You are currently browsing the category archive for the ‘Meinung’ category.

KOPENHAGEN. Morgen präsentiert Bang & Olufsens neuer Vorstandschef Tue Mantoni seinen Strategieplan für den “Hersteller hochwertiger Unterhaltungselektronik”. B&O wird auch weiterhin mit besonders reizvollem Design verbunden. Doch in letzter Zeit ist das Wort reizvoll in diesem Zusammenhang anders zu interpretieren als früher, weniger, dass es einen ganz besonderen Reiz hat als vielmehr, dass es reizt im Sinne von provoziert. Denn gefällige Entwürfe sieht man bei B&O immer weniger, finde ich. Wer weiß, vielleicht wird morgen ja wieder ein “Back to Basics” verkündet. Ich glaube es nicht. Für Welt und art habe ich über B&Os aktuelles Design und darüber, wie wenig es zur Designgeschichte des Unternehmens passt, geschrieben. Der Dolly Parton Bezug wird in beiden Artikeln aufgeklärt, im Schlafzimmer taucht sie nur bei art auf.

KOPENHAGEN. Plötzlich ist er wieder unterschwellig da, zwischen den Zeilen taucht er auf – der deutsch-dänische Kleinkrieg. In den Wochen nachdem Dänemark angekündigt hat, die Grenzen künftig stärker kontrollieren zu wollen, lässt Deutschland schwere verbale Geschütze auffahren. Die Spitzen von Politik und Diplomatie kritisieren das Nachbarland scharf. Erst ruft Außenminister Westerwelle seine dänische Kollegin an und verkündet das in einer Pressemitteilung, dann folgen Hoyer und Zimmermann sowie der deutsche Botschafter in Kopenhagen. Nein, was Dänemark da plane, das ginge nicht, lassen sie über die Medien die Öffentlichkeit und Politik wissen. Schön und gut, aber Hoyers Aussagen kommen in Dänemark so an als fürchte er ein extrem nationalistisches Dänemark. Schließlich bringt das ZDF noch eine Satiresendung in der der Grenzbezirk zum neuen Todesstreifen wird. Nein, das finden viele Dänen gar nicht komisch.

Vielleicht greifen sie deshalb ungefähr zur selben Zeit im Juni den deutschen Künstler Thomas Kilpper verbal an. Dieser ist einer der achtzehn Außerwählten, die Dänemark auf der Biennale in Venedig vertreten dürfen. Ohnehin wurde schon vor Wochen geklagt, dass von den dänischen Künstlern im dänischen Pavillon nur zwei Dänen sind. Als dann Kilpper seine Arbeit zeigte, war der Ärger da: Dänische Spitzenpolitiker würden dort mit Füßen getreten, klagten Kunstbürokraten und Politiker. Kilpper nämlich hatte den Boden des Pavilloanbaus mit Politikerportraits ausgeschmückt. So als seien es römische Mosaike zierten sie den Boden und wer hineinging, trat zwangsläufig drauf, so auch ich als ich Anfang Juni in Venedig war. Diese Symbolik war Kilpper, der unter anderem Pia Kjærsgaard, Chefin der dänischen Rechtspopulisten, und Angela Merkel im Boden verewigte, sicher recht. Die Reaktionen der dänischen Politiker zeigen wie auch schon deren Klagen über zu wenig dänische Beteiligung, dass Meinungsfreiheit bei ihnen vielleicht gar nicht so hoch im Kurs steht wie sie vorgeben. Meinungsfreiheit ist auch Thema des dänischen Biennale-Beitrags. Diesem der dänischen Politik zu Zeiten der Mohammed-Krise so wichtigen Gut gemäß, hätten sie vielleicht einfach sagen sollen „Lasst den Künstler sich doch äußern wie er mag“.

