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KOPENHAGEN. Von der Eröffnung des neuen Domizils des Astrup Fearnley-Museums in Oslo hatte ich hier und bei art online schon berichtet. Das private Haus war von Anfang an kritisiert worden – was überhaupt nicht heißen soll, das Kritik überwog. Es kam kritische Kommentare, aber Kritik sollte einen ja üblicherweise voran bringen. Es ging z.B. darum, dass manch einem das neue von Renzo Pianos Büro entworfene Gebäude zu protzig war (eine Ansicht die ich nicht teilen kann) oder dass die Sammlung des Hauses nicht gut genug sei (es ist aber ein Privates Museum und kann von daher anderen Ansprüchen genügen als ein staatliches).

In den letzten Wochen aber hat die Kritik zugenommen. Genaugenommen seit Astrup Fearnleys Lundin als Sponsor verkündet hat. Die norwegische Tochter des schwedischen Konzerns stützt das Museum fortan finanziell – so wie schon einige andere zuvor. Das hat einen Aufschrei beim Netzmedium kunstkritikk.no hervor gerufen.

Denn Lundin ist nicht irgendeine Firma, sondern eine besonders umstrittene Ölfirma aus Schweden. Womöglich hat sie sich in Äthiopien Menschenrechtsverletzungen zu schulde kommen lassen. Pikanterweise war der jetztige schwedische Außenminister Carl Bildt bei Lundin im Aufsichtsrat. International bekannter wurde die Geschichte als die schwedischen Journalisten Martin Schibbye und Johan Persson in Äthiopien unter Terrorismusverdacht festgenommen und lange in Haft gehalten wurden. Sie hatten dort zu Lundins Vorgehen recherchieren wollen (im Mediummagazin gab es einen Beitrag von mir zum Thema.

Wegen der Vorwürfe hatte Jonas Ekeberg vom norwegischen Online-Kunstmedium Kunstkritikk.no dazu aufgerufen einen Empfang im Astrup Fearnley-Museum zu boykottieren. Nein zum Champagner im Astrup Fearnley-Museum, forderte er in einem Beitrag und lud stattdessen zu Bier und Würstchen in Kunstnernes Hus. Klischeehafter nach dem Motto “ihr (Bösen) da oben – wir (Unschulidgen, Guten) da unten” geht es kaum. Als bestünde die Welt nur aus absoluten Gegensatzpaaren wie eben Gut und Böse, schwarz-weiß oder eben Bier-Champagner. Keine Frage, Ekebergs kritische Fragen sind berechtigt und können zu notwendigen Diskussionen führen, doch vorgebracht werden diese in schlechter alter Manier und ignorieren zudem ein moralisches Dilemma, in dem der anklagende Fragesteller selber steckt. Kunstkritikk nämlich bekommt jede Menge Geld vom Staat, der wiederum massiv bei Lundin investiert ist. Eigentlich, so sagt von mir befragt zum Beispiel die Galeristein Maria Veie, müsste Ekeberg in letzter Konsequenz auf Staatsgeld verzichten. Ihr geht es aber vielmehr darum zu zeigen, dass in der komplexen Welt womöglich auch die Anklagenden sich Fragen stellen müssen. Und nicht zuletzt Veie selber (obwohl sie gar nicht zu den großen Anklägern gehört, aber auch sie bekommt für die Aktivitäten ihrer Galerie immer mal wieder staatliche Gelder).

Für The Art Newspaper habe ich den Streit zusammengefasst, hier ist mein Artikel online auf Englisch zu lesen.


KOPENHAGEN.Normalerweise steht Norwegen nur zweimal im Jahr für einen kurzen Augenblick im Zentrum der internationalen Medienöffentlichkeit: Wenn im Oktober der Preisträger für den Friedensnobelpreis bekanntgegeben wird und im Dezember, wenn diese wohl berühmteste aller internationalen Auszeichnungen bei einem Festakt im Rathaus verliehen wird. Doch am 22. Juli 2011 sorgte Anders Behring Breivik mit seinen Terrortaten dafür, dass seine Heimat Norwegen im Jahr der Tat und im Jahr danach immer wieder wegen Gewalt statt wegen Friedens wahrgenommen wurde. Der Anfang Dreißigjährige, der sich selber zum Terroristen geschult hatte, zündete erst im Regierungsviertel von Oslo eine Bombe und tötete so acht Menschen. Dann fuhr er zur Insel Utøya, wo die Jugendorganisation der Sozialdemokraten (AUF) ihr traditionelles Sommerlager abhielt, und erschoss weitere 69 überwiegend junge Menschen. Ein ganzes Land war im Schock. Schießereien sind in Norwegen sehr selten, einen Terrorakt diesen Ausmaßes gab es nie zuvor und war wohl weder im In-, noch im Ausland von jemandem für wahrscheinlich gehalten worden.

