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KOPENHAGEN. Bereits im vergangenen Jahr schrieb ich auf Englisch einen Artikel über den dänischen Dichter Yahya Hassan fur The Wall Street Journal. Als ich ihn traf, war er polarisierte bereits Dänemark, war aber im Ausland nahezu unbekannt. Gestern nun ist sein Debut auf Deutsch erschienen und wir haben ein aktualisiertes Portrait auf der deutschen Seite wsj.de publiziert. Zu lesen ist es hier.

Die Gedichte sind bei Ullstein erschienen. In diesen und in Interviews stellt er die seiner Meinung nach heuchlerische Seite einiger Muslime und seines Vaters, der ihn angeblich schlug, dar und klagt darüber.

Hassan schreibt ausschließlich in Großbuchstaben, die Verse wirken wie geschrien und auch er schleudert im Gespräch die Worte oftmals mehr als dass er sie spricht. (Hier eine Leseprobe auf Deutsch beim Perlentaucher.)

Lesenswert ist das Buch, doch sollte jedem klar sein, dass nicht jeder Muslim ist wie die, die Hassan beschreibt und dass es auch Eltern gibt, die sich Christen nennen und ihre Kinder ebenso misshandeln. Eine Debatte anstoßen kann das Buch allemal.

Bleibt die Frage, was von der literarischen Qualität zu halten ist. Aufbau und Ton der meisten Gedichte sind sehr ähnlich. Es ist deshalb ermüdend eins nach dem anderen zu lesen. In etwa so wie wenn man eine Küsschen, Küsschen-Kurzgeschichte von Roald Dahl nach der anderen wegliest - so gut diese sind, spätestens nach der dritten ist der makabere Überraschungseffekt dahin.


KOPENHAGEN.Normalerweise steht Norwegen nur zweimal im Jahr für einen kurzen Augenblick im Zentrum der internationalen Medienöffentlichkeit: Wenn im Oktober der Preisträger für den Friedensnobelpreis bekanntgegeben wird und im Dezember, wenn diese wohl berühmteste aller internationalen Auszeichnungen bei einem Festakt im Rathaus verliehen wird. Doch am 22. Juli 2011 sorgte Anders Behring Breivik mit seinen Terrortaten dafür, dass seine Heimat Norwegen im Jahr der Tat und im Jahr danach immer wieder wegen Gewalt statt wegen Friedens wahrgenommen wurde. Der Anfang Dreißigjährige, der sich selber zum Terroristen geschult hatte, zündete erst im Regierungsviertel von Oslo eine Bombe und tötete so acht Menschen. Dann fuhr er zur Insel Utøya, wo die Jugendorganisation der Sozialdemokraten (AUF) ihr traditionelles Sommerlager abhielt, und erschoss weitere 69 überwiegend junge Menschen. Ein ganzes Land war im Schock. Schießereien sind in Norwegen sehr selten, einen Terrorakt diesen Ausmaßes gab es nie zuvor und war wohl weder im In-, noch im Ausland von jemandem für wahrscheinlich gehalten worden.

Heute ist Anders Behring Breivik zu einer Haftstrafe von 21 Jahren verurteilt worden (dazu hier die englische Version meines Beitrags für die Deutsche Welle). Wie von ihm selber erhofft, wurde er vom Gericht für zurechnungsfähig gehalten. Gutachter waren sich in der Frage uneinig gewesen und auch in der Bevölkerung war diskutiert worden, inwieweit eine solch grausame Tat von einem Menschen begangen worden sein kann, der zurechnungsfähig ist.

„Die Attentate werden unsere Generation prägen“, sagt Lars Ellingsgard Øverli. Der Fotograf ist Anfang 20 und in den vergangenen Monaten mit zwei ebenfalls jungen Kollegen durch Norwegen gereist, um die Jugend zu portraitieren, die im Alter der Fotografen und damit der meisten, der auf Utøya Ermordeten ist. Er meint, dass der 22. Juli 2011 für diejenigen, die heute im jungen Erwachsenenalter sind, ähnlich einschneidend ist, wie für deren Großeltern der zweite Weltkrieg, in dem Norwegen von Deutschland besetzt war.

