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KOPENHAGEN. Deutsche Landtagswahlen sind in Dänemark üblicherweise kein allzugroßes Thema, dass das Ergebnis einer solchen per Eilmeldung verschickt wird, ist entsprechend ungewöhnlich. Doch gerade (18.15 Uhr) erreichte mich eine SMS sowie E-Mail der Zeitung “Jyllands-Posten” mit der Nachricht “Katastrofevalg for Merkel“. Das bedarf wohl keiner Übersetzung ins Deutsche. Natürlich wissen auch die dänischen Journalisten, das in NRW nicht Merkel zur Wahl stand, aber “Jyllands-Posten” setzte sich vorab damit auseinander, was eine Niederlage der CDU für die Kanzlerin und womöglich auch die Europa-Politik bedeuten könnte (nichts Gutes, schreibt das Blatt hier). Schön, dass Europa allmählich auch in dänischen Medien mehr und mehr ein Thema wird, bleibt abzuwarten, ob nun auch verfolgt wird, was für Konsequenzen wirklich folgen, denn dass SPD geführte Bundesländer nun die Europa-Politik Merkels völlig durchkreuzen, ist wohl nicht zu erwarten.

KOPENHAGEN. Wenn es in der internationalen Presse einen Lobbyisten Nordeuropas gibt, dann ist es Tyler Brûlé. Während – von reinen Architektur- und Designmagazinen einmal abgesehen – Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden in Magazinen meist kaum vorkommen, ist mir keine Ausgabe von Monocle untergekommen, in der nicht zumindest aus einem der Länder eine größere Geschichte war. Über den journalistischen Tiefgang der Texte lässt sich streiten, aber die Themen jedenfalls waren immer interessant und nicht selten originell. Auch vor Gründung von Monocle war  Brûlé schon Fan dieser Region, vor 13 Jahren kaufte er sich gar ein Sommerhaus mit eigener Insel (so schlecht scheint manch ein Journalist gar nicht bezahlt…) in den Stockholmer Schären. Doch weil er immer weniger Zeit fand sich dort auszuruhen, wird das Eiland jetzt verkauft, wie Tyler Brûlé in seiner Spiegel Online-Kolumne erzählt.

KOPENHAGEN. Plötzlich ist er wieder unterschwellig da, zwischen den Zeilen taucht er auf – der deutsch-dänische Kleinkrieg. In den Wochen nachdem Dänemark angekündigt hat, die Grenzen künftig stärker kontrollieren zu wollen, lässt Deutschland schwere verbale Geschütze auffahren. Die Spitzen von Politik und Diplomatie kritisieren das Nachbarland scharf. Erst ruft Außenminister Westerwelle seine dänische Kollegin an und verkündet das in einer Pressemitteilung, dann folgen Hoyer und Zimmermann sowie der deutsche Botschafter in Kopenhagen. Nein, was Dänemark da plane, das ginge nicht, lassen sie über die Medien die Öffentlichkeit und Politik wissen. Schön und gut, aber Hoyers Aussagen kommen in Dänemark so an als fürchte er ein extrem nationalistisches Dänemark. Schließlich bringt das ZDF noch eine Satiresendung in der der Grenzbezirk zum neuen Todesstreifen wird. Nein, das finden viele Dänen gar nicht komisch.

Vielleicht greifen sie deshalb ungefähr zur selben Zeit im Juni den deutschen Künstler Thomas Kilpper verbal an. Dieser ist einer der achtzehn Außerwählten, die Dänemark auf der Biennale in Venedig vertreten dürfen. Ohnehin wurde schon vor Wochen geklagt, dass von den dänischen Künstlern im dänischen Pavillon nur zwei Dänen sind. Als dann Kilpper seine Arbeit zeigte, war der Ärger da: Dänische Spitzenpolitiker würden dort mit Füßen getreten, klagten Kunstbürokraten und Politiker. Kilpper nämlich hatte den Boden des Pavilloanbaus mit Politikerportraits ausgeschmückt. So als seien es römische Mosaike zierten sie den Boden und wer hineinging, trat zwangsläufig drauf, so auch ich als ich Anfang Juni in Venedig war. Diese Symbolik war Kilpper, der unter anderem Pia Kjærsgaard, Chefin der dänischen Rechtspopulisten, und Angela Merkel im Boden verewigte, sicher recht. Die Reaktionen der dänischen Politiker zeigen wie auch schon deren Klagen über zu wenig dänische Beteiligung, dass Meinungsfreiheit bei ihnen vielleicht gar nicht so hoch im Kurs steht wie sie vorgeben. Meinungsfreiheit ist auch Thema des dänischen Biennale-Beitrags. Diesem der dänischen Politik zu Zeiten der Mohammed-Krise so wichtigen Gut gemäß, hätten sie vielleicht einfach sagen sollen „Lasst den Künstler sich doch äußern wie er mag“.