Heute ist Anders Behring Breivik zu einer Haftstrafe von 21 Jahren verurteilt worden (dazu hier die englische Version meines Beitrags für die Deutsche Welle). Wie von ihm selber erhofft, wurde er vom Gericht für zurechnungsfähig gehalten. Gutachter waren sich in der Frage uneinig gewesen und auch in der Bevölkerung war diskutiert worden, inwieweit eine solch grausame Tat von einem Menschen begangen worden sein kann, der zurechnungsfähig ist.

„Die Attentate werden unsere Generation prägen“, sagt Lars Ellingsgard Øverli. Der Fotograf ist Anfang 20 und in den vergangenen Monaten mit zwei ebenfalls jungen Kollegen durch Norwegen gereist, um die Jugend zu portraitieren, die im Alter der Fotografen und damit der meisten, der auf Utøya Ermordeten ist. Er meint, dass der 22. Juli 2011 für diejenigen, die heute im jungen Erwachsenenalter sind, ähnlich einschneidend ist, wie für deren Großeltern der zweite Weltkrieg, in dem Norwegen von Deutschland besetzt war.

Unmittelbar nach der Bombenexplosion am Nachmittag dieses Freitags vor etwas mehr als einem Jahr dachten viele an möglichen islamischen Terror. Doch stattdessen handelte es sich um den Terror eines rechtsextremen Anti-Islamisten. Anders Behring Breivik hatte aus Hass gegen die offene Gesellschaft gemordet. In einem kruden Manifest, dass er vor der Tat verschickt hatte, breitete er seine von Verschwörungstheorien und Rassismus geprägten Gedanken aus. Auf den ersten Blick schien der Attentäter aus der Mitte der Gesellschaft zu kommen: Er stammte aus so genanntem gutbürgerlichen norwegischem Hause, war zuvor nicht weiter aufgefallen, konnte sich artikulieren und hatte einmal eine kleine Karriere in der rechtsliberalen bis rechtspopulistischen, aber etablierten Fortschrittspartei gestartet. All dies machte den Schock in Norwegen anfangs nur noch spezieller. Denn während islamistischer Terror stets wenn auch unwahrscheinlich, so denkbar schien, hatte niemand mit einer derartigen Tat eines heimischen Rechtsextremisten gerechnet. Dass war die erste Illusion, die in Norwegen aufgegeben werden musste.

Darauf reagierte die Bevölkerung auf eine ganz eigene Weise. Während ein Attentat von Islamisten vermutlich nicht zu kollektiven Reaktionen geführt hätte, war es in diesem Falle ganz anders. Zu tausenden gingen sie bei Demonstrationen und Trauerveranstaltungen auf die Straße, Einwanderer und jene, die aus Familien stammen, die seit ein oder zwei Generationen in Norwegen gelebt haben, Politiker aller im Parlament vertretenen Parteien – sie alle wollten gemeinsam ein Zeichen setzen, dass sie diesen Teil der norwegischen Gesellschaft nicht akzeptieren. Gleichzeitig erweckte diese kollektive Demonstration zumindest auch den Anschein, dass in Norwegen eben doch alle an der offenen Gesellschaft festhalten wollen, die der Attentäter so hasste. In dieser so schweren Zeit des 5-Millionen-Einwohnerlandes wurde Premierminister Jens Stoltenberg zur einenden Kraft (dazu schrieb ich nach dem Attentat diesen Artikel für Focus). Der Sozialdemokrat wurde mit seiner Empathie zum Landesvater. Stoltenberg war die Lichtgestalt in diesem entsetzlich düsteren Trauerstück. Ein Held der ruhigen und besonnenen Worte. Einer, der trauert, tröstet und klagt. Und auf schnelle Anklagen verzichtet. Unvergessen seine Worte: „Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber niemals Naivität.“ Denn naiv war es gewesen zu glauben, solche Menschen wie Behring Breivik gäbe es in Norwegen nicht.

