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Werbeplakat für die Ausstellung mit Thomas Kilpper in Kopenhagen (Foto: Bomsdorf).

Werbeplakat für die Ausstellung mit Thomas Kilpper in Kopenhagen (Foto: Bomsdorf).

KOPENHAGEN. Kunst sorgt immer mal wieder für Furore, derzeit ist vor allem von Versteigerungsergebnissen  zu lesen (Munch, Rothko, Sammlung Sachs), aber auch politischem wie etwa das Zuma-Porträt in Südafrika. Nur verbal angegriffen wurde der Künstler Thomas Kilpper als er vergangenes Jahr bei der Venedig-Biennale vor allem konservative und rechte Politiker in seinem Beitrag zu der Kunstschau zeigte. Diesen warf er vor, mit dafür gesorgt zu haben, dass Zensur oder Intoleranz gefördert worden seien. Weil er Menschen wie Pia Kjærsgaard aus Dänemark, Angela Merkel aus Deutschland oder Silvio Berlusconi aus Italien in einem Fußboden verewigte und man deren Angesicht somit (be)trat, gab es in Dänemark einen Aufschrei. Dabei hatte niemand bedacht, dass es sich nicht zwingend um ein treten, sondern einfach um ein treten handelte – wie es auch bei Mosaiken üblich war. Und auf diesen wurden durchaus nicht nur Menschen gezeigt, denen ins Angesicht getreten werden sollte. Ein paar Tage lang waren die Feuilletons der dänischen Zeitungen im vergangenen  Sommer voll mit Texten zu Kilppers Arbeit. Dabei hatten nur wenige diese persönlich gesehen.

Jetzt hat der Brite Mark Sladen die Arbeit in die Kunsthalle Charlottenborg mitten im Kopenhagener Zentrum geholt (25.5. bis 5.8.) und es ist zu hoffen, dass die Debatte fortgesetzt wird und nun mit mehr Einblick, weil das Werk wirklich gesehen wurde.

Ich berichteet im vergangenen Jahr für Die Welt über die Diskussion.


KOPENHAGEN. Bernhard Schlink verzeiht mir hoffentlich die Anlehnung an seine Titel-Serie bei der Überschrift hier, aber es passt einfach zu gut. Denn, was Karikaturisten (und sicher auch Journalisten) immer wieder erleben, ist Zensur und was sie immer mal wieder ausübern, ist Selbstzensur. Die so genannte Mohammed-Krise vor bald sieben Jahren und deren Folgen sind da nicht der einzige Fall. Schon vorher und nachher gab und gibt es Fälle, wo die Presse den Mächtigen nicht passt (Christian Wulffs peinlicher Anruaf beim Bild-Chefredakteur gehört dazu) – es geht längst nicht nur um die Verletzung religiöser Gefühle.

Ein neues Buch des dänischen Journalisten Anders Jerichow gibt weltweite Beispiele von der gefährdeten Meinungsfreiheit der Karikaturisten. Ohne die Mohammed-Krise ist wäre das Buch nicht entstanden, diese kommt in “Karikaturisten im globalen Minenfeld” so der etwas sperrige Titel auch vor, doch ebenso ältere und aktuellere Fälle aus SSüdafrika, Dänemark, den USA, Indonesien und diversen anderen Ländern (Deutschland fehlt übrigens). Für Die Welt habe ich Jerichow in Kopenhagen besucht, hier der zugehörige Artikel in der online Version.


KOPENHAGEN. Nur kurz aus aktuellem Anlaß der Hinweis auf meinen Bericht für Die Welt zu den Festnahmen von heute.


KOPENHAGEN. Deutsche Zeitungen und Magazine haben offenbar genug von Kurt Westergaard. Jedenfalls lautete die Standardantwort, als ich eine Geschichte über den Zeichner der Mohammed-Karikatur angeboten habe: “Der wurde doch gerade in Berlin geehrt und jetzt nun wirklich ausgiebig in den Medien”. Das mag sein. Überrascht hat mich das Desintresse doch ein wenig, weil ein deutscher Journalist nicht alle Tage die Möglichkeit bekommt, Westergaard in seinem Haus zu besuchen.

