiger Zeit bildender Künstler, nimmt ebenfalls am Reykjavík Arts Festival teil. Er bespielt Plakatständer im Stadtzentrum. Byrne stellt der Öffentlichkeit Fragen, das klingt schon beinahe etwas klischeehaft, denn Fragen stellen, da ist man sich schnell einig, das soll die Kunst. Doch, wenn Byrne mitten in der Krise zwischen Fragen zu den kleinen Dilemmata des Alltags die Isländer und natürlich uns Besucher auch fragt, was wir tun würden, wenn wir unsere Freunde gegen eine Menge Geld eintauschen könnten, dann wirkt seine Arbeit. Früher wäre diese Frage wohl nicht hervorgestochen, doch im derzeitigen Kontext ist sie etwas anderes.

Byrne Dilemma zeitgenössisch. (Foto: Bomsdorf)

Byrne Dilemma zeitgenössisch. (Foto: Bomsdorf)

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