Unmittelbar nach der Bombenexplosion am Nachmittag dieses Freitags vor etwas mehr als einem Jahr dachten viele an möglichen islamischen Terror. Doch stattdessen handelte es sich um den Terror eines rechtsextremen Anti-Islamisten. Anders Behring Breivik hatte aus Hass gegen die offene Gesellschaft gemordet. In einem kruden Manifest, dass er vor der Tat verschickt hatte, breitete er seine von Verschwörungstheorien und Rassismus geprägten Gedanken aus. Auf den ersten Blick schien der Attentäter aus der Mitte der Gesellschaft zu kommen: Er stammte aus so genanntem gutbürgerlichen norwegischem Hause, war zuvor nicht weiter aufgefallen, konnte sich artikulieren und hatte einmal eine kleine Karriere in der rechtsliberalen bis rechtspopulistischen, aber etablierten Fortschrittspartei gestartet. All dies machte den Schock in Norwegen anfangs nur noch spezieller. Denn während islamistischer Terror stets wenn auch unwahrscheinlich, so denkbar schien, hatte niemand mit einer derartigen Tat eines heimischen Rechtsextremisten gerechnet. Dass war die erste Illusion, die in Norwegen aufgegeben werden musste.

Darauf reagierte die Bevölkerung auf eine ganz eigene Weise. Während ein Attentat von Islamisten vermutlich nicht zu kollektiven Reaktionen geführt hätte, war es in diesem Falle ganz anders. Zu tausenden gingen sie bei Demonstrationen und Trauerveranstaltungen auf die Straße, Einwanderer und jene, die aus Familien stammen, die seit ein oder zwei Generationen in Norwegen gelebt haben, Politiker aller im Parlament vertretenen Parteien – sie alle wollten gemeinsam ein Zeichen setzen, dass sie diesen Teil der norwegischen Gesellschaft nicht akzeptieren. Gleichzeitig erweckte diese kollektive Demonstration zumindest auch den Anschein, dass in Norwegen eben doch alle an der offenen Gesellschaft festhalten wollen, die der Attentäter so hasste. In dieser so schweren Zeit des 5-Millionen-Einwohnerlandes wurde Premierminister Jens Stoltenberg zur einenden Kraft (dazu schrieb ich nach dem Attentat diesen Artikel für Focus). Der Sozialdemokrat wurde mit seiner Empathie zum Landesvater. Stoltenberg war die Lichtgestalt in diesem entsetzlich düsteren Trauerstück. Ein Held der ruhigen und besonnenen Worte. Einer, der trauert, tröstet und klagt. Und auf schnelle Anklagen verzichtet. Unvergessen seine Worte: „Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber niemals Naivität.“ Denn naiv war es gewesen zu glauben, solche Menschen wie Behring Breivik gäbe es in Norwegen nicht.

Es sei, so erklärt der bekannte Autor Øyvind Strømmen damals, zwar fantastisch, wie die Menschen in Norwegen jetzt reagieren. „Wichtig ist aber auch, wie es in den kommenden Monaten und Jahren weitergeht.“ Das Land habe Probleme, und diese müsse man jetzt auch ansprechen. Die großen gesellschaftlichen Debatten, so forderte Strømmen, müsse man in Zukunft zivilisierter und offener führen. Insbesondere die Frage nach der „richtigen“ Integrationspolitik. Politiker der rechtsliberalen Fortschrittspartei sehen Migranten bislang nur als Problem, die Linke hingegen weigert sich, Schwierigkeiten mit den Zuwanderern überhaupt nur anzusprechen. „Drogenprobleme im Einwanderermilieu, undemokratische Ideen, mangelnde Homosexuellenrechte, Anforderungen, die an Sprachkenntnisse gestellt werden – all das hat vor allem die Linke nicht ernsthaft diskutieren wollen“, klagte Strømmen. Dass laissez-faire eine Form der Liberalität ist, ist die zweite Illusion, die seit dem 22. Juli 2011 zersprungen ist (mehr dazu auch in meinem bei Focus online erschienen Interview mit Thorvald Stoltenberg, Ex-Minister und Vater des Ministerpräsidenten).

Die dritte Illusion zeigte bereits kurz nach dem Attentat Risse, wurde dann endgültig Mitte August 2012 zerstört: Jene, dass die Institutionen in Norwegen fehlerfrei arbeiten. Ein kurz vor der Urteilsverkündung präsentierter Untersuchungsbericht zeigt, dass das nicht der Fall war. Auch in Norwegen wurde geschlampt. Der Geheimdienst hatte den Attentäter schon einmal auf dem Schirm und hätte womöglich eingreifen können. Die Polizei machte am Tage der Anschläge viele Fehler, hätte die Jagd auf die Jugendlichen, bei der der Großteil der Opfer umkam, womöglich verhindern, zumindest aber früher stoppen können (zum Kommissionsbericht hier ein Kommentar, den ich für WDR 5 schrieb).

