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ZÜRICH. Der Paradeplatz ist eine der feinsten Adressen in der gefühlten Schweizer Hauptstadt Zürich. Neben Finanzinstituten und noblen Ladengeschäften unterhält hier auch die Mini-Kette Gmurzynska eine Filiale. Die Galerie gehört zu den bekanntesten der Kunst-Welt und ist auch im Nobelskiort St. Moritz und im Steuerparadies Zug präsent. (Das ehemalige Stammhaus in meiner Heimatstadt Köln gibt es aber leider nicht mehr). Bei Gmurzynska hat es leider nicht zur Poe Position gereicht, die Galerie hat die Adresse Paradeplatz 2, aber so vermute ich, das liegt nur daran, dass die 1 langfristig vermietet ist. Gmurzynska zeigt und verkauft Arbeiten der bekanntesten Künstler - darunter Alexander Rodchenko, Pablo Picasso, Fernand Legér und Sol LeWitt. Zwischen letzteren beiden steht auf der alphabetischen Künstlerliste der Galerie neuerdings Jani Leinonen. Seit gut zwei Jahren ist der finnische Künstler bei Gmurzynska. Er fällt auf der Liste nicht nur wegen seines Jungen Alters (geb. 1978) aus dem Rahmen, auch die Kunst hat nichts von der Wohlgefälligkeit, die mittlerweile für viele Werke der klassischen Moderne gilt. Vor seinen Bildern mögen sicher nicht viele Damen in den 60ern ihre Kaffekränzchen abhalten: Leinonen übermalt Porno-Bilder, indem er den Abgebildeten Kleidung zum Beispiel im Stil bekannter Marken wie Chiquita “anzieht” oder verfremdet Packungen für Frühstücksflocken mit zweideutigen Abbildungen, seine Kunst hat also eher etwas davon, wenn sich ein pubertierender der Pop-Art annimmt.

Nun ist Leinonen auch noch zum Aktivisten-Künstler geworden. Im Frühjahr entführte er mit der selbsternannten Food Liberation Army (FLA) eine Ronald McDonald-Figur aus einem Restaurant der Burger-Kette Mc Donald’s. Es sollte ein klassisches Kidnapping werden, nur dass die Truppe um Leinonen kein Geld wollte, sondern von McDonald’s forderte, Fragen beantwortet zu bekommen. Fragen zu deren Wirtschaftsgebahren.

Komplett schwarz gekleidet und das Gesicht hinter Masken versteckt zeigen die Kidnapper sich in einem in der Ausstellung zu sehenden Entführungsvideo und fordern Mc Donald’s auf, einige Fragen zu beantworten: „Warum herrscht bei ihnen keine Offenheit über den Herstellungsprozess, Rohmaterialien und Zusatzstoffe?“, „Warum sind billige Produktionskosten ihr Hauptwert?“, „Kooperieren sie mit unethischen Akteuren?“. Doch der Großkonzern wollte unter diesen Bedingungen nicht antworten. Also raste das Fallbeil nieder. Auf Youtube und der Homepage www.freeronald.org zog und zieht das entsprechende Video hunderttausende an.  In seiner aktuellen Einzelausstellung bei Gmurzynska am Paradeplatz dokumentiert Leinonen die Aktion und zeigt unter anderem den geköpften Ronald. Für die Schweizer Sonntagszeitung schrieb ich aus diesem Anlass ein Kurzportrait von Leinonen, das hier zu lesen ist.

„Mc Donald’s muss sich grundlegend ändern und das wollen wir erreichen“, so Leinonen. Gleichzeitig steht die amerikanische Burgerkette für den Kapitalismus als solchen, den Leinonen gerne ethischer und umweltbewusster hätte.

 Kritik an Mc Donald’s ist politisch korrekt und seit Jahren en vogue, dennoch ist die Aktion alles andere als langweilig. Denn sie verbinden die Mittel militanter Aktivisten mit Humor und ersparen sich eine moralindurchsäuerte Anklage. Schließlich gehen Leinonen und die FLA mit dem Feind ins Bett und bekennen sich zu Mc Donald’s Slogan „I’m lovin it“. „Deren Essen ist einfach lecker und ich gehe sicher 30 mal im Jahr dort hin. Aber jedes Mal mit schlechterem Gewissen, weil die Produktionsbedingungen und Inhaltsstoffe inakzeptabel sind“, sagt der Künstler Leinonen.

Doch muss er sich vor einer anderen Wohlgefälligkeit schützen. Seine Arbeiten bleiben eine Gratwanderung. Ob aktivistisch oder in Pop-Art-Manier - sie  kritisieren gegebene Verhältnisse auf humoristische, für manchen sicher auch geschmacklose Weise. In den feinsten Museen und Galerien oder auf Biennalen (Leinonen war Teil des nordischen Pavillons auf der Venedig-Biennale 2009) vertreten zu sein, schafft den Arbeiten Aufmerksamkeit, nimmt ihnen aber auch etwas von ihrer Kraft. Denn damit sind sie für conspicuous consumption geadelt.

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