Es ist ein paar Jahre her, da versuchten ein paar dänische Medien den Deutschenhass in Ihrem Land herbeizuschreiben. Damals war gerade das Buch „Den som blinker er bange for døden“ von Knud Romer erschienen. Wenig später kam es unter dem Titel „Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod“ dann auch in Deutschland heraus. Romer schildert in dem Roman wie sein Namensvetter als Sohn einer Deutschen und eines Dänen in der dänischen Provinz in den 1960ern aufwächst. Er hat gelitten und die Abweisung durch Schulkameraden als Verschmähung seiner deutschen Seite aufgefasst. Doch der Deutschenhass von dem einige Blätter damals schrieben, es musste lange gesucht werden um ihn zu finden. So gut das Buch war, taugte es nicht einen im verdeckten doch noch immer vorhandenden Konflikt zwischen den beiden Nachbarländern ausfindig zu machen. Bleibt zu hoffen, dass die jetzigen deutsch-dänischen Unruhen von einem eigentlich sehr freundschaftlichen Verhältnis künden, einem nämlich, in dem man sich kritisiert, um einander zu helfen.

Für Die Welt schrieb ich hier über Kilppers Pavilion und hier über den Trend gen Rechts in Dänemark.

KOPENHAGEN. Die FAZ macht im Feuilleton gerne Politik. In den vergangenen Wochen war das vor allem in der Atomkraft-Debatte zu beobachten. Frank Schirrmacher schien die Grünen und die argumentierenden (nicht blockierenden) Castor-Gegner abhängen zu wollen.

Was die Kunst angeht, ist immer wieder Ähnliches zu beobachten. Kürzlich besonders ausgeprägt wie Julia Voss für die schwedische Künstlerin Hilma af Klint warb. Die soll 2013 in einer großen Ausstellung im Moderna Museet in Stockholm gewürdigt werden. Voss nun meint, dass die außer in Fachkreisen nahezu unbekannte af Klint den nahezu allen bekannten Wassily Kandinsky vom Thron stoßen werde und solle. Und zwar von jenem Thron, den Kandinsky innehabe, weil er angeblich das erste abstrakte Gemälde der Kunstgeschichte erstellt habe. Doch was ist dran?, fragten nicht nur die FAZ-Leser sich, sondern auch ich (womöglich parteiische) af Klint-Experten wie Ulf Wagner, außerdem Moderna-Direktor Daniel Birnbaum und natürlich Voss und versuche bei der online Ausgabe des Kunstmagazins art die Hintergründe etwas zu erläutern (hier mein Text).

ZÜRICH. Der Paradeplatz ist eine der feinsten Adressen in der gefühlten Schweizer Hauptstadt Zürich. Neben Finanzinstituten und noblen Ladengeschäften unterhält hier auch die Mini-Kette Gmurzynska eine Filiale. Die Galerie gehört zu den bekanntesten der Kunst-Welt und ist auch im Nobelskiort St. Moritz und im Steuerparadies Zug präsent. (Das ehemalige Stammhaus in meiner Heimatstadt Köln gibt es aber leider nicht mehr). Bei Gmurzynska hat es leider nicht zur Poe Position gereicht, die Galerie hat die Adresse Paradeplatz 2, aber so vermute ich, das liegt nur daran, dass die 1 langfristig vermietet ist. Gmurzynska zeigt und verkauft Arbeiten der bekanntesten Künstler - darunter Alexander Rodchenko, Pablo Picasso, Fernand Legér und Sol LeWitt. Zwischen letzteren beiden steht auf der alphabetischen Künstlerliste der Galerie neuerdings Jani Leinonen. Seit gut zwei Jahren ist der finnische Künstler bei Gmurzynska. Er fällt auf der Liste nicht nur wegen seines Jungen Alters (geb. 1978) aus dem Rahmen, auch die Kunst hat nichts von der Wohlgefälligkeit, die mittlerweile für viele Werke der klassischen Moderne gilt. Vor seinen Bildern mögen sicher nicht viele Damen in den 60ern ihre Kaffekränzchen abhalten: Leinonen übermalt Porno-Bilder, indem er den Abgebildeten Kleidung zum Beispiel im Stil bekannter Marken wie Chiquita “anzieht” oder verfremdet Packungen für Frühstücksflocken mit zweideutigen Abbildungen, seine Kunst hat also eher etwas davon, wenn sich ein pubertierender der Pop-Art annimmt.