Es sei, so erklärt der bekannte Autor Øyvind Strømmen damals, zwar fantastisch, wie die Menschen in Norwegen jetzt reagieren. „Wichtig ist aber auch, wie es in den kommenden Monaten und Jahren weitergeht.“ Das Land habe Probleme, und diese müsse man jetzt auch ansprechen. Die großen gesellschaftlichen Debatten, so forderte Strømmen, müsse man in Zukunft zivilisierter und offener führen. Insbesondere die Frage nach der „richtigen“ Integrationspolitik. Politiker der rechtsliberalen Fortschrittspartei sehen Migranten bislang nur als Problem, die Linke hingegen weigert sich, Schwierigkeiten mit den Zuwanderern überhaupt nur anzusprechen. „Drogenprobleme im Einwanderermilieu, undemokratische Ideen, mangelnde Homosexuellenrechte, Anforderungen, die an Sprachkenntnisse gestellt werden – all das hat vor allem die Linke nicht ernsthaft diskutieren wollen“, klagte Strømmen. Dass laissez-faire eine Form der Liberalität ist, ist die zweite Illusion, die seit dem 22. Juli 2011 zersprungen ist (mehr dazu auch in meinem bei Focus online erschienen Interview mit Thorvald Stoltenberg, Ex-Minister und Vater des Ministerpräsidenten).

Die dritte Illusion zeigte bereits kurz nach dem Attentat Risse, wurde dann endgültig Mitte August 2012 zerstört: Jene, dass die Institutionen in Norwegen fehlerfrei arbeiten. Ein kurz vor der Urteilsverkündung präsentierter Untersuchungsbericht zeigt, dass das nicht der Fall war. Auch in Norwegen wurde geschlampt. Der Geheimdienst hatte den Attentäter schon einmal auf dem Schirm und hätte womöglich eingreifen können. Die Polizei machte am Tage der Anschläge viele Fehler, hätte die Jagd auf die Jugendlichen, bei der der Großteil der Opfer umkam, womöglich verhindern, zumindest aber früher stoppen können (zum Kommissionsbericht hier ein Kommentar, den ich für WDR 5 schrieb).

Der transparente Prozess (hier dazu ein Kommentar des Kollegen Gunnar Hermann von  der Süddeutschen, mein im Focus erschienenes Interview mit Siri Marie Seim Sønstelie, einer jungen Norwegerin, die entkommen konnte, hier das für die Financial Times Deutschland geschriebene Porträt der Richterin, hier wird im norwegischen Morgenbladet der Prozess positiv kommentiert, hier wird im Dagbladet analysiert, wie der Prozess in Breiviks Pläne passt) aber, der der Würde der Opfer ebenso wie den Menschenrechten des Täters gerecht wurde, hat Norwegen gezeigt, dass es möglich ist, diese Tat systematisch aufzuarbeiten. Damit sie nicht auf ewig wie eine Last auf dem Lande liegt und damit so etwas nicht noch einmal geschieht.

Absolute Sicherheit gibt es nicht, schon gar nicht in einer offenen Gesellschaft. Die Gesellschaft ist es aber auch, die Taten verhindern kann, ohne dass dafür totale Überwachung notwendig wäre. So simpel es klingt, aber manch einer wäre womöglich nicht zum Gewalttäter geworden, hätte er sich mehr integriert gefühlt und von den Nachbarn und Mitmenschen ein klein bisschen mehr Aufmerksamkeit erfahren. Aufmerksamkeit, die – sollte jemand doch in Extremismus abdriften – dazu führen kann, dass dieser gefährliche Schritt bemerkt und so Greuel verhindert werden. Für diese Erkenntnis ist nicht einmal eine Untersuchungskommission notwendig.


KOPENHAGEN. In Deutschland gibt es Probleme mit einem Großprojekt. Schon wieder. Ob der Berliner Flughafen, Gorleben oder Stuttgart 21 – ob die dritte Flugpiste in München, Steinkohlekraftwerke oder Umgehungsstrassen: Quer durch Deutschland fühlen sich die Bürger nicht eingebunden in Entscheidungsprozesse, die ihr Leben verändern können und klagen gegen Großprojekte. Das darf nicht sein und unsere nordeuropäischen Nachbarländer zeigen, dass und wie es möglich ist, Derartiges besser zu machen.

