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KOPENHAGEN. Tu felix Islandia – das kleine Land am nordwestlichen Rande Europas ist wirklich mit Kreativität gesegnet. Nun soll diese die Hauptstadt regieren. Bei den gestrigen Kommunalwahlen siegte in Reykjavík die Partei “Besti flokkurinn” des Stand-Up-Comedian Jón Gnarr. Knapp 35 Prozent der Stimmen und damit mehr als jede andere Partei erhielt die “Beste Partei”.

Als Parodie auf das Establishment gegründet, muss “Besti flokkurinn” nun beweisen, wirklich besser zu sein. Spitzenkandidat Gnarr hatte verkündet, vor allem an einem sicheren Job und einem angemessenen Büro interessiert zu sein. Er wollte aussprechen, was nach Meinung vieler das Gros der Politiker, die das Land abgewirtschaftet haben, nur denken.

Im Wahlvideo (das hier auf YouTube mit englischen Untertiteln zu sehen ist) waren die Forderungen der Partei zu hören, darunter “kostenlose Handtücher in allen Pools” (und davon gibt es auf Island viele). Doch, so sagte mir Einar Örn, ehemaliger Sanger der Sugarcubes und nun ebenfalls Stadtratmitglied, vor ein paar Wochen: “Wir haben versprochen, alle unsere Versprechen zu brechen. Inklusive diesem”. Paradox wollen sie also auch noch sein. Aber immerhin bringt der Wahlsieg nun einen großen Teil an politisch völlig unerfahrenen Leuten und zumindest in diesem Fall gewöhnlichen Bürgern an die Macht. Vielleicht ist es gerade das, was Reykjavík und Island jetzt braucht.


KOPENHAGEN. Gestern bin ich von Oslo wieder nach Kopenhagen gereist, gerade noch rechtzeitig, um dem goßen Ansturm für den Eurovision zu entgehen. 1500 Journalisten aus 70 Ländern wollen angeblich in der norwegischen Hauptstadt das Finale des europäischen Sängerwettbewerbs verfolgen.  Meine Woche in Oslo verbrachte ich hauptsächlich mit Recherchen in Sachen Kunst und Architektur, aber weil alle davon sprechen, hier ein kleiner Vorgeschmack auf das Preisniveau in der norwegischen Hauptstadt. Kunst und Architektur und alles andere folgen dann:

1 Straßenbahnticket, 1 Stunde gültig:                         40 NOK (ca. 5 Euro)

1 Bier, 0,33 l in der Kneipe                                              68 NOK (ca. 8,50 Euro)

schöne Aussicht und schwimmen im Fjord:            unbezahlbar.

Die Schweizer Bank UBS listet Oslo im aktuellen Ranking als teuerste Stadt der Welt auf.


Ästhetik beerdigt? Riesensarg vor der Oper von Oslo. (Foto: Bomsdorf)

Ästhetik beerdigt? Riesensarg vor der Oper von Oslo. (Foto: Bomsdorf)

OSLO. Oslo nähert man sich am besten vom Wasser her, mit der Fähre aus Kiel oder Dänemark in die norwegische Hauptstadt einfahrend. Schon eine halbe Stunde bevor das Boot am Terminal festmacht, ist die bescheidene Skyline vom Deck aus zu sehen. Im Hafengebiet sticht ein Gebäude hervor: Schneeweiß wie ein steinerner Eisberg liegt die Oper am Ufer. Das im Frühjahr 2008 eröffnete Gebäude hat für die ausgefallene Architektur des Büros Snøhetta viel Lob bekommen. Zu recht. Davor schwimmt seit einigen Tagen Monica Bonvicinis Skulptur “She lies”, die an Caspar David Friedrichs Gemälde “Das Eismeer” erinnert.

So weit, so gut. Doch die Verschandelung steckt im Detail.
Als ich im Winter in Oslo war hatte man dünne Metallstangen in die Oberfläche der Oper gebohrt, um diese mit Ketten zu verbinden und so zu verhindern, dass die Besucher bei Winterwetter sich zu nah an Stellen wagen, die Schnee oder Eis hätte gefährlich machen können. Das mag notwendig sein, um Knöchelbrüche zu verhindern, aber ästhetisch war die Lösung fatal. Obwohl die Metallabsperrungen relativ dünn waren, verschandelten diese die Oper doch.

Gleiches beobachtete ich als ich im April wieder bei der Oper war. Diesmal stand vor dem Eingang eine Eisbude. Der freie Blick auf das imposante Gebäude wurde durch diesen Kasten versperrt. Da gönnt sich der norwegische Staat für mehrere hundert Millionen eine phantastische neue Oper und dann wird es verschandelt, um durch Eisverkauf ein paar tausend Kronen einzunehmen. Ich bin gespannt, was ich diesmal vor der Oper zu sehen bekomme, wenn ich mich gleich in die Stadt aufmache.