Schließlich fand sich mit der schweizer Sonntagszeitung doch ein Interessent. Und selbst wenn ich keinen Abnehmer für meine Geschichte gefunden hätte: Ich wäre wohl trotzdem gefahren. Ich war einfach zu gespannt auf ein Treffen mit dem Zeichner. Immerhin ist der Mann inzwischen so etwas wie ein Objekt der Zeitgeschichte. Da kann es nicht schaden, ihn persönlich zu treffen und mal ein 3-Stunden-Gespräch aufzuzeichnen.

Was mir schon nach den ersten 15 Minuten aufgefallen ist: Über Kurt Westergaard kann man nicht nur 1000 verschiedenen Geschichten schreiben, der Mann erzählt auch selbst gerne 1000 Geschichten.

So ist der Text also nur eine von unzähligen verschiedenen Möglichkeiten sich Kurt Westergaard zu nähern. Die Geschichte ist am gestrigen Sonntag erschienen und online nachzulesen.


KOPENHAGEN. Ich mag Dänemark. Wirklich. Seit knapp zwei Jahren wohne ich jetzt in Kopenhagen, und obwohl sich Hauptstädte eigentlich nie mit dem Rest des Landes gleichsetzen lassen (Wien ist nicht Österreich, Berlin ist nicht Deutschland), so sind sie doch dessen Teil. Die Kopenhagener müssen sich also hier – ob sie wollen oder nicht – mit angesprochen fühlen, wenn ich im Folgenden über Dänemark und die Dänen schreibe. Also wie gesagt: Das Land liegt mir wirklich. Ich fühle mich wohl hier. Dänemark erscheint mir als die ideale Mischung aus skandinavischer und kontinentaleuropäischer Tradition. Wohlfahrtsstaat, jedoch ohne übermäßige Bevormundung der Bürger, wie es in Schweden zumindest ansatzweise der Fall ist. In Dänemark ist eher Laissez-faire angesagt. Das im Vergleich zu Schweden unverkrampfte Verhältnis zu Alkohol ist da nur ein Beispiel. Die Dänen sind locker und kommen der deutschen Mentalität doch ziemlich nahe. Auch wenn das die meisten Dänen wahrscheinlich nicht gerne hören, weil sie die Deutschen für ziemlich steif halten.

Nur eine Sache stößt mir doch immer wieder sauer auf und ist mir darüber hinaus ein Rätsel: der (anhaltende) Erfolg der Dansk Folkeparti. Ich habe mich erst neulich wieder mit meinem Kollegen von der Süddeutschen Zeitung darüber unterhalten. Er ist in Stockholm stationiert und fragte mich, wie man sich die Stärke der dänischen Rechtspopulisten um Pia Kjærsgaard erklären kann. Die Frage nach dem Warum erschien mir doch sehr berechtigt, zumal ich auch nach längerem Grübeln darauf keine wirklich schlüssige Antwort geben konnte. Konstante Stimmanteile von 13 bis 15 Prozent bei Wahlen sind doch eine ganze Menge für eine Partei, die doch sehr unverhohlen ein Dänemark propagiert (Dänemark ist ein Land für Dänen. Vor allem Einwanderer aus nicht-westlichen Ländern sind nicht willkommen.), das nichts mit jener weltoffenen und vorurteilsfreien Gesellschaft zu tun hat, wie man sie eigentlich gerade in Skandinavien erwarten würde. Dass in Dänemark doch ein bemerkenswert hoher Anteil der Bevölkerung mit solchen Ansichten sympatisiert, ist erstaunlich und nur schwer zu erklären.

Mir fiel in diesem Zusammenhang als erstes die Mohammed-Krise ein, die dem Land schwer zugesetzt hat. Die am 30. September 2005 erstmals veröffentlichten Mohammed-Karikaturen beschworen das herauf, was der damalige Premier und jetzige Nato-Generalsektretär Anders Fogh Rasmussen als die größte außenpolitische Krise Dänemarks seit dem 2. Weltkrieg genannt hat. In der islamischen Welt kam es zu massiven Protesten. Von Casablanca bis Islamabad riefen Geistliche zum Boykott dänischer Geschäfte und Güter auf. Und er verfehlte seine Wirkung nicht. Nach Berechnungen der Århus Business School kostete er die dänische Wirtschaft in den ersten drei Jahren der Mohammed-Krise etwa 270 Millionen Euro. Schlimmer noch aber waren die Folgen für das geistige und kulturelle Leben in Dänemark, das sich seit nunmehr fünf Jahren in einer Art Schreckstarre befindet, wenn es um das Verhältnis zum Islam geht. Stets zuckt das Land zusammen, wenn es wieder einmal in Hetztiraden religiöser Eiferer oder Anschlagsankündigungen international agierender Terrororganisationen besondere Erwähnung findet.