Es ist ein paar Jahre her, da versuchten ein paar dänische Medien den Deutschenhass in Ihrem Land herbeizuschreiben. Damals war gerade das Buch „Den som blinker er bange for døden“ von Knud Romer erschienen. Wenig später kam es unter dem Titel „Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod“ dann auch in Deutschland heraus. Romer schildert in dem Roman wie sein Namensvetter als Sohn einer Deutschen und eines Dänen in der dänischen Provinz in den 1960ern aufwächst. Er hat gelitten und die Abweisung durch Schulkameraden als Verschmähung seiner deutschen Seite aufgefasst. Doch der Deutschenhass von dem einige Blätter damals schrieben, es musste lange gesucht werden um ihn zu finden. So gut das Buch war, taugte es nicht einen im verdeckten doch noch immer vorhandenden Konflikt zwischen den beiden Nachbarländern ausfindig zu machen. Bleibt zu hoffen, dass die jetzigen deutsch-dänischen Unruhen von einem eigentlich sehr freundschaftlichen Verhältnis künden, einem nämlich, in dem man sich kritisiert, um einander zu helfen.

Für Die Welt schrieb ich hier über Kilppers Pavilion und hier über den Trend gen Rechts in Dänemark.

KOPENHAGEN. Die FAZ macht im Feuilleton gerne Politik. In den vergangenen Wochen war das vor allem in der Atomkraft-Debatte zu beobachten. Frank Schirrmacher schien die Grünen und die argumentierenden (nicht blockierenden) Castor-Gegner abhängen zu wollen.

Was die Kunst angeht, ist immer wieder Ähnliches zu beobachten. Kürzlich besonders ausgeprägt wie Julia Voss für die schwedische Künstlerin Hilma af Klint warb. Die soll 2013 in einer großen Ausstellung im Moderna Museet in Stockholm gewürdigt werden. Voss nun meint, dass die außer in Fachkreisen nahezu unbekannte af Klint den nahezu allen bekannten Wassily Kandinsky vom Thron stoßen werde und solle. Und zwar von jenem Thron, den Kandinsky innehabe, weil er angeblich das erste abstrakte Gemälde der Kunstgeschichte erstellt habe. Doch was ist dran?, fragten nicht nur die FAZ-Leser sich, sondern auch ich (womöglich parteiische) af Klint-Experten wie Ulf Wagner, außerdem Moderna-Direktor Daniel Birnbaum und natürlich Voss und versuche bei der online Ausgabe des Kunstmagazins art die Hintergründe etwas zu erläutern (hier mein Text).

OSLO. Zugegeben, das Bild hier ist in Nord-Norwegen entstanden, aber es war heut morgen im überfüllten Frühstücksraum des Hotels in Oslo, wo ich las, dass es für Norweger einen Grund mehr gäbe, nach Deutschland zu reisen: die relativ laxen Rauchvorschriften. Während in Europa kaum ein Land strengere Anti-Raucher-Regeln hat als Norwegen, nimmt Deutschland diesen Platz invertiert ein. In kaum einem Land in Europa werde man beim Rauchen so wenig eingeschränkt wie in Deutschland, schreibt heute Aftenposten und empfiehlt Freunden liberaler Raucherpolitik eine Tour nach Deutschland.

Ausgeraucht - leere Zigarettenschachtel in Vardø. (Foto: Bomsdorf)

Ausgeraucht - leere Zigarettenschachtel in Vardø. (Foto: Bomsdorf)

KOPENHAGEN. Am Tag danach fragt sich Europa, was denn nun aus Finnland wird, dem ehemaligen Musterschüler und zufriedenen Mitglieds des Staatenbunds. In der Financial Times Deutschland habe ich einen Ausblick gegeben (leider nur in der gedruckten Ausgabe zu lesen), heute Mittag fasste ich die Kommentare in den finnischen Medien im Deutschlandradio zusammen. Das internationala Pressegespräch kann hier nachgehört werden. Jetzt wird weiterrecherchiert, morgen mehr.

