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KOPENHAGEN. Deutsche Landtagswahlen sind in Dänemark üblicherweise kein allzugroßes Thema, dass das Ergebnis einer solchen per Eilmeldung verschickt wird, ist entsprechend ungewöhnlich. Doch gerade (18.15 Uhr) erreichte mich eine SMS sowie E-Mail der Zeitung “Jyllands-Posten” mit der Nachricht “Katastrofevalg for Merkel“. Das bedarf wohl keiner Übersetzung ins Deutsche. Natürlich wissen auch die dänischen Journalisten, das in NRW nicht Merkel zur Wahl stand, aber “Jyllands-Posten” setzte sich vorab damit auseinander, was eine Niederlage der CDU für die Kanzlerin und womöglich auch die Europa-Politik bedeuten könnte (nichts Gutes, schreibt das Blatt hier). Schön, dass Europa allmählich auch in dänischen Medien mehr und mehr ein Thema wird, bleibt abzuwarten, ob nun auch verfolgt wird, was für Konsequenzen wirklich folgen, denn dass SPD geführte Bundesländer nun die Europa-Politik Merkels völlig durchkreuzen, ist wohl nicht zu erwarten.

KOPENHAGEN. Die Szenerie vor dem Fenster erinnert an eine
moderne Adaption von Brueghels Winterlandschaften (d.J. oder
d.Ä. je nach Wahl), um 18 Uhr wird die Neujahrsansprache der
dänischen Königin im Fernsehen übertragen, eine Stunde danach die
der deutschen Kanzlerin.

Tøger Seidenfaden bei seiner Neujahrsansprache 2010 (leider<br />
schaffte er es bei jedem Screenshot die Zähne zu zeigen).
Tøger Seidenfaden bei
seiner Neujahrsansprache 2010 (leider schaffte er es bei jedem
Screenshot die Zähne zu zeigen).

An Selbst- und
Sendungsbewusstsein nicht arm, lässt auch Tøger Seidenfaden es sich nicht
nehmen, eine eigene Neujahrsansprache zu halten und das vor den
anderen. Der Chefredakteur der linksliberalen Zeitung Politiken
erzählt darin vom Rekordresultat seines Blattes (wie Merkel die
Überwindung der Krise den Bürgern mitzuschreibt, so dankt
Seidenfaden den loyalen Lesern), lobt Obama und kritisiert -
natürlich – die amtierende liberal-konservative Regierung. Das alles hier. Seidenfaden macht eine
gute Zeitung, keine Frage. Gleichzeitig bin ich froh, nebenher die
deutschen Blätter lesen zu können, denn wirklich feuilletonistische
Debatte beispielsweise wird in Dänemark leider kaum geführt. Der
Wirtschaftsteil von Politiken ist auch mit der noch recht frischen
Kooperation mit der Financial Times sehr dürftig und über den
Reiseteil wollen wir gar nicht erst sprechen. In Wirtschaftsdingen
ist die Berichterstattung in anderen dänischen Medien umfangreicher
als bei Politiken, die anderen Ressorts nehmen sich nicht viel. Im
Kulturressort müssen sich die anderen Blätter m.E. geschlagen
geben. Gleichzeitig werden bei Politiken und im Norden generell in
Sachen Fotojournalistik und Layout sowie oftmals in interessant
aufgemachter innenpolitischer Berichterstattung Massstäbe gesetzt.
Aber das soll ja jetzt keine Neujahrsansprache werden. Guten
Rutsch!

 

KOPENHAGEN. Deutschlands bisheriger Auftritt bei der WM in Südafrika nötigt den anderen Ländern Respekt ab. Gerade in den skandinavischen Medien war in den vergangenen zweieinhalb Wochen zu beobachten, wie sich Experten, Moderatoren und Kommentatoren verwundert die Augen reiben über die Art und Weise, wie das neue Deutschland spielt. Ja, spielt. Nicht kämpft, nicht ackert und rackert und am Ende dann doch irgendwie gewinnt. Und selbst in England musste man ja zähneknirschend eingestehen, dass das Ausscheiden der Three Lions gegen Deutschland im WM-Achtelfinale am vergangenen Sonntag völlig verdient war – nicht gegebenes Wembley-Revanche-Tor hin oder her.

