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KOPENHAGEN. Bereits im vergangenen Jahr schrieb ich auf Englisch einen Artikel über den dänischen Dichter Yahya Hassan fur The Wall Street Journal. Als ich ihn traf, war er polarisierte bereits Dänemark, war aber im Ausland nahezu unbekannt. Gestern nun ist sein Debut auf Deutsch erschienen und wir haben ein aktualisiertes Portrait auf der deutschen Seite wsj.de publiziert. Zu lesen ist es hier.

Die Gedichte sind bei Ullstein erschienen. In diesen und in Interviews stellt er die seiner Meinung nach heuchlerische Seite einiger Muslime und seines Vaters, der ihn angeblich schlug, dar und klagt darüber.

Hassan schreibt ausschließlich in Großbuchstaben, die Verse wirken wie geschrien und auch er schleudert im Gespräch die Worte oftmals mehr als dass er sie spricht. (Hier eine Leseprobe auf Deutsch beim Perlentaucher.)

Lesenswert ist das Buch, doch sollte jedem klar sein, dass nicht jeder Muslim ist wie die, die Hassan beschreibt und dass es auch Eltern gibt, die sich Christen nennen und ihre Kinder ebenso misshandeln. Eine Debatte anstoßen kann das Buch allemal.

Bleibt die Frage, was von der literarischen Qualität zu halten ist. Aufbau und Ton der meisten Gedichte sind sehr ähnlich. Es ist deshalb ermüdend eins nach dem anderen zu lesen. In etwa so wie wenn man eine Küsschen, Küsschen-Kurzgeschichte von Roald Dahl nach der anderen wegliest - so gut diese sind, spätestens nach der dritten ist der makabere Überraschungseffekt dahin.


LONDON. (und diese Ortsmarke erklaert auch evtl fehlende Umlaute und sz) Da wo der Weltfrauentag international begrundet wurde, klafft heute eine Bauluecke. Und vor sieben Jahren kreisten Helikopter, die bestens ausgestattete Polizisten abseilten, um das Gebaude gewaltsam zu räumen. Die Adresse: Jagtvej 69, besser bekannt als Ungdomshuset.

Während der Räumung des Jugendzentrums wurde diese Adresse vielen ein Begriff , doch vermutlich wissen nur wenige, dass dort vor mehr als 100 Jahren der am 8. März (heute!) gefeierte Weltfrauentag begruendet wurde und dieser somit dänische Wurzeln hat. Und auch deutsche. Es waren sozialistische Politikerinnen, darunter Claraa Zetkin, die 1910 in Kopenhagen den Weltfrauentag initiierten – im Jagtvej 69. Damals hiess das Haus Folkets Hus, also Haus des Volkes.

Seit 1982 gab es in dem Gebäude das Ungdomshuset. Die jungen Leute bekamen es von der Stadt, um dort ein alternatives Jugendzentrum einzurichten. Relativ ungestört veranstalteten sie fast zwei Jahrzehnte Workshops, luden zum Essen ein oder arrangierten in Eigenregie Konzerte. Neben lokalen Bands spielten im Ungdomshuset auch ausländische Künstler, so die isländische Popsängerin Björk, bevor sie ihren großen Durchbruch erlebte.

Obwohl das Haus weitgehend akzeptiert war, wurde um die Jahrtausendwende das Ende des alternativen Jugendzentrums beschlossen. Zuvor hatte es dort einen Brand gegeben, und der Stadt war es zu riskant, für Sach- und womöglich Personenschäden bei einem weiteren Feuer verantwortlich gemacht zu werden.

Also wurde das Haus verkauft, und der Kampf um den Jagtvej 69 wurde zum Symbol der linken Szene zunächst in Dänemark, dann auch in anderen Teilen Europas. Die von vielen als Sekte bezeichnete Freikirche “Fadershus” (Vaters Haus) erstand das Gebäude und liess es zwangsräumen, schliesslich wurde es abgerissen.

Schluss mit dem kleinen Exkurs anlässlich des 8. März. Mehr zur Geschichte des Weltfrauentages gibt es beispielsweise bei der UN. Uber den Kampf ums und Abriss des Ungdomushuset habe ich mehrfach fuer Die Welt berichtet, beispielsweise hier und hier.

Schliesslich soll auch die Kunst nicht zu kurz kommen, deshalb hier mein art-Artikel zu Shepard Faireys (ja, der mit Obamas Hope Motiv) Arbeit an der Ungdomshuset-Bauluecke.

