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KOPENHAGEN. Drei Bürgerrechtlerinnen teilen sich dieses Jahr den Friedensnobelpreis. Eine von ihnen, Ellen Johnson Sirleaf, hat mein Kollege Andrzej Rybak kurz zuvor für die Financial Times Deutschland besucht – erschienen ist das Portrait gestern, gelesen werden kann es hier.

KOPENHAGEN. Gebanntes Warten. In rund einer halben Stunde wissen wir’s. Wissen, wer diesjähriger Friedensnobelpreisträger wird. Es ist der größte Tag im Jahr des norwegischen Fernesehens. Auf der Homepage wird deshalb bereits bis zum Sendestart der Liveübertragung aus dem Nobelfriedensinstitut rückwärts gezählt.

NRK vor der Liveberichterstattung. (Screenshot von der Homepage nrk.no)

NRK vor der Liveberichterstattung. (Screenshot von der Homepage nrk.no)

OSLO. Ein leerer Stuhl, eine rotes Kleid, heruntergelassene Rollläden – so symbolisch wie dieses Jahr war die Zeremonie zur Verleihung des Friedensnobelpreises wohl selten. Wie jedes Jahr sind auch an diesem 10. Dezember internationale Persönlichkeiten und hochrangige Vertreter der mächtigsten Staaten in das Rathaus der norwegischen Hauptstadt gekommen.

Auf dem Podium bleibt ein Stuhl leer. Die Hauptperson ist abwesend. Liu Xiaobo, der am gestrigen Freitag mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis geehrt wurde, ist nur durch ein Foto vertreten. Lächelnd zeigt ihn das riesige Bild, das an der Wand hängt. Doch er selber sitzt gefangen in China.

Ganz vorne im Mittelgang im Osloer Rathaus sitzt Königin Sonja und klatscht in die Hände. Sie trägt ein rotes Kleid – obwohl die Heimat des Preisträgers die Zeremonie boykottiert und keinen Regierungsvertreter geschickt hat, ist die Nationalfarbe Chinas im Osloer Rathaus also unübersehbar.

Statt des Preisträgers hält Liv Ullmann eine Art Ersatzdankesrede und liest einen Text von Liu Xiaobo vor. Nicht irgendeinen, sondern seine Verteidigungsrede, gehalten vor einem Gericht in China im Dezember 2009. „Meinungsfreiheit ist die Grundlage der Menschenrechte, die Quelle der Humanität und die Mutter der Wahrheit. Freiheit zu strangulieren bedeutet die Menschenrechte mit Füßen zu treten, Menschlichkeit zu ersticken und die Wahrheit zu unterdrücken“, trägt Ullmann Liu Xiaobos Worte vor.

Liu Xiaobo hat sich gewünscht, dass diese seine Worte vom Prozess vor einem Jahr nun in Oslo nochmals verlesen werden, denn so wendet er sich an die Öffentlichkeit. Immerhin, diesen Wunsch nach draußen zu tragen, konnten die chinesischen Behörden nicht verhindern. In Oslo gibt sich die Volksrepublik zugeknöpft. Zwar werden auf der Homepage der Botschaft jede Menge statements gegen die Preisverleihung veröffentlicht, doch niemand geht in der Vertretung des Landes ans Telefon. Stünden nicht die Autos vor dem Botschaftsgebäude im noblen Westen der norwegischen Hauptstadt und wären da nicht die frischen Spuren im Schnee, man könnte meinen, China hätte sich aus Norwegen zurückgezogen. An allen Fenstern sind die Rollläden heruntergelassen, kein Mensch ist zu sehen. Das sah am Vortag noch anders aus. Donnerstag waren immerhin die chinesischen Regimegegner zur Stelle und protestierten vor der Botschaft für Liu Xiaobo.