Was ist da los mit Deutschland? In ihren heutigen Ausgaben stellen sich die beiden dänischen Tageszeitungen Politiken und Information unabhängig voneinander diese Frage und kommen doch zur selben Antwort. Deutschlands Multi-Kulti-Truppe ist der Grund für die erfrischende und ansehnliche Spielweise. Fünf von sechs Spielern in der Startaufstellung gegen England haben einen Migrationshintergrund. Deutschland, so die Schreiber, stünden für eben jene multiehtnische Dynamik, mit der Frankreich bei der WM 1998 für Aufsehen sorgte. “Den nye trikolore er sort, gul og rød” titelt Politiken den Kommentar. Dem Kollegen sei an dieser Stelle verziehen, dass es im Zusammenhang mit der deutschen Fahne nicht schwarz-gold-rot sondern schwarz-rot-gold heißen muss. Aber das nur nebenbei.

Die Schlussfolgerung beider Zeitungen, nämlich dass die deutsche Nationalelf Audruck einer über die Jahre funktionierenden und insgesamt doch sehr geglückten Integrationspolitik des Landes sei, kann ich dagegen so nicht stehen lassen. Sicher ist die Einbeziehung verschiedener ehtnischer Hintergründe ins Fußballteam Ausdruck einer gewissen Normalisierung in Deutschland im Umgang mit Immigranten. Der in Gelsenkirchen geborene Mesut Özil hat sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden, nicht für die türkische. Deutschland muss also irgendetwas richtig gemacht haben, wenn sich ein junger Mensch, dessen Eltern im Ausland geboren sind, so sehr mit seiner neuen Heimat identifizieren kann.

Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Man könnte nämlich die deutsche Integrationspolitik genau so gut als verfehlt bezeichnen. Noch immer zählen Migrantenkinder in Deutschland zu den Verlierern der Gesellschaft. Sie pflegen größtenteils und überwiegend den Umgang mit Ihresgleichen, fühlen sich nicht willkommen und haben dem entsprechend auch wenig Lust, am Funktionieren einer Gesellschaft mitzuwirken, von der sie das Gefühl haben, dass sie ihnen keine echte Chance gibt. Die Kollegen von Politiken und Information mögen doch nur einmal einen Tag durch die Berliner Stadtteile Wedding oder Neukölln laufen und sich selbst ein Bild machen. Die Trennlinien zwischen deutsch und nicht-deutsch sind immer noch scharf, Angela Merkels Integrationsgipfel konnten daran bisher nur wenig ändern.

Die Multi-Kulti-Fußballtruppe Deutschlands ist nichts weiter als eine sehr geringe Teilmasse der Integration. Es sind Beispiele, die zeigen, dass es funktionieren KANN, mehr nicht. Und hat der Fußball auch nur eine zeitlich begrenzte Wirkung. Die Halbwertszeit der Begeisterung auch der ausländischen Bürger rund um das deutsche Team ist kurz und wird schon bald nach der WM abklingen. Dann herrscht wieder Alltag. 1998 war das in Frankreich genau so. Und die wurden damals sogar Weltmeister im eigenen Land. Doch Autos haben in den Banlieues deswegen nicht aufgehört zu brennen. Wenn es also in Politiken heißt, dass die Deutschen bei der WM germanische Systematik mit südländischer Eleganz kombinieren, dann mag das auf dem Fußballplatz vielleicht zutreffen. Die deutsche Gesellschaft ist davon aber noch meilenweit entfernt.

Dies ändert jedoch nichts daran, dass die deutsche Elf bei der WM auch die Beobachter in Skandinavien begeistert. Der Kollege von Information wünscht sich am Ende seines Artikels Deutschland im Finale. Diese Aussage kann ich nun wirklich vorbehaltlos stehen lassen.

KOPENHAGEN. “Merken Sie was?”, fragte erst neulich Claus Kleber im ZDF Heute Journal und lieferte seinen eigenen Eindruck gleich mit. “Ist irgendwie ruhiger.” Was Kleber da so en passant sagte, ist in Wahrheit eine Beobachtung, die zu einigen Überlegungen anregt. Denn er meinte damit ja nicht (nur) den Fluglärm, der normalerweise Anwohner von Flughäfen um ihren Schlaf bringt, dies aber derzeit nicht tut, weil die Asche des isländischen Eyjafjalla-Vulkans nun schon seit fünf Tagen den europäischen Luftverkehr blockiert. Kleber sprach auch von einer allgemeinen Beruhigung des Alltags, des hektischen Nachrichtenflusses. Irgendwie scheint weniger zu passieren, seitdem die stählernen Kollosse nicht mehr am Himmel kreuzen.