Der transparente Prozess (hier dazu ein Kommentar des Kollegen Gunnar Hermann von  der Süddeutschen, mein im Focus erschienenes Interview mit Siri Marie Seim Sønstelie, einer jungen Norwegerin, die entkommen konnte, hier das für die Financial Times Deutschland geschriebene Porträt der Richterin, hier wird im norwegischen Morgenbladet der Prozess positiv kommentiert, hier wird im Dagbladet analysiert, wie der Prozess in Breiviks Pläne passt) aber, der der Würde der Opfer ebenso wie den Menschenrechten des Täters gerecht wurde, hat Norwegen gezeigt, dass es möglich ist, diese Tat systematisch aufzuarbeiten. Damit sie nicht auf ewig wie eine Last auf dem Lande liegt und damit so etwas nicht noch einmal geschieht.

Absolute Sicherheit gibt es nicht, schon gar nicht in einer offenen Gesellschaft. Die Gesellschaft ist es aber auch, die Taten verhindern kann, ohne dass dafür totale Überwachung notwendig wäre. So simpel es klingt, aber manch einer wäre womöglich nicht zum Gewalttäter geworden, hätte er sich mehr integriert gefühlt und von den Nachbarn und Mitmenschen ein klein bisschen mehr Aufmerksamkeit erfahren. Aufmerksamkeit, die – sollte jemand doch in Extremismus abdriften – dazu führen kann, dass dieser gefährliche Schritt bemerkt und so Greuel verhindert werden. Für diese Erkenntnis ist nicht einmal eine Untersuchungskommission notwendig.


KOPENHAGEN. Das israelische Künstlerduo Gil & Moti will Araber zu Freunden machen und der Homosexualität zur Normalität verhelfen – ab diesem Wochenende auch in Bochum (hier der Link zur Website des Museums, die in etwa so attraktiv gestaltet ist wie ein Leitz-Ordner). Ich habe die beiden anlässlich ihrer aktuellen Ausstellung in Kopenhagen getroffen.

Pat und Patachon, Gilbert & George, Eva & Adele, Schulz und Schultze – echte oder vermeintliche Zwillingspaare sind in Populärkultur wie Kunst ein Hingucker, oft unterhaltsam, manchmal (gewollt oder ungewollt) lächerlich. Nun also Gil & Moti. Doch mit wem der erstgenannten hat das israelische Künstlerpaar eigentlich am meisten gemein? Die beiden sind Männer, das spricht für das dänische Stummfilmduo Pat und Patachon, die Künstler Gilbert & George sowie Schulz und Schultze, das Zwillingspaar aus den Tim und Struppi-Comics. Sie sind Künstler – wie Gilbert & George und Eva & Adele. Sie sehen sich ziemlich ähnlich, ebenso Gilbert & George, Eva & Adele sowie Schulz und Schultze. Offensichtlichkeiten helfen also nicht weiter. Menschen und Werk muss auf die Spur gegangen werden. Für die online Ausgabe von art habe ich das anlässlich der noch andauernden Ausstellung in der Kunsthalle Nikolaj in Kopenhagen getan. Der Text bei art kann hier gelesen werden, zur Kunsthalle Nikolaj geht es hier.


KOPENHAGEN. Nobelpreisverleihungen, Wikileaks, Selbstmordattentat in Stockholm – dieser Tage ist im Norden so viel los wie selten. Der Blog wurde deshalb in den vergangenen Wochen sträflich vernachlässigt, wenngleich nicht völlig ignoriert. Nachgeliefert sei eine Woche nach dem Attentat in Stockholm hiermit zunächsteinmal der Hinweis auf meine Berichterstattung zum Thema in der Welt – online ist hier der große Bericht vom Tag des Anschlags und hier ein Text zum Attentäter (geschrieben gemeinsam mit dem Kollegen in London) zu lesen. Der schwedische Schriftsteller Jonas Hassen Khemiri hat in Dagens Nyheter seine Gedanken zum Attentat, zum uns und die und mehr aufgeschrieben.


KOPENHAGEN. Er könne keiner Fliege etwas zu Leide tun – vielleicht ist es jenes Image, das Jimmie Åkesson, anstrebt. Der junge Mann ist wie bekannt Parteivorsitzender der rechtspopulistischen Schwedendemokraten und frisch gewähltes Mitglied des schwedischen Reichstags. Als solches zieht er derzeit viel Aufmerksamkeit auf sich (auch dann, wenn er nicht gerade aus Protest die Kirche verlässt). Das norwegische Morgenbladet führte das Interview der Woche in der letzten September-Ausgabe mit dem Politiker. Dort offenbarte er, wieso die Ausländer Europa so gefährlich werden können. Es ist deren Umgang mit den Tieren!

