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KOPENHAGEN. Noch ein paar Stunden wird in Finnland gewählt, dann wissen wir, ob die Basisfinnen wirklich so stark werden wie prognostiziert. Wichtigstes Wahlkampfthema für die Basisfinnen (Perussuomalaiset) war der Rettungsschirm der EU für Portugal. Den will Parteichef Timo Soini vom finnischen Parlament nicht ratifizieren lassen. Das Finnland als kleine offene Wirtschaft von der EU auch stark profitiert hat, ist für ihn kein Thema. Die Hintergründe der heutigen Wahl habe ich heute Mittag nochmal in der Ortszeit beim Deutschlandradio erläutert, hier ist das Gespräch als MP3 zu hören.
Anders als in Deutschland hat das japanische Atomunglück der grünen Partei in Finnland nicht deutlich zunehmende Wählerunterstützung und mehr Macht gebracht. Im Gegenteil, die finnischen Grünen werden wegen ihrer ablehnenden Haltung der Atomkraft gegenüber der kommenden Regierung nicht mehr angehören. Details dazu in meinem Artikel im Wirtschaftsteil der Welt, online hier.
HELSINKI. Seit Mittwochabend bin ich in Finnland unterwegs. Doch bevor ich konkretes über das Kunstfestival IHME, die Kulturhauptstadt Turku und natürlich den Wahlkampf berichte, erst einmal ein Blick ins Nachbarland Schweden. Denn auch dort ist Atomkraft eine wichtige Stromquelle. Für Die Welt habe ich den Stand der Dinge kurz zusammengefasst. Online gibt es das hier zu lesen (etwas scrollen um zu Schweden zu kommen, denn es geht um etliche Länder).
KOPENHAGEN. In nicht einmal zwei Wochen wird in Finnland gewählt. Es wird wohl zu ähnlich drastischen Veränderungen kommen wie bei den deutschen Landtagswahl, wenn gleich die politische Coleur der Aufsteiger eine andere ist. Eine ehemals kleine Partei wird sich am Stimmenanteil gemessen zu den größten gesinnen. In Finnland sind es die Rechtspopulisten, die aktuellen Umfragen zu folge rund 17 Prozent und damit in etwa soviel wie die oppositionellen Sozialdemokraten oder der zweitgrößte Koalitionspartner erhalten dürften. So sind die Chancen für die “Wahren Finnen” oder “Basis Finnen” – je nachdem wie deren Namen übersetzt wird – nicht ganz klein, Teil einer Koalitionsregierung zu sein. Denn anders als in Dänemark, wo die rechtspopulistische Dänische Volkspartei die Minderheitsregierung nur stützen darf, aber nicht offiziell Teil der Regierung ist, sind die finnischen Politiker offener. (Schwedens Konservative und Liberale sind noch zurückhaltender und ignoriert die Rechtspopulisten nahezu komplett.)
Bisher (also bei den Wahlen bis jetzt) rangierte die Partei in Finnland nur unter ferner liefen. Deren Erstarken hat mehrere Gründe:
- generelle Politikverdrossenheit und deshalb Interesse an einer Partei, die noch nicht in Regierungsverantwortung war;
- Parteispendenskandal der Regierungspartei;
- Euro- und EU-Skeptizimus. In Finnland stellen sich nur die Rechtspopulisten klar gegen EU und Euro;
- Ausländerfeindlichkeit. Die Rechtspopulisten setzen Immigrationsfragen auf die Agenda. (Dabei hat Finnland im internationalen Vergleich wenige Einwanderer.)
Die Partei ist eigentlich gegen die Atomkraft, doch der Vorsitzende und Spitzenkandidat Timo Soini gibt sich offener – vermutlich, um die Grünen aus der Regierung zu drängen. Angesichts der Katastrophe in Japan ist die Atomkraft unerwartet großes Wahlkmapfthema geworden. Doch die Parteien wagen sich kaum Stellung zu beziehen – schließlich haben die Koalitionsparteien mit Ausnahme der Grünen erst kürzlich gemeinsam mit den Sozialdemokraten den Ausbau der Kernkraft beschlossen. Die Grünen stimmten zwar nicht dafür, aber nahmen die Ausbauentscheidung anders als ein paar Jahre zuvor nicht zum Anlass die Koalition zu verlassen.