Anschauliches, weil deutsch-dänisches Beispiel, ist die Planung der festen Fehmarnbelt-Querung. Wie es in Nordeuropa gelingt, die Kommunikation zwischen Bürgern und Politikern bei Großprojekten besser zu gestalten und so für mehr Akzeptanz zu sorgen, habe ich für WDR 5 Politikum kommentiert, hier nachzuhören und nachzulesen (Sendung vom 31. Juli).


KOPENHAGEN. In der Euro(pa)-Debatte fällt ein wenig auf, dass diese vielfach nahezu hysterisch geführt wird. Es gibt enorme Probleme, das stellt niemand in Frage. Aber werden diese besser angegangen, wenn gleich jedes noch so kleine Fünkchen – ob es Hoffnung sein mag oder potenziell brandgefährlich – panisch als neuer Brandherd ausgemacht wird?

Warum nicht einfach mal die missliche Lage beschreiben und gleichzeitig daraufhinweisen, dass es mit einem Kraftakt zu bewältigen ist? Europa ist eine reiche Region – reich an Geld (trotz allem) und auch am so genannten Humankapital. Der Kontingent ist nach zwei Weltkriegen moralisch und wirtschaftlich wieder aufgebaut worden wie es kaum jemand zu träumen gewagt hätte und da soll eine Finanzkrise nicht gemeinsam zu bewältigen sein? Den Eindruck vermitteln jedenfalls die mehr oder weniger nationalistischen Töne, die nun an vielen Stellen zu hören sind. Warum wird nicht häufiger herausgestellt, was Europa erreicht hat (wie es hier der spanische Schriftsteller Javier Cercas in der FAZ tut)?

Ähnlich lief es dieser Tage ab als von angeblichen schwedischen und finnischen Vorbereitungen zum Euro-Ausstieg bzw. -Ende berichtet wurde. Die Interpretationen von Politikerzitaten durch Journalisten ging wohl etwas weit und es wurde der Feuerteufel an die Wand gemalt. Stattdessen könnten Schweden und Finnland auch als Beispiel dafür herhalten, dass Finanzkrisen zu bewältigen sind. Dazu hier von mir ein Kommentar für den WDR. Noch viel interessanter: die damaligen Krisen und deren Bewältigung genauer anzuschauen (dieses Arbeitspapier vom DIW ist dafür ein guter Start). Letztlich ist es bei Menschen in Massen (also Staaten) und Politikergruppen wohl genauso wie bei Individuen, wenn es um ganz Persönliches geht: Nur aus selbst gemachten Fehlern und Krisen, durch die man selber geht, lernt man wirklich. Von daher war diese Krise vielleicht kaum zu verhindern.


MÜNCHEN. Durch Zufall war ich heute Vormittag in der Rudolf-Diesel-Schule in München. Schon beim Betreten des Schulgeländes wird klar: hier steht ein richtig schöner Bau, der so richtig vernachlässigt wird –  klare Linien der Außenmauern sowie Design und Materialien der Fenster- und Türelemente sind von schlichter Schönheit (den Architekten habe ich im Internet leider nicht ausfinding machen können). Gleichzeitig fallen aber auch der häßlich verdreckte dunkel-gelbliche Außenanstrich und die grässlichen Blumenkästen mit rosa Blumen vor den Fenstern mit heruntergezogenen Rolläden ins Auge.

Es wirkt, als hätte man versucht eine Frau oder einen Mann von natürlicher Schönheit durch Frisur und Kleidung unansehnlich zu machen. Doch all das kann nicht verheimlichen, was sich dahinter verbirgt: viel Potenzial. Im Gebäude sieht es ähnlich aus. Das Atrium ist dunkel. Das lässt sich womöglich damit erklären, dass es zu sehr aufgeheizt würde, wenn das Glasdach im Sommer nicht abgedeckt würde – eine gute Belüftung wäre dennoch besser. Doch warum an den Säulen Grünpflanzen abgestellt werden müssen, die den Säulen ihre Strenge nehmen und an eine Badelandschaft erinnern, ist genauso unklar wie die Putzlappen, die weiter hinten auf einem Geländer ins Auge fallen, oder die vielen anderen Gegenstände, die gemeinsam mit dem Innenanstrich in u.a. hellgelb dafür sorgen, dass aus diesem schönen Gebäude ein Ort wird, in dem man sich nicht gerne aufhalten mag. Aber es ist eine Schule und wenn die aussieht wie das Klischee einer hässlichen Amtsstube, dann sollte man sich nicht wundern, wenn Deutschland bei PISA nicht so gut abschneidet wie viele Eltern und Politiker es gerne hätten. Lernen lässt sich wie Leben und Arbeiten in angenehmer Umgebung erheblich besser und die Rudolf-Diesel-Schule hat da viel Potenzial ist aber womöglich leider ein Beispiel dafür, wie simple Einsichten nicht bedacht werden und zugleich ansprechende Architektur vernachlässigt wird.

