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BERLIN. Der Name ist Englisch und die während des “Events” am meisten gesprochene Sprache ist vermutlich auch das Englische. Derzeit wird in Berlin wieder das Galerien-Wochenende veranstaltet, Gallery Weekend genannt. Der Norden Europas ist auch gut vertreten – nicht nur unter den Gästen, sondern auch den Galeristen (Nordenhake) und Künstlern (Aasan). Detalis gibt es hier. Galleri helg wäre übrigens Schwedisch für Gallery Weekend.


HAMBURG. Dem Wetter nach herrscht skandinavischer Hochsommer. Da passt es, dass dieser Tage nicht ganz so viel geblogt wird. Ein kleiner Hinweis auf skandinavische (und eine deutsche) Kulturnachrichten von mir in der online-Ausgabe von The Art Newspaper sei da genau richtig. Es geht um illegale Künstlerlöcher (in Schweden), eine Erleichterung der Restitution (in Bayern) und Kunstsponsoring (in Norwegen).


ZÜRICH. Der Paradeplatz ist eine der feinsten Adressen in der gefühlten Schweizer Hauptstadt Zürich. Neben Finanzinstituten und noblen Ladengeschäften unterhält hier auch die Mini-Kette Gmurzynska eine Filiale. Die Galerie gehört zu den bekanntesten der Kunst-Welt und ist auch im Nobelskiort St. Moritz und im Steuerparadies Zug präsent. (Das ehemalige Stammhaus in meiner Heimatstadt Köln gibt es aber leider nicht mehr). Bei Gmurzynska hat es leider nicht zur Poe Position gereicht, die Galerie hat die Adresse Paradeplatz 2, aber so vermute ich, das liegt nur daran, dass die 1 langfristig vermietet ist. Gmurzynska zeigt und verkauft Arbeiten der bekanntesten Künstler - darunter Alexander Rodchenko, Pablo Picasso, Fernand Legér und Sol LeWitt. Zwischen letzteren beiden steht auf der alphabetischen Künstlerliste der Galerie neuerdings Jani Leinonen. Seit gut zwei Jahren ist der finnische Künstler bei Gmurzynska. Er fällt auf der Liste nicht nur wegen seines Jungen Alters (geb. 1978) aus dem Rahmen, auch die Kunst hat nichts von der Wohlgefälligkeit, die mittlerweile für viele Werke der klassischen Moderne gilt. Vor seinen Bildern mögen sicher nicht viele Damen in den 60ern ihre Kaffekränzchen abhalten: Leinonen übermalt Porno-Bilder, indem er den Abgebildeten Kleidung zum Beispiel im Stil bekannter Marken wie Chiquita “anzieht” oder verfremdet Packungen für Frühstücksflocken mit zweideutigen Abbildungen, seine Kunst hat also eher etwas davon, wenn sich ein pubertierender der Pop-Art annimmt.

Nun ist Leinonen auch noch zum Aktivisten-Künstler geworden. Im Frühjahr entführte er mit der selbsternannten Food Liberation Army (FLA) eine Ronald McDonald-Figur aus einem Restaurant der Burger-Kette Mc Donald’s. Es sollte ein klassisches Kidnapping werden, nur dass die Truppe um Leinonen kein Geld wollte, sondern von McDonald’s forderte, Fragen beantwortet zu bekommen. Fragen zu deren Wirtschaftsgebahren.

Komplett schwarz gekleidet und das Gesicht hinter Masken versteckt zeigen die Kidnapper sich in einem in der Ausstellung zu sehenden Entführungsvideo und fordern Mc Donald’s auf, einige Fragen zu beantworten: „Warum herrscht bei ihnen keine Offenheit über den Herstellungsprozess, Rohmaterialien und Zusatzstoffe?“, „Warum sind billige Produktionskosten ihr Hauptwert?“, „Kooperieren sie mit unethischen Akteuren?“. Doch der Großkonzern wollte unter diesen Bedingungen nicht antworten. Also raste das Fallbeil nieder. Auf Youtube und der Homepage www.freeronald.org zog und zieht das entsprechende Video hunderttausende an.  In seiner aktuellen Einzelausstellung bei Gmurzynska am Paradeplatz dokumentiert Leinonen die Aktion und zeigt unter anderem den geköpften Ronald. Für die Schweizer Sonntagszeitung schrieb ich aus diesem Anlass ein Kurzportrait von Leinonen, das hier zu lesen ist.