Die Krise hatte auf Dänemark eine ähnliche Wirkung, wie sie die Anschläge vom 11. September auf die USA hatten. Natürlich lassen sich beide Ereignisse alleine schon wegen der unmittelbaren, physischen Katastrophe in New York kaum miteinander vergleichen. Dennoch machte sich hier eine ähnliche Jetzt-erst-Recht-Stimmung breit wie in den USA. Eine Art Abwehrreaktion. Man wollte sich nicht von radikalen Fundamentalisten diktieren lassen, was richtig und was falsch ist, was gesagt (gedruckt, gesendet) werden darf und was nicht. Eine richtige Einstellung, aus der die Dansk Folkeparti leider die falschen Schlüsse zog und immer noch zieht. Unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung macht sie Stimmung gegen nicht-westliche Einwanderer in Dänemark und vor allem gegen die Muslime unter ihnen. “Dank” der Mohammed-Krise fällt diese Stimmungsmache natürlich auf fruchtbareren Boden als noch zuvor. Man könnte auch sagen: Die Mohammed-Krise kam für die Dansk Folkeparti zu einem günstigen Zeitpunkt. Niemand weiß, wie gut die Rechtspopulisten sonst bei den Parlamentswahlen abgeschnitten hätten.

2001, als es zum ersten Mal zu dieser Duldungskonstellation kam und sich eine liberal-konservative Regierung in Dänemark von den Stimmen der Dansk Folkeparti abhängig machte, konnte noch niemand wissen, mit welchem Nachdruck und Machtanspruch diese Partei ihre politischen Ziele verfolgt. Die Rechtspopulisten in Dänemark haben einen immensen Einfluss auf die Regierung, ohne auch nur einen einzigen Minister zu stellen. Dies ist besonders verhängnisvoll, weil die Dansk Folkeparti so Regierung und Opposition zugleich sein kein. Je nachdem, was ihr opportuner erschein. Immer wieder treibt sie die Regierung mit Forderungen vor allem nach Verschärfungen des Ausländerrechts vor sich her und drohen regelmäßig damit, wichtige Reformen und Vorhaben der Regierung platzen zu lassen, sollte ihren Forderungen nicht entsprochen werden. Die Regierung ist in Dänemark die Geisel der Rechtspopulisten.

Die Teilweise abstrusen Forderungen frisch aus der eben beendeten Sommerkonferenz der Partei (unter anderem einen totalen Stopp von Einwanderern aus nicht-westlichen Ländern) sind nur die jüngsten Beispiele für die Radikalität der Dansk Folkeparti. Den beiden Regierungsparteien, der liberalen Venstre und der Konservative Folkeparti, wird kaum etwas anderes übrig bleiben, als diesen Forderungen weitestmöglich entgegenzukommen. Auch wenn es in Dänemark künftig natürlich keinen Stopp von Einwanderern aus nicht-westlichen Ländern geben wird, so ist man in der Regierung doch oft gezwungen, Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Man ist auf die Stimmen der Dansk Folkeparti angewiesen, und im Herbst stehen wichtige Reformen und die Verhandlungen über das Staatsbudget für das kommende Jahr an. Ohne Zustimmung von Pia Kjærsgaards Truppe geht kaum etwas. Und die in Dänemark beliebte Politikerin hat schon oft angedeutet, dass sie Reformen auch blockieren lässt, sollte die Regierung nicht ausreichend auf ihre Partei zukommen.

Eine verhängnisvolle Konstellation, an der Venstre und Konservative Folkeparti selbst Schuld sind. Sie haben 2001 den Sündenfall begangen, die Rechtspopulisten ins Boot geholt und damit ihr Gedankengut politisch und gesellschaftlich hoffähig gemacht. In den Niederlanden läuft es übrigens aller Wahrscheinlichkeit nach auf die gleiche Konstellation hinaus. Ein Blick nach Dänemark sollte den rechtskonservativen Parteien in den Niederlanden eigentlich Warnung genug sein.

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