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KOPENHAGEN. Seit kurzem ist es soweit – das von Lars von Trier konzipierte Gesamtkunstwerk “Gesamt” ist fertig (zu viele “von” und “gesamt” in diesem Satz, aber ein zu viel passt bei dieser Arbeit ganz gut). “Disaster 501 – What happened to Man?” lautet der neue Titel – das klingt nach Christoph Schlingensief (hier ein kurzer Nachruf und hier ein Text über meine Begegnung mit ihm beim Reykjavik Arts Festival) und ein wenig passt das, schließlich ist auch das neuste Filmprojekt des Dänen ein wenig anarchistisch. Der Regisseur hat sechs Kunstwerke ausgewählt, damit wer sich dazu berufen fühlt, davon inspiriert selber ein Ton- oder Bild-Werk erstellt und digital an von Triers Mitarbeiterin Jenle Hallund sendet, die daraus “Desaster 501″ gemacht hat (organisiert hat das Ganze Christian Skovbjerg Jensen).
Zu den Kunstwerken zählte unter anderem eine Episode aus August Strindbergs Stück “Der Vater”, “D’où Venons Nous / Que Sommes Nous / Où Allons Nous” von Paul Gauguin, der Molly-Monolog, der James Joyce “Ulysses” beendet, sowie Albert Speers Zeppelintribüne. Passend dazu und beinahe um Aufmerksamkeit buhlend, startet die Homepage http://www.gesamt.org mit einer Grafik, die einen Martin Kippenbergers Titel “Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken” innerlich ausrufen lassen. Lars von Trier did it again. Er provozierte mit Nazi-Bezügen. Nicht sonderlich originell.
Was von dem gesamten Film zu halten ist, habe ich bei art online geschrieben.
OSLO. Vor kurzem, bei meinem vorherigen Oslo-Besuch zum Herbstanfang, hatte ich schon mehr zum neuen Astrup Fearnley Museum angekündigt. Nun war ich zur Eröffnung wieder da (zu der u.a. auch Jeff Koons, Jay Jopling, Max Hollein und natürlich Direktor Gunnar Kvaran kamen) und liefere meine Eindrücke von dort gerne nach. Nachzulesen bei art online und zwar hier (und was ganz Kleines bei The Art Newspaper).
OSLO nähert man sich am besten vom Wasser her, mit der Fähre aus Kiel oder Dänemark kommend. Schon eine gute halbe Stunde, bevor das Boot am Terminal festmacht, ist die bescheidene Skyline von Deck aus zu sehen und wird erkennbar, wie die Natur Oslos Stadtbild prägt. Die Landschaft ist wie ein Kessel geformt, in dessen Grund das Stadtzentrum liegt. Im Osten steigt der Ekeberg empor und im Westen der Holmenkollen mit der berühmten Skisprungschanze – das aktuelle, im März 2010 eröffnete Modell hat JDS aus Kopenhagen entworfen. Holmenkollen und Ekeberg gehören zu den teuersten Wohngegenden der Stadt. Moderne Architektur ist hier eher selten, ältere Einfamilienhäuser dominieren das Bild. Beide Berge sind – mit viel Wald und guter Aussicht versehen – gleichzeitig Naherholungsgebiet.
So pflegte ich bis vor kurzem gerne das Stadtbild von Oslo einzuleiten. Nun aber ist an der Hafenfront so viel gebaut worden, dass von Little New York gesprochen werden könnte. Glitzernde, wenngleich im Vergleich zu den USA niedrige, Bürotürme ragen in den Himmel und im Osten in Verlängerung von Aker Brygge steht oder besser gesagt liegt flach neuerdings der vom Büro Renzo Pianos entworfene Neubau des privaten Astrup Fearnley Museums (eine erste kurze Meldung dazu von mir bei The Art Newspaper hier).