Gefragt, ob es primär Muslime seien, die seiner Meinung nach lieber das Land verlassen sollten, antwortete Åkesson: “Das gilt für alle, die von kulturell rückständigen Ländern kommen. Muslime und andere, die fundamental unterschiedliche Sicht auf grundlegende Teile unserer Gesellschaft haben – Gleichstellung, Behandlung von Tieren, Demokratie und Konfliktlösung.” Leider vertieft er sein Tier-Argument nicht. So bleibt nur, Vermutungen anzustellen – ist es das Schächten der Tiere, das Åkesson für so zurückgeblieben hält? Oder die Tatsache, dass in manchen Religionen kein Schweinefleisch gegessen wird oder vielleicht das Faktum, dass Rinder auf der Straße herumlaufen dürfen statt zusammengepfercht im Stall zu stehen? Jedenfalls ist es gut, dass man oder zumindest Åkesson die bösen Menschen daran erkennen kann, wie sie ihre Tiere behandeln. Noch habe ich nicht nachgeschaut, aber vielleicht schlagen die Sverigedemokraterna ja in ihrem Parteiprogramm vor, Asylantenheime nach der erzwungenen Abwanderung von 90 % der Einwanderer in Tier-Asyle umzubauen.


KOPENHAGEN. Deutsche Zeitungen und Magazine haben offenbar genug von Kurt Westergaard. Jedenfalls lautete die Standardantwort, als ich eine Geschichte über den Zeichner der Mohammed-Karikatur angeboten habe: “Der wurde doch gerade in Berlin geehrt und jetzt nun wirklich ausgiebig in den Medien”. Das mag sein. Überrascht hat mich das Desintresse doch ein wenig, weil ein deutscher Journalist nicht alle Tage die Möglichkeit bekommt, Westergaard in seinem Haus zu besuchen.

Schließlich fand sich mit der schweizer Sonntagszeitung doch ein Interessent. Und selbst wenn ich keinen Abnehmer für meine Geschichte gefunden hätte: Ich wäre wohl trotzdem gefahren. Ich war einfach zu gespannt auf ein Treffen mit dem Zeichner. Immerhin ist der Mann inzwischen so etwas wie ein Objekt der Zeitgeschichte. Da kann es nicht schaden, ihn persönlich zu treffen und mal ein 3-Stunden-Gespräch aufzuzeichnen.

Was mir schon nach den ersten 15 Minuten aufgefallen ist: Über Kurt Westergaard kann man nicht nur 1000 verschiedenen Geschichten schreiben, der Mann erzählt auch selbst gerne 1000 Geschichten.

So ist der Text also nur eine von unzähligen verschiedenen Möglichkeiten sich Kurt Westergaard zu nähern. Die Geschichte ist am gestrigen Sonntag erschienen und online nachzulesen.


KOPENHAGEN. Es ist nur allzu verständlich, dass Schwedens rechtskonservative Partei Sverigedemokraterna immer öfter neidvoll über den Öresund nach Dänemark schaut. Dort nämlich haben die Rechtspopulisten unter ihrer Chefin Pia Kjærsgaard eine äußerst komfortable Position inne. Die Dansk Folkeparti ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, ihre vor allem in der Migrationspolitik radikalen Ideen sind schon lange politisch hoffähig. Kjærsgaard gehört zu den mächtigsten Politikern des Landes. Die rechts-liberale Regierung von Lars Løkke Rasmussen ist auf die Stimmen ihrer Partei angewiesen. Ohne ein Ja der Dansk Folkeparti geht nichts, was dazu führte, dass Lars Løkke, aber noch viel mehr sein Vorgänger Anders Fogh Rasmussen, eine Reihe in meinen Augen für das Land verhängnisvolle Zugeständnisse machen mussten, um handlungsfähig zu bleiben. Schritt für Schritt wurde so etwa eines der regidesten Einwanderungsgesetze Europas auf den Weg gebracht. Regieren, ohne offiziell in der Regierung zu sein: Diese seit 2001 bestehende Konstellation ist für die Rechtspopulisten besonders angenehm, weil sie erlaubt, Regierung und Opposition zugleich zu sein.