Zur Wahlvorberichterstattung werde ich nach Finnland fahren. Es folgt also mehr.
OLKILUOTO. Selbst als der Atomkraft eher kritisch gegenüberstehender Mensch war ich beeindruckt. Der Atommeiler mit dem schwer auszusprechenden Namen Olkiluoto 3 hat etwas Sakrales. Fast schon aufreizend reckt die Kuppel des Reaktorgebäudes ihre byzantinischen Kurven in den Himmel über der südwestfinnischen Provinz. Allein ihre mit 42 Metern Durchmesser schiere Größe lässt einen unweigerlich an die Hagia Sofia in Istanbul denken. Dabei steht bisher nur die innere der beiden Hüllen. Ist die Außenhaut erst einmal fertig, wird die Kuppel mit 56 Metern Durchmesser ihr Pendant aus der Spätantike um fast das Doppelte übertreffen. Keine Frage: Ist die Atomenergie die wiedererstarkte Religion der Energieindustrie, dann ist Olkiluoto 3 ihre neue, betongewordene Kathedrale.

Blick von der Kuppel des Reaktorgebäudes Olkiluoto 3 auf die Baustelle und Küste Finnlands (Foto: Elmar Jung)
Herr über Europas größte Atombaustelle ist Jean-Pierre Mouroux. Ich musste ja am Anfang grinsen, als ich den Projektleiter von Frankreichs staatlichem Nuklearkonzern Areva sah. Mit seinem silbernen Haarkranz und den großen, leicht traurig dreinschauenden Augen erinnerte er mich an eine Mischung aus Louis de Funès und Nikolas Sarkozy. Von der Hibbeligkeit des franzöischen Schauspielers war nichts zu spüren, eher schon vom Ehrgeiz von Frankreichs Präsidenten. Monsieur Mouroux will das Vorzeigeprojekt für die atomare Renaissance mit voller Kraft vorantreiben und nach vielen Pannen und Querelen endlich auch zu einem Ende bringen. “Wenn wir Ende 2012 den Betrieb aufnehmen können, köpfe ich eine Flasche Champagner”, sagte er mir.
Wer mit Mouroux mithalten will, muss eine gute Kondition haben. Als ich den ersten Reaktor der dritten Generation besichtigte, fehlten noch die Aufzüge, weshalb der Rundgang hauptsächlich aus Treppenlaufen bestand. Mouroux sprintete mir jedes Mal davon und fragte: „Wo bleiben Sie denn?“.
Der drahtige Mann ist in seiner Freizeit Marathonläufer und wird selbst von gestandenen Bauarbeitern für sein Durchhaltevermögen bewundert. Diese Eigenschaft nützt dem Chef aber nicht nur, um seine Gäste zu beeindrucken. Sie ist für ihn fast schon zu einer Überlebensstrategie geworden. Denn der Bau des Meilers machte lange Zeit durch Probleme auf sich aufmerksam, wird sich um fast drei Jahre verzögern, und die Kosten schossen in die Höhe. Durchhaltevermögen ist also gefragt.
Als ich mit ihm auf dem Dach des Kraftwerks stand, erklärte er mir, wie das so sein wird, wenn der erste Atomreaktor der dritten Generation – ein Europäischer Druckwasser-Reaktor, kurz EPR – erst einmal 1600 Megawatt Strom produziert und damit alleine eine Millionenstadt versorgen könnte. Während unten im Schatten des Betonkolosses knapp 4000 Bauarbeiter aus 60 Ländern ihrer Arbeit nachgingen, schien oben die tiefstehende Herbstsonne dem Mann ins Gesicht. „Es war nicht einfach, aber endlich läuft alles nach Plan“, sagte er, ohne jedoch jeden Zweifel aus seiner Mimik vertreiben zu können.