Die zwei Gebäude, die bisher bei der Einfahrt in den Hafenm auffielen bekommen damit Konkurrenz: in Pipervika, der westlichen Hafenbucht, das dunkelrote Rathaus und in der östlichen, Bjørvika, die schneeweiße Oper. Mit seiner monumentalen Architektur und der Schwere, die der dunkle Stein ausstrahlt, steht das von Arnstein Arneberg und Magnus Poulsson 1930 entworfene, aber erst 1950 fertig gestellte Rathaus für das alte Oslo. Die aus Carrara-Marmor gebaute Oper des Büros Snøhetta hingegen liegt wie ein steinerner Eisberg am Ufer des Oslofjords und symbolisiert den Aufbruch in neue architektonische Zeiten.
Zum neuen Bau von Renzo Piano bald mehr.
MÜNCHEN. Durch Zufall war ich heute Vormittag in der Rudolf-Diesel-Schule in München. Schon beim Betreten des Schulgeländes wird klar: hier steht ein richtig schöner Bau, der so richtig vernachlässigt wird – klare Linien der Außenmauern sowie Design und Materialien der Fenster- und Türelemente sind von schlichter Schönheit (den Architekten habe ich im Internet leider nicht ausfinding machen können). Gleichzeitig fallen aber auch der häßlich verdreckte dunkel-gelbliche Außenanstrich und die grässlichen Blumenkästen mit rosa Blumen vor den Fenstern mit heruntergezogenen Rolläden ins Auge.
Es wirkt, als hätte man versucht eine Frau oder einen Mann von natürlicher Schönheit durch Frisur und Kleidung unansehnlich zu machen. Doch all das kann nicht verheimlichen, was sich dahinter verbirgt: viel Potenzial. Im Gebäude sieht es ähnlich aus. Das Atrium ist dunkel. Das lässt sich womöglich damit erklären, dass es zu sehr aufgeheizt würde, wenn das Glasdach im Sommer nicht abgedeckt würde – eine gute Belüftung wäre dennoch besser. Doch warum an den Säulen Grünpflanzen abgestellt werden müssen, die den Säulen ihre Strenge nehmen und an eine Badelandschaft erinnern, ist genauso unklar wie die Putzlappen, die weiter hinten auf einem Geländer ins Auge fallen, oder die vielen anderen Gegenstände, die gemeinsam mit dem Innenanstrich in u.a. hellgelb dafür sorgen, dass aus diesem schönen Gebäude ein Ort wird, in dem man sich nicht gerne aufhalten mag. Aber es ist eine Schule und wenn die aussieht wie das Klischee einer hässlichen Amtsstube, dann sollte man sich nicht wundern, wenn Deutschland bei PISA nicht so gut abschneidet wie viele Eltern und Politiker es gerne hätten. Lernen lässt sich wie Leben und Arbeiten in angenehmer Umgebung erheblich besser und die Rudolf-Diesel-Schule hat da viel Potenzial ist aber womöglich leider ein Beispiel dafür, wie simple Einsichten nicht bedacht werden und zugleich ansprechende Architektur vernachlässigt wird.
Nicht, dass in Nordeuropa alles besser wäre, aber dort wird der Architektur einer Schule häufig ganz klar mehr Bedeutung zugemessen (der obligatorische Hinweis auf einen eigenen Text darf auch hier nicht fehlen, im Februar besuchte ich für die Financial Times Deutschland das Ørestad Gymnasium in Kopenhagen – womöglich ist es exemplarisch, dass deren Website auch ein wenig besser aussieht als die der Rudolf-Diesel-Schule).
Datiert auf das Jahr 2003 steht auf der Homepage des Architekturbüros zillerplus, das dieses die Sanierung der Rudolf-Diesel-Realschule plant. Ich hoffe im Sinne der Schule und des Büros, dass diese noch bevorsteht.
KOPENHAGEN. Kaum war der Hammer für Munchs “Schrei” bei mehr als 100 Mio. US-Dollar gefallen, fragte man sich in Norwegen auch schon: Was kann uns das nutzen? Kultur und Politik wollen die Aufmerksamkeit von dem Auktionsrekord auf das Land und dessen Kunstszene lenken. Zu dem Thema morgen, Dienstag, 29. Mai, ein Beitrag von mir bei WDR 3 Resonanzen.