Bis dahin schon einmal ein Link zu einem Leitartikelblog von Claes Arvidsson von schwedischen Svenska Dagbladet, in dem Land schaut man nicht nur wegen der Anti-EU-Haltung der Basisfinnen nach Finnland, sondern auch, weil Schweden selber eine starke Rechte hat, die im Vergleich zu Soinis Partei allerdings nur halbstark ist – zumindest zahlenmässig.

KOPENHAGEN. Selbstbespiegelung ist in den nordischen Ländern recht ausgeprägt, zumindest auf kollektivem Niveau. Wenn im Ausland über das eigene Land berichtet wird, ist das fast immer eine Schlagzeile wert. Schwedische Medien berichteten sogar in eigenen Artikeln, dass der Selbstmordattentäter vom Dezember in Stockholm international auf Interesse stieß – es schien als sei man stolz darauf.

Es muss wohl an einem gewissen Minderwertigkeitskomplex liegen, wenn jedes bisschen Aufmerksamkeit gleich zu einem Jauchzen führt. Aus einem großen Land mit (glücklicherweise) wenig Nationalstolz kommend, ist mir das ziemlich suspekt. Noch suspekter muss das wohl Chinesen sein. So wie Chinesen über Berlin oder München als Großstadt nur lächeln können, beschäftigen sie sich vermutlich auch nicht damit, dass ihr Land mal wieder irgendwo im Ausland in einer Zeitung steht.

Ingar Dragset vor "When a Country feels in love with itself", Kopenhagen 2008. (Foto: Bomsdorf)

Ingar Dragset vor "When a Country feels in love with itself", Kopenhagen 2008. (Foto: Bomsdorf)

Dänemark hat es mal wieder geschafft: “Anerkendt britisk avis laver hyldestguide til Danmark” (etwa: “Anerkannte britische Zeitung bringt lobpreisenden Dänemark-Führer”) titelt die online Ausgabe der linksliberalen Tageszeitung Politiken und schreibt voller Selbstzufriedenheit, wie toll die britischen Reisejournalisten Dänemark fänden (wenngleich sie über Rassismus klagen, auch das bleibt nicht unerwähnt). The Guardian hatte die entsprechenden Texte veröffentlicht. Wer dem Link dorthin folgt, kann das englische Original lesen.

Letztlich handelt es sich um nichts Weiteres als die klassische typische recht unkritische Reisetippberichterstattung. Aber so wie sich viele Schauspieler, die den Zenit überschritten haben oder jene, die nie die Spitzenliga erreicht haben, über jeden oberflächlichen positiven Artikel über sie freuen, mag er auch noch so substanzlos sein, so ist es wohl mit manch kleinen Ländern – Hauptsache man kann den Eindruck erwecken, wahrgenommen zu werden. Manchmal ist so etwas – bei Staaten wie bei Schauspielern – tragisch zu nennen. Dabei haben die Länder hier oben wie viele andere auch doch so interessantes zu bieten, warum also jedes bisschen Aufmerksamkeit aufbauschen wie ein Profilneurotiker? Vor drei Jahren präsentierte das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen und Dragset auf der U-Turn Quadriennale (die dann doch ein Einmalereignis blieb) das Werk “When a country falls in Love with itself” – sie stellten einen Spiegel vor dem dänischen Wahrzeichen Kleine Meerjungfrau auf.

Dies nicht aus Eitelkeit, sondern für diejenigen, die mehr lesen möchten: Für die online Ausgabe von art schrieb ich damals einen Artikel über U-Turn – zu lesen hier, im Interview, das ich im Herbst 2010 mit Elmgreen und Dragset für The Art Newspaper führte, sprechen sie auch über die Selbstbezogenheit Nordeuropas (wobei, was Michael Elmgreen hier sagt auch für Deutschland gelten dürfte – weniger für die seriöse Presse, aber die Bevölkerung als solche, dazu ein aktueller Text von Claudius Seidl aus der FAZ am Sonntag) – komplett nur in der gedruckten Ausgabe, ein Ausschnitt deshalb direkt im Blog:

TAN: Your works When a Country Falls in Love with Itself and Han clearly refer to the Little Mermaid. Ai Weiwei has also been influenced by Copenhagen’s famous sculpture. Why is it so appealing to tourists and artists?