Nun ist Leinonen auch noch zum Aktivisten-Künstler geworden. Im Frühjahr entführte er mit der selbsternannten Food Liberation Army (FLA) eine Ronald McDonald-Figur aus einem Restaurant der Burger-Kette Mc Donald’s. Es sollte ein klassisches Kidnapping werden, nur dass die Truppe um Leinonen kein Geld wollte, sondern von McDonald’s forderte, Fragen beantwortet zu bekommen. Fragen zu deren Wirtschaftsgebahren.

Komplett schwarz gekleidet und das Gesicht hinter Masken versteckt zeigen die Kidnapper sich in einem in der Ausstellung zu sehenden Entführungsvideo und fordern Mc Donald’s auf, einige Fragen zu beantworten: „Warum herrscht bei ihnen keine Offenheit über den Herstellungsprozess, Rohmaterialien und Zusatzstoffe?“, „Warum sind billige Produktionskosten ihr Hauptwert?“, „Kooperieren sie mit unethischen Akteuren?“. Doch der Großkonzern wollte unter diesen Bedingungen nicht antworten. Also raste das Fallbeil nieder. Auf Youtube und der Homepage www.freeronald.org zog und zieht das entsprechende Video hunderttausende an.  In seiner aktuellen Einzelausstellung bei Gmurzynska am Paradeplatz dokumentiert Leinonen die Aktion und zeigt unter anderem den geköpften Ronald. Für die Schweizer Sonntagszeitung schrieb ich aus diesem Anlass ein Kurzportrait von Leinonen, das hier zu lesen ist.

„Mc Donald’s muss sich grundlegend ändern und das wollen wir erreichen“, so Leinonen. Gleichzeitig steht die amerikanische Burgerkette für den Kapitalismus als solchen, den Leinonen gerne ethischer und umweltbewusster hätte.

 Kritik an Mc Donald’s ist politisch korrekt und seit Jahren en vogue, dennoch ist die Aktion alles andere als langweilig. Denn sie verbinden die Mittel militanter Aktivisten mit Humor und ersparen sich eine moralindurchsäuerte Anklage. Schließlich gehen Leinonen und die FLA mit dem Feind ins Bett und bekennen sich zu Mc Donald’s Slogan „I’m lovin it“. „Deren Essen ist einfach lecker und ich gehe sicher 30 mal im Jahr dort hin. Aber jedes Mal mit schlechterem Gewissen, weil die Produktionsbedingungen und Inhaltsstoffe inakzeptabel sind“, sagt der Künstler Leinonen.

Doch muss er sich vor einer anderen Wohlgefälligkeit schützen. Seine Arbeiten bleiben eine Gratwanderung. Ob aktivistisch oder in Pop-Art-Manier - sie  kritisieren gegebene Verhältnisse auf humoristische, für manchen sicher auch geschmacklose Weise. In den feinsten Museen und Galerien oder auf Biennalen (Leinonen war Teil des nordischen Pavillons auf der Venedig-Biennale 2009) vertreten zu sein, schafft den Arbeiten Aufmerksamkeit, nimmt ihnen aber auch etwas von ihrer Kraft. Denn damit sind sie für conspicuous consumption geadelt.

KOPENHAGEN. Selbstbespiegelung ist in den nordischen Ländern recht ausgeprägt, zumindest auf kollektivem Niveau. Wenn im Ausland über das eigene Land berichtet wird, ist das fast immer eine Schlagzeile wert. Schwedische Medien berichteten sogar in eigenen Artikeln, dass der Selbstmordattentäter vom Dezember in Stockholm international auf Interesse stieß – es schien als sei man stolz darauf.

