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KOPENHAGEN. Grauenhaft. Aufgewacht und sofort an das Spiel gedacht. Verloren. Raus aus der WM. Ich bin enttäuscht, und obwohl man sagen muss, dass die Spanier einfach besser waren, so ist mein WM-Kater heute doch groß. Ich werde es überleben, so wie jeden normalen Kater auch. Und als ich gerade so in Trauer schwelge und mir online die Berichte, Analysen und Kommentare der internationalen Medien zur Niederlage Deutschlands reinziehe, platzt der norwegische Geheimdienst mit einer Meldung heraus. Drei Mitglieder der Terrororganisation al-Qaida will er heute Morgen gefasst und an der Ausführung konkreter Anschlagspläne gehindert haben. Viele Informationen sind noch nicht durchgesickert. Sprengstoff soll involviert gewesen sein, aber ob das Anschlagsziel in Norwegen oder aber woanders lag, ist noch nicht bekannt. Norwegische und US-amerikanische Geheimdienste sollen die gefassten Personen seit mehr als einem Jahr beobachtet haben.

Da ist sie also wieder. Ganz plötzlich. Diese Terrorbedrohung, die einen daran erinnert, dass Fußball nur ein Spiel, der Terror hingegen bitterer Ernst ist. Norwegens Geheimdienst machte schon vor einigen Monaten darauf Aufmerksam, dass die Bedrohung durch Terroristen im Jahr 2010 einen neue Qualität bekomme. Um 11.30 Uhr, also in Kürze, wird es dazu eine Pressekonferenz geben. Anschauen kann man sie sich im Live Stream hier.

Nun gibt es also mehr Infos. Demnach soll einer der Festgenommenen ein 39-Jähriger uigurischer Abstammung sein, der 1999 als Flüchtling nach Skandinavien gekommen war und 2007 die norwegische Staatsbürgerschaft erhielt. Ein 31 Jahre alter Usbeke sowie ein 37-Jähriger Iraker hielten sich seit 2002 beziehungsweise 1999 in Norwegen auf und waren jeweils im Besitz einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung. Letzterer wurde nach Auskunft von PST-Chefin Janne Kristiansen in Zusammenarbeit mit deutschen Behörden in Deutschland gefasst.  

Weitere Einzelheiten über konkrete Verdachtsmomente und die Zusammenarbeit mit anderen Ländern wolle man “aus taktischen Gründen” nicht mitteilen, sagte Generalstaatsanwalt Jan Glent am gestrigen Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Oslo. Kristiansen fügte hinzu: “Wir haben die drei Männer seit längerem überwacht und jetzt zugeschlagen, weil sich Veröffentlichungen in den Medien abzeichneten. Sonst hätten wir noch abgewartet.” Zwar sei die Sache sehr ernst zu nehmen, jedoch gebe es für Norwegen keine konkret erhöhte Gefahr von Terroranschlägen.

Über konkrete Anschlagsziele hüllten sich die Behörden zunächst ebenfalls in Schweigen. Anonyme Angestellte des norwegischen und US-Geheimdienstes, auf die sich die Nachrichtenagentur AP bruft, sollen jedoch erklärt haben, die Festgenommenen hätten versucht, Bomben auf der Basis von Peroxid zu bauen. Demnach planten die mutmaßlichen Terroristen eine Attacke nach dem Vorbild des vereitelten Anschlags auf die New Yorker U-Bahn im vergangenen Jahr. US-Justizminister Eric Holder hatte den Plan als einen der schwerwiegendsten seit den Anschlägen vom 11. September 2001 bezeichnet. Zwei Männer wurden dafür bereits verurteilt. Sie hatten gestanden, dass sie während des Berufsverkehrs Bomben zünden wollten. Ein dritter Verdächtiger wartet noch auf seinen Prozess.

Was den geplanten Anschlag der jetzt in Norwegen und Deutschland Festgenommenen angeht, so verdächtigten die Ermittler Salah al-Somali als Hintermann. Al-Somali galt als Operationschef von al-Qaida und wurde am 9. Dezember vergangenen Jahres durch eine US-Drohne getötet. Er soll auch an den vereitelten Anschlagsplänen in New York 2009 federführend beteiligt gewesen sein.

Norwegens Regierungschef Jens Stoltenberg brach seinen Urlaub ab und kam sofort nach Oslo. Er warnte vor Panik, sagte jedoch auch, dass man stets wachsam sein müsse. Stoltenberg machte den Afghanistan-Einsatz norwegischer Soldaten als einen Grund für die erhöhte Terrorbedrohung seines Landes aus. “Wir sind dort, um den Terror zu bekämpfen, rücken damit aber selbst in den Fokus der Terroristen”, sagte er. Norwegen hat etwa 500 Soldaten am Hindukusch stationiert, die meisten in der Hauptstadt Kabul und im Norden des Landes.