Kurz: Da, wo die Dansk Folkeparti jetzt steht, wollen die schwedischen Sverigedemokraterna gerne hin. Es ist also kein Wunder, wenn Parteichef Jimmie Åkesson die Danks Folkeparti als Schwesterpartei und Inspirationsquelle sieht. Doch bis Åkessons Truppe in Schweden den Status von Kjærsgaards Mannen in Dänemark hat, ist es noch ein weiter Weg. Das liegt nicht nur daran, dass die Dansk Folkeparti bei Umfragen 13-15 Prozent der Stimmen auf sich vereinen kann, und die Sverigedemokraterna nur 3,5-5. Das liegt auch daran, dass der gesellschaftliche Nährboden für rechtskonservatives Gedankengut in Schweden längst nicht so fruchtbar ist wie jener in Dänemark. Die Schweden tun sich schwer mit Parteien, die gegen bestimmte Einwanderergruppen hetzen, die Migranten als (Allein)schuldige für die Schwierigkeiten des Wohlfahrtsstaates sehen. Auch die Medien in Schweden tun sich schwer damit, wie sie mit den Sverigedemokraterna umgehen sollen. Dass sich der Privatsender TV4 dazu entschloss, einen Wahlwerbespot der Partei zu boykottieren, ist nach schwedischem Recht sein gutes Recht. Doch zeigt dies, dass man in Schweden noch lange nicht gewillt ist, die Sverigedemokraterna als eine ganz normale Partei in den täglichen politischen Diskurs miteinzubeziehen. So, wie es in Dänemark mit der Dansk Folkeparti schon längst der Fall ist.

Am morgigen Samstag nun kommt Pia Kjærsgaard in schwedische Höganäs, um bei einer Wahlkampfveranstaltung der Sverigedemokraterna aufzutreten. Für Jimmie Åkesson ist das wunderbar, weil Kjærsgaard für seine Partei ein gutes Zugpferd ist und man sich im Glanz der erfolgreicheren Schwester sonnen kann. Für Kjærsgaard aber ist diese Liaison auch gefährlich. Denn sie lässt sich da mit einer Partei ein, die nur auf den ersten Blick mit der eigenen Dansk Folkeparti zu vergleichen ist. Sicher: Die Sverigedemokraterna haben vor allem unter Åkesson alles getan, um sich einen bürgerlichen, fast schon biederen Anstrich zu verpassen. Bomberjacken und Uniformen sind auf Parteiveranstaltungen (offiziell) längst verboten, und führende Parteimitglieder der ersten Stunde sind schon vor vielen Jahren ausgetreten. Auch weil sie den Wandel der Sverigedemokraterna von einer Partei, die ihre Wurzeln im nationalsozialistischen Milieu hat, zu einer nach außen gemäßigt nationalistisch auftretenden Partei nicht mitmachen wollten. Einer der Gründer, Anders Klarström, war Mitglied der Nordiska Rikspartiet, eine Partei, die mit ihrem schwarzen Runenzeichen vor blurotem Hintergrund und ihrer Nazi-Ideologie sich explizit an Programm und Terminologie der NSDAP anlehnte.

Natürlich ist davon im Parteiprogramm der Sverigedemokraterna nichts zu finden. Die Partei distanziert sich sogar ausdrücklich vom historischen Nationalsozialismus. Dennoch ist sie auf Grund ihrer Wurzeln wesentlich schwerer auszurechnen als die Dansk Folkeparti, die zwar ebenso antimuslimisch, nationalistisch und auch auf den Erhalt des Wohlfahrtsstaats (Folkhemmet) ausgerichtet ist, ihre Ursprünge aber nicht in einer braunen Soße hat. Dass Kjærsgaard jetzt offiziell Wahlkampfhilfe für die Sverigedemokraterna macht, damit sie am 19. September in den schwedischen Reichstag einziehen, ist für Kjærsgaard selbst und die Dansk Folkeparti nicht ohne Risiko.

Ich werde morgen selbst nach Höganäs fahren und mir die Veranstaltung mal anschauen. Bin gespannt.


MALMÖ. Ich hatte Glück und bekam kurzfristig einen Termin bei Malmös Bürgermeister Ilmar Reepalu. Gerechnet hatte ich damit nicht, zumal ich seiner Pressesprecherin am Telefon gesagt hatte, worüber ich gerne mit ihrem Chef sprechen würde: den wachsenden Antisemitismus in Schwedens Stadt am Öresund. “Das ist kein Problem, Ilmar Reepalu erwartet Sie um 11.30 Uhr in seinem Büro.” Ok, dachte ich, der Mann stellt sich. Das ist man ja nicht von allen Politikern gewohnt. Vor allem, wenn es sich um ein Thema handelt, das ihnen unangenehm ist. Und das ist bei Reepalu ohne Zweifel der Fall, wenn man auf die Situation der Juden in Malmö zu sprechen kommt. Zumal der Politiker sich in dieser Sache wegen äußerst fragwürdiger Äußerungen, die gegen die jüdische Gemeinde in Malmö gerichtet waren, heftiger Kritik ausgesetzt sah und immer noch sieht.