Es muss wohl an einem gewissen Minderwertigkeitskomplex liegen, wenn jedes bisschen Aufmerksamkeit gleich zu einem Jauchzen führt. Aus einem großen Land mit (glücklicherweise) wenig Nationalstolz kommend, ist mir das ziemlich suspekt. Noch suspekter muss das wohl Chinesen sein. So wie Chinesen über Berlin oder München als Großstadt nur lächeln können, beschäftigen sie sich vermutlich auch nicht damit, dass ihr Land mal wieder irgendwo im Ausland in einer Zeitung steht.

Ingar Dragset vor "When a Country feels in love with itself", Kopenhagen 2008. (Foto: Bomsdorf)

Ingar Dragset vor "When a Country feels in love with itself", Kopenhagen 2008. (Foto: Bomsdorf)

Dänemark hat es mal wieder geschafft: “Anerkendt britisk avis laver hyldestguide til Danmark” (etwa: “Anerkannte britische Zeitung bringt lobpreisenden Dänemark-Führer”) titelt die online Ausgabe der linksliberalen Tageszeitung Politiken und schreibt voller Selbstzufriedenheit, wie toll die britischen Reisejournalisten Dänemark fänden (wenngleich sie über Rassismus klagen, auch das bleibt nicht unerwähnt). The Guardian hatte die entsprechenden Texte veröffentlicht. Wer dem Link dorthin folgt, kann das englische Original lesen.

Letztlich handelt es sich um nichts Weiteres als die klassische typische recht unkritische Reisetippberichterstattung. Aber so wie sich viele Schauspieler, die den Zenit überschritten haben oder jene, die nie die Spitzenliga erreicht haben, über jeden oberflächlichen positiven Artikel über sie freuen, mag er auch noch so substanzlos sein, so ist es wohl mit manch kleinen Ländern – Hauptsache man kann den Eindruck erwecken, wahrgenommen zu werden. Manchmal ist so etwas – bei Staaten wie bei Schauspielern – tragisch zu nennen. Dabei haben die Länder hier oben wie viele andere auch doch so interessantes zu bieten, warum also jedes bisschen Aufmerksamkeit aufbauschen wie ein Profilneurotiker? Vor drei Jahren präsentierte das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen und Dragset auf der U-Turn Quadriennale (die dann doch ein Einmalereignis blieb) das Werk “When a country falls in Love with itself” – sie stellten einen Spiegel vor dem dänischen Wahrzeichen Kleine Meerjungfrau auf.

Dies nicht aus Eitelkeit, sondern für diejenigen, die mehr lesen möchten: Für die online Ausgabe von art schrieb ich damals einen Artikel über U-Turn – zu lesen hier, im Interview, das ich im Herbst 2010 mit Elmgreen und Dragset für The Art Newspaper führte, sprechen sie auch über die Selbstbezogenheit Nordeuropas (wobei, was Michael Elmgreen hier sagt auch für Deutschland gelten dürfte – weniger für die seriöse Presse, aber die Bevölkerung als solche, dazu ein aktueller Text von Claudius Seidl aus der FAZ am Sonntag) – komplett nur in der gedruckten Ausgabe, ein Ausschnitt deshalb direkt im Blog:

TAN: Your works When a Country Falls in Love with Itself and Han clearly refer to the Little Mermaid. Ai Weiwei has also been influenced by Copenhagen’s famous sculpture. Why is it so appealing to tourists and artists?

ME: National symbols are always fun to investigate and work with. They tell us about national identity.

TAN: In Sweden, the new right-wing political party in parliament—the Sweden Democrats—argues against supporting non-figurative art. How do you feel, as Scandinavians, hearing that?

ME: It is totally out of touch with reality—the most conservative non-progressive art may be abstract art. But I’m not part of that society anymore: I am an emigrant, I moved somewhere else. I don’t lose sleep about tendencies in Scandinavia. It worries me more that three million people are homeless because of the flooding in Pakistan.

