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KOPENHAGEN. Überspitzt formuliert, ließe sich über das Amt des Wirtschaftsministers ja sagen, dass man es getrost auch abschaffen könnte. Der Posten ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zu einem Restposten verkümmert. Charismatische und auffällige Wirtschaftsminister hat es zumindest in Deutschland seit langer Zeit nicht mehr gegeben. Selbst everybody’s darling Karl-Theodor von und zu Guttenberg blieb blass. Und Rainer Brüderle? Lassen wir das…

Jedenfalls hat die Entwertung des Wirtschaftsministeriums vor allem einen Grund: Wirtschaftspolitik ist in heutiger Zeit eben fast ausschließlich Finanzpolitik. Doch beim Finanzminister endet bekanntlich die Kompetenz des Wirtschaftsministers sehr schnell. Restzuständigkeiten für Arbeit, Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung sowie Technologie bekamen fast alle ihr eigenes Ministerium. Was bleibt? Wenig.

Die Dominierung der Wirtschaft durch die Finanzwelt und Geldströme beschränkt sich naturgemäß nicht auf Deutschland. In Dänemark ist das genau so. Zumal der Wirtschaftsminister auch dort Kompetenzen an den Finanz-, Steuer-, Verkehrs-, Arbeits- sowie Wissenschafts- und Technologieminister abtreten muss. Wie vergleichsweise einfach also muss es für Lene Espersen gewesen sein, das Amt der Wirtschaftsministerin und das der Vorsitzenden der Konservativen Volkspartei unter einen Hut zu bringen. Jedenfalls sind aus dieser Zeit (9.9.2008-23.2.2010) keine Klagen bekannt, Lene Espersen würde ihre Arbeit nicht ordentlich verrichten.

Lene Espersen bei ihrem Amtsantritt als Außenministerin am 23.2.2010 (Foto: Hasse Ferrold)

Lene Espersen bei ihrem Amtsantritt als Außenministerin am 23.2.2010 (Foto: Hasse Ferrold)

Doch dann wurde die 44-jährige Mutter zweier Söhne im Rahmen einer größeren Regierungsrochade Außenministerin, weil sie als stellvertretende Regierungschefin den Anspruch darauf hat und den prestigeträchtigen Posten ja schon immer mal gerne bekleiden wollte, obwohl sie als ausgewiesene Wirtschaftsexpertin rein fachlich für ihr früheres Amt eigentlich viel besser geeignet war. Dies trifft übrigens alles auch auf Guido Westerwelle zu. Aber das nur nebenbei.

Seitdem Lene Espersen Außenministerin ist, hat sie viel von ihrem Glanz verloren. Mehr noch. Sie befindet sich in der schwersten Krise ihrer politischen Laufbahn. Auslöser war ihre Abwesenheit bei einem Treffen des Arktischen Rates im kanadischen Chelsea im April. Selbst US-Außenministerin Hillary Clinton war da, Espersen machte mit der Familie Urlaub auf Mallorca. Nachdem es wochenlang Kritik hagelte, entschuldigte sich die dänische Außenministerin. Doch so richtig half die öffentlichkeitswirksame Reue nicht. Denn seitdem haftet Espersen das Stigma an, sie würde das Amt des Außenministers nicht ernst genug nehmen, zu oft irgendwelche Unterhändler vorschicken und selbst glänzen – aber nur durch Abwesenheit.

Gleichzeitig vermisst die Konservative Volkspartei ihre Vorsitzende. Die Partei steckt in der Krise, es fehle ihr jemand an der Spitze, der in Dänemark kraftvoll eine konservative Agenda vorantreibt. Das Murren wird lauter. Schon gibt es erste Rufe, Espersen möge doch bitte den Vorsitz ihrer Partei abgeben.

In der Tat wäre damit allen geholfen: der Konservativen Volkspartei, dem Amt des Außenministers und nicht zuletzt Lene Espersen selbst, die sich dann endlich angemessen auf ihre Aufgabe konzentrieren könnte, ihr Land ordentlich zu vertreten. Das Gleiche könnte man übrigens auch über Guido Westerwelle und die FDP sagen. Aber das nur nebenbei.