„Mc Donald’s muss sich grundlegend ändern und das wollen wir erreichen“, so Leinonen. Gleichzeitig steht die amerikanische Burgerkette für den Kapitalismus als solchen, den Leinonen gerne ethischer und umweltbewusster hätte.

 Kritik an Mc Donald’s ist politisch korrekt und seit Jahren en vogue, dennoch ist die Aktion alles andere als langweilig. Denn sie verbinden die Mittel militanter Aktivisten mit Humor und ersparen sich eine moralindurchsäuerte Anklage. Schließlich gehen Leinonen und die FLA mit dem Feind ins Bett und bekennen sich zu Mc Donald’s Slogan „I’m lovin it“. „Deren Essen ist einfach lecker und ich gehe sicher 30 mal im Jahr dort hin. Aber jedes Mal mit schlechterem Gewissen, weil die Produktionsbedingungen und Inhaltsstoffe inakzeptabel sind“, sagt der Künstler Leinonen.

Doch muss er sich vor einer anderen Wohlgefälligkeit schützen. Seine Arbeiten bleiben eine Gratwanderung. Ob aktivistisch oder in Pop-Art-Manier - sie  kritisieren gegebene Verhältnisse auf humoristische, für manchen sicher auch geschmacklose Weise. In den feinsten Museen und Galerien oder auf Biennalen (Leinonen war Teil des nordischen Pavillons auf der Venedig-Biennale 2009) vertreten zu sein, schafft den Arbeiten Aufmerksamkeit, nimmt ihnen aber auch etwas von ihrer Kraft. Denn damit sind sie für conspicuous consumption geadelt.


KOPENHAGEN. Der Wahlerfolg der finnischen Basisfinnen (Perussuomalaiset) kam in dieser Stärke für alle überraschend. Das die Partei eine nennenswerte Rolle spielen könnte, wußte man in Finnland seit langem. Schließlich sagten die Umfragen schon seit gut einem Jahr ein zweistelliges Ergebnis voraus (nachzugucken bei YLE, die Basisfinnen sind orange). Für das (europäische) Ausland schien der Erfolg aber eine ziemliche Überraschung gewesen zu sein – das kommt davon, wenn man vergisst, auf Europas Peripherie zu schauen. Dennoch ist womöglich alles nur halb so wild, denn der Wahlsieger Jyrki Katainen will dafür sorgen, dass auch das finnische Parlament die EU-Rettung für Portugal ratifiziert. Es bleiben drei Möglichkeiten. Welche schreibe ich in der heutigen Ausgabe der Financial Times Deutschland (online hier).


KOPENHAGEN. Am Tag danach fragt sich Europa, was denn nun aus Finnland wird, dem ehemaligen Musterschüler und zufriedenen Mitglieds des Staatenbunds. In der Financial Times Deutschland habe ich einen Ausblick gegeben (leider nur in der gedruckten Ausgabe zu lesen), heute Mittag fasste ich die Kommentare in den finnischen Medien im Deutschlandradio zusammen. Das internationala Pressegespräch kann hier nachgehört werden. Jetzt wird weiterrecherchiert, morgen mehr.

Bis dahin schon einmal ein Link zu einem Leitartikelblog von Claes Arvidsson von schwedischen Svenska Dagbladet, in dem Land schaut man nicht nur wegen der Anti-EU-Haltung der Basisfinnen nach Finnland, sondern auch, weil Schweden selber eine starke Rechte hat, die im Vergleich zu Soinis Partei allerdings nur halbstark ist – zumindest zahlenmässig.


KOPENHAGEN. Noch ein paar Stunden wird in Finnland gewählt, dann wissen wir, ob die Basisfinnen wirklich so stark werden wie prognostiziert. Wichtigstes Wahlkampfthema für die Basisfinnen (Perussuomalaiset) war der Rettungsschirm der EU für Portugal. Den will Parteichef Timo Soini vom finnischen Parlament nicht ratifizieren lassen. Das Finnland als kleine offene Wirtschaft von der EU auch stark profitiert hat, ist für ihn kein Thema. Die Hintergründe der heutigen Wahl habe ich heute Mittag nochmal in der Ortszeit beim Deutschlandradio erläutert, hier ist das Gespräch als MP3 zu hören.