Eben keine Angela Merkel, die am gestrigen Sonntag in Hannover an den deutsch-italienischen Regierungskonsultationen teilnimmt. Kein Treffen mit Ministerpräsident Berlusconi und im Anschluss auch keine Eröffnung der Hannover Messe, die eigentlich im Terminkalender der Bundekanzlerin stand. Statt dessen eine gestrandete Politikerin, die aus den USA zunächst nach Lissabon musste, weil kein europäischer Flughafen nördlich von Alpen und Pyrenäen geöffnet hatte. Dann weiter nach Rom und von dort dann mit dem Bus durch die norditalienische Poebene tingelte. Irgendwie Richtung Berlin.

Ein Ärgernis? Eine Katastrophe gar? Oder einfach nur ein paar freie Tage? Eine unverhoffte Auszeit vom politischen Alltag? Man mag in diesen Tagen wütend sein auf Islands Eyjafjalla-Vulkan, weil er Pläne durchkreuzt, Ereignisse verhindert und viel Geld kostet. Man kann aber auch gut finden, dass die Asche sich wie ein Schleier auf den hektischen Alltag legt, ihm das Grelle und Schrille nimmt. Welche Einstellung man auch hat, Tatsache ist: Der Eyjafjalla-Vulkan auf Island wirkt als großer Entschleuniger einer Welt, deren Rhythmus längst aus dem Takt geraten ist. Hat der Vulkanausbruch also nicht auch sein Gutes?

Der in London lebende Philosoph und Schriftsteller Alain de Botton hat sich in einem Artikel für die BBC ein paar Gedanken zu einer Welt ohne Flugzeuge gemacht. Er kommt zu dem Schluss, dass man dem isländischen Vulkan doch eigentlich dankbar sein sollte, weil er uns allen eine Atempause verschafft und uns Zeit gibt zum Innehalten und Nachdenken.

Vielleicht gibt uns der Vulkan auch nur einen Vorgeschmack auf die Zeit, wenn sich die Menscheit die zivile Luftfahrt wegen zu hoher Rohstoffpreise schlicht nicht mehr leisten kann. Zumindest interkontinental wäre dann das Schiff wieder Verkehrsmittel Nummer 1. Reisezeiten wären wieder länger, die Seele hätte Zeit, Ortswechsel mitzuvollziehen. Heutzutage hat sie auf der Strecke Kopenhagen-New York dafür ja nur sechs Stunden. Reisen wären dann wieder echte Reisen, weil sie gemächlich von statten gehen würden.

Auf der Seite informationisbeautiful.net hat man auf Datenbasis des Vulkanologischen Instituts der Universität von Island den täglichen CO²-Ausstoß der europäischen Luftfahrtindustrie (344.109 Tonnen) den des Vulkans Eyjafjalla (etwa 15.000 Tonnen) gegenüber gestellt. Natürlich eine sehr vereinfachte Darstellung, da in dieser Rechnung Stoffe wie Schwefel und Methan außer Acht gelassen werden. Sie gibt aber eine Idee von dem vergleichsweise niedrigen Ausstoßes des Treibhausgases Kohlendioxid. Zumal durch die drastische Reduzierung des Flugverkehrs täglich auch noch 206.465 Tonnen eingespart werden sollen. Doch dieser Umweltaspekt nur nebenbei.

Island entschleunigt derzeit die Welt, selbst die Finanzkrise und den erst Anfang vergangener Woche herausgebrachten 2000 Seiten starken Untersuchungsbericht scheint die Aschewolke komplett verschluckt zu haben.

Trotzdem hoffe ich, dass der Eyjafjalla-Vulkan bald zur Ruhe kommt. Denn ich habe für kommenden Samstag einen Flug von Kopenhagen nach Alicante gebucht, und den würde ich wirklich gerne antreten. Entschleunigung hin oder her.

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