Nicht, dass in Nordeuropa alles besser wäre, aber dort wird der Architektur einer Schule häufig  ganz klar mehr Bedeutung zugemessen (der obligatorische Hinweis auf einen eigenen Text darf auch hier nicht fehlen, im Februar besuchte ich für die Financial Times Deutschland das Ørestad Gymnasium in Kopenhagen – womöglich ist es exemplarisch, dass deren Website auch ein wenig besser aussieht als die der Rudolf-Diesel-Schule).

Datiert auf das Jahr 2003 steht auf der Homepage des Architekturbüros zillerplus, das dieses die Sanierung der Rudolf-Diesel-Realschule plant. Ich hoffe im Sinne der Schule und des Büros, dass diese noch bevorsteht.


KOPENHAGEN. Morgen präsentiert Bang & Olufsens neuer Vorstandschef Tue Mantoni seinen Strategieplan für den “Hersteller hochwertiger Unterhaltungselektronik”. B&O wird auch weiterhin mit besonders reizvollem Design verbunden. Doch in letzter Zeit ist das Wort reizvoll in diesem Zusammenhang anders zu interpretieren als früher, weniger, dass es einen ganz besonderen Reiz hat als vielmehr, dass es reizt im Sinne von provoziert. Denn gefällige Entwürfe sieht man bei B&O immer weniger, finde ich. Wer weiß, vielleicht wird morgen ja wieder ein “Back to Basics” verkündet. Ich glaube es nicht. Für Welt und art habe ich über B&Os aktuelles Design und darüber, wie wenig es zur Designgeschichte des Unternehmens passt, geschrieben. Der Dolly Parton Bezug wird in beiden Artikeln aufgeklärt, im Schlafzimmer taucht sie nur bei art auf.


KOPENHAGEN. Plötzlich ist er wieder unterschwellig da, zwischen den Zeilen taucht er auf – der deutsch-dänische Kleinkrieg. In den Wochen nachdem Dänemark angekündigt hat, die Grenzen künftig stärker kontrollieren zu wollen, lässt Deutschland schwere verbale Geschütze auffahren. Die Spitzen von Politik und Diplomatie kritisieren das Nachbarland scharf. Erst ruft Außenminister Westerwelle seine dänische Kollegin an und verkündet das in einer Pressemitteilung, dann folgen Hoyer und Zimmermann sowie der deutsche Botschafter in Kopenhagen. Nein, was Dänemark da plane, das ginge nicht, lassen sie über die Medien die Öffentlichkeit und Politik wissen. Schön und gut, aber Hoyers Aussagen kommen in Dänemark so an als fürchte er ein extrem nationalistisches Dänemark. Schließlich bringt das ZDF noch eine Satiresendung in der der Grenzbezirk zum neuen Todesstreifen wird. Nein, das finden viele Dänen gar nicht komisch.

