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KOPENHAGEN. Manchmal ergeben sich Gelegenheiten, die mit meiner Arbeit als Nordeuropakorrespondent nicht direkt etwas zu tun haben. So traf ich in Breslau beim ersten Europäischen Kulturkongress Zygmunt Bauman zum Interview über Europäische Kultur, Palästina, Israel, Frieden und Angela Merkel. Die Vereinten Nationen treffen sich zur Vollversammlung auf der über Status und Aufnahme Palästinas diskutiert werden wird – natürlich ein zentraler Punkt im Gespräch mit dem britisch-polnischen Soziologen. Veröffentlicht ist das Interview in der heutigen Ausgabe von Die Welt, hier auch online zu lesen.
MALMÖ. Ich hatte Glück und bekam kurzfristig einen Termin bei Malmös Bürgermeister Ilmar Reepalu. Gerechnet hatte ich damit nicht, zumal ich seiner Pressesprecherin am Telefon gesagt hatte, worüber ich gerne mit ihrem Chef sprechen würde: den wachsenden Antisemitismus in Schwedens Stadt am Öresund. “Das ist kein Problem, Ilmar Reepalu erwartet Sie um 11.30 Uhr in seinem Büro.” Ok, dachte ich, der Mann stellt sich. Das ist man ja nicht von allen Politikern gewohnt. Vor allem, wenn es sich um ein Thema handelt, das ihnen unangenehm ist. Und das ist bei Reepalu ohne Zweifel der Fall, wenn man auf die Situation der Juden in Malmö zu sprechen kommt. Zumal der Politiker sich in dieser Sache wegen äußerst fragwürdiger Äußerungen, die gegen die jüdische Gemeinde in Malmö gerichtet waren, heftiger Kritik ausgesetzt sah und immer noch sieht.
Reepalu hat in seiner Stadt ein veritables Problem. Immer mehr Juden kehren Malmö den Rücken. Denn je mehr die muslimische Bevölkerung wächst, desto stärker wird der Antisemitismus in Schwedens drittgrößter Stadt. Laut Statistik der Sicherheitspolizei Säpo hat sich die Zahl antisemitischer Straftaten in der Region im Jahr 2009 verdoppelt: Es gab Friedhofsschändungen, Randale in koscheren Geschäften und Brandanschläge gegen jüdische Einrichtungen. Viele Juden fühlen sich deshalb nicht mehr sicher, packen ihre Koffer und ziehen entweder nach Stockholm oder (die Mehrheit) gleich nach Israel. Und hier wird das Antisemitismus-Problem der Stadt Malmö auch zu einem ganz persönlichen Problem für Ilmar Reepalu. Denn dem Bürgermeister fiel nichts bessers ein, als die Problematik zu leugnen und zu sagen, dass das nicht sein Problem sei, wenn Juden aus Malmö zurück nach Israel zögen. Und vielleicht, so Reepalu, müssten sich die in Malmö lebenden Juden nur deutlich genug von der Politik des Staates Israel distanzieren, damit der Hass gegen sie keine neue Nahrung bekäme. Das war im Januar, als die Ausschreitungen gegen Juden und ihre Einrichtungen in Malmö einen neuen Höhepunkt erreichten.
Nun, sieben Monate später, bittet Ilmar Reepalu also in sein Büro im 7. Stock des Rathauses. Sein Händedruck ist fest, der Blick sucht den seines Gegenübers, die Stimme sanft. Und dann erzählt er seine Version der Geschichte. Es ist die Erzählung eines Missverstandenen, der lediglich falsch zitiert worden war. “Ich habe mich da vielleicht auch etwas ungeschickt ausgedrückt”, gibt er dann doch zu. Dennoch, und daran halte er nach wie vor fest: Er sei ein Gegner der israelischen Besatzungspolitik, er sei ein Gegner von Raketen, die das israelische Militär auf den Gazastreifen abfeuere. “Dazu stehe ich.” Das mag sein, und mit dieser Einstellung ist Reepalu sicher nicht allein auf dieser Welt. Im Gegenteil. Ein vorbehaltloses Abnicken israelischer Politik gibt es eigentlich nur noch in den USA. Selbst in Deutschland, wo man ja aus historischen Gründen in der Causa Israel immer besonders vorsichtig ist, werden nehmen die Stimmen zu, die das Vorgehen und die Ansprüche des Staates im nahen Osten in Frage stellen. Wie gesagt, Ilmar Reepalu ist mit seiner Meinung nicht allein.
