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KOPENHAGEN. Dieser Tage gibt es Gründe an zwei große Schweden zu erinnern. Am 28. Januar vor zehn Jahren starb Astrid Lindgren, in wenigen Tagen wird im Hamburger Schulmuseum eine Lindgren-Ausstellung eröffnet (bei Svenska Dagbladet ein Text zum Lindgren-Archiv). Olof Palme wäre heute 85 geworden – der Mord an ihm ist schon lange in die Kriminalgeschichte eingangen. Dazu ein Link zu einem Text aus dem Jahre 2010 bei Focus (nicht von mir).

FRANKFURT. Gerne würde ich hier in paar Bilder vom isländischen Pavillon auf der Frankfurter Buchmesse zeigen. Gestern nahm ich bei der Eröffnung selber ein paar auf, aber so lange WordPress auf dem Mobiltelefon streikt, gibt es nur Worte. Ist ja auch keine Bilderbuchmesse.

Island jedenfalls hat aus der Not (Geldmangel) eine Tugend (Purismus) gemacht und glänzt mit einem herrlich schlichten Pavillon. Keine Lasershow, nirgends. Im Raum hängen einige sehr große Leinwände auf die lesende Isländer gebeamt werden. Sie sitzen daheim vor ihrer Bücherwand und schmöckern in ihrem Lieblingsbuch. Still. Jeweils nur auf einer Leinwand wird wechselweise vorgelesen, unten erscheint dann Autor und Titel. Literatur ist nun mal ein stilles, intimes Ereignis, da passt diese Darstellung bestens. Ebenso das Caffé, das einem isländischen Kaffeehaus nachempfunden zu sein scheint.

Heute habe ich den Pavillon noch nicht betreten, aber gestern zum Pressetermin war er jedenfalls nicht überfüllt. Das kann von den anderen Hallen nicht gerade behauptet werden. Die Frankfurter Messehallen gleichen einem überdimensionierten Karstadterdgeschoss zu jener Zeit als Karstadt noch glänzend dastand. Hier Tausende von Regalmetern Kalenderwände, dort Kataloge über Kataloge und mittendrin sogar mal Literatur. An jeder dritten Ecke will einem jemand ein Gratisabo andrehen, zwischendrin gehen die Fachbesucher auf Bonbon und Buntstiftjagd.

In den vergangenen Jahren hat die Messe jeweils knapp 300 000 Besucher gehabt – keine zehn Prozent weniger als Island Einwohner. Nur von der Größe her unterscheiden sich Messegelände und Atlantikinsel dann doch ein wenig. Vielleicht gefällt mir Island deshalb besser als die Buchmesse.

FRANKFURT. Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist Island. Trotz der Finanzkrise entschied die isländische Regierung, am ambitiösen Auftritt als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse festzuhalten. Heutabend nun ist es soweit und die Frankfurter Buchmesse 2011 mit dem Länderschwerpunkt “Sagenhaftes Island” wird eröffnet.

Ein guter Anlass sich einmal zu erkundigen, wie Island wirtschaftlich und politisch derzeit dasteht. Das einstige Krisland, das noch vor drei Jahren vor dem Abgrund stand, hat sich stabilisiert. Die Wirtschaftsdaten sehen erstaunlich positiv aus (hier dazu von mir ein Artikel kürzlich erschienen in Die Welt) und die 2009 gewählte Regierung ist allen Prophezeiungen zum Trotz immer noch im Amt. Gleichzeitig wird weiter daran gearbeitet das Bankschuldenproblem zu lösen und als erstes Land macht Island einem Premier den Prozess. Der ehemalige Regierungschef, vor und während des Crashs im Amt, muss sich vor Gericht verantworten.

Mit dem Buchmesseauftritt hofft Island nicht nur aus Verkäufe von Geschichten, sondern auch wieder positiver wahrgenommen zu werden, was sich nicht zuletzt auf Politik und Wirtschaft stabilisierend auswirken sollte.

Noch kurz zur Buchmesse und isländischen Literatur: Obwohl nur etwas über 300 000 Einwohner hat Island eine blühende Literaturszene. In Frankfurt präsentiert es sich mit besonders vielen Neuerscheinungen und Neuübersetzungen. Ein erster Rundgang durch die isländische Abteilung findet heute Mittag statt.