Vielleicht greifen sie deshalb ungefähr zur selben Zeit im Juni den deutschen Künstler Thomas Kilpper verbal an. Dieser ist einer der achtzehn Außerwählten, die Dänemark auf der Biennale in Venedig vertreten dürfen. Ohnehin wurde schon vor Wochen geklagt, dass von den dänischen Künstlern im dänischen Pavillon nur zwei Dänen sind. Als dann Kilpper seine Arbeit zeigte, war der Ärger da: Dänische Spitzenpolitiker würden dort mit Füßen getreten, klagten Kunstbürokraten und Politiker. Kilpper nämlich hatte den Boden des Pavilloanbaus mit Politikerportraits ausgeschmückt. So als seien es römische Mosaike zierten sie den Boden und wer hineinging, trat zwangsläufig drauf, so auch ich als ich Anfang Juni in Venedig war. Diese Symbolik war Kilpper, der unter anderem Pia Kjærsgaard, Chefin der dänischen Rechtspopulisten, und Angela Merkel im Boden verewigte, sicher recht. Die Reaktionen der dänischen Politiker zeigen wie auch schon deren Klagen über zu wenig dänische Beteiligung, dass Meinungsfreiheit bei ihnen vielleicht gar nicht so hoch im Kurs steht wie sie vorgeben. Meinungsfreiheit ist auch Thema des dänischen Biennale-Beitrags. Diesem der dänischen Politik zu Zeiten der Mohammed-Krise so wichtigen Gut gemäß, hätten sie vielleicht einfach sagen sollen „Lasst den Künstler sich doch äußern wie er mag“.

Es ist ein paar Jahre her, da versuchten ein paar dänische Medien den Deutschenhass in Ihrem Land herbeizuschreiben. Damals war gerade das Buch „Den som blinker er bange for døden“ von Knud Romer erschienen. Wenig später kam es unter dem Titel „Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod“ dann auch in Deutschland heraus. Romer schildert in dem Roman wie sein Namensvetter als Sohn einer Deutschen und eines Dänen in der dänischen Provinz in den 1960ern aufwächst. Er hat gelitten und die Abweisung durch Schulkameraden als Verschmähung seiner deutschen Seite aufgefasst. Doch der Deutschenhass von dem einige Blätter damals schrieben, es musste lange gesucht werden um ihn zu finden. So gut das Buch war, taugte es nicht einen im verdeckten doch noch immer vorhandenden Konflikt zwischen den beiden Nachbarländern ausfindig zu machen. Bleibt zu hoffen, dass die jetzigen deutsch-dänischen Unruhen von einem eigentlich sehr freundschaftlichen Verhältnis künden, einem nämlich, in dem man sich kritisiert, um einander zu helfen.

Für Die Welt schrieb ich hier über Kilppers Pavilion und hier über den Trend gen Rechts in Dänemark.


KOPENHAGEN. Die FAZ macht im Feuilleton gerne Politik. In den vergangenen Wochen war das vor allem in der Atomkraft-Debatte zu beobachten. Frank Schirrmacher schien die Grünen und die argumentierenden (nicht blockierenden) Castor-Gegner abhängen zu wollen.

Was die Kunst angeht, ist immer wieder Ähnliches zu beobachten. Kürzlich besonders ausgeprägt wie Julia Voss für die schwedische Künstlerin Hilma af Klint warb. Die soll 2013 in einer großen Ausstellung im Moderna Museet in Stockholm gewürdigt werden. Voss nun meint, dass die außer in Fachkreisen nahezu unbekannte af Klint den nahezu allen bekannten Wassily Kandinsky vom Thron stoßen werde und solle. Und zwar von jenem Thron, den Kandinsky innehabe, weil er angeblich das erste abstrakte Gemälde der Kunstgeschichte erstellt habe. Doch was ist dran?, fragten nicht nur die FAZ-Leser sich, sondern auch ich (womöglich parteiische) af Klint-Experten wie Ulf Wagner, außerdem Moderna-Direktor Daniel Birnbaum und natürlich Voss und versuche bei der online Ausgabe des Kunstmagazins art die Hintergründe etwas zu erläutern (hier mein Text).