OSLO. Die Schweden haben mich heute wieder einmal beeindruckt. Es gibt ja derzeit wirklich viel zu klagen für die Bürger des Musterwohlfahrtstaates. Die Arbeitslosenquote kratzt derzeit an der für Schweden fast schon beleidigenden 10-Prozent-Marke und liegt damit deutlich höher als in Deutschland. Die liberal-konservative Regierung unter Premier Fredrik Reinfeldt muss seit Monaten und Jahren sparen, was sich in den Sozialleistungen niederschlägt, und mit Saab und Volvo befinden sich die ehemaligen Flaggschiffe der schwedischen Automobilindustrie in ausländischer Hand. Niemand weiß wirklich, was langfristig mit den Tausenden Arbeitsplätzen passieren wird. Zwar befindet sich die schwedische Krone seit Wochen und Monaten auf Erholungskurs, bis zu alter Stärke ist es aber noch ein Stück. Und die Euro-Krise dürfte die kleine, frei handelbare Währung wieder unter Druck setzen.

In solchen Zeiten reagiert der Wähler schonmal leicht verschnupft und kann dem Reflex nicht immer widerstehen, sich von den etablierten Parteien abzuwenden. Die Geschichte zeigt das oft. Dafür muss man noch nicht einmal das berühmteste Beispiel (Hitlers Aufstieg im Zuge der Weltwirtschaftskrise) bemühen. Dafür reicht auch ein Blick nach Ungarn, wo erst vor kurzem die rechtsextreme Jobbik-Partei bei der Parlamentswahl einen beängstigenden Erfolg feiern konnte. Aber auch in den Niederlanden, Italien, Dänemark und Norwegen sind rechtspopulistische Parteien längst politische Realität. Ihre Politik richtet sich vor allem gegen Einwanderer, die sie als Sündenbock für Wirtschaftskrisen und überhaupt alles, was im Staate nicht reibungslos läuft, ausgemacht haben. Manche propagieren das offen (Geert Wilders Partei für die Freiheit in den Niederlanden, Pia Kjærsgaards Dänische Volkspartei), andere eher subtil (Siv Jensens Fortschrittspartei in Norwegen).

Selbst in Schweden, das in diesem Punkt bisher eine rühmliche Ausnahme war, musste man ein Erstarken des rechten Randes befürchten. Die Schwedendemokraten konnten lange Zeit hoffen, bei der Wahl im Herbst die 4-Prozent-Hürde zu nehmen und damit in den Reichstag einzuziehen. Doch eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Skops zeigt: Die Rechtspopulisten/-extremen scheinen mit ihrer ausländerfeindlichen Propaganda bei den Schweden nicht zu verfangen. Die Schwedendemokraten stürzen von 5 auf 2,9 Prozent ab. Statt dessen gehen die etablierten Kräfte gestärkt aus der Umfrage hervor. Reinfeldts Moderate Sammlungspartei gewinnt 2,2 Punkte hinzu und liegt jetzt bei 30,3 Prozent. Die Sozialdemokraten bleiben nahezu konstant bei 33,7 Prozent. Die Verlierer sind die kleinen Parteien und Protestgruppen. In schwierigen Zeiten wie dieser nicht nur ein bemerkenswertes Ergebnis sondern auch ein bewundernswertes.

Dass die Schweden laut einer neuen Studie der Universität in Göteborg auch generell den Einwanderern wieder positiver gegenüber stehen, lässt hoffen, dass es sich bei dem Umfrageergebnis nicht nur um eine Momentaufnahme handelt, sondern es sich auch bei der Wahl im September bewahrheiten könnte. Die Rechtspopulisten/-extremen hatten und haben in Schweden trotz Krise keine Chance. Der schwedische Wähler ist eben doch der geborene homo oeconomicus. Chapeau.