Passenderweise kam die Arbeiterpartei (Ap) in Oslo (dort in Opposition, doch national ist sie die größte Regierungspartei) am vor wenigen Tagen mit dem Vorschlag die U-Bahn-Station beim Munch-Museum doch von Tøyen in “Munch-museet” umzubenennen. Ap gehört zu jener Minderheit, die den Neubau des Munchmuseums am Platze des derzeitigen Gebäudes realisieren möchte. Derzeit gibt es für keine der Alternativen des neuen Munch-Museums im Stadtrat von Oslo eine Mehrheit. (Zum Thema auch mehr von mir bei artnet, The Art Newspaper und Deutschlandradio Kultur – letzterer Beitrag zeigt, dass das Thema neues Munch-Museum schon lange diskutiert wird.)
KOPENHAGEN. Norwegischen Online-Medien war es eine Eilmeldung wert UND EINE KORREKTUR : NICHT DAS MUSEUM SELBER; SONDERN DANEBEN BRANNTE ES, DIE FEUERWEHR HATTE FALSCH GEMELDET: heute Nachmittag fing der Neubau des Astrup Fearnley Museums in Oslo an zu brennen. Aus der obersten Etage loderten Flammen, glücklicherweise waren weder Personal noch Kunst vor Ort und das Feuer konnte dann auch recht schnell wieder unter Kontrolle gebracht werden. Schaden und Ursache sind noch unbekannt. Das Privatmuseum mit Werken von Bjarne Melgaard (zu einer Solo-Ausstellung mit ihm hier dazu eine Vorschau von mir bei art, siehe auch das Video aus dem YouTube-Kanal des Museums), Cindy Sherman, Jeff Koons und Damien Hirst (u.a. natürlich) sollte im September im Neubau eröffnen, gezeichnet hat das Gebäude an der Hafenspitze Oslos übrigens Renzo Piano.
Auch The Art Newspaper war der Ausbruch des Feuers eine kleine Meldung online wert, schließlich handelt es sich um das bekannteste Privatmuseum Norwegens, wenn nicht Nordeuropas – hier mein Textchen. Erfahren habe ich vom Brand übrigens über twitter, hier geht es zum Account des Museums und hier zu meinem.
KOPENHAGEN. Politik wird mit Autorennen so selten in Verbindung gebracht wie Kunst. Insofern bildet das Formel 1- Rennen in Bahrain eine doppelte Ausnahme. Es wurde diskutiert, inwieweit in diesem Staate, der seine Bürger unterdrückt, überhaupt ein derartiges internationales Großereignis stattfinden darf. Zugleich wurde diese Aufmerksamkeit von eben jenen Bürgern genutzt, um wiederum mehr Aufmerksamkeit für deren Demonstrationen zu bekommen.
Und zur Kunst: Der deutsche Fotograf Andreas Gursky hat mehrfach in politisch heiklen Ländern fotografiert – neben Nordkorea auch in Bahrain und dort ausgerechnet die dortige Autorennstrecke. Die Arbeit “Bahrain I” (2005) ist derzeit in der großen Gursky-Einzelausstellung im Louisiana Museum nördlich von Kopenhagen zu sehen, meine Kritik für art online dazu hier. Mitten im Zentrum von Kopenhagen gibt es einen Park, dessen ungewöhnliche Gestaltung an Gurskys Draufsicht auf Bahrain erinnert, die Parallele erläutere ich in meiner Architekturkritik eben jenes Parks vor dem Kopenhagener Sitz der Bank SEB für die deutsche bauzeitung (online ist nur der Einstieg zu lesen, also bitte bestellen. Ein Blick ins E-Paper lässt die Parallele bereits erkennen.).