ZÜRICH. Der Paradeplatz ist eine der feinsten Adressen in der gefühlten Schweizer Hauptstadt Zürich. Neben Finanzinstituten und noblen Ladengeschäften unterhält hier auch die Mini-Kette Gmurzynska eine Filiale. Die Galerie gehört zu den bekanntesten der Kunst-Welt und ist auch im Nobelskiort St. Moritz und im Steuerparadies Zug präsent. (Das ehemalige Stammhaus in meiner Heimatstadt Köln gibt es aber leider nicht mehr). Bei Gmurzynska hat es leider nicht zur Poe Position gereicht, die Galerie hat die Adresse Paradeplatz 2, aber so vermute ich, das liegt nur daran, dass die 1 langfristig vermietet ist. Gmurzynska zeigt und verkauft Arbeiten der bekanntesten Künstler - darunter Alexander Rodchenko, Pablo Picasso, Fernand Legér und Sol LeWitt. Zwischen letzteren beiden steht auf der alphabetischen Künstlerliste der Galerie neuerdings Jani Leinonen. Seit gut zwei Jahren ist der finnische Künstler bei Gmurzynska. Er fällt auf der Liste nicht nur wegen seines Jungen Alters (geb. 1978) aus dem Rahmen, auch die Kunst hat nichts von der Wohlgefälligkeit, die mittlerweile für viele Werke der klassischen Moderne gilt. Vor seinen Bildern mögen sicher nicht viele Damen in den 60ern ihre Kaffekränzchen abhalten: Leinonen übermalt Porno-Bilder, indem er den Abgebildeten Kleidung zum Beispiel im Stil bekannter Marken wie Chiquita “anzieht” oder verfremdet Packungen für Frühstücksflocken mit zweideutigen Abbildungen, seine Kunst hat also eher etwas davon, wenn sich ein pubertierender der Pop-Art annimmt.

Nun ist Leinonen auch noch zum Aktivisten-Künstler geworden. Im Frühjahr entführte er mit der selbsternannten Food Liberation Army (FLA) eine Ronald McDonald-Figur aus einem Restaurant der Burger-Kette Mc Donald’s. Es sollte ein klassisches Kidnapping werden, nur dass die Truppe um Leinonen kein Geld wollte, sondern von McDonald’s forderte, Fragen beantwortet zu bekommen. Fragen zu deren Wirtschaftsgebahren.

Komplett schwarz gekleidet und das Gesicht hinter Masken versteckt zeigen die Kidnapper sich in einem in der Ausstellung zu sehenden Entführungsvideo und fordern Mc Donald’s auf, einige Fragen zu beantworten: „Warum herrscht bei ihnen keine Offenheit über den Herstellungsprozess, Rohmaterialien und Zusatzstoffe?“, „Warum sind billige Produktionskosten ihr Hauptwert?“, „Kooperieren sie mit unethischen Akteuren?“. Doch der Großkonzern wollte unter diesen Bedingungen nicht antworten. Also raste das Fallbeil nieder. Auf Youtube und der Homepage www.freeronald.org zog und zieht das entsprechende Video hunderttausende an.  In seiner aktuellen Einzelausstellung bei Gmurzynska am Paradeplatz dokumentiert Leinonen die Aktion und zeigt unter anderem den geköpften Ronald. Für die Schweizer Sonntagszeitung schrieb ich aus diesem Anlass ein Kurzportrait von Leinonen, das hier zu lesen ist.

„Mc Donald’s muss sich grundlegend ändern und das wollen wir erreichen“, so Leinonen. Gleichzeitig steht die amerikanische Burgerkette für den Kapitalismus als solchen, den Leinonen gerne ethischer und umweltbewusster hätte.

 Kritik an Mc Donald’s ist politisch korrekt und seit Jahren en vogue, dennoch ist die Aktion alles andere als langweilig. Denn sie verbinden die Mittel militanter Aktivisten mit Humor und ersparen sich eine moralindurchsäuerte Anklage. Schließlich gehen Leinonen und die FLA mit dem Feind ins Bett und bekennen sich zu Mc Donald’s Slogan „I’m lovin it“. „Deren Essen ist einfach lecker und ich gehe sicher 30 mal im Jahr dort hin. Aber jedes Mal mit schlechterem Gewissen, weil die Produktionsbedingungen und Inhaltsstoffe inakzeptabel sind“, sagt der Künstler Leinonen.

Doch muss er sich vor einer anderen Wohlgefälligkeit schützen. Seine Arbeiten bleiben eine Gratwanderung. Ob aktivistisch oder in Pop-Art-Manier - sie  kritisieren gegebene Verhältnisse auf humoristische, für manchen sicher auch geschmacklose Weise. In den feinsten Museen und Galerien oder auf Biennalen (Leinonen war Teil des nordischen Pavillons auf der Venedig-Biennale 2009) vertreten zu sein, schafft den Arbeiten Aufmerksamkeit, nimmt ihnen aber auch etwas von ihrer Kraft. Denn damit sind sie für conspicuous consumption geadelt.