KOPENHAGEN. Gestern fand das Symposium „ Integrationspolitik in Skandinavien“ statt, das in Zusammenarbeit von Cevea Think Tank Dänemark und der Friedrich Ebert Stiftung organisiert wurde. Zahlreiche Wissenschaftler und Experten sprachen über optimale Maßnahmen, Herausforderungen und Möglichkeiten rund um das Thema Integration. Was mir an der Veranstaltung gefiel, war, dass sehr viele Fakten beziehungsweise Wissen rund um das Thema Migration und Integration vermittelt wurden.

Jedoch hat nicht jeder die Möglichkeit sich diffenziert mit der Thematik auseinanderzusetzen. Und darin liegt auch das Grundproblem: Jens Jonathan Stehen, der Direktor von Cevea Dänemark erklärte gestern, es gebe einen Mangel an fundiertem Wissen zum Thema Integration. Das ist vor allem besorgniserregend, wenn Migration und Integration derzeit inflationär verwendete Begriffe in den Medien und zwar sowohl in den skandinavischen Ländern als auch in Deutschland sind. Zusätzlich werden hitzige Debatten rund um das Thema Integration geführt, obwohl niemand genau weiß, was das ist. Und daher würde ich ein derartiges Symposium nur weiterempfehlen um den Mangel an fundiertem Wissen entgegenzuwirken. Sonst wird viel geredet, aber wenig gewusst und nur polarisiert. Daher, liebe Mitredner. Wie wärs‘ mit erst Wissen, dann Denken und bitte dann erst Reden?

Von Erwartungen niedergedrückt? Elmgreen & Dragsets Junge sucht Zuflucht im Kamin. (Foto: Bomsdorf)

Von Erwartungen niedergedrückt? Elmgreen & Dragsets Junge sucht Zuflucht im Kamin. (Foto: Bomsdorf)

KARLSRUHE. Niedergedrückt von der unsichtbaren Last auf den Schultern sitzt er im Kamin. Die herrschaftliche marmorne Feuerstelle ist der einzige Rückzugsort, die einzig verbliebene Nische in dem imposanten Ballsaal. Dorthin hat es den kleinen Jungen in seiner schicken Uniform verschlagen. Die verängstigt-deprimierte Haltung, die er einnimmt, ist bekannt – nicht nur womöglich aus eigener Erfahrung, sondern auch von Ron Muecks Skulptur ”Boy” (zu sehen im Kunstmuseum ARoS in Aarhus, Norddänemark).  Während es bei Muecks Jungen unklar bleibt, was diesen in die bedrückte Gemütslage versetzt hat, ist es bei dem Jungen im Kamin klar. Die Erwartungen, die an ihn gestellt werden, lasten auf ihm und hemmen ihn. Überm Kamin ist der kleine Junge nochmals zu sehen – als gemaltes Portrait. Er blickt ernst drein, zeigt aber Haltung. Braver Junge, so haben es die Eltern und sicher auch deren Bekannte gerne. Schließlich soll aus dem Jungen mal etwas werden, er soll die Tradition der reichen Familie, der der Ballsaal gehört, fortführen – wieso sonst hängt sein Bild am besten Platz im Hause. In einem Alter, in dem andere herumtollen, wird er in Uniform gezwängt und in Öl verewigt. Der Junge in doppelter Ausführung ist Teil der Ausstellung “Celebrity – The One and The Many” des Künstlerduos Elmgreen & Dragset im ZKM in Karlsruhe (kuratiert von Andreas F. Beitin, die Ausstellung wird im kommenden Jahr dann in Aarhus im ARoS gezeigt). Der Junge ist Detail dieser Ausstellung, nicht unwesentliches, aber sie würde auch ohne ihn funktionieren (jedenfalls ist es mir gelungen eine Kritik für art zu schreiben ohne auf ihn einzugehen – hier online zu lesen). Gleichzeitig funktioniert der Junge im Kamin mitsamt Portrait so gut als eigenständiges Werk, dass es nahelegt, Elmgreen & Dragset sollten zukünftig nicht mehr Prada in ihre Werke einbeziehen, sondern Patek Philippe:

..für die nächste Generation - aktuelles Anzeigenmotiv von Patek Philippe. (Foto: Bomsdorf)