Reepalu hat in seiner Stadt ein veritables Problem. Immer mehr Juden kehren Malmö den Rücken. Denn je mehr die muslimische Bevölkerung wächst, desto stärker wird der Antisemitismus in Schwedens drittgrößter Stadt. Laut Statistik der Sicherheitspolizei Säpo hat sich die Zahl antisemitischer Straftaten in der Region im Jahr 2009 verdoppelt: Es gab Friedhofsschändungen, Randale in koscheren Geschäften und Brandanschläge gegen jüdische Einrichtungen. Viele Juden fühlen sich deshalb nicht mehr sicher, packen ihre Koffer und ziehen entweder nach Stockholm oder (die Mehrheit) gleich nach Israel. Und hier wird das Antisemitismus-Problem der Stadt Malmö auch zu einem ganz persönlichen Problem für Ilmar Reepalu. Denn dem Bürgermeister fiel nichts bessers ein, als die Problematik zu leugnen und zu sagen, dass das nicht sein Problem sei, wenn Juden aus Malmö zurück nach Israel zögen. Und vielleicht, so Reepalu, müssten sich die in Malmö lebenden Juden nur deutlich genug von der Politik des Staates Israel distanzieren, damit der Hass gegen sie keine neue Nahrung bekäme. Das war im Januar, als die Ausschreitungen gegen Juden und ihre Einrichtungen in Malmö einen neuen Höhepunkt erreichten.

Nun, sieben Monate später, bittet Ilmar Reepalu also in sein Büro im 7. Stock des Rathauses. Sein Händedruck ist fest, der Blick sucht den seines Gegenübers, die Stimme sanft. Und dann erzählt er seine Version der Geschichte. Es ist die Erzählung eines Missverstandenen, der lediglich falsch zitiert worden war. “Ich habe mich da vielleicht auch etwas ungeschickt ausgedrückt”, gibt er dann doch zu. Dennoch, und daran halte er nach wie vor fest: Er sei ein Gegner der israelischen Besatzungspolitik, er sei ein Gegner von Raketen, die das israelische Militär auf den Gazastreifen abfeuere. “Dazu stehe ich.” Das mag sein, und mit dieser Einstellung ist Reepalu sicher nicht allein auf dieser Welt. Im Gegenteil. Ein vorbehaltloses Abnicken israelischer Politik gibt es eigentlich nur noch in den USA. Selbst in Deutschland, wo man ja aus historischen Gründen in der Causa Israel immer besonders vorsichtig ist, werden nehmen die Stimmen zu, die das Vorgehen und die Ansprüche des Staates im nahen Osten in Frage stellen. Wie gesagt, Ilmar Reepalu ist mit seiner Meinung nicht allein.

Vorwerfen lassen muss sich Reepalu auf jeden Fall, die Jüdische Gemeinde in Malmö mit der aggressiven Außenpolitik Israel in einen Topf zu werfen, das Volk Israels mit dem Staat Israel gleichzusetzen. Bald sind Wahlen in Schweden, es leben eine halbe Million Muslime dort, ein Fünftel davon in Malmö. Und die Sozialdemokraten wollen zurück an die Macht. Reepalus gedankenloser Umgang mit Begriffen könnte also auch politisches Kalkül sein, was die Sache nicht besser machen würde. Auch wenn Reepalu inzwischen von seinen Äußerungen Abstand genommen, jüdische Gemeindevertreter getroffen, den späten Rüffel seiner Parteichefin Mona Sahlin eingesteckt und ein Dialogforum eingerichtet hat – für viele Juden gibt es keinen Weg zurück.


KOPENHAGEN. Ich mag Dänemark. Wirklich. Seit knapp zwei Jahren wohne ich jetzt in Kopenhagen, und obwohl sich Hauptstädte eigentlich nie mit dem Rest des Landes gleichsetzen lassen (Wien ist nicht Österreich, Berlin ist nicht Deutschland), so sind sie doch dessen Teil. Die Kopenhagener müssen sich also hier – ob sie wollen oder nicht – mit angesprochen fühlen, wenn ich im Folgenden über Dänemark und die Dänen schreibe. Also wie gesagt: Das Land liegt mir wirklich. Ich fühle mich wohl hier. Dänemark erscheint mir als die ideale Mischung aus skandinavischer und kontinentaleuropäischer Tradition. Wohlfahrtsstaat, jedoch ohne übermäßige Bevormundung der Bürger, wie es in Schweden zumindest ansatzweise der Fall ist. In Dänemark ist eher Laissez-faire angesagt. Das im Vergleich zu Schweden unverkrampfte Verhältnis zu Alkohol ist da nur ein Beispiel. Die Dänen sind locker und kommen der deutschen Mentalität doch ziemlich nahe. Auch wenn das die meisten Dänen wahrscheinlich nicht gerne hören, weil sie die Deutschen für ziemlich steif halten.