Byrne Dilemma klassisch. (Foto: Bomsdorf)

Byrne Dilemma klassisch. (Foto: Bomsdorf)

REYKJAVÍK. Das Stadtbild ist während des diesjährigen Reykjavík Arts Festivals eine der großen Ausstellungsorte. Anderthalb Jahre nach dem Bankenkollaps thematisieren die Künstler natürlich die Krise. So beschäftigen sich mehrere Fotografen (Hlynur Hallsson oder Ingvar Högni Ragnarsson) der zum Teil im Freien stattfindenden Ausstellungsserie „Reality Check“ mit den sichtbaren und weniger sichtbaren Zeichen der Krise: Demonstranten, arbeitslose polnische Arbeiter und von Investoren im Stich gelassene Bauprojekte sind an Hausfassaden und Bauzäunen in der Innenstadt von Reykjavik zu sehen – gleichzeitig sind im Gericht nebenan Demonstranten angeklagt und die ersten Bankmanager sind verhaftet worden und werden – so hoffen viele Isländer – auch bald auf der Anklagebank sitzen.

David Byrne, Frontmann der Talking Heads und seit einiger Zeit bildender Künstler, nimmt ebenfalls am Reykjavík Arts Festival teil. Er bespielt Plakatständer im Stadtzentrum. Byrne stellt der Öffentlichkeit Fragen, das klingt schon beinahe etwas klischeehaft, denn Fragen stellen, da ist man sich schnell einig, das soll die Kunst. Doch, wenn Byrne mitten in der Krise zwischen Fragen zu den kleinen Dilemmata des Alltags die Isländer und natürlich uns Besucher auch fragt, was wir tun würden, wenn wir unsere Freunde gegen eine Menge Geld eintauschen könnten, dann wirkt seine Arbeit. Früher wäre diese Frage wohl nicht hervorgestochen, doch im derzeitigen Kontext ist sie etwas anderes.

Byrne Dilemma zeitgenössisch. (Foto: Bomsdorf)

Byrne Dilemma zeitgenössisch. (Foto: Bomsdorf)

OSLO. 17. Mai, Nationaltag Norwegens. Das Land feiert seine Unabhängigkeit vom ungeliebten Dänemark. Nachdem Norwegen 400 Jahre lang Teil der dänischen Monarchie war, verabschiedete die Nationalversammlung am 17. Mai 1814 Norwegens eigene Verfassung und trat in einen losen Verbund mit Schweden ein, der bis 1905 hielt. Und das feiern die Norweger ausgiebig. Fahnen und Flaggen überall und alle auf den Straßen. In der Karl Johans Gate stehen die Menschen teilweise so dicht gedrängt, dass es kaum ein Vorwärtskommen gibt. 

Die Karl Johans Gate mit Blick aufs königliche Schloss (Foto: Jung)

Die Karl Johans Gate mit Blick aufs königliche Schloss (Foto: Jung)

Und, man staune, ein multiethnisches Miteinander. Jedenfalls hat man das Gefühl, dass mindestens so viele Menschen mit Migrationshintergrund die norwegische Unabhängigkeit feiern wie die Norweger selbst. Mütter aus Pakistan und Marokko, die ihren Kindern auf Norwegisch erklären, warum hier gerade so viel los ist. So etwas würde man in Deutschland wohl nicht erleben. Na ja, eigentlich würde man in Deutschland am 3. Oktober auch keinen Deutschen sehen, der mit einer Fahne durch die Straßen marschiert. Der Tag der Wiedervereinigung hat schließlich nichts mit Fußball zu tun, wo das Fähnchenschwenken inzwischen ja zum guten Ton gehört. Am Nationaltag aber begnügen sich die Deutschen meistens damit, sich die drögen Reden von der Kanzlerin und dem Bundespräsidenten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anzuschauen. Damit wäre dann genug andächtig gedacht.

