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STOCKHOLM. Rein oder nicht, das ist in Schweden derzeit keine Frage. Im aktuellen Wahlkampf wird ein möglicher Beitritt zur europäischen Währungsunion nicht thematisiert. Die beiden Blöcke sind intern zerstritten und haben sich jeweils darauf geeinigt, erstmal alles beim Alten zu belassen. Also wird egal wer gewinnt in der kommenden Legislaturperiode der Weg Richtung Euro nicht eingeschlagen. Die liberale Folkpartiet (Fp) – Teil der amtierenden Koalition unter Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt – hingegen will die Gemeinschaftswährung, spricht darüber aber nicht groß.
Immerhin an einem der vielen Fp-Stände, an denen ich dieser Tage vorbeikam, stand demonstrativ eine transparente Wahlurne. Indem sie Batterien bei “Ja” oder “Nej” einwarfen, konnten die Vorbeigehenden ihren Kommentar abgeben. Die Ja-Seite überwog und die Stimmabgabe – obwohl gut platziert auf dem Weg von Universität zu U-Bahn – war während ich vom Rande aus zuschaute äußerst verhalten. Selbst bei Jungakademikern, von denen einige angehende Ökonomen oder Politologen sein dürften – ist der Euro derzeit halt kein großes Thema.
KOPENHAGEN. Eigentlich gibt es den Weihnachtsmann ja gar nicht. Zumindest nicht da, wo ich herkomme, in Bayern. Dort heißt der Weihnachtsmann Christkind. Der Weihnachtsmann kommt in Bayern am 6. Dezember und firmiert unter dem Namen Heiliger Nikolaus. Der hat keine rote Zipfelmütze auf, sondern läuft mit einem Bischofshut durch die Gegend. Und er trinkt auch nicht Coca Cola. Für all jene, die sich mit solch unwesentlichen Details jedoch nicht lange herumschlagen wollen, ist der Weihnachtsmann aus der Welt von Disney und Co. erste Wahl, wenn es um eine Symbolfigur des weihnachtlichen Schenkens geht. Irgendjemand muss den Job ja machen. Schon der Kinder wegen.
Doch wie macht der das bloß? Ganz alleine. Schließlich gibt es nur einen Weihnachtsmann. Auch wenn natürlich alle längst wissen, dass das nicht stimmen kann. Wie sonst ist es zu erklären, dass der dicke Mann mit der roten Mütze in einem Haus in Kentucky durch den Schornstein klettert und gleichzeitig am Himmel über Magdeburg gesehen wird? Im finnischen Städtchen Rovaniemi, wo der Weihnachtsmann zu Hause sein soll, sagte mir eine Dame jedoch, dass es tatsächlich nur den einen gäbe. Auch nach mehrmaligem Nachfragen und dem Hinweis, dass ich als Journalist eine Geschichte schreiben solle und deshalb wissen müsse, wieviele studentische Hilfskräfte im Dorf des Weihnachtsmannes Dienst schieben, beharrte die gute Frau doch allen Ernstes, dass sie mir nichts anderes sagen könne.
Schade, dass sie heute nicht in Kopenhagen war. Denn dort hätte sie mit eigenen Augen sehen können, wieviele es von den Weihnachtsmännern gibt. Hunderte. Vielleicht sogar mehr. Bei 25 Grad zogen sie dick eingepackt durch die Kopenhagener Fußgängerzone. Der Weltkongress der Weihnachtsmänner findet seit 52 Jahren im Freizeitpark von Dyrehavsbakken (besser bekannt als Bakken) nördlich der dänischen Hauptstadt statt. Jeden Sommer treffen sich dort Weihnachtsmänner aus aller Welt, um festliche Stimmung zu verbreiten, sich zu amüsieren, Kontakte zu knüpfen und über wichtige Entscheidungen, wie etwa die Festlegung des Datums für Heiligabend, abzustimmen.
Das klingt alles wahnsinnig gemütlich und nach Hohoho. Doch die Weihnachtsmänner haben es faustdich hinter den Ohren. Manche von ihnen jedenfalls nutzen den Auftritt für politische Botschaften. So hatte einer von ihnen, ein etwas amtsmüde dreinblickender Kollege aus Schweden, einen Anstecker auf der Mütze. Drauf stand: “Nej till EMU”, “Nein zum Euro”. Der Weihnachtsmann mag also den Euro nicht. Ts ts ts.