Zur aktuellen Lage auf Island und der Literatur von dort um kurz vor halb eins ein Gespräch mit mir aus Frankfurt im deutschlandradio Kultur.

KOPENHAGEN. Soeben hat die Schwedische Akademie verkündet: Der Nobelpreis für Literatur geht dieses Jahr an Tomas Tranströmer. Damit wird nicht nur ein Lyriker geehrt, sondern der Preis bleibt auch im Lande. Eine kleine Auswahl seiner Gedichte kann auf Schwedisch hier gelesen werden.

Svenska Dagbladet hat Tranströmer kurz nach der Verkündung besucht – hier der Bericht.

KOPENHAGEN. Perverse Männermordphantasien sind der Höhepunkt von Band eins der Millenium-Trilogie von Stieg Larsson. Grausame Gewalt und jene Kriminalromanen nunmal innewohnende Spannung hat das Buch zu bieten, ein Roman des nennen wir es schwarzen schwedischen Realismus und damit in etwa so informativ wie ein journalistischer Text. Schön und gut und vor allem Zeitvertreib, Abschalten. Magischer Realismus, Metaphern und dergleichen – dafür fehlte dem Journalisten Larsson wohl das Talent, vielleicht wäre er sonst Vollzeitautor geworden.

Ein Mordfall, der von seiner Grausamkeit denen bei Larsson in nichts nachsteht (und womöglich eine Persiflage darauf ist) ist Gewalthöhepunkt im “Karte und Gebiet”, dem neuen Buch von Michel Houellebecq. Das Werk hat darüberhinaus, was Larsson fehlt, es ist ein literarisches und damit Stieg Larssons Verdammnis (wie dies sperrige Substantiv zum deutschen Titel eines seiner Bücher werden konnte, ist übrigens nur dadurch zu erklären, dass der Lektor sonst Speisekarten für Möchtegernefranzösische Spitzenrestaurants schreibt, bei denen es vor merkwürdigen Substantiven ja ebenfalls nur so strotzt). Solange es Bücher wie “Karte und Gebiet” gibt und die Zeit nicht unendlich ist, kann Larsson getrost liegengelassen werden.

In den USA, so berichtet die schwedische Boulevardzeitung Expressen, habe man sich auf einem Seminar übrigens gewundert, wieviel Kaffee in dem Buch getrunken werde. Eine Metapher ist aber wohl auch das nicht: in Schweden trinke man einfach so viel Kaffee, hieß es bei dem Seminar.

KOPENHAGEN. Dass in einigen Jahren keine Fährfahrt mehr nötig sein wird, um zwischen den Inseln Fehmarn auf deutscher Seite und Lolland auf dänischer und dem jeweiligen Hinterland zu verkehren, ist schon länger beschlossen. Nun sieht alles danach aus, als würde die Verbindung durch einen Tunnel und nicht eine Brücke etabliert. In dieser Woche will der Verkehrsausschuss des dänischen Parlaments eine entsprechende Entscheidung fällen – Hintergründe in meinem Text in der Welt. Für die Wartezeit passt Helle Helles Buch “Rødby-Puttgarden” – der Roman, dessen Handlung auf eben jener Fährstrecke spielt.

GÖTEBORG. Das Wetter im Westen von Schweden war heute phantastisch und ebenso die Zugfahrt von Oslo nach Göteburg – Schnee und Sonne. So sieht es auch in Stockholm aus, zumindest an dem Tag als BBC den Kurzreport zu “Auf den Spuren von Michael Blomkvist und Lisbeth Salander durch Stockholm” drehte, der gerade im Hotelfernseher lief. Vor Stieg Larsson und seiner Millenium-Trilogie kann man nicht entkommen. Nicht mal in der BBC. Nach auf den Spuren von Wallander durch Ystad also jetzt ähnliches in Stockholm. Der Schwedenkrimiwahn hört einfach nicht auf. Die BBC vergleicht den Erfolg der drei Bücher mit dem von ABBA. Das liegt nahe, aber Schweden ist mehr als das. Deshalb sei an dieser Stelle Stig Dagerman empfohlen – ein Ausschnitt aus seinem Werk “Tysk Höst” (deutscher Herbst – das Reportagebuch über Nachkriegsdeutschland und vor allem die Nachkriegsdeutschen) wird übrigens ab kommender Woche in einer  Ausstellung von Maja Hammarén in Göteborgs Konstmuseum zu sehen sein.

