You are currently browsing the tag archive for the ‘Marfa’ tag.


Von Erwartungen niedergedrückt? Elmgreen & Dragsets Junge sucht Zuflucht im Kamin. (Foto: Bomsdorf)

Von Erwartungen niedergedrückt? Elmgreen & Dragsets Junge sucht Zuflucht im Kamin. (Foto: Bomsdorf)

KARLSRUHE. Niedergedrückt von der unsichtbaren Last auf den Schultern sitzt er im Kamin. Die herrschaftliche marmorne Feuerstelle ist der einzige Rückzugsort, die einzig verbliebene Nische in dem imposanten Ballsaal. Dorthin hat es den kleinen Jungen in seiner schicken Uniform verschlagen. Die verängstigt-deprimierte Haltung, die er einnimmt, ist bekannt – nicht nur womöglich aus eigener Erfahrung, sondern auch von Ron Muecks Skulptur “Boy” (zu sehen im Kunstmuseum ARoS in Aarhus, Norddänemark).  Während es bei Muecks Jungen unklar bleibt, was diesen in die bedrückte Gemütslage versetzt hat, ist es bei dem Jungen im Kamin klar. Die Erwartungen, die an ihn gestellt werden, lasten auf ihm und hemmen ihn. Überm Kamin ist der kleine Junge nochmals zu sehen – als gemaltes Portrait. Er blickt ernst drein, zeigt aber Haltung. Braver Junge, so haben es die Eltern und sicher auch deren Bekannte gerne. Schließlich soll aus dem Jungen mal etwas werden, er soll die Tradition der reichen Familie, der der Ballsaal gehört, fortführen – wieso sonst hängt sein Bild am besten Platz im Hause. In einem Alter, in dem andere herumtollen, wird er in Uniform gezwängt und in Öl verewigt. Der Junge in doppelter Ausführung ist Teil der Ausstellung “Celebrity – The One and The Many” des Künstlerduos Elmgreen & Dragset im ZKM in Karlsruhe (kuratiert von Andreas F. Beitin, die Ausstellung wird im kommenden Jahr dann in Aarhus im ARoS gezeigt). Der Junge ist Detail dieser Ausstellung, nicht unwesentliches, aber sie würde auch ohne ihn funktionieren (jedenfalls ist es mir gelungen eine Kritik für art zu schreiben ohne auf ihn einzugehen – hier online zu lesen). Gleichzeitig funktioniert der Junge im Kamin mitsamt Portrait so gut als eigenständiges Werk, dass es nahelegt, Elmgreen & Dragset sollten zukünftig nicht mehr Prada in ihre Werke einbeziehen, sondern Patek Philippe:

..für die nächste Generation - aktuelles Anzeigenmotiv von Patek Philippe. (Foto: Bomsdorf)

..für die nächste Generation - aktuelles Anzeigenmotiv von Patek Philippe. (Foto: Bomsdorf)

Die beiden Künstler haben bereits mehrfach das italienische Modelabel Prada in einer ihrer Arbeiten aufgenommen. Unvergessen als sie im Oktober 2001 die Fenster der New Yorker Galerie Tanya Bonakdar mit Papier von innen verhängten und “Opening Soon Prada” im Originalschriftzug der italienischen Modemarke verkündeten – die Lieblingsmarke der globalen Kunstszene hatte anscheinend die Galerie ersetzt. In der texanischen Wüste postierten sie vier Jahre später einen Prada-Shop. Angesichts des aktuellen Werkes liegt es aber nahe, dass der schweizerische Uhrenhersteller Patek Philippe das neue Prada von Elmgreen & Dragset wird. (Natürlich) seit Jahren schaltet der Anzeigenserien mit einem Vater-Sohn-Paar aus der wohlhabenden Schicht. Der Sohn wirkt stets wie ein Abbild des Vaters, ebenfalls aufgehend in dem, was auch dieser tut. So soll es sein; auch in Zukunft. Wie der Vater so der Sohne. Bloß nicht ausscheren. Deshalb ist auch schon im Kindesalter klar, das der kleine einmal die Uhr vom Vater erben wird. Denn: “Eine Patek Philippe gehört einem nie ganz allein. Man erfreut sich ein Leben lang an ihr, aber eigentlich bewahrt man sie schon auf für die nächste Generation.” Doch mit dem Bewusstsein einmal die Uhr an den Sohn vererben zu wollen geht einher die Erwartungen weiterzugeben. Es wäre nicht verwunderlich wenn der Vater des Jungen im Kamin einer jener traditionsbewußten Patek Philippe-Träger ist.

Mein Twitteraccount (mehrsprachig, Schwerpunkt Kultur)

April 2014
M D M D F S S
« Mär    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
282930  

HochOben

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.