Aber zurück zu Norwegen. Das Land mag sich an seinem Nationaltag von der multiethnischen Seite zeigen. Multikulturell ist das aber nicht. Insofern ist der Feiertag für viele Norweger auch in dieser Hinsicht ein Erfolg. Denn gegen Einwanderer haben die wenigsten etwas – so lange sie sich ordentlich integrieren, oder - und da nimmt man es mit den Begriffen nicht so eng – assimilieren. Der außenpolitische Forscher, Publizist und Vordenker der rechtsliberalen (-populistischen) Fortschrittspartei, Asle Toje, formuliert dieses diffuse Gefühl, dieses Hin-und-Her-gerissen-Sein zwischen der Angst vor Überfremdung und skandinavischer Political Correctness zur These: “Eine multiethnische Gesellschaft kann funktionieren, eine multikulturelle nicht.”

Für EU und Euro haben die Norweger wie weiter unten schon erläutert derzeit nur wenig übrig. Und so hat es mich auch nicht überrascht, als mir der erstbeste Gesprächspartner auf der Straße sagte, er halte eine Mitgliedschaft in der EU für sinnlos. “Uns geht es doch gut.” Käme man in die EU, dann würden einen die anderen Länder doch bloß nach unten ziehen. Es ist also die Angst vor einem Wohlstandsverlust, welche die Norweger EU-kritisch stimmt. Umgekehrt würde das ja heißen, dass der Leidensdruck im Land einfach noch nicht groß genug ist. So wie etwa bei Island, wo ja seit Ausbruch der Krise manche in der EU und dem Euro plötzlich die heilsbringende Rettung sieht.

Dass die EU eine Staatengemeinschaft ist, die nur krisengeschüttelte und vom Staatsbankrott bedrohte Länder anzieht, ist eigentlich schade. Eine Bekannte von mir versucht mich zu trösten. “Die meisten Norweger stehen der EU ziemlich leidenschaftslos gegenüber.” Es ließe sich letztlich nicht ausmachen, ob eine Mitgliedschaft für das Land gut oder schlecht wäre. Die Frage sei für Norwegen ohnehin nicht entscheidend. Reiner EU-Agnostizismus.

Car in Iceland - not yet in river. (Foto: Bomsdorf)

KOPENHAGEN. Heute eröffnet im Berliner Martin Gropius-Bau die Einzelausstellung von Olafur Eliasson, Kurator ist Daniel Birnbaum. Eliasson hat sein Studio in Berlin und wurde in Kopenhagen als Sohn isländischer Eltern geboren. Alle drei Länder vereinnahmen ihn deshalb gerne für sich, was der Popularität des Populistenkünstlers (seine Ausstellungen und Werke ziehen Massen an) sicher mehr nutzt als schadet. Neben den etwa aus London und New York bekannten Rieseninstallationen, macht Eliasson auch stillere Arbeiten. So etwa die Fotoserie “Cars in Rivers“. Anlässlich der Berliner Ausstellung hier ein Auszug zu “Cars in Rivers” aus dem Text, den ich für das französischsprachige Kunstmgazin Art Nord über Eliasson schrieb (wer meine französischen Sprachkenntnisse kennt, weiß, warum ich den Text auf Englisch abgab. Er erscheint im Juni.). Eine Arbeit, die zur aktuellen Situation nicht nur Islands passt:

“Due to the low population density and a relatively bad public transportation system private cars in Iceland play a much bigger role than in many western European countries. In large parts of the country roads as known from Germany, Finland or France are missing and one has to drive on soil, snow and even through rivers. It is not that seldom that people get stuck when trying to pass a river with their jeep. The water might be deeper than expected, the ground less solid or the driver less experienced as his self-perception told him. For his latest series of photographs titled “Cars in rivers” (2009) Eliasson collected pictures of cars that got stuck in Icelandic rivers. Again a parallel to the situation Iceland and the world is in can be drawn. Underestimating the forces of nature, overestimating your own capability is what leads to get stuck. But there is almost always a way out, though it might take time, artist Björk Viggósdóttir tells me when driving me in her car on a solid street outside Reykjavík close to the Icelandic president´s residence in Álftanes. Being Icelandic and knowing the difficulties of driving in the country for her the “Cars in rivers” series clearly relates to the Iceland of today. “Either you manage somehow to continue the direction you were heading and get out on the other side or you have to pull back, not reaching your goal at this point, but getting on the ground again”, she explains the ways out of the mess to me. A move Iceland has to do as well right now. There are off course two more options: Having to leave the car behind to safe your soul or not being able to escape at all – a very unlikely worst case scenario.”