Uebrigens heisst der Weltfrauentag auf Englisch International Women’s Day und auf Dänisch – ein wenig agressiv – Kvindernes internationale kampdag, Internationaler Kampftag der Frauen.


Kopie und Studien zu Christian Krohgs "Albertine im Wartezimmer des Polizeiarztes" im Kunstverein Gammel Strand, Kopenhagen

Kopie und Studien zu Christian Krohgs “Albertine im Wartezimmer des Polizeiarztes” im Kunstverein Gammel Strand, Kopenhagen

KOPENHAGEN. Sex sells, das ist nicht neu. Doch so viel Prostituierte im Kunstverein Gammel Strand in Kopenhagen derzeit auch zu sehen sind, expliziter Sex wird nirgends dargestellt. Warum auch.

Dennoch hat der norwegische Maler Christian Krohg (1852-1925) vor über hundert Jahren mit seiner Darstellung von Prostituierten für einen Skandal gesorgt. Die Zensur war schnell zur Stelle als er “Albertine” publik machte.

“Albertine” so heißt die Näherin, die zur Prostituierten wurde und von Staat und Gesellschaft verachtet wurde, und deren Geschichte Krohg erzählt.

Doch weniger als das gemalte “Albertine”-Bild sorgte der gleichnamige Roman von Krohg für einen Skandal. Dabei hatte er nichts anderes getan als die Lebenswirklichkeit in seiner Heimatstadt darzustellen. Dort war Prostitution nämlich verboten, gleichzeitig durften die Prostituierten sich nicht zu jeder Zeit frei auf der Straße bewegen und mußten sich regelmäßig beim Polizeiarzt melden und über etwaige Geschlechtskrankheiten Buch führen. Diese Dokumente wurden so gut aufbewahrt, dass viele davon noch in Oslo im historischen Archiv zugänglich sind.

Nachdem die Prostituierten in der norwegischen Hauptstadt Oslo sogar Teile der Fußgängerzone bevölkerten, ist Norwegen vor einigen Jahren dem Beispiel Schweden gefolgt und hat den Kauf sexueller Dienstleistungen unter Strafe gestellt. Anders als zu Krohgs Zeiten soll nicht die Prostituierte, sondern der Freier bestraft werden.

Krohgs Bilder sind ein guter Anlaß darüber nachzudenken, wie manche Probleme über Jahrhunderte verschleppt werden und inwieweit der Staat mit Gesetzen möglicherweise zu Stigmatisierungen beiträgt. Krohg sah die Prostituierten nicht als Muse der Männer wie es andere Künstler taten, sondern als Opfer – der Gesellschaft, der Männer und von Polizeibeamten. Er schrieb und malte nicht nur Alltagsszenen aus deren Leben, sondern heuerte sie auch als Modelle an und zwar um die rauhe Seite von deren Lebenswirklichkeit zu zeigen.

Gleichzeitig strahlen die Frauen häufig jene Würde aus, die auch der schwedische Maler Anders Zorn (1860-1920) seinen Modellen gab – gleich welcher Herkunft.

Wer je in der Osloer Nationalgalerie war, dürfte das in Lebensgröße gemalte Porträt von Albertine und den anderen Prostituierten gesehen haben. Lange hing es unübersehbar im Treppenhaus, nun ist es in einen Saal umgezogen worden. So sollen Besucher viel mehr den Eindruck haben, der Szenerie auf Augenhöhe zu begegnen und ein Teil davon zu werden.

Weil das Gemälde nicht ausgeliehen wird, ist in Kopenhagen nur eine Kopie zu sehen. Glücklicherweise beging man im Kunstverein Gammel Strand nicht den Fehler und präsentierte eine gerahmte Kopie auf Leinwand. Zwar hätten viele so womöglich den Eindruck bekommen, es handle sich um das Original, doch das Motiv direkt auf die Wand aufzutragen, ist ehrlicher und würdigt den Malprozess. Daneben sind zwei kleine Studien zu sehen. Sie zeigen das Krohg ein Foto als Vorlage erstellte. Echte Prostituierte stellten sich als Modelle zur Verfügung, während der Maler die Rolle des Polizeiarztes übernahm.

