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KOPENHAGEN. In Das Parlament ist heute von mir noch ein weiterer, kurzer Blick auf das Ergebnis der schwedischen Wahlen zu lesen – online hier zu finden.
KOPENHAGEN. Noch steht das endgültige Wahlergebnis in Schweden nicht fest, denn dort werden doch die Stimmen der Briefwähler ausgezählt. Es könnte durchaus sein, dass die Regierung Reinfeldt die ersehnte absolute Mehrheit doch noch erhält. Am morgigen Donnerstag werden wir es wissen. Wer mitfiebern will: das Ergebnis wird hier laufend auf den neusten Stand gebracht.
STOCKHOLM. In diesem Herbst zeigt sich Stockholm von seiner besten Seite. Mitte September scheint die Sonne fast jeden Tag, und die schwedische Hauptstadt wirkt nahezu idyllisch mit ihren sauberen Straßen, den herausgeputzten Häusern und dem vielen Wasser, das in der Innenstadt stets nur ein paar Gehminuten entfernt ist. So lieben es die Touristen, und so lieben es die Schweden. Auch kommende Woche wird Stockholm noch genauso aussehen, aber es wird vermutlich die Hauptstadt eines anderen Schwedens sein, eines Schwedens, wo zum ersten Mal seit den frühen 30er-Jahren ein konservativer Regierungschef im Amt bestätigt worden ist.
Elmar und ich geben in einem Text für die Welt einen Einblick in die Beweggründe der Schweden am heutigen Sonntag die Sozialdemokraten abzuwählen (online hier zu lesen).
STOCKHOLM. Er tut´s noch einmal. Fredrik Reinfeldt, Spitzenkandidat von Schwedens konservativen Moderaten, tritt als Chef einer Arbeiterpartei bei der bevorstehenden Wahl an. So sehen es jedenfalls er und seine Strategen. Wie schon bei der Parlamentswahl vor vier Jahren, die Reinfeldt gewann, verkauft er seine Partei als das, als was sich traditionell die Sozialdemokraten ausgeben: Arbeiterpartei. Reinfeldt geht sogar soweit auf den Plakaten zu behaupten, es gäbe nur eine Arbetarpartei – gemeint ist natürlich seine.
Erste Priorität bei der Wahlentscheidung hat in Schweden Umfragen zu Folge die Arbeitsmarktsituation. Reinfeldt sagt von sich und seiner Koalition zwar ideologisch womöglich keine Arbeiterpartei zu sein, aber ihnen läge die Schaffung von Arbeitsplatzen dafür umso mehr am Herzen, deshalb das Attribut Arbeiterpartei. Damit und mit der Umbenennung in Nya Moderaterna (wieder eine Anlehnung an Sozialdemokraten, diesmal aus England) hat Reinfeldt es schon 2006 geschafft, die schwedischen Wähler von sich zu überzeugen und es sieht ganz danach aus als gelänge es ihm auch diesmal. Allerdings bleibt er eine Erklärung schuldig, warum seine Arbeiterpartei in der vergangenen Legislaturperiode die Gewerkschaften geschwächt hat.
HELSINGBORG. “Eine Frau als Regierungschefin? Natürlich kann ich mir das vorstellen.” Der Mann in dem schicken Anzug schaute mich an, als hätte ich ihn gerade gefragt, ob er in seinem Leben schon mal einen Happen zu sich genommen hat. Was für eine Frage! Na gut. Vielleicht hätte ich es mir tatsächlich denken können, dass gerade im Mutterland der Gleichberechtigung es nun wirklich nicht mehr darum geht, welches Geschlecht die Regierung eines Landes führt. Warum aber dann gerade Schweden bisher noch keine Frau im mächtigsten politischen Amt hatte, ist mir ein Rätsel. Immerhin hat selbst das in Sachen Geschlechtergleichstellung rückständige Deutschland eine Frau als Kanzler.
Kurz: Höchste Zeit für Schweden für seine erste Frau an der Spitze einer Regierung. Die Bürger des Landes jedenfalls sind bereit dafür. Damit aber enden auch schon die guten Nachrichten für Mona Sahlin. Dabei bringt sie eigentlich alle Voraussetzungen mit, um das Amt des Premiers in Schweden zu bekleiden. Sie ist kompetent, willensstark, Vorsitzende der richtigen Partei (die der Sozialdemokraten, in Schweden immer ein Vorteil), und sie ist eine Frau. Doch trotzdem schafft sie es nicht, die Wähler von ihrer Person zu überzeugen. Nur 18 Prozent der Schweden wünschen sich Sahlin als Regierungschefin, beim Amtsinhaber Reinfeldt sind es 61 Prozent.
Mit dem Phänomen des Amtsbonuses allein lässt sich dieser Rückstand nicht erklären, obwohl mir Mona Sahlin genau dies als Begründung für ihren schlechten persönlichen Umfragewert gab. “Ich bin jetzt 30 Jahre in der Politik. Mich bringt das nicht aus der Ruhe.” Was soll sie denn auch anderes sagen?
Für die schwedischen Sozialdemokraten ist die Parlamentswahl am 19. September eine Schicksalswahl. Sollten sie wie schon 2006 verlieren, wäre das die erste Wiederwahl einer konservativen Regierung in Schweden seit dem 2. Weltkrieg. Damit wäre auch die strukturelle Mehrheit der Sozialdemokratie endgültig gebrochen. Bisher konnten die kurzen Intermezzi der bürgerlichen Parteien (1976-82 sowie 1991-94) als Ausrutscher der eigentlich so tief geprägten sozialdemokratischen Wählerseele der Schweden verkauft werden. Damit wäre es vorbei.
Um so bitterer ist es für die Sozialdemokraten, dass sich gerade die eigene Vorsitzende als größter Schwachpunkt erweist. Denn Sahlin vermag es einfach nicht, die eigentlich positiv gesehene Politik der Sozialdemokraten (starker öffentlicher Sektor, eine große Machtfülle der Gewerkschaften, hohe Steuern als legitimes Mittel zur Finanzierung des Wohlfahrtsstaates) nicht für ihre Person zu nutzen. Ich hatte darüber schon einmal in einem früheren Blogbeitrag geschrieben. Sahlin hat ein echtes Sympathieproblem. In schwedischen Zeitungen wird oft von ihrer herablassenden Art geschrieben, von ihrer Oberlehrer-Attitüde. Und in TV-Duellen gibt Sahlin dem Publikum oft das Gefühl, dass die Probleme Schwedens ganz einfach zu lösen sind, wenn denn nur einmal eine Regierung an die Macht käme, die nicht so ignorant sei wie die jetzige.
Auch bei ihrer kurzen Wahlkampfrede in Helsingborg war das wieder zu spüren. Es war eine Rede für die klassische Klientel der Sozialdemokraten. Sie hatte nichts versöhnendes. Wir hier unten und die da oben, lautete der Tenor. “Fredrik Reinfeldt will ein Steuerparadies, ich will ein Wohlfahrtsparadies”, sagte sie.
Danach versuchte sich Sahlin noch im Bad in der Menge. Ganz geheuer war es ihr nicht. Ebenso wenig wie Nahbarkeit ihre Stärke ist. Anschließend verschwand sie in ihrem Wahlkampfbus. “Land der Möglichkeiten” stand drauf. Mona Sahlin glaubt daran, doch müsste auch sie sich eingestehen: Sollten die Sozialdemokraten die Wahl gewinnen, dann nicht wegen sondern trotz Mona Sahlin.