KOPENHAGEN. Nun fliegen sie wieder, die Jets. Der Ausbruch am Eyjafallajökull hat den Flugverkehr nur kurzfristig zum Stillstand gebracht. Doch wir kennen es aus unserem eigenen Leben, manchmal reicht es aus, kurz eine Alternative kennen zu lernen und schon ist klar: das bisherige ist es nicht gewesen. Vielleicht muss also gar nicht mehr der viel heftigere Vulkan Katla ausbrechen, um – welch ein schönes Bild – den Stein ins Rollen zu bringen. Die Zukunft bringt die Reisetradition zurück, die Distanz ist nicht mehr einzig eine ärgerliche Zahl von Kilometern, die überwunden werden muss, sondern Teil der Reise.

Henning Ritter schreibt in der FAZ vom Donnerstag, 22. April, in seiner Besprechung der Tagebücher Julius Meier-Graefes: “Meier-Graefes Tagebuch kartographiert jenes mit Beginn des Weltkriegs untergegangene kultivierte Europa, das mit Nachtzügen der Internationalen Schlafwagengesellschaft, mit so wenig Zeitverlust wie möglich, zu Bildern, Opern- und Theateraufführungen, zu den alten Kunststädten in Deutschland, Frankreich oder Italien reiste.”  2007 als kurz nacheinander die Venedig Biennale, die Art Basel, die Skulpturenausstellung in Münster und die documenta in Kassel eröffneten, gab es die so genannte Grand Tour, die Reise von einer Vernissage zur anderen. Das bevorzugte Fortbewegungsmittel des Kunst-Jet Sets dürfte der Flieger gewesen sein. Isländischem Vulkan sei Dank wird sich bei der nächsten Häufung von Eröffnungen internationaler Ausstellungen womöglich der Kunst-Train Set auf die Schiene aufmachen.

Wenn es nicht allzu viele Umstände bereitet, ersetze ich den Flieger durch Bahn oder Boot. Venedig-Biennale, Caspar-David Friedrich-Ausstellung in Hamburg, Interview in Oslo habe ich so schon fliegerfrei erreicht. Was aber mit einer meiner Lieblingsinseln? Aus Island, wo im Mai das Reykjavík Arts Festival eröffnet wird, gibt es nämlich keine Eisenbahn.