..für die nächste Generation - aktuelles Anzeigenmotiv von Patek Philippe. (Foto: Bomsdorf)

Die beiden Künstler haben bereits mehrfach das italienische Modelabel Prada in einer ihrer Arbeiten aufgenommen. Unvergessen als sie im Oktober 2001 die Fenster der New Yorker Galerie Tanya Bonakdar mit Papier von innen verhängten und “Opening Soon Prada” im Originalschriftzug der italienischen Modemarke verkündeten – die Lieblingsmarke der globalen Kunstszene hatte anscheinend die Galerie ersetzt. In der texanischen Wüste postierten sie vier Jahre später einen Prada-Shop. Angesichts des aktuellen Werkes liegt es aber nahe, dass der schweizerische Uhrenhersteller Patek Philippe das neue Prada von Elmgreen & Dragset wird. (Natürlich) seit Jahren schaltet der Anzeigenserien mit einem Vater-Sohn-Paar aus der wohlhabenden Schicht. Der Sohn wirkt stets wie ein Abbild des Vaters, ebenfalls aufgehend in dem, was auch dieser tut. So soll es sein; auch in Zukunft. Wie der Vater so der Sohne. Bloß nicht ausscheren. Deshalb ist auch schon im Kindesalter klar, das der kleine einmal die Uhr vom Vater erben wird. Denn: “Eine Patek Philippe gehört einem nie ganz allein. Man erfreut sich ein Leben lang an ihr, aber eigentlich bewahrt man sie schon auf für die nächste Generation.” Doch mit dem Bewusstsein einmal die Uhr an den Sohn vererben zu wollen geht einher die Erwartungen weiterzugeben. Es wäre nicht verwunderlich wenn der Vater des Jungen im Kamin einer jener traditionsbewußten Patek Philippe-Träger ist.

KOPENHAGEN. In Malmö wird derzeit Jagd auf Menschen mit Migrationshintergrund gemacht. An der Bushaltestelle warten, in der Wohnung sitzend werden sie aus Entfernung angeschossen. Seit einem Jahr  hat es in der südschwedischen Stadt über 15 solcher Fälle gegeben, Schüsse fielen gar noch viel mehr. Eine Person kam ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt.

In Schweden werden Erinnerungen an einen ähnlichen Fall vor rund zwanzig Jahren wach. Damals schoss der so genannte Lasermann in Stockholm auf Menschen, die er für Immigranten hielt, eine Person wurde getötet. Sämtliche Opfer hatten dunkle Haut- oder Haarfarbe. Der Täter war selber Sohn von Einwanderern – die Mutter kam aus Deutschland, der Vater aus der Schweiz.

Damals wie heute war die politische Debatte in Schweden ungewöhnlich stark von Fremdenfeindlichkeit geprägt. Im Jahr 1991 als die Schießereien in Stockholm begannen, zog mit „Ny Demokrati“ (Neue Demokratie) erstmals eine rechtspopulistische Partei in das nationale Parlament ein. Der Wiedereinzug gelang den Rechten aber 1994 nicht. Im selben Jahr wurde der damalige Täter gefasst. Vor gut einem Monat schafften die „Sverigedemokraterna“ (Schwedendemokraten) den Einzug ins Parlament – zum zweiten Mal sind in Schweden Rechtspopulisten im Reichstag vertreten. In den 1990ern wie heute polemisieren die Rechten gegen Einwanderer. In Schweden wird gemutmasst, dass das politische Klima den Nährboden für die ausländerfeindlichen Taten bereitet haben könnte. Immer wieder werden die Schüsse deshalb im Zusammenhang mit den Schwedendemokarten genannt. Nicht dass jemand behauptet, die Partei würde aktiv zu entsprechenden Taten aufrufen, aber eben Ausländerfeindlichkeit salonfähig machen.