Bunt wie das Leben: Sofie Oksanen (Foto: Toni Härkönen)

Bunt wie das Leben: Sofie Oksanen (Foto: Toni Härkönen)

KOPENHAGEN. Sie sieht aus wie ein dezenter Grufti und schreibt wie eine junge Kreuzung aus Herta Müller und Günter Grass – Sofie Oksanen, der neue literarische Jungstar aus Finnland. Nun ist ihr Buch “Fegefeuer” in Deutschland erschienen. 

Mit ihrer politisch-privaten Familiengeschichte hat die junge Schriftstellerin mit estnischen Wurzeln gleich zwei Generationen eine eindrucksvolle Stimme gegeben. Zara, eine Russin im Alter der Autorin, in Deutschland zur Prostitution gezwungen, ins Estland ihrer Vorfahren geflohen, trifft dort 1990 auf ihre Großtante Aliide Tru, die im Krieg und unter sowjetischer Besatzungszeit ebenfalls unter der Macht der Männer litt.  Die Peinigung hat sie stark gemacht, so stark, dass sie zu unerwarteten Rachetaten fähig ist.

Leidensweg, Kraft und Kapitulation der Frauen in den Jahrzehnten nach 1930 und nach 1990 beschreibt Oksanen eindrücklich und mit einfallsreicher Sprache. Der Roman ist nicht nur eine Geschichte der zwei Frauen, sondern gibt zugleich Einblicke in das Leben unter einem Regime, dass die nun aufwachsende Generation nur noch vom Hörensagen kennt.

Finnland ist erst in vier Jahren Gastland bei der Frankfurter Buchmesse, vielleicht kommt bis dahin ein weiterer Oksanen. Zu wünschen wäre es. Die nordischen Nachbarländer überschwemmen den deutschen Buchmarkt nahezu mit Titeln (leider handelt es sich dabei vielfach um Krimis, die nur zu lesen lohnt, wenn wirklich Zeit vertrieben werden muss – Müßiggang ist meist die bessere Alternative.). Finnische Literatur wird im Ausland oft vernachlässigt,  Oksanen hat das Zeug dazu, das zu ändern.

KOPENHAGEN. Deutschland ist prägend für das dänische Nationalbewusstsein. Die zwei wichtigsten Daten der dänischen Geschichte hängen mit dem südlichen Nachbarn zusammen. Da ist zum einen die Schlacht bei den Düppeler Schanzen 1864 und zum anderen das Finale der Fußball-EM 1992. Beide Male stand Deutschland auf der anderen Seite. Im Krieg verlor Dänemark, im Fußball gewann es.

Seit vergangener Woche geistert eine Frage in den Köpfen der Menschen nördlich von Flensburg umher: Was wäre, wenn Dänemark ein deutsches Bundesland wäre? Der dänische Historiker Tom Buk-Swienty hat nämlich enthüllt, dass der ebenfalls dänische König Christian IX. bereit war, sein Königreich 1864 in den deutschen Bund einzugliedern. Diese Entdeckung hat im Nachbarland wie eine Bombe eingeschlagen und bestimmt seitdem den öffentlichen Diskurs. Für die Welt habe ich die Debatte erläutert, mit dabei: Knud Romer (deshalb auch gleich noch einmal das Portrait, das ich vor ein paar Jahren über ihn für Bücher Magazin schrieb).

KOPENHAGEN. Kunst bringt einem manchmal Dinge näher, die anders nicht auffallen. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Republic haben sich mehrere schwedische Künstler (und damit meine ich nicht nur bildende) der nun soeben vollzogenen königlichen Hochzeit gewidmet.

Besonders lesenswert ist das Gedicht von Göran Greider. Unter anderem erklärt er nachvollziehbar, warum Madeleines ehemaliger Verlobter die Monarchie erheblich mehr zum Wanken hätte bringen können als es Daniel Westling kann.

Die Lösung ist ganz simpel: Als im noblen Djursholm geborener, aufstrebender Junganwalt strahlt Bergström jene Arroganz der Macht aus, die den Hass auf das Königshaus verstärkt hätte. Von Shakespearchem Format sei er, so Greider. Der eher kleinbürgerliche Daniel Westling bietet dagegen weniger Angriffsfläche, Lindenstraßennievau. Greider schätzte daher Bergström mehr, denn “aus seiner Hand erhebt sich der Sturmvogel der Revolution”.

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