Aus diesem Anlass noch ein kurzer Hinweis auf meinen Text über den deutschen Siegerbeitrag für den Neubau des Nationalmuseums in Oslo (und den Streit ums neue Munch Museum), erschienen im Rheinischen Merkur und bei art. Und hier der Text zur Eröffnung der Oper, ebenfalls erschienen bei art.


Byrne Dilemma klassisch. (Foto: Bomsdorf)

Byrne Dilemma klassisch. (Foto: Bomsdorf)

REYKJAVÍK. Das Stadtbild ist während des diesjährigen Reykjavík Arts Festivals eine der großen Ausstellungsorte. Anderthalb Jahre nach dem Bankenkollaps thematisieren die Künstler natürlich die Krise. So beschäftigen sich mehrere Fotografen (Hlynur Hallsson oder Ingvar Högni Ragnarsson) der zum Teil im Freien stattfindenden Ausstellungsserie „Reality Check“ mit den sichtbaren und weniger sichtbaren Zeichen der Krise: Demonstranten, arbeitslose polnische Arbeiter und von Investoren im Stich gelassene Bauprojekte sind an Hausfassaden und Bauzäunen in der Innenstadt von Reykjavik zu sehen – gleichzeitig sind im Gericht nebenan Demonstranten angeklagt und die ersten Bankmanager sind verhaftet worden und werden – so hoffen viele Isländer – auch bald auf der Anklagebank sitzen.

David Byrne, Frontmann der Talking Heads und seit einiger Zeit bildender Künstler, nimmt ebenfalls am Reykjavík Arts Festival teil. Er bespielt Plakatständer im Stadtzentrum. Byrne stellt der Öffentlichkeit Fragen, das klingt schon beinahe etwas klischeehaft, denn Fragen stellen, da ist man sich schnell einig, das soll die Kunst. Doch, wenn Byrne mitten in der Krise zwischen Fragen zu den kleinen Dilemmata des Alltags die Isländer und natürlich uns Besucher auch fragt, was wir tun würden, wenn wir unsere Freunde gegen eine Menge Geld eintauschen könnten, dann wirkt seine Arbeit. Früher wäre diese Frage wohl nicht hervorgestochen, doch im derzeitigen Kontext ist sie etwas anderes.

Byrne Dilemma zeitgenössisch. (Foto: Bomsdorf)

Byrne Dilemma zeitgenössisch. (Foto: Bomsdorf)


Ausbrechender Eyjafjallajökull. (Foto: Bomsdorf)

Ausbrechender Eyjafjallajökull. (Foto: Bomsdorf)

REYKJAVÍK. Wirtschaftskrise zum Trotz handelten die meisten Artikel, die in diesem Jahr über Island veröffentlicht worden sind, vermutlich vom Ausbruch des Eyjafjallajökull. Die Auswirkungen der isländischen Eruption für Europa waren neu, die Krise hingegen brach im Herbst 2008 aus und ist auch nicht einmalig. Trotzdem hat sich meine Berichterstattung über den Vulkanausbruch bisher in Grenzen gehalten, es war auf Island einfach zu viel anderes zu tun.

Deshalb hatte ich es bisher auch nicht geschafft, mir den Vulkan von Nahem anzuschauen. Beim jetzigen Islandbesuch, dem dritten in diesem Jahr, war es dann endlich möglich, die Zeit dafür zu finden. Weil ich tagsüber auf dem Reykjavík Arts Festival von Ausstellung zu Ausstellung ging und Gesprächpartner traf, blieb nur die Nacht. Also stiegen wir Donnerstagnacht um kurz nach eins in den Wagen und los ging es durch die Nacht gen Eyjafjallajökull.

Auf der Ringstraße 1 – der isländischen Hauptstraße – begegnete uns so gut wie kein Auto, nur ein Krankenwagen mit Blaulicht überholte ganz plötzlich einmal und verschwand im Nichts wie in Lars von Triers Film “Riget“, unklar, wo denn hier ein Notfall sein könnte. Während der gut zweistündigen Fahrt brach allmählich die Dämmerung an, doch als wir dann vor dem Berg standen war es noch dunkel genug, um diesen Funken sprühen zu sehen.