ME: National symbols are always fun to investigate and work with. They tell us about national identity.

TAN: In Sweden, the new right-wing political party in parliament—the Sweden Democrats—argues against supporting non-figurative art. How do you feel, as Scandinavians, hearing that?

ME: It is totally out of touch with reality—the most conservative non-progressive art may be abstract art. But I’m not part of that society anymore: I am an emigrant, I moved somewhere else. I don’t lose sleep about tendencies in Scandinavia. It worries me more that three million people are homeless because of the flooding in Pakistan.

KOPENHAGEN. Heutabend läuft nun auch im deutschen Fernsehern die Wikileaks-Dokumentation zweier schwedischer Filmemacher. Im schwedischen Fernsehen habe ich sie bereits Ende vergangenen Jahres sehen können, ein interessanter Film, der das bisher geschehene zusammenfasst, aber nicht wirklich viel Neues gebracht hat. Heutabend also ist eine deutsche Fassung bei Phoenix zu sehen, wenn man den Kollegen von Spiegel-Online glauben darf, ist die synchronisierte Version aber ein wenig verschandelt worden – Details hier bei Spiegel-Online.

KOPENHAGEN. Die Szenerie vor dem Fenster erinnert an eine
moderne Adaption von Brueghels Winterlandschaften (d.J. oder
d.Ä. je nach Wahl), um 18 Uhr wird die Neujahrsansprache der
dänischen Königin im Fernsehen übertragen, eine Stunde danach die
der deutschen Kanzlerin.

Tøger Seidenfaden bei seiner Neujahrsansprache 2010 (leider<br />
schaffte er es bei jedem Screenshot die Zähne zu zeigen).
Tøger Seidenfaden bei
seiner Neujahrsansprache 2010 (leider schaffte er es bei jedem
Screenshot die Zähne zu zeigen).

An Selbst- und
Sendungsbewusstsein nicht arm, lässt auch Tøger Seidenfaden es sich nicht
nehmen, eine eigene Neujahrsansprache zu halten und das vor den
anderen. Der Chefredakteur der linksliberalen Zeitung Politiken
erzählt darin vom Rekordresultat seines Blattes (wie Merkel die
Überwindung der Krise den Bürgern mitzuschreibt, so dankt
Seidenfaden den loyalen Lesern), lobt Obama und kritisiert -
natürlich – die amtierende liberal-konservative Regierung. Das alles hier. Seidenfaden macht eine
gute Zeitung, keine Frage. Gleichzeitig bin ich froh, nebenher die
deutschen Blätter lesen zu können, denn wirklich feuilletonistische
Debatte beispielsweise wird in Dänemark leider kaum geführt. Der
Wirtschaftsteil von Politiken ist auch mit der noch recht frischen
Kooperation mit der Financial Times sehr dürftig und über den
Reiseteil wollen wir gar nicht erst sprechen. In Wirtschaftsdingen
ist die Berichterstattung in anderen dänischen Medien umfangreicher
als bei Politiken, die anderen Ressorts nehmen sich nicht viel. Im
Kulturressort müssen sich die anderen Blätter m.E. geschlagen
geben. Gleichzeitig werden bei Politiken und im Norden generell in
Sachen Fotojournalistik und Layout sowie oftmals in interessant
aufgemachter innenpolitischer Berichterstattung Massstäbe gesetzt.
Aber das soll ja jetzt keine Neujahrsansprache werden. Guten
Rutsch!

 

KOPENHAGEN. Dänemarks Regierung will gegen die “Ghettos” vorgehen und so Integration stärken – das schrieb ich bereits in der Welt. Fast dreißig Wohngebiete in Dänemark wurden zu Ghetto-Gebieten erklärt, auf Deutsch würde man dazu wohl Problembezirke sagen. Staatsminister Lars Løkke Rasmussen hat dafür viel Ärger bekommen, u.a. von den Bewohnern dieser Wohngegenden. Sie fühlten sich stigmatisiert. Dieser Tage machte der dänische Ministerpräsident sich nun selber in ein “Ghetto” auf, um sich mit den dort lebenden zu treffen. Er reiste nach Askerød - kein wirkliches Kleinod. Die linksliberale Zeitung Politiken war mit und hat von dem Ortstermin auch einen Film erstellt - wer kein Dänisch kann, dem bleiben die langweiligen Sprecherkommentare erspart, ein paar der Bilder sind aber sehenswert.

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