Bereits viermal zuvor hatte ein Geehrter nicht nach Oslo kommen können, um den Preis anzunehmen. Doch selbst die Diktaturen in Polen, der Sowjetunion und Burma konnten nicht verhindern, dass Verwandte von Andrej Sakharov, Lech Wales und Aung San Suu Kyi den Preis entgegennahmen. Deshalb wird China dieser Tage immer wieder gleichzeitig mit der Nazidiktatur in Deutschland genannt. Denn Deutschland unter Hitler ist der andere Staat, der einen Preisträger nicht aus der Gefangenschaft entlassen wollte, um nach Norwegen zu reisen. Carl von Ossietzky, der 1936 den ihm im Jahr zuvor anerkannten Nobelpreis entgegennehmen sollte, saß damals im Konzentrationslager. Wie China heute, so versuchte Deutschland damals, möglichst viele von der Teilnahme an der Zeremonie in Oslo abzuhalten. Diese Parallele wird von den Medien immer wieder aufgegriffen, das Nobelkomitee aber hält sich mit diesem Vergleich zurück. Chinas Gebahren mit dem Hitlers zu vergleichen könnte zu sehr danach aussehen die beiden Regime auch nur ansatzweise gleichzusetzen. Dafür erinnert Jagland daran, dass selbst der Iran im Jahr 2003 die damalige Preisträgerin, die iranische Menschenrechtsaktivistin Shirin Ebadi, nicht daran gehindert habe, nach Oslo zu reisen, ja, damals sogar der iranische Botschafter in Norwegen zur Zeremonie gekommen sei. Solche Mahnungen müssen der chinesischen Führung, die international sonst besseres Ansehen genießt als die iranische, wehtun und – so hofft Jagland vermutlich – sollten ihr zu denken geben. Gleichzeitig lobte er China für die enorme wirtschaftliche Entwicklung, die das Land durchgemacht hat. Es müsse sich aber auch sonst öffnen, mahnt Jagland an. China wird die Rollläden an der Botschaft in Oslo irgendwann wieder öffnen müssen, vielleicht darf dann auch Liu Xiaobo Medaille und Preisgeld abholen. Wenn er seiner Frau davon dann als erstes ein Kleid rot wie das der norwegischen Königin kauft, so wäre es nicht nur ein Liebesbeweis an seine langjährige Partnerin, sondern auch an China und die Freiheit.

Noch mehr Eindrücke aus Oslo stehen in dem Text, den ich von dort für Die Welt schrieb. Online hier zu lesen.

Hallo, jemand da? - Chinas Botschaft in Oslo am 10.12.2010. (Foto: Bomsdorf)

Hallo, jemand da? - Chinas Botschaft in Oslo am 10.12.2010. (Foto: Bomsdorf)

OSLO. Die Botschaft der chinesischen Botschaft in Norwegen ist auch non-verbal zu verstehen. Trotz strahlendem Winterwetters waren alle Rollläden heruntergelassen. Kurz bevor ein paar Kilometer entfernt im Rathaus der norwegischen Hauptstadt die Zeremonie für die Verleihung (aber nicht Übergabe) des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo gefeiert wurde, glich die Vertretung Chinas dem Sitz eines äußerst öffentlichkeitscheuen Menschen.

OSLO. Sie sind sehr effizient die Norweger. Kaum war US-Präsident Barack Obama am Freitagfrüh aus Oslo abgereist, war die Stadt auch schon aufgeräumt, lediglich auf den Gehsteigen waren noch Zeichen der Obama-Hysterie zu erkennen: die Gullideckel im Zentrum sind noch verplombt. So groß der Polizeiaufmarsch für norwegische Verhältnisse war, in Deutschland kann sicherlich das ein oder andere Zweitligafussballspiel mithalten, zumindest wenn die Geheimagenten außer acht gelassen werden. Die Zeitungen zeigten die klassischen Bilder, ein Boulevardblatt war origineller und wies drauf hin, dass es selbst beim Besuch des US-Präsidenten menschlich imperfekt zu geht: im Schloss lag die Kabelleiste ähnlich chaotisch auf dem Fussboden wie in meinem Büro und Thorbjørn Jaglsnd, Vorsitzender des Nobelkommittes mußte von Geir Lundestad zurückgehalten werden – er wollte wohl das Flugfeld verlassen ohne Obama, der längst in der Air Force One verschwunden war, bis zum Schluss zu winken.

OSLO. Bei dieser Überschrift kann es natürlich nur um Literatur gehen. Barack Obama hat vor gut zwei Stunden in Oslo den Friedensnobelpreis entgegen genommen. In seiner etwas mehr als halbstündigen Dankesrede (die hoffentlich bald hier online steht) sprach er vor allem von einem: Krieg und von dessen Notwendigkeit. “Krieg in der ein oder anderen Form, tauchte mit dem ersten Menschen auf”, so der US-Präsident. Auf friedliche Weise hätten weder Hitlers Armeen gestoppt werden können, noch könne Al Qaeda so dazu bewegt werden die Waffen niederzulegen. Der Friedenspreisträger als Kriegsminister, als Realist. Wenngleich als einer, der die Vereinten Nationen würdigte.

Welch anderen Tenor hatte da der am 7. Dezember gehaltene Nobel-Vortrag der Schriftstellerin Herta Müller, die den Literaturnobelpreis erhielt. Sie war es, die viel mehr als Obama von Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe sprach – auch in Zeiten des Krieges. Dabei war es nicht eine Literatin, die als Utopistin sprach, Müller schilderte ihre eigenen Erfahrungen in Krieg und Frieden.

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