KOPENHAGEN. Selbstbespiegelung ist in den nordischen Ländern recht ausgeprägt, zumindest auf kollektivem Niveau. Wenn im Ausland über das eigene Land berichtet wird, ist das fast immer eine Schlagzeile wert. Schwedische Medien berichteten sogar in eigenen Artikeln, dass der Selbstmordattentäter vom Dezember in Stockholm international auf Interesse stieß – es schien als sei man stolz darauf.

Es muss wohl an einem gewissen Minderwertigkeitskomplex liegen, wenn jedes bisschen Aufmerksamkeit gleich zu einem Jauchzen führt. Aus einem großen Land mit (glücklicherweise) wenig Nationalstolz kommend, ist mir das ziemlich suspekt. Noch suspekter muss das wohl Chinesen sein. So wie Chinesen über Berlin oder München als Großstadt nur lächeln können, beschäftigen sie sich vermutlich auch nicht damit, dass ihr Land mal wieder irgendwo im Ausland in einer Zeitung steht.

Ingar Dragset vor "When a Country feels in love with itself", Kopenhagen 2008. (Foto: Bomsdorf)

Ingar Dragset vor "When a Country feels in love with itself", Kopenhagen 2008. (Foto: Bomsdorf)

Dänemark hat es mal wieder geschafft: “Anerkendt britisk avis laver hyldestguide til Danmark” (etwa: “Anerkannte britische Zeitung bringt lobpreisenden Dänemark-Führer”) titelt die online Ausgabe der linksliberalen Tageszeitung Politiken und schreibt voller Selbstzufriedenheit, wie toll die britischen Reisejournalisten Dänemark fänden (wenngleich sie über Rassismus klagen, auch das bleibt nicht unerwähnt). The Guardian hatte die entsprechenden Texte veröffentlicht. Wer dem Link dorthin folgt, kann das englische Original lesen.

Letztlich handelt es sich um nichts Weiteres als die klassische typische recht unkritische Reisetippberichterstattung. Aber so wie sich viele Schauspieler, die den Zenit überschritten haben oder jene, die nie die Spitzenliga erreicht haben, über jeden oberflächlichen positiven Artikel über sie freuen, mag er auch noch so substanzlos sein, so ist es wohl mit manch kleinen Ländern – Hauptsache man kann den Eindruck erwecken, wahrgenommen zu werden. Manchmal ist so etwas – bei Staaten wie bei Schauspielern – tragisch zu nennen. Dabei haben die Länder hier oben wie viele andere auch doch so interessantes zu bieten, warum also jedes bisschen Aufmerksamkeit aufbauschen wie ein Profilneurotiker? Vor drei Jahren präsentierte das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen und Dragset auf der U-Turn Quadriennale (die dann doch ein Einmalereignis blieb) das Werk “When a country falls in Love with itself” – sie stellten einen Spiegel vor dem dänischen Wahrzeichen Kleine Meerjungfrau auf.

Dies nicht aus Eitelkeit, sondern für diejenigen, die mehr lesen möchten: Für die online Ausgabe von art schrieb ich damals einen Artikel über U-Turn – zu lesen hier, im Interview, das ich im Herbst 2010 mit Elmgreen und Dragset für The Art Newspaper führte, sprechen sie auch über die Selbstbezogenheit Nordeuropas (wobei, was Michael Elmgreen hier sagt auch für Deutschland gelten dürfte – weniger für die seriöse Presse, aber die Bevölkerung als solche, dazu ein aktueller Text von Claudius Seidl aus der FAZ am Sonntag) – komplett nur in der gedruckten Ausgabe, ein Ausschnitt deshalb direkt im Blog:

TAN: Your works When a Country Falls in Love with Itself and Han clearly refer to the Little Mermaid. Ai Weiwei has also been influenced by Copenhagen’s famous sculpture. Why is it so appealing to tourists and artists?

ME: National symbols are always fun to investigate and work with. They tell us about national identity.

TAN: In Sweden, the new right-wing political party in parliament—the Sweden Democrats—argues against supporting non-figurative art. How do you feel, as Scandinavians, hearing that?

ME: It is totally out of touch with reality—the most conservative non-progressive art may be abstract art. But I’m not part of that society anymore: I am an emigrant, I moved somewhere else. I don’t lose sleep about tendencies in Scandinavia. It worries me more that three million people are homeless because of the flooding in Pakistan.

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