KOPENHAGEN. Deutschlands bisheriger Auftritt bei der WM in Südafrika nötigt den anderen Ländern Respekt ab. Gerade in den skandinavischen Medien war in den vergangenen zweieinhalb Wochen zu beobachten, wie sich Experten, Moderatoren und Kommentatoren verwundert die Augen reiben über die Art und Weise, wie das neue Deutschland spielt. Ja, spielt. Nicht kämpft, nicht ackert und rackert und am Ende dann doch irgendwie gewinnt. Und selbst in England musste man ja zähneknirschend eingestehen, dass das Ausscheiden der Three Lions gegen Deutschland im WM-Achtelfinale am vergangenen Sonntag völlig verdient war – nicht gegebenes Wembley-Revanche-Tor hin oder her.

Was ist da los mit Deutschland? In ihren heutigen Ausgaben stellen sich die beiden dänischen Tageszeitungen Politiken und Information unabhängig voneinander diese Frage und kommen doch zur selben Antwort. Deutschlands Multi-Kulti-Truppe ist der Grund für die erfrischende und ansehnliche Spielweise. Fünf von sechs Spielern in der Startaufstellung gegen England haben einen Migrationshintergrund. Deutschland, so die Schreiber, stünden für eben jene multiehtnische Dynamik, mit der Frankreich bei der WM 1998 für Aufsehen sorgte. “Den nye trikolore er sort, gul og rød” titelt Politiken den Kommentar. Dem Kollegen sei an dieser Stelle verziehen, dass es im Zusammenhang mit der deutschen Fahne nicht schwarz-gold-rot sondern schwarz-rot-gold heißen muss. Aber das nur nebenbei.

Die Schlussfolgerung beider Zeitungen, nämlich dass die deutsche Nationalelf Audruck einer über die Jahre funktionierenden und insgesamt doch sehr geglückten Integrationspolitik des Landes sei, kann ich dagegen so nicht stehen lassen. Sicher ist die Einbeziehung verschiedener ehtnischer Hintergründe ins Fußballteam Ausdruck einer gewissen Normalisierung in Deutschland im Umgang mit Immigranten. Der in Gelsenkirchen geborene Mesut Özil hat sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden, nicht für die türkische. Deutschland muss also irgendetwas richtig gemacht haben, wenn sich ein junger Mensch, dessen Eltern im Ausland geboren sind, so sehr mit seiner neuen Heimat identifizieren kann.

Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Man könnte nämlich die deutsche Integrationspolitik genau so gut als verfehlt bezeichnen. Noch immer zählen Migrantenkinder in Deutschland zu den Verlierern der Gesellschaft. Sie pflegen größtenteils und überwiegend den Umgang mit Ihresgleichen, fühlen sich nicht willkommen und haben dem entsprechend auch wenig Lust, am Funktionieren einer Gesellschaft mitzuwirken, von der sie das Gefühl haben, dass sie ihnen keine echte Chance gibt. Die Kollegen von Politiken und Information mögen doch nur einmal einen Tag durch die Berliner Stadtteile Wedding oder Neukölln laufen und sich selbst ein Bild machen. Die Trennlinien zwischen deutsch und nicht-deutsch sind immer noch scharf, Angela Merkels Integrationsgipfel konnten daran bisher nur wenig ändern.

Die Multi-Kulti-Fußballtruppe Deutschlands ist nichts weiter als eine sehr geringe Teilmasse der Integration. Es sind Beispiele, die zeigen, dass es funktionieren KANN, mehr nicht. Und hat der Fußball auch nur eine zeitlich begrenzte Wirkung. Die Halbwertszeit der Begeisterung auch der ausländischen Bürger rund um das deutsche Team ist kurz und wird schon bald nach der WM abklingen. Dann herrscht wieder Alltag. 1998 war das in Frankreich genau so. Und die wurden damals sogar Weltmeister im eigenen Land. Doch Autos haben in den Banlieues deswegen nicht aufgehört zu brennen. Wenn es also in Politiken heißt, dass die Deutschen bei der WM germanische Systematik mit südländischer Eleganz kombinieren, dann mag das auf dem Fußballplatz vielleicht zutreffen. Die deutsche Gesellschaft ist davon aber noch meilenweit entfernt.

Dies ändert jedoch nichts daran, dass die deutsche Elf bei der WM auch die Beobachter in Skandinavien begeistert. Der Kollege von Information wünscht sich am Ende seines Artikels Deutschland im Finale. Diese Aussage kann ich nun wirklich vorbehaltlos stehen lassen.

KOPENHAGEN. Dass sich Dänemarks Klima- und Energieministerin Lykke Friis für den Fußball begeistert, ist bekannt. Dass sie ein Riesenfan von Bayern München ist (Dafür liebe ich sie.), auch. Trotzdem ist man immer wieder überrascht, mit welcher Hingabe sie über den Fußball spricht und quasi jede ihrer Reden und Vorträge mit einer Anekdote über den Fußball ein- und ausleitet. Besonders oft spricht sie dabei von der Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer. Beim Kaiser gerät Lykke Friis regelrecht ins Schwärmen.  