Nur eine Sache stößt mir doch immer wieder sauer auf und ist mir darüber hinaus ein Rätsel: der (anhaltende) Erfolg der Dansk Folkeparti. Ich habe mich erst neulich wieder mit meinem Kollegen von der Süddeutschen Zeitung darüber unterhalten. Er ist in Stockholm stationiert und fragte mich, wie man sich die Stärke der dänischen Rechtspopulisten um Pia Kjærsgaard erklären kann. Die Frage nach dem Warum erschien mir doch sehr berechtigt, zumal ich auch nach längerem Grübeln darauf keine wirklich schlüssige Antwort geben konnte. Konstante Stimmanteile von 13 bis 15 Prozent bei Wahlen sind doch eine ganze Menge für eine Partei, die doch sehr unverhohlen ein Dänemark propagiert (Dänemark ist ein Land für Dänen. Vor allem Einwanderer aus nicht-westlichen Ländern sind nicht willkommen.), das nichts mit jener weltoffenen und vorurteilsfreien Gesellschaft zu tun hat, wie man sie eigentlich gerade in Skandinavien erwarten würde. Dass in Dänemark doch ein bemerkenswert hoher Anteil der Bevölkerung mit solchen Ansichten sympatisiert, ist erstaunlich und nur schwer zu erklären.

Mir fiel in diesem Zusammenhang als erstes die Mohammed-Krise ein, die dem Land schwer zugesetzt hat. Die am 30. September 2005 erstmals veröffentlichten Mohammed-Karikaturen beschworen das herauf, was der damalige Premier und jetzige Nato-Generalsektretär Anders Fogh Rasmussen als die größte außenpolitische Krise Dänemarks seit dem 2. Weltkrieg genannt hat. In der islamischen Welt kam es zu massiven Protesten. Von Casablanca bis Islamabad riefen Geistliche zum Boykott dänischer Geschäfte und Güter auf. Und er verfehlte seine Wirkung nicht. Nach Berechnungen der Århus Business School kostete er die dänische Wirtschaft in den ersten drei Jahren der Mohammed-Krise etwa 270 Millionen Euro. Schlimmer noch aber waren die Folgen für das geistige und kulturelle Leben in Dänemark, das sich seit nunmehr fünf Jahren in einer Art Schreckstarre befindet, wenn es um das Verhältnis zum Islam geht. Stets zuckt das Land zusammen, wenn es wieder einmal in Hetztiraden religiöser Eiferer oder Anschlagsankündigungen international agierender Terrororganisationen besondere Erwähnung findet.

Die Krise hatte auf Dänemark eine ähnliche Wirkung, wie sie die Anschläge vom 11. September auf die USA hatten. Natürlich lassen sich beide Ereignisse alleine schon wegen der unmittelbaren, physischen Katastrophe in New York kaum miteinander vergleichen. Dennoch machte sich hier eine ähnliche Jetzt-erst-Recht-Stimmung breit wie in den USA. Eine Art Abwehrreaktion. Man wollte sich nicht von radikalen Fundamentalisten diktieren lassen, was richtig und was falsch ist, was gesagt (gedruckt, gesendet) werden darf und was nicht. Eine richtige Einstellung, aus der die Dansk Folkeparti leider die falschen Schlüsse zog und immer noch zieht. Unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung macht sie Stimmung gegen nicht-westliche Einwanderer in Dänemark und vor allem gegen die Muslime unter ihnen. “Dank” der Mohammed-Krise fällt diese Stimmungsmache natürlich auf fruchtbareren Boden als noch zuvor. Man könnte auch sagen: Die Mohammed-Krise kam für die Dansk Folkeparti zu einem günstigen Zeitpunkt. Niemand weiß, wie gut die Rechtspopulisten sonst bei den Parlamentswahlen abgeschnitten hätten.

2001, als es zum ersten Mal zu dieser Duldungskonstellation kam und sich eine liberal-konservative Regierung in Dänemark von den Stimmen der Dansk Folkeparti abhängig machte, konnte noch niemand wissen, mit welchem Nachdruck und Machtanspruch diese Partei ihre politischen Ziele verfolgt. Die Rechtspopulisten in Dänemark haben einen immensen Einfluss auf die Regierung, ohne auch nur einen einzigen Minister zu stellen. Dies ist besonders verhängnisvoll, weil die Dansk Folkeparti so Regierung und Opposition zugleich sein kein. Je nachdem, was ihr opportuner erschein. Immer wieder treibt sie die Regierung mit Forderungen vor allem nach Verschärfungen des Ausländerrechts vor sich her und drohen regelmäßig damit, wichtige Reformen und Vorhaben der Regierung platzen zu lassen, sollte ihren Forderungen nicht entsprochen werden. Die Regierung ist in Dänemark die Geisel der Rechtspopulisten.