Als die isländische Wirtschaft noch glühend heiß war und der Tanz auf dem Vulkan die Stimmung auf der Insel wohl am besten beschrieb, hatte ich das absurdeste Flugerlebnis meiner bisherigen Journalistenzeit ausgerechnet auf Island. Zum Reykjavík Arts Festival 2005 flogen Journalisten, Politiker, Künstler und Kunstliebhaber an einem Tag von Vernissage zu Vernissage über die ganze Insel. Morgens ging es mit drei Fliegern auf dem regionalen Flughafen in Reykjavík los: im ersten Flieger saß der isländische Staatspräsident mit einigen Auserwählten. Die Kultusministerin samt einigen Künstlern, Journalisten und einigen anderen in Flieger Nummer zwei und die Mäzenin und erklärte Island-Begeisterte Francesca von Habsburg flog mit dem Privatflieger hinterher. Den genauen Reiseplan habe ich gar nicht mehr im Kopf, aber es sah in etwa so aus: Start Reykjavík, 20 Minuten Flug nach Isafjördur, kurze Busfahrt zur Ausstellungseröffnung (ein beeindruckendes Werk von Elin Hansdottir, kaum war das auch nur ansatzweise angeschaut worden, hieß es auch schon wieder: zurück in den Bus), zweiter Stop nach gefühlten 10 Minuten Flug: Akureyri, dort blieb noch weniger Zeit für den Ausstellungsbesuch (Matthew Barney und Gabriela Fridriksdottir, die in dem Jahr Island auf der Biennale in Venedig vertrat), denn das Buffet und der Bus zum Flughafen warteten. Dann: Egilstadir, um nach Seydisfjördur zu kommen. Etwas längere Busfahrt, doch welche Ausstellung wir damals sahen, dass weiß ich schon nicht mehr, denn es ging ja kurz darauf  natürlich mit dem Flieger bzw. mit den Fliegern – weiter auf die Westmännerinseln. Dort nächster Stehempfang, eine Performance und dann zurück nach Reykjavík. Schön, dass Island sich diese kostspielige eintägige Flugreise leisten konnte, aber sie ist auch symptomatisch: Statt Zeit für das wahre Erleben zu lassen, musste jede Möglichkeit genutzt werden und es blieb vor allem die Erinnerung an ein paar Stunden Leben in Saus und Braus.

Alain de Botton, der mit einem Schreiberstipendium in London auf dem Flughafen eingesperrt war, schreibt übrigens hier bei thefastertimes.com, wie er sich eine Welt ohne Flieger vorstellt. In Anlehnung an John Lennon beginnt sein Text mit “Imagine..”.

KOPENHAGEN. Gerade hat die skandinavische Fluggesellschaft SAS ihren Bericht für das erste Quartal 2010 veröffentlicht, und es sieht nicht gut aus. Der Konzern machte bereits vor vor Beginn der Flugverbote durch den Vulkanausbruch in Island einen Verlust von umgerechnet 73,3 Millionen Euro. Vor Steuern belief sich das Minus im ersten Quartal auf etwa 101 Millionen Euro. Die Zahlen liegen auf dem Niveau des Vorjahres. Der Umsatz ging in den Monaten Januar bis März um 16 Prozent zurück auf 986 Mio. Euro.

Flieger auf dem Kopenhagener Flughafen. (Foto: Bomsdorf)

Flieger auf dem Kopenhagener Flughafen. (Foto: Bomsdorf)

Wie gesagt: Das Ganze noch ohne Vulkan. Doch der wird die ohnehin schon schwer angeschlagene Fluggesellschaft weiter bluten lassen und auch 2010 zu einem ganz schweren Jahr machen, heißt es bei SAS. Der Konzern rechnet damit, dass der Eyjafjalla-Vulkan mit etwa 47,8 Millionen Euro zu Buche schlagen wird. Eine zusätzlich finanzielle Belastung, mit der die skandinavische Airline noch mehr zu kämpfen haben wird als die Konkurrenz, die von den Flugausfällen ebenfalls massiv betroffen ist.

Der Vulkanausbruch könnte sich auch auf die noch bis zum 29. April laufende Neuemission von Aktien auswirken. Sie soll 500 Millionen Euro in die klammen Kassen spülen. Für den Fall, dass nicht alle Wertpapiere gezeichnet werden, stünden sechs große Banken – JP Morgan, Nordea, SEB, DnB Nor, Royal Bank und Scotland sowie Danske Bank – mit Garantien bereit, die maximal 42,4 Prozent der Emission entsprächen. Allerdings, so schreibt die schwedische Zeitung Svenska Dagbladet heute, können die Geldinstitute laut Abkommen von ihren Garantien zurücktreten, wenn “besonders negative Ereignisse” eintreten. Der Vulkanausbruch in Island wäre so ein Ereignis. SAS läuft also Gefahr, seinen Rettungsanker zu verlieren.

Trotz der schlechten Nachrichten will man bei SAS vorerst nicht beim etwa 810 Millionen Euro schweren Sparprogramm SAS Core nachbessern, der nach Konzernangaben bereits zu 63 Prozent umgesetzt ist.