Mehrfach gemalt hat er auch seine (spätere) Frau Oda. Mit in die Hüften gestemmten Händen lächelt sie selbstbewusst auch auf dem Katalog. In gleicher Kleidung und Positur ist sie von ihm ein paar Jahre später nochmals gemalt worden. Der Katalog zeigt, dass Oda eindeutig in derselben Positur auch in einer Arbeit Edvard Munchs (Kristiania Boheme II, 1895) auftaucht. Hier steht sie im Hintergrund am Ende eines Tisches, an dem rauchende und trinkende Männer sitzen. Während Krohg sine Lebenspartnerin als anpackende, fröhliche Frau zeigt, stellt Munch (1863-1944) sie als Femme Fatale dar. Da ist es, das bohemische Kristiania (heute Oslo), das der Ausstellung den Titel gab.

“Christian Krohg – Tiden omkring Kristiania Bohemen”, kuratiert von Anne Kielgast, Gl Strand und Vibeke Waallann Hansen, Norwegisches Nationalmuseum, ist noch bis 1. Juni 2014 zu sehen in Kunstforening Gammel Strand in Kopenhagen.


KOPENHAGEN. Der “Selfie” von Helle Thorning-Schmidt hat die danische Premierministerin im Ausland bekannt gemacht. Mittlerweile weiss sogar die AFP, wer die Frau zwischen Cameron und Obama ist. Dass sie daheim in ziemlichen Problemen steckt, ist hingegen womoglich noch nicht uberall angekommen (genauso wenig wie die Umlaute hier – Dank amerikanischer Tastatur/Systemsprache). Die Sozialdemokratin hat namlich gleich eine ganze Reihe Regierungsmitglieder durch Rucktritte verloren.

Heute nun prasentierte sie ihr neues Kabinett. Das, so Thorning-Schmidt, solle in dieser Konstellation bis zu den Wahlen bestehen bleiben. Entweder gibt sie sich selbstbewusst. Oder lasst durchblicken, dass weitere Fehltritte vorgezogene Neuwahl bedeuten.

Mehr zum politischen Chaos in Danemark und wie die Regierungschefin dem Herr zu werden versucht gibt es in zwei meinen Artikeln bei The Wall Street Journal zu lesen (gestern und heute und stets auf Englisch).


Der H-Block in Oslo rund zwei Monate nach dem Terroranschlag (Foto: Bomsdorf).

Der H-Block in Oslo rund zwei Monate nach dem Terroranschlag (Foto: Bomsdorf).

OSLO. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass der norwegische Terrorist Anders Behring Breivik in seiner Heimat tödliche Angriffe ausführte. Bei der Bombenexplosion im Regierungsviertel von Oslo tötete er acht Menschen. Etliche offizielle Gebäude wurden beschädigt und stehen deshalb bis heute leer. Im Sommer wurde vorgeschlagen, die Bürobauten H- und Y-Block abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen.
Doch das ist nicht nur wegen der en architekturhistorischer Bedeutung umstritten, sondern auch, weil unter anderem Pablo Picasso Kunst am Bau eigens für diese Häuser entworfen hat. Mehr dazu in meinem Artikel in der heutigen Ausgabe von The Wall Street Journal.

 


KOPENHAGEN. Der European Song Contest war bisher nie mein Thema, doch dieses Jahr fand der Wettbewerb direkt vor der Haustür statt und das Wall Street Journal war sehr interessiert. Also traf ich mich Freitag bis Sonntagfrüh mit zwei Kollegen in Malmö, um einen Blog und Stream zu betreiben. Dazu kam ein Artikel in der Print-Ausgabe. Der Stream ist weiterhin im Netz und hoffentlich auch im Nachhinein noch interessant. Hier geht’s lang.

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KOPENHAGEN. Oh du fröhliche, oh du seelige geschlechtsneutrale Kinderweihnachtszeit! So sollte es passenderweise aus schwedischen Wohnstuben klingen. Denn in dem nordeuropäischen Land ist ein geschlechtsneutraler Spielzeugkatalog erschienen. Da tragen Mädchen Spielzeugpistolen und halten begeistert Fußbälle in der Hand während Jungs mit rosa Frisörsets um der Hüfte herumlaufen und mit bunten Schleifen dekorierte Hündchen ausführen. „Beim Reklameombudsmann, der in Schweden eine Frau ist, war mal Beschwerde eingegangen, dass Top-Toy zu sehr die klassischen Geschlechterrollen zeige. Nun machen wir es anders“, so Anne Dorte Erstad Jørgensen von „Top-Toy“. Niemand soll der größten nordeuropäischen Ladenkette für Spielzeug vorwerfen können, sie sorge dafür, dass die Kinder schon im Spiel in spätere Geschlechterrollen gedrängt werden.