Eine kräftige dunkle Wolke erhob sich aus dem Eyjafjallajökull, schien in der Luft zu stehen. Weiter südlich war der Himmel dunkelgrau, die Asche hatte sich verteilt und wie ein Schleier in die Luft gehangen. Beeindruckend und wunderschön. Nick Caves Musikvideo von “As I sat sadly by her side.” mit dem ästhetisierten Atompilz kommt in den Sinn. Warum haben Katastrophen bloß keine Moral?

Während des Rückwegs, der um vier in der Früh startete, wurde es taghell und meine Reisegefährtin sagte beiläufig “Die Wolken sehen anders aus als sonst um diese Zeit.” Der Vulkan trage dazu bei. Die gleichen Worte hatte ich am Abend zuvor bereits von der Künstlerin Rúrí gehört als ich mit ihr vor der Galerie i8 stand. “Alle reden vom Wetter. Wir nicht.” gilt hier nicht. Das Wetter ist mehr als Smalltalkthema und nachdem die beiden mir ihre Beobachtung mitgeteilt hatten, wurde mir klar, dass ich nicht beschreiben könnte, wie die Wolken normalerweise im Mai auszusehen haben, ja, so sehr ich die Natur schätze, nicht einmal häufig so bewusst in den Himmel schaue. Selbst in einer recht beschaulichen Großstadt wie Kopenhagen wird der Blick in die Wolken meist durch Bauten eingeschränkt. Ohne jetzt ein großes und unklar definiertes Zurück zur Natur anstimmen zu wollen, der Vulkanausbruch regt zum Nachdenken an. Wie die Krise. Danke, Island.


Schlange vor dem Gerichtssaal in Reykjavík. (Foto: Bomsdorf)

Schlange vor dem Gerichtssaal in Reykjavík. (Foto: Bomsdorf)

REYKJAVÌK. Endlich geht es los, sagen sich die Isländer. Anderthalb Jahre nach Ausbruch der Krise ist die Aufarbeitung in vollem Gange, im April wurde der Untersuchungsbericht präsentiert, vor gut einer Woche gab es die ersten Verhaftungen bekannter Banker und Sigurdur Einarsson, Ex-Aufsichtsratschef von Kaupthing, wird von Interpol gesucht.

Ein aufesehenserregender Gerichtsprozess ist auch schon im Gange. Neun Leute sitzen auf der Anklagebank. Doch es sind nicht etwa ehemalige so genannte Finanzwikinger, sondern gewöhnliche Bürger, die ihr Demonstrationsrecht genutzt haben. Ende 2008 demonstrierten tausende von Isländern gegen die Regierung und den Schlamassel, in denen sie gemeinsa mit den Banken, das Land gebracht hatte. Die Demonstrationen fanden vor dem Parlament statt, einige Demonstranten gingen auch in das Gebäude. Genau das wird ihnen nun vorgeworfen, denn wer das Parlament angreift, der soll mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe bestraft werden, heißt es im isländischen Gesetz. Während die Demonstranten sagen, sie hätten nur von ihrem Recht Gebrauch gemacht, den Gang des Parlaments als Zuschauer zu verfolgen, wird ihnen von der Anklage vorgeworfen, das Parlament angegriffen zu haben. Ein Schauprozess sei das, sagte mir eine Isländerin, die den Prozess verfolgen wollte.

Der Andrang am dritten Prozesstag war riesig, denn erneut wollten die Isländer von ihrem Recht gebrauch machen, diesmal dem, Prozesse zu verfolgen. Doch der Platz im Gerichtssaal reichte bei weitem nicht aus, schätzungsweise 200 Leute mussten draußen bleiben. Viele von ihnen waren auch gekommen, um durch ihre Anwesenheit zu demonstrieren, dass sie von diesem Prozess nichts halten. “Lächerlich”, sei das Ganze, so ein Isländer zu mir.


REYKJAVÌK. Von den ersten Festnahmen hochrangiger Ex-Bankmanager war aus Island in der vergangenen Woche zu hören. Die Jagd geht weiter, nachdem der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Kaupthing Hreidar Mar Sigurdsson verhaftet worden war, wird nun dessen Ex-Chefaufseher gesucht. Sogar auf der Seite von Interpol ist der Steckbrief des ehemaligen Kaupthing Aufsichstratschefs Sigurdur Einarsson zu lesen. Wie Einarsson noch zu Krisenzeiten seine Bank lobte, ist hier auf den Seiten von Kaupthingedge auf Deutsch zu lesen.


KOPENHAGEN. Während der Flugverkehr nach Island sich angeblich wieder normalisiert (nur mein Flieger ist erneut verspätet) berichten Freunde aus Reykjavík von Asche im Haar – bisher war die isländische Hauptstadt vom Ausbruch des Eyjafjallajökull unberührt, damit war es zumindest gestern abend vorbei.