Doch obwohl in den Medien entsprechende Vorwürfe wieder und wieder zu hören sind, ist von den Schwedendemokraten zu dem Thema erstaunlich wenig zu hören. Als ich einen Text über die Schüsse für die Welt schrieb, rief ich deshalb bei der Partei an. Der Sprecher nahm Abstand von den Angriffen und bestätigte, was ich vermutet hatte, nämlich, dass kaum ein schwedischer Kollege bei den Schwedendemokraten um einen Kommentar zu den Vorwürfen gebeten hatte. Eine gelinde gesagt seltsame Arbeitsweise, die die schwedischen Journalisten da an den Tag legen. Die Partei vertritt alles andere als liberale Ansichten und polemisiert gegen Ausländer, doch sollte sie als Beschuldigte auch die Möglichkeit haben, zu Wort zu kommen.

„Wir halten diese Schüsse für bedauerlich, aber können keine Verbindung zu uns sehen“, sagte mir einParteisprecher. Die Partei habe stets die Einwanderungspolitik kritisiert, aber nicht sich gegen die einzelnen Einwanderer gewandt, so der Sprecher. Obwohl die Rhetorik der Schwedendemokraten in den schwedischen Medien mehrfach mit den Schüssen in Malmö in Zusammenhang gebracht werde, habe es nur wenige Anfragen heimischer Medien gegeben, dazu Stellung zu beziehen, sagte er. „Dass wir nicht kontaktiert werden, ist ein Teil der Hetze gegen uns“, sagte er. Genauso wie ich von den schwedischen Kollegen erwartet hätte, bei den Schwedendemokraten eine Stellungnahme einzuholen, hätte ich allerdings auch von der Partei erwartet, selber mit einer entsprechenden Meldung an die Presse zu gehen.

KOPENHAGEN. Karikaturen sind in Dänemark seit fünf Jahren ein großes Thema. Meist geht es natürlich um die Mohammed-Karikatur von Kurt Westergaard, doch auch die dänische Künstlergruppe Surrend hat mit Karikaturen und satirischen Aktionen für Aufsehen gesorgt, nicht zuletzt in Deutschland. Wie es bei Satirikern so ist, sind die Mächtigen dieser Welt auch bei Surrend gerne Ziel des Spotes – ob iranischer Präsident, burmesische Junta oder dänisches Königshaus. Letzteres zeigten Surrend vor zwei Jahren geköpft in einer Galerie (hier dazu ein Interview, dass ich mit den Künstlern für die online-Ausgabe von art führte). Eigentlich sollte am 13. Oktober im Plakatmuseum in Århus eine Surrend-Retrospektive eröffnen. Doch dazu kam es nicht. Denn die Künstler hatten zuvor angekündigt ein neues pornographisches Werk der dänischen Herrscher zu zeigen. Das aber fand der oberste Chef des Plakatmuseums, der Direktor des Freilichtmuseums Den Gamle By, gar nicht lustig und sagte nach einem kurzen hin und her die Ausstellung ab. Übrigens ist Königin Margarethe Patronin des Museums.

The bush is back - Das umstrittene Surrend-Plakat. (Foto: Surrend)

The bush is back - Das umstrittene Surrend-Plakat. (Foto: Surrend)

Natürlich rufen die dänischen Künstler, die mit ihren Aktionen natürlich die Öffentlichkeit suchen und ohne diese nicht zu leben können scheinen, jetzt laut “Zensur”. Das Motiv ist so übertrieben, dass mir die Aufregung unverständlich ist: sogar mit dem Schaf hat einer der Königlichen Sex – etwas klischeehafteres gibt es wohl kaum. Eine solche Zeichnung ist damit unweigerlich als Satire pur zu erkennen und doch eigentlich kein Grund zur Aufregung. Die wäre wohl auch erheblich geringer, wenn die Ausstellung nicht abgesagt worden wäre. Der Titel des Bildes lässt sich wohl am besten ins Englische übertragen: The bush is back. (Was uns zur Musikerin Peaches und ihrem Lied “Impeach my bush” bringt.)

Für The Art Newspaper habe ich den Fall zusammengefasst, zu lesen hier.