OSLO. 17. Mai, Nationaltag Norwegens. Das Land feiert seine Unabhängigkeit vom ungeliebten Dänemark. Nachdem Norwegen 400 Jahre lang Teil der dänischen Monarchie war, verabschiedete die Nationalversammlung am 17. Mai 1814 Norwegens eigene Verfassung und trat in einen losen Verbund mit Schweden ein, der bis 1905 hielt. Und das feiern die Norweger ausgiebig. Fahnen und Flaggen überall und alle auf den Straßen. In der Karl Johans Gate stehen die Menschen teilweise so dicht gedrängt, dass es kaum ein Vorwärtskommen gibt.
Und, man staune, ein multiethnisches Miteinander. Jedenfalls hat man das Gefühl, dass mindestens so viele Menschen mit Migrationshintergrund die norwegische Unabhängigkeit feiern wie die Norweger selbst. Mütter aus Pakistan und Marokko, die ihren Kindern auf Norwegisch erklären, warum hier gerade so viel los ist. So etwas würde man in Deutschland wohl nicht erleben. Na ja, eigentlich würde man in Deutschland am 3. Oktober auch keinen Deutschen sehen, der mit einer Fahne durch die Straßen marschiert. Der Tag der Wiedervereinigung hat schließlich nichts mit Fußball zu tun, wo das Fähnchenschwenken inzwischen ja zum guten Ton gehört. Am Nationaltag aber begnügen sich die Deutschen meistens damit, sich die drögen Reden von der Kanzlerin und dem Bundespräsidenten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anzuschauen. Damit wäre dann genug andächtig gedacht.
Aber zurück zu Norwegen. Das Land mag sich an seinem Nationaltag von der multiethnischen Seite zeigen. Multikulturell ist das aber nicht. Insofern ist der Feiertag für viele Norweger auch in dieser Hinsicht ein Erfolg. Denn gegen Einwanderer haben die wenigsten etwas – so lange sie sich ordentlich integrieren, oder - und da nimmt man es mit den Begriffen nicht so eng – assimilieren. Der außenpolitische Forscher, Publizist und Vordenker der rechtsliberalen (-populistischen) Fortschrittspartei, Asle Toje, formuliert dieses diffuse Gefühl, dieses Hin-und-Her-gerissen-Sein zwischen der Angst vor Überfremdung und skandinavischer Political Correctness zur These: “Eine multiethnische Gesellschaft kann funktionieren, eine multikulturelle nicht.”
Für EU und Euro haben die Norweger wie weiter unten schon erläutert derzeit nur wenig übrig. Und so hat es mich auch nicht überrascht, als mir der erstbeste Gesprächspartner auf der Straße sagte, er halte eine Mitgliedschaft in der EU für sinnlos. “Uns geht es doch gut.” Käme man in die EU, dann würden einen die anderen Länder doch bloß nach unten ziehen. Es ist also die Angst vor einem Wohlstandsverlust, welche die Norweger EU-kritisch stimmt. Umgekehrt würde das ja heißen, dass der Leidensdruck im Land einfach noch nicht groß genug ist. So wie etwa bei Island, wo ja seit Ausbruch der Krise manche in der EU und dem Euro plötzlich die heilsbringende Rettung sieht.
Dass die EU eine Staatengemeinschaft ist, die nur krisengeschüttelte und vom Staatsbankrott bedrohte Länder anzieht, ist eigentlich schade. Eine Bekannte von mir versucht mich zu trösten. “Die meisten Norweger stehen der EU ziemlich leidenschaftslos gegenüber.” Es ließe sich letztlich nicht ausmachen, ob eine Mitgliedschaft für das Land gut oder schlecht wäre. Die Frage sei für Norwegen ohnehin nicht entscheidend. Reiner EU-Agnostizismus.