KÖLN. Der Reichtum Norwegens ist bekannt. Die Quelle dessen auch: die der Küste vorgelagerten Rohstoffe. Über den norwegischen Ölfonds habe ich schon viel geschrieben (z. B. hier im August 2011 in Die Welt , zum Vergleich mag mein Text von fünf Jahren zuvor ebenfalls interessant sein, auch in Die Welt). Reich ist in Norwegen auch Sparebankstiftelsen DnB NOR, die Sparkassenstiftung, die über zehn Prozent an Norwegens größter Bank DnB NOR besitzt. Was das Stiftungsvermögen angeht braucht sich Sparebankstiftelsen nicht hinter Volkswagen- oder Bertelsmann-Stiftung zu verstecken, dennoch ist die Stiftung nahezu unbekannt. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Norwegen. Derzeit ruft Sparebankstiftelsen dazu auf, dass Architekten Vorschläge einbringen, wie der 12 000 Quadratmeter große Sitz der umgebaut werden soll. Die Stiftung residiert in der Nähe der Zentralbank, die den Ölfonds verwaltet.
Die Stiftung engagiert sich auch in Deutschland. Sie kauft dort Kunst, deutschen Expressionismus. Darüber habe ich im Sommer in einem großen Artikel berichtet, erschienen in der Welt am Sonntag.
KOPENHAGEN. Das erste Mal im neuen Jahr im Büro, habe ich endlich das Norwegische Architekturjahrbuch 2011 (Arkitekturårbok 2011) erhalten. Für diese Ausgabe wurden internationale Kuratoren, Journalisten und Kunsthistoriker gebeten ihre Favouriten norwegischer Architektur, vor kurzem fertiggestellt oder in Betrieb genommen, auszuwählen. Als einer der Gefragten entschied ich mich für die Ausstellungsstätte 1857 in Oslo, ungewöhnlich, da kein Neubau, sondern Umnutzung und alles andere als glossy, dafür aber umwerfend. Hier eine deutsche Version des in dem Buch erschienenen Artikels:
>>Als ich ein kleiner Junge war, sollten wir uns in der Schule, ich glaube es war im Religionsunterricht, einmal Gedanken darüber machen, wie man den Ausdruck „Mehr Schein als Sein“ bildlich darstellen könnte. Dann zeigte uns die Lehrerin die Zeichnung eines Hauses mit einer sehr schmucken und sehr großen Fassade, hinter dem Eingang war aber nicht viel mehr als eine Hundehütte.
Gute Architektur erfüllt nie das oben genannte Kriterium, sondern gibt nur vor zu sein, was auch wirklich ist. Oder versteckt gar etwas und gefällt sich im Understatement.
Gleich hinter dem Osloer Busbahnhof, im Stadtteil Grönland steht in einer Seitenstraße ein kleines Haus. Es ist so klein, dass es selbst in einer norwegischen Kleinstadt als klein auffallen würde. Hier haben Steffen Håndlykken und Stian Eide Kluge den „artist run space“ 1857 etabliert. Es ist kein Neubau, der da entstand, sondern eine Umnutzung, die ist aber so gewaltig, dass diese durchaus als neuer Beitrag zur Osloer Architekturszene gewertet werden sollte. Das kleine Haus besteht aus kleinen Räumen, in denen die beiden Ausstellungen organisieren, in etwa so wie in jeder anderen dieser von Künstlern initiierten Räumlichkeiten. Dann geht es durch die Hintertür wieder raus und man steht nicht etwa im Hintergarten oder -hof, sondern in einer riesigen Halle. Selbst, wenn diese direkt von der Straße betreten würde, würde sie an dieser zentralen Lage der Hauptstadt als groß empfunden werden, noch viel größer wirkt sie dadurch, dass sie sich hinter diesem kleinen Haus versteckt. Hier kann auch größeren Installationen Luft und Raum gegeben werden und die Kunstszene und alle, die daran interessiert sind, können sich versammeln, um sich auszutauschen – über Kunst oder Architektur und hoffentlich auch die Notwendigkeit alte, auf den ersten Blick wenig attraktive Räumlichkeiten mal zu erhalten und umzunutzen, statt immer neu zu bauen. Welch ästhetisch positiver Effekt für eine Stadt sich dadurch erreichen lässt, macht 1857 vor. Leider haben davon noch zu wenige gehört. Doch in der Halle ist sicher noch Platz für mehr Besucher.<<