Vorwerfen lassen muss sich Reepalu auf jeden Fall, die Jüdische Gemeinde in Malmö mit der aggressiven Außenpolitik Israel in einen Topf zu werfen, das Volk Israels mit dem Staat Israel gleichzusetzen. Bald sind Wahlen in Schweden, es leben eine halbe Million Muslime dort, ein Fünftel davon in Malmö. Und die Sozialdemokraten wollen zurück an die Macht. Reepalus gedankenloser Umgang mit Begriffen könnte also auch politisches Kalkül sein, was die Sache nicht besser machen würde. Auch wenn Reepalu inzwischen von seinen Äußerungen Abstand genommen, jüdische Gemeindevertreter getroffen, den späten Rüffel seiner Parteichefin Mona Sahlin eingesteckt und ein Dialogforum eingerichtet hat – für viele Juden gibt es keinen Weg zurück.
KOPENHAGEN. Heute Abend im Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin wird sich wie angekündigt alles um Kommissar Wallander drehen. Der schwedische Autor Henning Mankell wird dort von 20 Uhr an seinen neuen Krimi “Der Feind im Schatten” vorstellen. Doch als unfreiwilliger Augenzeuge der Kaperung eines Gaza-Hilfskonvois durch ein israelisches Elitekommando, ist derzeit vor allem seine Version der Vorkommnisse auf hoher See gefragt. Und die wird er auch liefern. Der Maestro erscheint deshalb schon außerplanmäßig um 15.30 Uhr, um von den Ereignissen zu berichten.
Für jeden, der sich derzeit in Berlin aufhält, könnte ein Besuch der Pressekonferenz bei Dussmann, Friedrichstraße 90, lohenswert sein. Selbst, wenn er für Mankell und Wallander ansonsten eher weniger übrig hat.
KOPENHAGEN. Dass sich der weltberühmte schwedische Theaterregisseur und Schriftsteller Henning Mankell auf einem der Schiffe des Gaza-Hilfskonvois befand, die vor zwei Tagen von israelischen Soldaten geentert wurden, ist für Jerusalem ein Albtraum. Alleine durch die Aktion an sich hat sich Israel ins Abseits geschossen und den Zorn der gesamten Welt auf sich gezogen. Mankells Anwesenheit, sein Status als Augenzeuge, lenkt nun noch zusätzlich Aufmerksamkeit auf die unglaublichen Vorkommnisse, bei denen mehr als zehn Menschen ums Leben gekommen sein sollen.
Noch immer befinden sich Passagiere des Hilfskonvois in israelischer Haft, auch wenn das Land inzwischen zugesagt hat, alle Gefangenen freilassen zu wollen. Henning Mankell befand sich bereits gestern in einem Flieger gemeinsam mit dem schwedischen Grünen-Parlamentarier Mehmet Kaplan auf dem Heimweg von Tel Aviv über München nach Schweden. Klar, dass Israel die heiße Ware Mankell so schnell wie möglich los werden will. Doch passiert ist passiert, und gesehen ist gesehen. Mankell wird die Aktion des israelischen Militärs öffentlich an den Pranger stellen. Er wird darüber schreiben, er wird darüber sprechen. Es wird viele geben, die ihm zuhören werden. Und: Henning Mankell wird bei alledem einen sehr langen Atem haben.
In den nächsten Tagen will sich der Autor auf einer Pressekonferenz erstmals offiziell zu den Vorkommnissen äußern. Bisher hält er sich noch zurück, “weil immer noch Menschen in Gefangenschaft sind, und ich sie mit meinen Äußerungen nicht gefährden will”, sagt er.
Ein Reporter der schwedischen Boulevardzeitung Expressen hatte Glück. Er saß im gleichen Flieger wie Mankell und hat schon einiger aus ihm herausbekommen. Er war es auch, der Mankell im Flieger davon erzählte, dass es bei der Militäraktion auch Tote gegeben hat. “Wirklich? Das wusste ich nicht. Oje, oje, oje”, war Mankells Reaktion. Der Schriftsteller sprach von einer unrechtmäßigen Aktion, von “Piraterie, Kidnapping und Mord”. Er werde auch weiter für die Sache der Palästinenser kämpfen.
Mankell wollte noch diese Woche einen Text für den Stern einreichen. Ob die Zeitschrift die Geschichte schon für die morgige Donnerstagsausgabe ins Blatt bringt, weiß ich nicht. Mit Blick auf die Brisanz des Themas ist es aber schwer anzunehmen.
Wer will, kann sich das Kurzinterview, das Expressen mit Mankell im Flugzeug geführt hat, hier anschauen.