Die Fluggesellschaft wird immer wieder in Zusammenhang mit einem Aufkauf durch eine größere Fluggesellschaft – und da vor allem durch die deutsche Lufthansa – gebracht. Die komplizierte Eigentümerstruktur mit Dänemark (14,3 Prozent), Schweden (21,4) und Norwegen (14,3) als Anteilseigner macht ein solches Geschäft jedoch schwierig. Zwar haben bereits alle drei Länder signalisiert, dass sie sich einen Verkauf von SAS vorstellen können. Dafür müsse der Konzern aber besser dastehen. Und davon kann derzeit keine Rede sein.

Derzeit schielt SAS (andere Fluglinien übrigens auch) auf staatliche Hilfen. Doch Schwedens Wirtschaftsministerin Maud Olofsson hat bereits abgewinkt, obwohl die EU-Kommission für finanzielle Zuschüsse der Staaten niedrige Hürden ansetzen will.

KOPENHAGEN. “Merken Sie was?”, fragte erst neulich Claus Kleber im ZDF Heute Journal und lieferte seinen eigenen Eindruck gleich mit. “Ist irgendwie ruhiger.” Was Kleber da so en passant sagte, ist in Wahrheit eine Beobachtung, die zu einigen Überlegungen anregt. Denn er meinte damit ja nicht (nur) den Fluglärm, der normalerweise Anwohner von Flughäfen um ihren Schlaf bringt, dies aber derzeit nicht tut, weil die Asche des isländischen Eyjafjalla-Vulkans nun schon seit fünf Tagen den europäischen Luftverkehr blockiert. Kleber sprach auch von einer allgemeinen Beruhigung des Alltags, des hektischen Nachrichtenflusses. Irgendwie scheint weniger zu passieren, seitdem die stählernen Kollosse nicht mehr am Himmel kreuzen.

Eben keine Angela Merkel, die am gestrigen Sonntag in Hannover an den deutsch-italienischen Regierungskonsultationen teilnimmt. Kein Treffen mit Ministerpräsident Berlusconi und im Anschluss auch keine Eröffnung der Hannover Messe, die eigentlich im Terminkalender der Bundekanzlerin stand. Statt dessen eine gestrandete Politikerin, die aus den USA zunächst nach Lissabon musste, weil kein europäischer Flughafen nördlich von Alpen und Pyrenäen geöffnet hatte. Dann weiter nach Rom und von dort dann mit dem Bus durch die norditalienische Poebene tingelte. Irgendwie Richtung Berlin.

Ein Ärgernis? Eine Katastrophe gar? Oder einfach nur ein paar freie Tage? Eine unverhoffte Auszeit vom politischen Alltag? Man mag in diesen Tagen wütend sein auf Islands Eyjafjalla-Vulkan, weil er Pläne durchkreuzt, Ereignisse verhindert und viel Geld kostet. Man kann aber auch gut finden, dass die Asche sich wie ein Schleier auf den hektischen Alltag legt, ihm das Grelle und Schrille nimmt. Welche Einstellung man auch hat, Tatsache ist: Der Eyjafjalla-Vulkan auf Island wirkt als großer Entschleuniger einer Welt, deren Rhythmus längst aus dem Takt geraten ist. Hat der Vulkanausbruch also nicht auch sein Gutes?

Der in London lebende Philosoph und Schriftsteller Alain de Botton hat sich in einem Artikel für die BBC ein paar Gedanken zu einer Welt ohne Flugzeuge gemacht. Er kommt zu dem Schluss, dass man dem isländischen Vulkan doch eigentlich dankbar sein sollte, weil er uns allen eine Atempause verschafft und uns Zeit gibt zum Innehalten und Nachdenken.