Anders als in Deutschland hat das japanische Atomunglück der grünen Partei in Finnland nicht deutlich zunehmende Wählerunterstützung und mehr Macht gebracht. Im Gegenteil, die finnischen Grünen werden wegen ihrer ablehnenden Haltung der Atomkraft gegenüber der kommenden Regierung nicht mehr angehören. Details dazu in meinem Artikel im Wirtschaftsteil der Welt, online hier.


KOPENHAGEN. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern lautet ein nun nicht mehr ganz frischer Spruch. Heute vor einer Woche stimmten die Isländer zum zweiten Mal über den Icesave-Kreditvertrag ab und sprachen sich – ebenfalls zum zweiten Mal – dagegen aus. Nun möchte ich endlich meinen Text, den ich zum Thema für Die Welt schrieb, hier verlinken.


HELSINKI. Selten, vielleicht gar nie war eine Wahl in Finnland so spannend wie diese. Denn: „Nach Sonntag wird es ein anderes Finnland geben“, wie Timo Soini, Parteichef und Spitzenkandidat von Perussuomalaiset sagt. Das Erstarken seiner Partei bringt das finnische politische System durcheinander. Mit prognostizierten Werten von rund 17 Prozent dürfte Soinis Fraktion bis zu 40 der 200 Abgeordneten stellen, bisher sind es sechs. Aus dem Vielparteiensystem mit drei dominanten Spielern wird eines mit vier großen Parteien.

Finnland-Interview im Frühstücksfernsehen, 14. April 2011.

Finnland-Interview im Frühstücksfernsehen, 14. April 2011.

Soinis Programmatik ist ganz klar populistisch und in weiten Teilen rechts. Perussuomalaiset lehnt den EU-Rettungsschirm und noch vieles mehr, das aus Brüssel kommt, ab, spricht sich für sinkende Asylbewerberzahlen aus und wettert gegen „die da oben“. Spätestens hier muss der Parteiname Perussuomalaiset einmal übersetzt werden oder gleich mehrmals. Denn Politologen, Sprachwissenschaftler und Journalisten streiten über die richtige deutsche wie auch englische Bezeichnung. Ich habe mich mittlerweile für das geläufige “Basisfinnen” entschieden, andere argumentieren für “Wahre Finnen”, “Echtfinnen” oder auch “Urfinnen”.

Dank wird sich die politische Landschaft Finnlands also ändern. Es ist unklar mit wem die Basisfinnen koalieren werden oder ob sie trotz Größe doch nicht an die Macht kommen. Seit Montag bin ich in Helsinki unterwegs und habe mich mit jeder Menge Politiker, Politikwissenschaftler und Journalisten getroffen. “Es wird sehr spannend sagen sie alle”, Heikki Hiilamo, Kandidat der Grünen sagte sogar es sei “erfrischend”, dass Soini und dessen Partei jetzt so stark seien. Dabei haben die Grünen als einzige angekündigt nicht mit den Basisfinnen koalieren zu wollen. Die Essenz nach den vielen Gesprächen in drei Punkten:

1. Es wird spannend.

2. Alles ist möglich (bezogen auf die Koalitionskonstellation).

3. Ändern wird sich nicht viel.

Finnland ist und bleibt ein stabiles Land, auch mit Populisten in der Regierung, so die Überzeugung der meisten, die ich sprach. Sein Lieblingsanliegen, die Unterstützung Portugals zu verhindern, wird Soini nicht durchsetzen können und in den anderen Punkten wird es vermutlich einen Konsens geben, der nahe an der bisherigen Politik liegt. Übrigens auch in der Atomfrage (dazu habe ich in der heutigen Financial Times Deutschland einen Artikel – leider nicht online; online hier aber mein Porträt Tino Soinis für die FTD). Im Frühstücksfernsehen vom finnischen MTV3 bin ich heute zudem zu meiner Einschätzung der Wahl befragt worden – online ist das 9-Minuten-Stück hier zu sehen (leider inklusive Werbung und Entschuldigung, dass ich so ernst schaue). Evtl. startet die online Version mittlerweile mit einem anderen Beitrag, dann links im Menü unter Humenta Suomi einfach “Persut voisivat heikentää Suomen mainetta” (14.4.) auswählen.