Ich hatte ja schon geschrieben, dass Olkiluoto 3 eigentlich das neue Flaggschiff für die atomare Renaissance sein sollte, das Projekt sich mit dieser Rolle aber schwer tut. Es ist nicht einfach, in Westeuropa einen neuen Reaktor zu bauen. Selbst in Finnland, wo der Widerstand aus Politik und Bevölkerung verglichen mit dem antiatomaren Sturmlauf in Deutschland ein laues Lüftchen ist. Der Bürgermeister der Gemeinde Eurajoki, Harri Hiitiö, jedenfalls kann es kaum erwarten, bis Olkiluoto 3 fertig ist und mit dem Bau von Olkiluoto 4 begonnen wird. Schon jetzt fließen jährlich zehn Millionen Euro zusätzlich in die Kassen der Kommune. „In Finnland sehen wir das ganz pragmatisch. Wenn Experten sagen, die Anlage ist sicher, dann ist sie sicher.“ Und falls doch nicht? „Das wäre schlecht.“
HELSINKI. Wenn der französische Nuklear-Konzern Areva Atomkraftwerke so baut, wie er Pressereisen organisiert, dann gute Nacht. Zur Zeit versucht das Unternehmen die internationalen Medien mit einer Charmeoffensive zu betören und öffnet bereitwillig die Tore zur Baustelle des in Zukunft modernsten und leistungsfähigsten Atomreaktors der Welt. Der Bau eines Druckwasserreaktors im finnischen Kernkraftwerk Olkiluoto machte bisher aber vor allem durch Probleme auf sich aufmerksam. Insgesamt wird der Reaktor mindestens 2,3 Milliarden Euro teurer als geplant, die Fertigstellung verschiebt sich um mindestens drei Jahre, bislang gab es mehr als 3000 Fehler beim Bau. Die Schuld dafür schoben sich Areva, die an der Fertigung des Kraftwerks ebenfalls beteiligte Siemens AG und der finnische Betreiber der beiden ersten Reaktoren, TVO, bisher gegenseitig zu.
Olkiluoto 3, so wird der neue Meiler heißen, sollte ein Schaufenster für die atomare Renaissancen in Europa und der Welt sein. Doch zeigt das Projekt bisher lediglich, wie schwierig und mit welch horrenden Kosten ein Neubau eines Kernkraftwerks heutzutage ist. Kein Wunder, dass die Betreiber in Deutschland – und nicht nur dort – vor allem auf Laufzeitverlängerungen älterer Kraftwerke aus sind. Denn billig (und für die Energiekonzerne ein lohnendes Geschäft) ist Atomstrom erst, wenn die Meiler abgeschrieben, also Jahrzehnte am Netz hingen.
Wie auch immer. Areva lädt derzeit fleißig die Presse ein um zu zeigen: Alles in Ordnung in Olkiluoto, es gibt keine Probleme. Nun haben die Organisatoren der Pressereise bei Areva leider vergessen, meinen Weiterflug von Helsinki ins beschauliche Pori zu buchen. Jetzt sitze ich erst einmal fest und muss auf den nächsten Flieger warte, der in etwa zweieinhalb Stunden gehen wird. Aber Verzögerungen ist man bei Areva ja gewohnt. Die Kosten für das neue Ticket sollte ich dann erst einmal selbst auslegen. Nach kurzem Disput sahen die Organisatoren dann aber ein, dass sie das auch selbst machen können.

Wo bitte geht´s zum nächsten Geysir? Island ist reich an nachhaltigen Energiequellen. (Foto: Bomsdorf)
LINKÖPING (pa taget). Die isländische Pop-Sängerin Björk kämpft wieder gegen den Verkauf Islands. Vor etlichen Jahren hatte sie lautstark (wie sonst bei ihr?) gegen das Staudammprojekt in der isländischen Natur demonstriert. Derzeit wettert sie gegen den Verkauf isländischer Energiequellen, genauer gesagt Verträge über deren sehr langfristige Nutzung. Das kanadische Unternehmen Magma hat sich bei HS Orka aus Island eingekauft. Doch die Sängerin findet, dass die Ressourcen in isländischer Hand bleiben sollten. Den aktuellen Stand des Streits fasse ich in einem Artikel in der heutigen Welt zusammen (online hier zu lesen) – übrigens ist es die Ausgabe, die Georg Baselitz gestaltet hat.