OSLO. Norwegen ist immer noch dort, wo Island bis zum Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 stand: ganz oben. Das Land gehört zu den wohlhabendsten der Welt, die Währung ist stabil, das Einkommensniveau hoch. Nichts kann Norwegen scheinbar aus der Ruhe bringen. Von oben blickt man in Oslo stets ein wenig Nase rümpfend auf die Europäische Union herab. Brüssel gilt als Bremsklotz, der der Prosperität des Landes bloß im Wege steht. Die Krise des vorläufig nur knapp am Staatsbankrott vorbeigeschrammten Griechenlands, die desaströse Haushaltslage weiterer EU-Mitgliedsstaaten und der damit einhergehende Talfahrt des Euro scheinen das EU/Euro-skeptische Norwegen in seiner Haltung nur noch zu bestärken. Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Sentio für die Zeitungen Nationen und Klassekampen sehen die EU-Gegner in Norwegens Bevölkerung mit 56,9 Prozent historisch deutlich in Führung. Nur 30,3 Prozent sind für einen EU-Beitritt.
Europa – nein, danke! Man ist sich selbst genug.
Nun weiß ja mittlerweile jeder, was mit Island passiert ist, und es ist wohl unwahrscheinlich, dass dies in der Form auch mit Norwegen passiert. Anders als der ehemalige Reichtum Islands basiert der Norwegens auf Öl und Gas und nicht auf riskanten Spekulationen aufgeblähter Banken. Die Norweger werden also nicht alle über Nacht Mitglied der EU und des Euro werden wollen, weil sie außerhalb der Gemeinschaft keine Zukunft mehr für ihr Land sehen. Dafür ist der Wohlstand Norwegens zu stabil, das Ende der Öl- und Gasvorräte noch nicht absehbar genug.
Dabei werden auch auf Norwegen in nicht allzu ferner Zukunft Probleme zukommen. Die alternde Bevölkerung und die damit verbundene Kostenexplosion für den Wohlfahrtstaat ist wohl das größte. Mit dem Ölfonds – derzeit etwa 350 Milliarden Euro schwer – versucht das Land Geld beiseite zu legen für schwierige Zeiten, die auch für Norwegen kommen werden. Allen voran Finanzminister Sigbjørn Johnsen gerierte sich vergangene Woche als Obersparer, als er der Presse einen aktualisierten Haushalt präsentierte. Die Zahlen sind gut, besser sogar als erwartet. 2,2 Milliarden Euro hat er zusätzlich in der Kasse. Doch anstatt das Geld auszugeben, will er fast alles sparen. Von der rechtsliberalen Fortschrittspartei hagelt es dafür Kritik. Sie will überschüssiges Geld investieren, vor allem in die Infrastruktur.
Doch die Mehrheit der politischen Klasse, aber auch der Leitartikler in den Medien, weiß Sigbjørn Johnsen bei seinem Sparkurs hinter sich. Sie wissen, dass der Finanzminister mit dem Geld den Haushalt stabil halten und auch wieder an die eherne Regel anknüpfen will, nach der nur vier Prozent des Ölfonds, also die durchschnittliche Rendite, jährlich für den Staatshaushalt entnommen werden dürfen. In jüngster Vergangenheit hat man das nicht immer gar so streng gesehen.
Johnson bekommt aber auch deshalb so viel Beifall für seinen Sparkurs, weil Experten und Politiker verstanden haben, dass die EU nur eine kleine Teilschuld an der Krise Griechenlands, Spaniens, Irlands und Portugals trägt. Hauptverantwortlich für die Krise sind die Regierungen in Athen, Madrid, Dublin und Lissabon, die ihre Haushalte völlig in Schieflage geraten ließen, indem sie über ihre eigenen Verhältnisse lebten und mehr Geld ausgaben, als sie einnahmen. Die Probleme sind hausgemacht. Die Europäische Union hat es zwar versäumt, einen wirklich wirksamen haushaltspolitischen Rahmen zu setzen. Doch gegen unverantwortliches Geldausgeben und Schönfärberei von Zahlen der einzelnen Mitgliedsländer kann sie nicht zur Verantwortung gezogen werden.
Der Großteil der Norweger scheint dies jedoch immer noch nicht verstanden zu haben. Sonst wären sie über die Europäische Union nicht gar so gnadenlos den Daumen senken.