Bei der Mitgliederversammlung der Deutsch-Dänischen Handelskammer am vergangenen Freitag war das nicht anders. Nachdem der deutsche Botschafter in Kopenhagen, Johann Christoph Jessen, sich in feinster Diplomatenmanier alle Mühe gegeben hatte, dem schwarz-gelben Desaster in Berlin etwas positives abzugewinnen (“Es wurde ein Sparpaket verabschiedet.”), startet Friis ihren Vortrag (180 Tage nach dem Klimagipfel in Kopenhagen) mit? Richtig. Mit einer Anekdote über den Kaiser. “Den Kaiser muss man nicht erklären. Den Kaiser kennt jeder.” Friis sprach dann auch noch ein paar Minuten über den Klimagipfel und wie wenig geschlossen Europa da aufgetreten sei, was überhaupt der größte Fehler gewesen sei.

Dann aber schnell wieder zurück zum Fußball. Schließlich beginnt gleich das Spiel Deutschland-Serbien, und Lykke Friis bedankte sich noch einmal beim Vorsitzenden der Handelskammer, Rainer Perau, für diesen Termin, ”denn sonst müsste ich arbeiten und könnte mir das Spiel nicht anschauen”. Davor versuchte sie sich noch an der Torwand, wo sie unten immerhin einmal traf. Glückwunsch zu Ihrer Schusstechnik, Frau Minister.

Doch ein Fußballspiel Deutschlands werde ich mir mit Ihnen so schnell bestimmt nicht mehr anschauen. Denn was folgte, ist schnell erzählt:

Gelb-Rote Karte für Klose (Das war ein Witz.), 0-1 Serbien, mehrere vergebene Großchancen für Deutschland, ein verschossener Elfmeter, Niederlage, Frust. Der Tag war gelaufen.

KOPENHAGEN. “Dänischer Niedergang bei der WM” titelt die Online-Ausgabe der Zeitung Politiken als Breaking News auf ihrer Homepage. Gut. Dänemark hat sein erstes Spiel bei der Fußballweltweisterschaft in Südafrika gegen Holland soeben mit 0-2 verloren. Aber deshalb gleich von einem Niedergang zu schreiben… Das Wort “Niederlage” hätte es doch auch getan. Doch offenbar sieht man in dem verloren gegangenen Spiel gegen das favorisierte Oranje-Team gleich eine ganze nach unten gerichtete Tendenz. Viel scheint man der Truppe um Trainer Morten Olsen nicht mehr zuzutrauen bei diesem Turnier. Schon vor der ersten Partie schrieb Politiken in seiner Printausgabe, dass man auch mit einer Niederlage leben könne.

Selbstvertrauen klingt anders. Und wenn man so will, steht dieses Kopf-hängen-lassen sinnbildlich für den Zustand eines Landes, das sich derzeit in einer Art Paralyse befindet und nicht weiß, wie es diese abschütteln kann. Dänemark hat mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen. Die Krise hat das Land immer noch im Griff, der Haushalt ist hoffnungslos überlastet. Es muss gespart werden – und zwar so gewaltig, dass das Wohlfahrtsmodell des Landes auf dem Spiel zu stehen scheint. Dänemark leistet sich, wenn auch schwerfälliges, so doch komfortables Gesundheitssystem, einen aufgeblähten öffentlichen Apparat und hohe Löhne. Neulich hat sich meine Freundin, die Architektin ist, darüber aufgeregt, dass ihr Gehalt bei der letzten Tarifrunde nur um drei Prozent erhöht wurde. Üblich seien eigentlich fünf bis sechs Prozent. Als ich ihr dann erzählte, dass in Deutschland die Ärzte an kommunalen Krankenhäusern nach zermürbendem Streik gerade eine Lohnerhöhung von zwei Prozent erkämpft haben und das in den Medien auch noch als Erfolg für die Mediziner gefeiert wurde, konnte sie nur den Kopf schütteln. Das (Un)Wort “Nullrunde” – unter Einbezug der Inflation faktisch eine Gehaltskürzung – tauchte in ihrem Wortschatz erst gar nicht auf.

Dänemark leistet sich viel und kann so nicht weitermachen. Da ist man sich in der Politik einig. Doch an welchen Schrauben man dreht, wo man sparen will: Da ist man sich herzlich uneinig. Und in der Mitte ein Regierungschef, den man eigentlich schon abgeschrieben hat. Lars Løkke Rasmussen ist schon seit Wochen und Monaten das männliche Pendant zu Angela Merkel: zögerlich, ohne Führungskraft, nur darauf bedacht, Fehler zu vermeiden. Die dänischen Medien lassen kein gutes Haar mehr an ihrem Premier und stellen sich nur noch die Frage, wie desaströs die Niederlage seiner liberal-konservativen Koalition bei der nächsten Wahl ausfallen wird.

Doch von einem Aufbäumen ist nicht viel zu spüren. Selbst die ansonsten so marktschreierisch auftretenden Rechtspopulisten von der Dänischen Volkspartei sind merkwürdig still. Kein Aufbäumen, man hadert lieber mit sich selbst. Ein Sieg bei der WM würde vielleicht helfen.

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