Auch mit Wählern der Basisfinnen habe ich gesprochen. Geld ist wie heutzutage meist in der Politik ein großes Thema für sie. Sie sind entsetzt über die Gelder, die die EU ausgibt, um Staaten unter die Arme zu greifen, die nicht so gut gehaushaltet haben wie Finnland. In ihrer Heimat sind sie entsetzt, dass es mittlerweile einige sehr reiche Menschen gibt, die Einkommensverteilung wird als ungerecht angesehen, auch wenn das eigene Einkommen sich vielleicht absolut gesehen ganz gut entwickelt hat. Gleichzeitig fordern sie eine Werte Diskussion und wollen weg von der Fixierung auf monetäre Werte. In der Pflege, so sagte mir ein PS-Wähler, diskutiere man nicht darüber, wie es den Älteren denn nun konkret gehen solle, sondern nur über die Kosten. Klagen, die die Politiker ernst nehmen müssen ohne die Finanzierungsfrage zu vernachlässigen. Der Wähler, den ich heute morgen sprach, erwähnte das Thema Ausländer überhaupt nicht, einer der wichtigsten Kandidaten der Partei, den ich unter der Woche traf, dafür umso häufiger. Auch wenn Soini es abzustreiten versucht: für einie Leute seiner zukünftigen Fraktion ist die Migration ein großes Problem.


HELSINKI. Dieser Tage verändert sich das Stadtbild von Helsinki täglich. In erster Linie sind nicht künstlerische Interventionen, sondern das Wetter dafür verantwortlich. Die Schneehaufen, die die Straßenränder säumen, werden weil die Temperaturen immer länger die Nullgrangrenze übersteigen allmählich kleiner. Immerhin: Während der vergangenen rund zehn Tage trug auch die Kunst dazu bei den öffentlichen Raum anders aussehen zu lassen als sonst. Wie schon erwähnt, gastierte die dänische Künstlergruppe Superflex in Helsinki. Als Künstler der 2011er-Ausgabe des IHME-Festivals waren sie gekommen und sorgten für viel Freude. Denn Superflex ließ eines der meistgehassten Gebäude der finnischen Hauptstadt zerfallen – Alvar Aaltos Unternehmenssitz für Stora Enso (1961). Inmitten des historischen Zentrums war und ist vielen Bewohnern das Haus ein Schandfleck. Der Niedergang des Gebäudes allerdings geschah nur in einer Videoprojektion auf einer auf dem Marktplatz aufgestellten Leinwand, dahinter war für jeden zu sehen: Aaltos Bau steht weiterhin. Der Firmensitz zerfiel nur in einer 240-stündigen Videoanimation.

Das Gezeigte ist auch eine Allegorie auf den Kapitalismus und was mit diesem und damit unserer Gesellschaft passiert, wenn gedankenlos und völlig passiv agiert wird. Es ist keine klischeehafte platte Anklage an das böse System Kapitalismus, sondern vielmehr eine Aufforderung daran, aus diesem Wirtschaftssystem, das wie die Demokratie die Verantwortung bei den einzelnen Menschen belässt, das Beste zu machen.

Das auf private Initiative zurückgehende IHME-Festival setzt viel daran, sich an ein breites Publikum zu wenden. Das wird in erster Linie durch die Platzierung der Werke im öffentlichen Raum getan und auch dadurch Kunst in Auftrag zu geben, mit der leicht etwas anzufangen ist – insofern vergleichbar mit dem Fourth Plinth in London. Dort werden Künstler gebeten, den leer gebliebenen vierten Sockel auf dem Trafalgar Square zu bespielen. Der Erfolg ist umwerfend, denn das Interesse der Allgemeinheit riesig. Bleibt zu hoffen, dass es Finnland gelingt mit IHME  ähnliche Effekte zu erzielen. Das Potenzial jedenfalls ist da. Wie unten bereits erwähnt schrieb ich für The Art Newspaper einen Vorbericht zu der diesjährigen Aktion, für art habe ich mir einen Teil des Films angeschaut und eine Podiumsdiskussion mit u.a. Jennifer Allen und Daniel Birnbaum angehört. Der Bericht zu Kunstaktion und Diskussion ist hier online zu lesen.


HELSINKI. Seit Mittwochabend bin ich in Finnland unterwegs. Doch bevor ich konkretes über das Kunstfestival IHME, die Kulturhauptstadt Turku und natürlich den Wahlkampf berichte, erst einmal ein Blick ins Nachbarland Schweden. Denn auch dort ist Atomkraft eine wichtige Stromquelle. Für Die Welt habe ich den Stand der Dinge kurz zusammengefasst. Online gibt es das hier zu lesen (etwas scrollen um zu Schweden zu kommen, denn es geht um etliche Länder).

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