Vielleicht gibt uns der Vulkan auch nur einen Vorgeschmack auf die Zeit, wenn sich die Menscheit die zivile Luftfahrt wegen zu hoher Rohstoffpreise schlicht nicht mehr leisten kann. Zumindest interkontinental wäre dann das Schiff wieder Verkehrsmittel Nummer 1. Reisezeiten wären wieder länger, die Seele hätte Zeit, Ortswechsel mitzuvollziehen. Heutzutage hat sie auf der Strecke Kopenhagen-New York dafür ja nur sechs Stunden. Reisen wären dann wieder echte Reisen, weil sie gemächlich von statten gehen würden.

Auf der Seite informationisbeautiful.net hat man auf Datenbasis des Vulkanologischen Instituts der Universität von Island den täglichen CO²-Ausstoß der europäischen Luftfahrtindustrie (344.109 Tonnen) den des Vulkans Eyjafjalla (etwa 15.000 Tonnen) gegenüber gestellt. Natürlich eine sehr vereinfachte Darstellung, da in dieser Rechnung Stoffe wie Schwefel und Methan außer Acht gelassen werden. Sie gibt aber eine Idee von dem vergleichsweise niedrigen Ausstoßes des Treibhausgases Kohlendioxid. Zumal durch die drastische Reduzierung des Flugverkehrs täglich auch noch 206.465 Tonnen eingespart werden sollen. Doch dieser Umweltaspekt nur nebenbei.

Island entschleunigt derzeit die Welt, selbst die Finanzkrise und den erst Anfang vergangener Woche herausgebrachten 2000 Seiten starken Untersuchungsbericht scheint die Aschewolke komplett verschluckt zu haben.

Trotzdem hoffe ich, dass der Eyjafjalla-Vulkan bald zur Ruhe kommt. Denn ich habe für kommenden Samstag einen Flug von Kopenhagen nach Alicante gebucht, und den würde ich wirklich gerne antreten. Entschleunigung hin oder her.

KOPENHAGEN. Der isländische Vulkanausbruch ist derzeit das dominierende Ereignis in den Medien (und im Verkehr). Über die wirtschaftlichen Folgen für Großbritannien, das derzeit ja mit Island wegen Icesave  im Streit liegt, spekuliert im Blog des britischen Telegraph Jeremy Warner.

Mittlerweile wird wieder geflogen, zumindest über Island. Dort startete der örtliche metereologische Dienst und brachte ein paar Bilder von der Aschewolke mit, die auf der Website des Dienstes zu sehen sind.

KOPENHAGEN. Ausgerechnet jetzt, wo Island sich daran macht, die Ursachen für die Finanzkrise aufzuarbeiten, bahnt sich die Naturgewalt ihren Weg und zieht in Form eines riesigen Vulkanausbruchs beim Gletscher Eyjafjalla fast alle Aufmerksamkeit auf sich. Hat da etwa der bekannte isländische Filmproduzent Sigurjón Joni Sighvatsson seine Finger im Spiel und inszeniert a la “Wag the Dog” ein Ablenkunsgmanöver, um die Ex-Politikerelite vor der öffentlichen Verurteilung zu retten? Die Isländer sind doch immer so kreativ.

Sicherheitshalber habe ich mit Simon Birgisson gesprochen, der für das isländische Onlinemedium visir.is arbeitet: „Wir machen auf Island derzeit ohnehin eine schwierige Zeit durch, es ist schon komisch, dass ausgerechnet jetzt auch noch der große Vulkanausbruch kommen muss“, sagte er mir am Telefon aus Reykjavík. Am Montag wurde auf Island der Untersuchungsbericht über die Ursachen der Finanzkrise veröffentlicht (falls die Vulkanasche die Erinnerungen trübt: auf dem Inselstaat wurden vor anderthalb Jahren binnen weniger Tage die größten drei Banken verstaatlicht. Nun zählt das ehemals so reiche Land zu den größten europäischen Leidtragenden der Finanzkrise.) „Heute verdrängt der Vulkanausbruch die Aufklärungsdiskussion, aber ich habe keine Angst, dass dieser wichtige Bericht keine Beachtung mehr findet“, so Birgisson.

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