Die Teilweise abstrusen Forderungen frisch aus der eben beendeten Sommerkonferenz der Partei (unter anderem einen totalen Stopp von Einwanderern aus nicht-westlichen Ländern) sind nur die jüngsten Beispiele für die Radikalität der Dansk Folkeparti. Den beiden Regierungsparteien, der liberalen Venstre und der Konservative Folkeparti, wird kaum etwas anderes übrig bleiben, als diesen Forderungen weitestmöglich entgegenzukommen. Auch wenn es in Dänemark künftig natürlich keinen Stopp von Einwanderern aus nicht-westlichen Ländern geben wird, so ist man in der Regierung doch oft gezwungen, Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Man ist auf die Stimmen der Dansk Folkeparti angewiesen, und im Herbst stehen wichtige Reformen und die Verhandlungen über das Staatsbudget für das kommende Jahr an. Ohne Zustimmung von Pia Kjærsgaards Truppe geht kaum etwas. Und die in Dänemark beliebte Politikerin hat schon oft angedeutet, dass sie Reformen auch blockieren lässt, sollte die Regierung nicht ausreichend auf ihre Partei zukommen.

Eine verhängnisvolle Konstellation, an der Venstre und Konservative Folkeparti selbst Schuld sind. Sie haben 2001 den Sündenfall begangen, die Rechtspopulisten ins Boot geholt und damit ihr Gedankengut politisch und gesellschaftlich hoffähig gemacht. In den Niederlanden läuft es übrigens aller Wahrscheinlichkeit nach auf die gleiche Konstellation hinaus. Ein Blick nach Dänemark sollte den rechtskonservativen Parteien in den Niederlanden eigentlich Warnung genug sein.


KOPENHAGEN. Durch die dänischen Medien geistert seit vergangener Woche eine Zahl: 3. In ganz Dänemark gibt es drei Frauen, die Burka tragen. Das nämlich ist Ergebnis einer Studie der Kopenhagener Universität. Und so brachten die Medien diese Zahl einhellig (hier Jyllands-Posten, die die ersten waren). Konservative Politiker wollen in Dänemark gerne das Burka-Verbot einführen. Die Untersuchung aber zeigt, dass das vielleicht nicht das dringendste Thema ist, sondern vor allem ein populistischer Zug.

Nun braucht man nicht als Sohn eines Statistikers geboren zu sein, um sich darüber zu wundern, wie die Wissenschaftler unter 5,5 Mio. Dänen genau jene 3 Frauen ausmachen konnten, die Burka tragen. Das übliche Verfahren wäre eine Hochrechnung gewesen, aber mit einer solchen wäre eine so genaue und auch noch so niedrige Zahl wohl nicht auszurechnen gewesen. Die dänische Presse kümmerte das wenig, die 3 Burka tragenden Frauen waren vielzitiert und wurden nicht hinterfragt. Dann kam allmählich heraus, dass die Zahl natürlich auf Schätzungen von Experten mit engem Kontakt zu muslimischen Frauen beruhte. Sicher eine akzeptable Methode, wenn statt der 3 verkündet worden wäre “es gibt in Dänemark nur sehr wenige Muslime, die Burka tragen, Schätzungen lauten auf unter zehn”. Dann nämlich wäre jedem Leser klar gewesen: So genau weiß es keiner.

In Auftrag gegeben hatte die Studie übrigen der Burkaausschuss der Regierung. Nun heißt es seitens der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei (die übrigens die liberal-konservative Minderheitsregierung stützt) der Bericht müsse genauer untersucht werden, schließlich passt die Zahl 3 nicht zum Schreckbild der Partei. Sobald es um das Thema Islam geht, scheint bei Politikern und Journalisten ein Automatismus  ausgelöst zu werden. Beide wollen das Thema so schnell wie möglich ausschlachten und da wird schonmal vergessen, erst darüber nachzudenken, wie seriös eigentlich das Ergebnis einer Untersuchung ist.

Naser Khader, muslimischer Politiker der Konservativen und nach der Veröffentlichung der so genannten Mohammedkarikaturen einer der wichtigsten Protagonisten in der Diskussion (damals noch als Mitglied der linksliberalen Radikale Venstre) ist einer derjenigen, die das Burkaverbot fordern. Morgen, Dienstag, 19.01.2010 um 21 Uhr, diskutiert er bei CNN.

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