Deshalb spielen Junge und Mädchen zwar auf der Titelseite des Weihnachtskataloges noch harmonisch Restaurant, doch weiter hinten ist es dann der männliche Nachwuchs der die süßen, mit bunten Schleifen dekorierten Hundestofftiere an den farbig leuchtenden Leinen hält. Wenige Seiten später föhnt ein kleiner Junge hingebungsvoll ein Mädchen – was schon lange Alltag im Kinderzimmer ist wird nun auch in der Reklame gezeigt. Und Jahre nachdem Frauen im Militär zugelassen wurden dürfen sie auch im Spielzeugkatalog Waffen tragen: Mit konzentriertem Gesichtsausdruck hat ein Mädchen die Finger am Auslöser der mächtigen Pistole des Schießspiels „Laser M.A.D.“ .

Schweden gilt international als Paradies der Gleichstellung. Erst vor wenigen Monaten wurde begonnen ein drittes, geschlechtsneutrales Personalpronomen einzuführen. Bis auf den kleinen Unterschied sind Geschlechtsunterschiede doch nur antrainiert, so lautet die Meinung vieler Schweden. Dies soll die Reklame wieder spiegeln.

Wirklich konsequent ist „Top-Toy“ aber nicht. So schläft im Justin-Bieber-Bettzeug kein Junge und im Katalog für die 18 „BR Spielwaren“-Läden, die „Top-Toy“ in Deutschland betreibt, ist es wieder ein Mädchen, das den Föhn benutzt und die Hündchen ausführt.

Hier dazu mein Artikel aus der Welt.


KOPENHAGEN. Von der Eröffnung des neuen Domizils des Astrup Fearnley-Museums in Oslo hatte ich hier und bei art online schon berichtet. Das private Haus war von Anfang an kritisiert worden – was überhaupt nicht heißen soll, das Kritik überwog. Es kam kritische Kommentare, aber Kritik sollte einen ja üblicherweise voran bringen. Es ging z.B. darum, dass manch einem das neue von Renzo Pianos Büro entworfene Gebäude zu protzig war (eine Ansicht die ich nicht teilen kann) oder dass die Sammlung des Hauses nicht gut genug sei (es ist aber ein Privates Museum und kann von daher anderen Ansprüchen genügen als ein staatliches).

In den letzten Wochen aber hat die Kritik zugenommen. Genaugenommen seit Astrup Fearnleys Lundin als Sponsor verkündet hat. Die norwegische Tochter des schwedischen Konzerns stützt das Museum fortan finanziell – so wie schon einige andere zuvor. Das hat einen Aufschrei beim Netzmedium kunstkritikk.no hervor gerufen.

Denn Lundin ist nicht irgendeine Firma, sondern eine besonders umstrittene Ölfirma aus Schweden. Womöglich hat sie sich in Äthiopien Menschenrechtsverletzungen zu schulde kommen lassen. Pikanterweise war der jetztige schwedische Außenminister Carl Bildt bei Lundin im Aufsichtsrat. International bekannter wurde die Geschichte als die schwedischen Journalisten Martin Schibbye und Johan Persson in Äthiopien unter Terrorismusverdacht festgenommen und lange in Haft gehalten wurden. Sie hatten dort zu Lundins Vorgehen recherchieren wollen (im Mediummagazin gab es einen Beitrag von mir zum Thema.

Wegen der Vorwürfe hatte Jonas Ekeberg vom norwegischen Online-Kunstmedium Kunstkritikk.no dazu aufgerufen einen Empfang im Astrup Fearnley-Museum zu boykottieren. Nein zum Champagner im Astrup Fearnley-Museum, forderte er in einem Beitrag und lud stattdessen zu Bier und Würstchen in Kunstnernes Hus. Klischeehafter nach dem Motto “ihr (Bösen) da oben – wir (Unschulidgen, Guten) da unten” geht es kaum. Als bestünde die Welt nur aus absoluten Gegensatzpaaren wie eben Gut und Böse, schwarz-weiß oder eben Bier-Champagner. Keine Frage, Ekebergs kritische Fragen sind berechtigt und können zu notwendigen Diskussionen führen, doch vorgebracht werden diese in schlechter alter Manier und ignorieren zudem ein moralisches Dilemma, in dem der anklagende Fragesteller selber steckt. Kunstkritikk nämlich bekommt jede Menge Geld vom Staat, der wiederum massiv bei Lundin investiert ist. Eigentlich, so sagt von mir befragt zum Beispiel die Galeristein Maria Veie, müsste Ekeberg in letzter Konsequenz auf Staatsgeld verzichten. Ihr geht es aber vielmehr darum zu zeigen, dass in der komplexen Welt womöglich auch die Anklagenden sich Fragen stellen müssen. Und nicht zuletzt Veie selber (obwohl sie gar nicht zu den großen Anklägern gehört, aber auch sie bekommt für die Aktivitäten ihrer Galerie immer mal wieder staatliche Gelder).

