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KOPENHAGEN. “Merken Sie was?”, fragte erst neulich Claus Kleber im ZDF Heute Journal und lieferte seinen eigenen Eindruck gleich mit. “Ist irgendwie ruhiger.” Was Kleber da so en passant sagte, ist in Wahrheit eine Beobachtung, die zu einigen Überlegungen anregt. Denn er meinte damit ja nicht (nur) den Fluglärm, der normalerweise Anwohner von Flughäfen um ihren Schlaf bringt, dies aber derzeit nicht tut, weil die Asche des isländischen Eyjafjalla-Vulkans nun schon seit fünf Tagen den europäischen Luftverkehr blockiert. Kleber sprach auch von einer allgemeinen Beruhigung des Alltags, des hektischen Nachrichtenflusses. Irgendwie scheint weniger zu passieren, seitdem die stählernen Kollosse nicht mehr am Himmel kreuzen.

Eben keine Angela Merkel, die am gestrigen Sonntag in Hannover an den deutsch-italienischen Regierungskonsultationen teilnimmt. Kein Treffen mit Ministerpräsident Berlusconi und im Anschluss auch keine Eröffnung der Hannover Messe, die eigentlich im Terminkalender der Bundekanzlerin stand. Statt dessen eine gestrandete Politikerin, die aus den USA zunächst nach Lissabon musste, weil kein europäischer Flughafen nördlich von Alpen und Pyrenäen geöffnet hatte. Dann weiter nach Rom und von dort dann mit dem Bus durch die norditalienische Poebene tingelte. Irgendwie Richtung Berlin.

Ein Ärgernis? Eine Katastrophe gar? Oder einfach nur ein paar freie Tage? Eine unverhoffte Auszeit vom politischen Alltag? Man mag in diesen Tagen wütend sein auf Islands Eyjafjalla-Vulkan, weil er Pläne durchkreuzt, Ereignisse verhindert und viel Geld kostet. Man kann aber auch gut finden, dass die Asche sich wie ein Schleier auf den hektischen Alltag legt, ihm das Grelle und Schrille nimmt. Welche Einstellung man auch hat, Tatsache ist: Der Eyjafjalla-Vulkan auf Island wirkt als großer Entschleuniger einer Welt, deren Rhythmus längst aus dem Takt geraten ist. Hat der Vulkanausbruch also nicht auch sein Gutes?

Der in London lebende Philosoph und Schriftsteller Alain de Botton hat sich in einem Artikel für die BBC ein paar Gedanken zu einer Welt ohne Flugzeuge gemacht. Er kommt zu dem Schluss, dass man dem isländischen Vulkan doch eigentlich dankbar sein sollte, weil er uns allen eine Atempause verschafft und uns Zeit gibt zum Innehalten und Nachdenken.

Vielleicht gibt uns der Vulkan auch nur einen Vorgeschmack auf die Zeit, wenn sich die Menscheit die zivile Luftfahrt wegen zu hoher Rohstoffpreise schlicht nicht mehr leisten kann. Zumindest interkontinental wäre dann das Schiff wieder Verkehrsmittel Nummer 1. Reisezeiten wären wieder länger, die Seele hätte Zeit, Ortswechsel mitzuvollziehen. Heutzutage hat sie auf der Strecke Kopenhagen-New York dafür ja nur sechs Stunden. Reisen wären dann wieder echte Reisen, weil sie gemächlich von statten gehen würden.

Auf der Seite informationisbeautiful.net hat man auf Datenbasis des Vulkanologischen Instituts der Universität von Island den täglichen CO²-Ausstoß der europäischen Luftfahrtindustrie (344.109 Tonnen) den des Vulkans Eyjafjalla (etwa 15.000 Tonnen) gegenüber gestellt. Natürlich eine sehr vereinfachte Darstellung, da in dieser Rechnung Stoffe wie Schwefel und Methan außer Acht gelassen werden. Sie gibt aber eine Idee von dem vergleichsweise niedrigen Ausstoßes des Treibhausgases Kohlendioxid. Zumal durch die drastische Reduzierung des Flugverkehrs täglich auch noch 206.465 Tonnen eingespart werden sollen. Doch dieser Umweltaspekt nur nebenbei.

Island entschleunigt derzeit die Welt, selbst die Finanzkrise und den erst Anfang vergangener Woche herausgebrachten 2000 Seiten starken Untersuchungsbericht scheint die Aschewolke komplett verschluckt zu haben.

Trotzdem hoffe ich, dass der Eyjafjalla-Vulkan bald zur Ruhe kommt. Denn ich habe für kommenden Samstag einen Flug von Kopenhagen nach Alicante gebucht, und den würde ich wirklich gerne antreten. Entschleunigung hin oder her.


B.T.-Reklame mit Spartitel. (Foto: Bomsdorf)

KOPENHAGEN. Wie hoch liegt wohl das Nettoeinkommen des durchschnittlichen deutschen Zeitungslesers? Und wie hoch das der Leser der Boulevardmedien? Vermutlich verdienen die Leser der FAZ und FTD mehr als die der BILD (ob es daran liegt, dass sie sich die teurere Zeitung leisten, sei dahingestellt). Wie dem auch sei, wenn also diese Leser pro Monat eine spürbare Summe sparen könnten, wie hoch wäre diese wohl – 100 Euro, 300, 500?

In Dänemark lockt heute das Boulevardblatt B.T. mit der Überschrift “Spare leicht 6000 Kr. pro Monat” – 6000 Kronen, das sind rund 800 Euro. Für einen deutschen Haushalt eine Menge Geld und ich liege wohl nicht so falsch, wenn viele (BILD-)Zeitungsleser sich nicht ernst genommen fühlen würden, mit einer solchen Überschrift. Muss der ein oder andere doch von wenig mehr als dieser Summe leben. Insofern sagt der B.T.-Titel von heute viel aus über die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten in Dänemark und Deutschland. Wirtschaftlich geht es den weniger gut Ausgebildeten (und die lesen in Deutschland wie in Dänemark nun einmal mehr den Boulevard) in Dänemark besser als denen in Deutschland.

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