KOPENHAGEN. Ein Lehrstück in europäischer Farbenlehre ist der Vergleich der Grünen Parteien in Deutschland, Schweden und Finnland. Heute wollen wir uns dem Kapitel Atomkraft widmen. Eigentlich, so denkt man, eint der Widerstand gegen diese Technik alle Grünen.
In Deutschland und Schweden wäre es undenkbar, dass die Partei, die die Farbe der Blätter im Namen führt einer Regierung angehört, die explizit den Ausbau dieses Energieträgers plant. In Finnland ist genau das gerade geschehen: Die Regierung hat im Parlament den Neubau zweier Kernkraftwerke durchgesetzt. Zwar haben die Grünen nicht mit dem Koalitionspartner Konservative gestimmt (dafür aber einige oppositionelle Sozialdemokraten), aber ein Grund die Koalition zu verlassen, sehen sie in dem Schritt nicht. “Es ist besser, wenn wir uns in der Regierung für erneuerbare Energien einsetzen, als erneut aus der Koalition auszutreten”, sagte mir Ville Niinistö, Vizefraktionschef der Grünen Parlamentariergruppe. Beim letzten Ausbauentscheid im Jahr 2002 hatten die Grünen die Koalition noch verlassen. Mehr zum aktuellen finnischen AKW-Programm in einem Text, den ich für Die Welt schrieb.
KOPENHAGEN. …nicht nur, weil an diesem Wochenende Kronprinzessin Viktoria und Daniel Westling heiraten (Endlich, möchte man meinen, denn mittlerweile geht einem das ganze Medien-Brimborium langsam auf den Keks.), sondern auch, weil das Land gerade den symbolischen Akt für eine Renaissance der Atomkraft aufgeführt hat. Gestern entschied das Parlament in Stockholm mit knapper Mehrheit, den Weg für neue Kernkraftwerke freizumachen. Zwar muss für jeden neuen Reaktor ein alter vom Netz. Dennoch darf man den Beschluss ruhig historisch nennen, verabschiedet sich Schweden doch damit vom Atomausstieg, den es bereits vor 30 Jahren mit einer Volksabstimmung zumindest vorsichtig eingeleitet hat.
Keine Regierung hat seitdem den Ausstieg mit aller Vehemenz verfolgt, dennoch war stets klar: Irgendwann ist Schluss mit der Kernkraft und allen Vor- und Nachteilen, die mit ihr einhergehen. 2010 war so ein Stichjahr, und wenn es doch auch kaum wahrscheinlich gewesen wäre, dass bis zu dessem Ende alle zehn Reaktoren abgeschaltet werden, so hat es dieses Stichjahr doch gegeben. Nun aber will man sich noch ein gutes Stück von der Atomkraft begleiten lassen, die für die Industrie des Landes immer noch unverzichtbar zu sein scheint. Wie lange? Das weiß niemand. Die rot-grüne Opposition könnte nach einem Wahlsieg im September schon wieder alles rückgängig machen.
Es werden jetzte auch nicht gleich überall im Land neue Reaktoren wie Pilze aus dem Boden schießen. Die drei existierenden AKWs Forsmark, Oskarshamn und Ringhals gelten trotz zahlreicher Pannen und Störfälle in jüngerer Vergangenheit als relativ gut gewartet und sicher – zumindest auf dem Papier. Vor 2020/25 wird keiner dieser Meiler stillgelegt, wie mir Thomas Tangerås, Dozent am Stockholmer Institut für Wirtschaftsforschung, sagte. Zudem wird es für den Bau von neuen Reaktoren und Kraftwerken keine Subventionen von Staat geben, auch keine indirekten. Das machte die Regierung deutlich.
Zum Thema gibt es von mir in den heutigen Ausgaben der FTD und der Welt einen Artikel. Leider ist nur letzterer online zu lesen, und zwar hier.