HAMBURG. Es ist keine Beleidigung, das Werk des Dänen Poul Gernes (1925 bis 1996) mit nur einem Wort zu charakterisieren: farbenfroh. Allein schon deshalb ist es eine gute Wahl, die bisher größte Gernes-Werkschau im Herbst, wenn Grau den Hamburger Himmel dominiert, in die Deichtorhallen einziehen zu lassen. Auch die Örtlichkeit ist bestens gewählt, denn Gernes braucht Platz – vor allem nach oben. Der klassische White Cube sperrt seine starken Farben ein. Die Deichtorhallen mit ihrer enormen Deckenhöhe hingegen ermöglichen die Entfaltung.

Streifen und Objekte - Installationsansicht der Gernes-Schau in den Hamburger Deichtorhallen. (Foto: Bomsdorf)

Streifen und Objekte - Installationsansicht der Gernes-Schau in den Hamburger Deichtorhallen. (Foto: Bomsdorf)

Gernes Arbeiten befreien sich in Hamburg sozusagen aus ihrem Cocoon. Darum ist es auch interessant zu sehen, wie oder besser gesagt wie eingeschränkt dessen Arbeiten in einem der hinteren Räume funktionieren, die mit ihrer niedrigen Deckenhöhe einem klassischen Museumsraum entsprechen. Deichtorhallen-Direktor Dirk Luckow, Kurator der Ausstellung, zeigt beides und natürlich auch einige weniger bunte Arbeiten von Gernes, inklusive seine berühmten Fotos von nackten Gesäßen auf Glasplatten platziert.

Gernes hat auch viele udsmyknings-Aufträge angenommen. Üblicherweise wird das dänische udsmykning mit “Kunst am Bau” übersetzt, doch in seinem Fall ist die wörtliche Übertragung ins Deutsche, also der Ausdruck “Ausschmückung”, passender. Denn, was Gernes an und in einigen Gebäuden in Dänemark, aber auch Deutschland gemacht hat, ist mehr als Kunst am Bau in Form an einer site specific installation. Gernes malte zum Beispiel das Krankenhaus im Kopenhagener Vorort Herlev von Innen an, auch eine Schule in Vesterbro und das Palads Kino – um einmal nur ein paar Projekte aus der Hauptstadtregion zu nennen.

Matisse auf Dänisch? - Riesenvorhang in der Gernes-Schau, davor: seine Tochter Ulrika vor viel Vernissage-Publikum. (Foto: Bomsdorf)

Matisse auf Dänisch? - Riesenvorhang in der Gernes-Schau, davor: seine Tochter Ulrika vor viel Vernissage-Publikum. (Foto: Bomsdorf)

Das Kino zeigt aber auch, wie schnell Gernes Idee kippen kann. Es ist ein schreiend bunt angemalter Bau mitten in Kopenhagen. Was wie ein Hundertwasserhaus Leben in die triste Ecke des Stadtzentrums bringen könnte, wirkt wie die Hochburg einer platten Vergnügungsmaschinerie weil ein Kino mit viel Werbebedarf in dem Gebäude residiert und versucht Gernes bunte Farben mit riesigen Reklamen zu übertrumpfen.  Aber immer noch origineller als die üblichen Cinemaxx-Bauten. Für die Oktober-Ausgabe von art schrieb ich eine Vorschau über die Ausstellung, mittlerweile auch online zu lesen und zwar hier.

Die Ausschmückungs-Arbeiten sind in Hamburg auf einem Bildschirm präsent, sollten aber unbedingt live gesehen werden. Wie gut, dass die Deichtorhallen gleich am Hamburger Hauptbahnhof liegen, so sind es von dort aus mit der Bahn nur ein paar Stunden zu den noch größeren Arbeiten von Gernes. Im Übrigen werden die Kunsthallen Malmö und Lund die Retrospektive aus Hamburg im kommenden Jahr übernehmen und das Museum für Kunst im öffentlichen Raum im dänischen Køge wird dessen udsmyknings-Projekte dokumentieren.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.