KOPENHAGEN. Vulkanasche auf den Hausdächern, Vulkanasche auf den Weiden, von denen die Tiere grasen – der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull hat den Bewohnern in der Nähe des Bergs erhebliche Probleme bereitet. Doch sie sollen mit der Asche Asche machen. Die Website www.nammi.is bietet nämlich Vulkansche zum Verkauf an – das 160 Grammglas für 4894 Isländische Kronen inklusive Mwst. Das sind umgerechnet knapp 30 Euro. Der Erlös, so heißt es auf der Website, soll dem Verband der Rettungsmannschaften „Landsbjörg“ zu Gute kommen, die versuchen die Bewohner am Eyjafjalla von Asche zu befreien. Vermutlich wird der Bruttoerlös gemeint sein, denn die Mwst. von umgerechnet 6 Euro muss ja an den isländischen Staat abgeführt werden. Damit ergibt sich, dass auch ganz Island von dem Vulkanaubruch finanziell profitieren kann und Asche zu Asche machen kann.

Der isländische Staat hatte Ende 2009 Schulden in Höhe von 1176 Mrd. Isländische Kronen, teilte das Finanzministerium im März mit. Nach aktuellem Wechselkurs sind das in etwa 7,12 Mrd. Euro. Wenn über http://www.nammi.is eine Mrd. und 187 Mio. Asche Gläser verkauft werden und darauf Mwst. gezahlt wird, hat das Finanzministerium genug Mehrwertsteuer eingenommen, um die Staatsschuld zu tilgen. Dafür  müßten 190 Mrd. Gramm, also 190 Mio. Kilo oder 190 000 Tonnen Asche in 160 Grammgläser verpackt verkauft werden. Klingt nicht so viel, aber unabhängig davon, ob der Vulkan Eyjafjallajökull so viel ausgespuckt hat, heißt das, dass rund jeder sechste der 6,8 Mrd. Bewohner der Erde ein Glas kaufen müsste. Und in einigen Ländern dürften die Menschen für 30 Euro, so sie diese denn haben, bessere Verwendung haben. Und das Icesave-Problem wäre damit auch noch nicht gelöst.


KOPENHAGEN. „Vom Gesellschaftskritiker und Pferdeschlachter zum Akademieprofessor und ordengeschmückten Hofkünstler. Grobe Vereinfachungen sind verführerisch, wenn man auf Bjørn Nørgaards künstlerisches Schaffen binnen bald 50 Jahren schaut.“ – Es war ein Kunstgriff, die Pressemitteilug zur Bjørn Nørgaard-Retrospektive im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen mit diesem Satz beginnen zu lassen. Wurde damit doch jeder Journalist, der sich auf diese Art der Bewertung von Nørgaards Arbeit einlässt, beschuldigt ein grober Vereinfacher zu sein. Die dänische Nationalgalerie erhoffte so wohl, dass das neuere Werk Nørgaards mehr gewürdigt würde. Aber wer die Arbeiten des dänischen Künstlers kennt (oder in der Ausstellung kennen lernt), kann kaum zu einem anderen Schluss kommen als das er sich vom provozierenden Avantgarde-Künstler und Beuys-Kollegen zum staatsnahen Kunsthandwerker  entwickelt hat.

Der Mann, der früher den Film demokratisieren wollte und mit seiner Frau vor laufender Kamera so genannten kneppemaskiner (im damaligen 60er/70er Jahre Deutsch wohl Bumsmaschinen) benutzte, kann den neuen Medien dem Vernehmen nach nichts abgewinnen. Während also die Nachbarn von nebenan – wenngleich nicht als Kunstform – auf Websites wie YouPorn Nørgaards Postulat folgen, schafft er selber lieber Skulpturen mit Deko-Qualität (etwa Mickey´s Opera).

Meine Kritik der Ausstellung kann hier auf den online-Seiten des Kunstmagazins art gelesen werden, wer des Dänischen mächtig ist, sollte sich Michael Jeppesens Kritik in der Zeitung Information nicht entgehen lassen.  Die Ausstellung (noch bis 24. Oktober, ein Werkverzeichnis auf der Website des Künstlers) ist dennoch sehenswert, es empfiehlt sich etwas weniger Zeit mit den neueren Werken zu verbringen, dafür aber ein zweites Mal zu kommen, um wirklich genügend Zeit für Nørgaards frühe Filme zu haben (z.B. das bekannte Pferdeopfer (Hesteofringen) – als Protest gegen die Gleichgültigkeit gegenüber dem Vietnamkrieg schlachtete Nørgaard in dänischer Winterlandschaft ein Pferd.

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