Für The Art Newspaper habe ich den Streit zusammengefasst, hier ist mein Artikel online auf Englisch zu lesen.


Wie man's nimmt: Das Land stellt sich quer oder steht Kopf - an deutsche Verhältnisse will man sich hingegen nicht gewöhnen. (Ausriss aus der Zeitung Politiken; Foto: Bomsdorf)

Wie man’s nimmt: Das Land stellt sich quer oder steht Kopf – an deutsche Verhältnisse will man sich hingegen nicht gewöhnen. (Ausriss aus der Zeitung Politiken; Foto: Bomsdorf)

KOPENHAGEN. Während die großen Wirtschaftsnationen erstaunt darüber sind, wie gut es Deutschland wirtschaftlich inmitten dieser Krise geht, wird in Dänemark vor deutschen Verhältnissen gewarnt. Das neuste Argument gegen Lohnkürzungen und -zurückhaltung ist der südliche Nachbar. In Deutschland mag man fürchten auf rumänischem Niveau zu landen, die Dänen aber sehen es derzeit als größten realen Schrecken an, Löhne wie in Deutschland akzeptieren zu müssen.
Dänemark, das wirtschaftlich in der EU zu den führenden Nationen gehört, ist auf dem absteigenden Ast. Die Produktivität entwickelt sich schlechter als in Schweden und Deutschland und während die Staatverschuldung zwar noch sehr gering ist, liegt die Arbeitslosigkeit mittlerweile über deutschem Niveau. Die Opposition hat sich gerade ein schärferes liberales Profil gegeben, die sozialdemokratisch geführte Mitte-Links-Regierung hingegen versucht am Dänemark mit recht hohen sozialen Standards festzuhalten. Da wird der große südlische Nachbar gerne als mahnendes Beispiel herangezogen. Eins jedenfalls ist wissenschaftlich erwiesen: Weil Arbeit in Dänemark so teuer ist, ist man zu guter Qualität verdammt, denn weniger Gutes gibt es woanders billiger.

KOPENHAGEN. Seit kurzem ist es soweit – das von Lars von Trier konzipierte Gesamtkunstwerk “Gesamt” ist fertig (zu viele “von” und “gesamt” in diesem Satz, aber ein zu viel passt bei dieser Arbeit ganz gut). “Disaster 501 – What happened to Man?” lautet der neue Titel – das klingt nach Christoph Schlingensief (hier ein kurzer Nachruf und hier ein Text über meine Begegnung mit ihm beim Reykjavik Arts Festival) und ein wenig passt das, schließlich ist auch das neuste Filmprojekt des Dänen ein wenig anarchistisch. Der Regisseur hat sechs Kunstwerke ausgewählt, damit wer sich dazu berufen fühlt, davon inspiriert selber ein Ton- oder Bild-Werk erstellt und digital an von Triers Mitarbeiterin Jenle Hallund sendet, die daraus “Desaster 501″ gemacht hat (organisiert hat das Ganze Christian Skovbjerg Jensen).

Zu den Kunstwerken zählte unter anderem eine Episode aus August Strindbergs Stück “Der Vater”, “D’où Venons Nous / Que Sommes Nous / Où Allons Nous” von Paul Gauguin, der Molly-Monolog, der James Joyce “Ulysses” beendet, sowie Albert Speers Zeppelintribüne. Passend dazu und beinahe um Aufmerksamkeit buhlend, startet die Homepage http://www.gesamt.org mit einer Grafik, die einen Martin Kippenbergers Titel “Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken” innerlich ausrufen lassen. Lars von Trier did it again. Er provozierte mit Nazi-Bezügen. Nicht sonderlich originell.

Was von dem gesamten Film zu halten ist, habe ich bei art online geschrieben.

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